4000er

Posted by on September 10, 2012

Es ist lange her, dass ich geschrieben habe. So lange, dass ich allen Mut zusammen nehmen muss um mich an diesen Rechner zu setzen und zu versuchen die Dinge, die ich schon vor ueber einer Woche erlebt habe zu rekapitulieren. Es war eine anstrengende Woche. Vielleicht die anstrengendste auf der ganzen Tour. Jetzt im Moment wuensche ich mir nichts mehr als wieder auf oder zumindest bei meinem Fahrrad zu sein, in unserem kleinen Zelt zu sitzen und von mir aus zu frieren oder auf einer harten Isomatte zu liegen und schlecht zu schlafen. Was wir hier in Xining, gute 800 km abseits unserer Route machen ist unumgaenlich, leider, denn es tut der Tour einen harten, wenn auch nicht dauerhaften Abbruch. Aber mal von vorne:

Als wir nach unserem Schiebe-Abenteuer am Flussbett des Quellflusses des Jangtse endlich nach Qumahexiang gelangen, waren all unsere in Golmud so ueppig gekauften Reserven verbraucht. “Das Dorf sieht so neu aus”, sagt Hansen als wir langsam mit unseren Raedern durch die geschaeftige und tibetanisch-bunte Hauptstrasse den Berg hoch fahren. Hansen hat recht, die Gebaeude sehen aus wie neu, nur vereinzelt stehen noch kleiune Geschafte die deutlich aelter sind. Auf einmal faellt es mir wie Schupopen von den Augen.”Das Erdbeben”, erinnere ich mich, “2010 war doch hier in der Gegend ein schweres Erdbeben, deswegen wird hier soviel gebaut. Nur wenige Minuten spaeter bestatigt sich unsere Vermnutung, als wir eine Voluntaere Lehrerin treffen, die aus Chengdu kommt um hier in der Not auszuhelfen. Auch uns hilft sie beim Einkauf und zeigt uns wo man die guten Fruechte bekommt.Waehrend Hansen mit ihr den Obst- und Gemueseladen, der in einer Atowerkstatt untergebracht ist erkundet, mache ich vor der Tuer bekanntschaft mit dem oertlichen “Obermoench”. Er ist etwaas zurueckhaaltender als die uebrigen Tibetaner, die neuguierig an den Raedern herumspielen und sich ueber unsere Ausruestung amuesieren, wie z. B. das Radio, welches wir vorne an der Lenkertasche montiert haben. Der Moench reicht mir die Hand und sagt mit einer leichten Verbeugubng etwas, das vermutlich ein Willkommen oder aehnliches auf tibetanisch war. Irgendwie war ich beindruckt von der Geste. Man hoert so viel ueber die gewaltlose und hartnaeckige Gegenwehr der Moenche, und auch wenn dieser nicht den Eindruck machte sich im “Kampf” zu befinden, hatte ich doch irgendwie Respekt vor ihm und seinen Bruedern. Als wir wieder aus der Stadt herausfahren, werden wir von einer Traube schreiender Kindern begleitet. Hier und da ertoent ein mutiges “Good Bye”, was hier meistens sowohl zum Willkommen, als auch als Abschied verwendet wird. Das war am Anfang manchmal sehr irritierend, wenn man mit einem “Good Bye” begruesst wird und somit das Gefuehl hat “rausgeschmissen” zu werden.

Die Bruecke die uns ueber den Fluss weiter nach Yushu fuehrt ist voll behangen mit Gebetsflaggen. “Kann denen nicht mal jemand sagen, dass sie Ihre Waesche woanders aufhaengen sollen?”, fragt Hansen in gespieltem Missmut, “das sieht doch nicht aus, wenn das hier jeder macht dann ist bald alles voll damit, also wirklich.”

In der falschen Erwartung, dass der Fluss uns nun in einer gediegen abfallenden Strasse bis nach Yushu fuehren wuerde, fahren wir auf einer Schotterpiste durch das Tal. Immer wieder kommen uns Moenche in wehenden Gewaendern auf kleinen Mopeds entgegen, besonders zu beachten sind die unglaublich modischen Brillen die sie dabei aufhaben, von Elton Johns Rahmen ueber Johnb Lennon bis hin zu Ray Charles. Alle gruessen sie ueberschwanglich, verlieren dabei kurzzeitig die Kontrolle ueber ihre Fahrzeuge und schlingern dann langsam winkend an uns vorbei. Nach und nach tauchen wir tiefer in das nicht autonome Tibet ein. Leider muessen wir feststellen, dass die gewahlte Strasse nicht entlang des Flusses, sondern diagonal zu den Bergkaemmen des Himalaya bis nach Yushu fuehrt .Hinzu kommt, dass wir beide seit einigen Tagen einen tief sitzenden Husten haben, ob von der Hoehe oder dem fast permanent auf der Strasse vorhandenen Staub wissen wir nicht. Wir fahren also im langsamen Tempo, durch die Nase atmend um unsere Bronchen und Lungen zu schonen den unvorhergesehenen Pass hoch. LKW rasen in todesmutiger Geschwindigkeit an uns vorbei und stauben uns noch mehr ein. Ungluecklicherweise haben wir Rueckenwind, so dass uns der Staub jedesmal ewigkeiten begleitet. Und als wir endlich auf dem Pass ankommen, muessen wir leider feststellen, dass auch hier die Strasse nicht wie erhofft entlang der Hoehenlinien, sondern uber weitere Kaemme fuehrt. “Wenn die Strasse so verlauft wie ich es hier erkenne”, sage ich zu Hansen,”dann liegt vor uns bis Yushu eine Strasse mit mindestens 8 Paessen die uber 4500, 3 davon sogar ueber 4.800 m sind.Wir schaffen das so niemals rechtzeitig bis nach Garze um unser Visum zu verlaengern.” Trotz der Umstande beschliessen wir nicht aufzugeben. “Wenn wir jeden tag 70 km bis Yushu machen, und dann 110 km 5 Tage lang bis Garze, dann sind wir 3 Tage vor Visaablauf in Garze, das reicht”, rechnet Hansen vor. Und tatsächlich schaffen wir an dem Tag trotz der zwei ueber 4.800 m hohen Paesse noch 75 km, und fahren bis in die Nacht weiter. Hinter dem kleinen Dorf Yegexiang suchen wir uns im Dunkeln einen Schlafplatz auf einer Jakwiese, und schauen bei Eiseskaelte mit neidischen Blicken auf die nicht weit entfernt stehende Jurte, aus der warmes flackern eines Feuers die kuschelige Waerme verraet. “Wahrscheinlich tischen die da gerade Berge von Fleisch auf und schlagen sich mit Leckereien den Bauch voll”, sagt Hansen wehmuetig. Eine Einladung bleibt leider aus, und als wir gerade unser Gourmet-Essen (Reis mit Dosenfleich aka Katzenfutter, Paprika und Karotten) gekoicht haben kommen zwei jugendliche Tibetaner vorbei und gesellen sich freundlich zu uns. Ohne jede Scheu und mit viel Stolz zeigen sie uns Bilder ihrer Frauen und Familie auf den Telefonen. Mit Handen und Fuessen versuche ich ihm klarzumachen, dass das iPhone, das in seinen Augen modernste Telefon der Welt per Bluetooth keine Daten uebertragen kann, und er mir die Bilder nicht schicken kann, wenn er keine Email-Adresse hat. Als es anfaengt zu regnen verabschieden sich die beiden und knattern mit lauter Musik auf ihrem Motorrad davon.

Mit den Worten “Es hat die ganze Nacht geregnet”, weckt mich Hansen, “und es sieht nicht so aus, als ob es besser wird.” Ich schaue durch den schmalen Schlitz am oberen Ende der Abside und sehe nur grau, wo man gestern noch die Sterne hat funkeln sehen. Bestaendig und unnachgiebig prasselt der Regen auf unser Zelt. Wir beschliessen im Vorzelt zu fruhstuecken und auf eine kleine Regenpause zu warten um zusammenzupacken. “Wenn wir in dieser Hoehe nasse Klamotten und Schlafsaecke bekommen, ist unser Waermekapital aufgebraucht”, sage ich zu Hansen, “Wir muessen schauen dass wir bei dem Dauerregen zumindest das Zelt und die Schlafsachen trocken halten.”

Eine Strunde spaeter ergibt sich tatsaechlich eine kurze Regenpause. Wir kriechen aus dem Zelt uns satteln unsere Drahtesel. Aus Plastikflaschen bauen wir uns Regenschuetze fuer die Fuesse, die ansonsten auf der Strasse im Handumdrehen durchnaesst und eiskalt werden. Als es wieder anfaengt zu regnen beissen wir die Zaehne zusammen und fahren los. Die Strasse ist mit tiefem Matsch ueberzogen, und bremst die Fahrt auf anstrengende 10 km/h. Haeufiger als sonst werden wir von Schaulustigen geradezu abgedraengt und zu Fotos gezwungen. Wir kommen langsam und schleppend vorwaerts. Anstelle von Bruecken hat man hier eine Art Splipways gebaut, die meist breite Fluesse ueber die Strasse kanalisieren. Man muss mit viel Schwung und Gleichgewicht zig Meter durch zentimeter tiefes Wasser fahren.

“Hey Paul, du wolltest Dich doch heute mal wieder waschen, oder”, sagt Hansen auffordernd als sich die Sonne kurz mal zeigt. Meine letzte Katzenwaesche ist mehrere Tage her, und auch wenn ich mich eigentlich noch wohl fuehle, weiss ich, dass das die letzte Gelegenheit fuer Tage sein kann. “Ich mach auch mit”, ruft Hansen solidarisch zu mir rueber, der sich tapfer ein paar Tage vorher in einem eiskalten Bach gewaschen hatte. Schnell schluepfen wir aus den Klamotten und tauchen in den ebenfalls eiskalten Gebirgsbach ein. Mir wird schwindelig als ich den Kopf unter Wasser strecke um meine Haare zu waschen, und ich laufe mich auf den Handen stuetzend an das steinige Ufer. schnell seife ich mich ein und schmeisse mich dann mit aller Ueberwindung ein zweites mal in das flache Becken. Als ich wieder raustaumele ueberkommt mich diese wohlige, saubere Waerme, wie wenn man nach einem Saunagang das Eisbecken besucht hat. Frisch und voller Motivtion machen wir uns an den heutigen 4.600 m hohen Pass, fahren an einem gespenstigen verlassenen Dorf vorbei und erreichen gegen 17:00 Uhr den Sattel. Wir packen uns warm in allem ein was wir haben und machen uns an die leider kuerzere Abfahrt als gedacht. Schon nach wenigen Kilometern bahnt sich der naechste Pass an, der nicht auf der Karte absehbar war. Enttaeuscht schleppen wir uns den Pass hoch und muessen auch nach dessen Ueberquerung erneut feststellen, dass die Strassenbauer wohl nach Kilometern bezahlt werden und die Strasse nicht wie vermutet durch das angrenzende Flussbett auf dem kuezesten und flachsten Weg nach yushu, sondern quer ueber die Berge weitergeht und sich in Serpentinen auf den naechsten, diesmal 4.800 m hohen Pass zubewegt. Es wird schon langsam Dunkel als wir vor der Serpentinensteigung unser Wasser auffuellen wollen. Als ich durstig drei tiefe Schluecke von dem eiskalten Gebirgswasser nehme muss ich feststellen, dass es nach Oel schmeckt. Als ich es wieder ausspucke sehe ich auf dem Boden wie sich ein schimmernder Oelfilm auf der Pfutze bildet. Ich spucke so viel es geht wieder aus, und wir fahren ohne Wasser mit brennenden Kehlen und klebender Zunge weiter den Pass hoch, und finden tatsachlich die Ursache fuer den Oelgeschmack. etwas weiter aufwaerts haben Strassenbauarbeiter eine kleine LKW Werkstatt aufgebaut und machen ihren Oelwechsel direkt am Bach. Fluchend ueber die naive und ruecksichtslose Art fahren wir an der Werkstatt vorbei. Leider biegt auch der Bach hinter der Werkstatt in ein anderes Tal ab, so dass wir keinen Zugang mehr zu Wasser haben und beschliessen muessen, auch den 3. Pass ueber 4.600 m an diesem Tag zu ueberfahren und auf der anderen Seite nach Wasser zu suchen. Als es gerade dunkel wird erreichen wir mit brennenden Oberschenkeln den Sattel. “Ich kann nichtmer”, keucht Hansen und steht ueber dem Lenker haengend hinter mir. “wir muessen noch abfahren und Wasser suchen” antworte ich waehrend ich mir die Jeans ueberziehe. Und so fahren wir keuchend und frierend bei -5 Grad in der Nacht, mit unseren spaerlich leuchtenden Stirnlampen ins Tal. Nach 15 km finden wir endlich einen Bach. Wir fuellen unsere Reserven auf und fahren witer durch das dunkel. Aber das Tal ist von dem Fluss uberflutet und es ist schwer einen trockenen Schlafplatz zu finden. Zur Kroenung bekomme ich auch noch einen Platten. Wir beschliessen die Luftlosigkeit mit Pumpintervallen zu ueberbruecken bis wir einen Schlafplatz haben und den Platten am naechsten Tag zu stopfen. “Es ist schon 1 Uhr” sagt Hansen besorgt, “wir muessen von der Strasse abfahren und versuchen woanders einen Schlafplatz zu finden”. So machen wir immer wieder Stichprobengaenge ins Dunkel und suchen nach einem flachen, ebenen und trockenen Platz. Als uns nach einer kleinen Siedlung mindestens zehn Hunde laut klaeffend ueber mehrere Kilometer verfolgen platzt mir der Kragen. Ich halte an, bruelle die verdutzt stoppenden Hunde an und schwinge wie ein Oezi mit meinem keulenaehnlichen Fahrradstaender. Hansen steht hinter mir und lacht sich kaputt ueber die Aktion. “Die Hunde haben gerade gedacht sie wuerden von einem Yeti gefressen”, kichert er und auch ich kann mir ein Lachen jetzt nichtmehr verkneifen. Wie es der Zufall so will, erstreckt sich an genau der Stelle eine sanfte Wiese auf der wir endlich unser Zelt aufschlagen koennen. Schnell kochen wir auf unserem selbstgebauten Ofen ein durftiges Abendessen und gehen um 3:00, nach 3 Paessen und knapp 80 km erschoepft schlafen.

Als wir am 31.8 recht ausgeschlafen aufstehen stellen wir fest, dass wir im Vorgarten eines gluecklicher Weise verlassen scheinenden Hauses unser Zelt aufgeschlagen haben. Wir fruhstuecken ausgiebig, ich ziehe den Ersatzreifen den wir seit Berlin mitschleppen auf mein Hinterrad, weil mein Profil dermassen zerschnitten ist, dass ich direkt den naechsten Platten befuerchte, und wir kommen gegen 13:00 los. Wegen des Zeitdrucks ist die Stimmung angespannt. Heute noch 70 km zu schaffen, ist angesichts der Tatsache, dass erneut 4.600 m hohe Passe auf uns warten unwahrscheinlich, womit unser gewagtewr Plan rechtzeitig bis Garze zu kommen in grosser Gefahr ist. Entmutigt schleppen wir uns dennoch kaempfend durch einen Schneesturm den Pass hoch. Die Regenkleidung hält dicht, aber die ungeschuetzten Haende werden nass und ich friere zitternd als wir oben ankommen. Die Abfahrt wird entsprechend schlimmer, und als wir endlich eine windgeschuetzte Stelle finden um nach knapp 10000 km unsere abgefahrenen Bremsen zu wechseln kann ich mich nichtmehr beherrschen. Ich explodiere foermlich und kotze mich mit Felsbrocken um mich schmeissend ueber unsere idiotische Hetzerei aus. Ich habe mich noch nie so dermassen aggressiv und unkontrolliert erlebt. Hansen ist ebenfalls baff und sucht Deckung an dem Brueckenpfeiler. Aber so extrem mein Wutausbruch war, so wichtig waren seine Folgen. Wir beschliessen, dass wir uns mehr Zeit nehmen muessen, und versuchen werden den Rueckflug zu verschieben. Die psychische Anspannung und physische Entkraeftung kostet uns sonst die gesamte Tour. Wir ueberlegen uns entspannt, was wir alles erledigen muessen um zu verlaengern und finden heraus, dass es kein Hexenwerk ist. “Nur die Verschiebung des Fluges könnte teuer werden”, sage ich zu Hansen, der im Russenhock neben mir sitzt und die ToDo liste tippt.

Entspannt und abreagiert fahren wir weiter nach Qumarleb, wo wir uns fuer die naechsten Tage eindecken. Das Einkaufserlebnis in dem kleinen Dorfladen ist dermassen ueberraschend, dass ich es hier beschreiben muss. Entgegen der auf Erfahrung basierten Erwartung, dass die Besitzer keinen Sinn fuer Geschaeft haben und zu allen, auch auf Chinesisch gestellten Fragen nur ein muedes Griunsen und Kopfschuetteln parat haben, ist die Verkauferin in diesem Laden hilfsbereit, und denkt richtig mit. Sie macht von sich aus Vorschlaege was wir noch brauchen koennten, sucht fuer fehlende Artikel passende Alternativen, und verstaut am Ende sogar fachmaennisch den Einkauf ohne unsere Hilfe am Fahrrad. “Ich habe mich gerade richtig wie ein Mensch gefühlt”, sagt Hansen. “Die Frau hat verstanden, dass wir keine Aliens, sondern Menschen sind die wenn sie Töne von sich geben tatsächlich versuchen zu kommunizieren”.

Ganz anders lief unser “Einkauf” bei China mobile. Mit Händen und Füssen haben wir eine ganze Stunde versucht den beiden zugegebener Massen sehr attraktiven aber komplett inkompetenten China Mobile Mitarbeitern klar zu machen, dass wir unsere Karten aufladen wollen. Als wir am Ende alle Register gezogen haben, sie uns mental weichgekocht hatten und wir bereit waren einen neuen Vertrag zu machen, kommt ein anderer Kunde rein, legt 200 ¥ auf den Tisch, und bekommt dafür eine Guthabenkarte von den beiden. Wir trauen unseren Augen nicht: Genau die gleiche Geste hatten wir vor einer Stunde gemacht und nur Kopfschütteln geerntet. “Das ist die Gelegenheit”, zischt Hansen, und gibt den Verkäuferinnen zu verstehen, dass wir das gleiche wollen. Ohne zu zoegern legen sie zwei 50 ¥ Aufladekarten auf den Tisch. Ob sie einfach nur Vertragsprämien kassieren wollten, oder ob sie unter dem “Schau mal, es versucht zu sprechen”-Syndrom litten wissen wir nicht.

Als wir endlich die Stadt verlassen wird es schon dunkel. Ein unangenehmer Nieselregen begleitet uns und kriecht mit Hilfe des Fahrtwindes in jede Öffnung. Ein Jugendlicher begleitet uns mit freudig winkenden Gesten bis zum Ortsausgang, und greift leider mit seiner letzten, wohl witzig gemeinten Mittelfingergeste ins Klo. Als er dann noch versucht uns die Kamera abzuschwätzen beschießen wir ihn mit Ignoranz zu strafen, eine der schwersten Urteile die man hier sprechen kann! Mit allen Mitteln versucht er unsere vertiefte Unterhaltungsmauer zu durchbrechen, und muss schließlich aufgeben, als sein Handy erlösender Weise laut klingelt. “Deine Mama ruft an” sagt Hansen noch als er schon abgedreht hat zu dem wahrscheinlich gerade mal 15 Jahre alten Easyrider.

Wir fahren vorbei an paradiesischen Jurten- und Pavillon-Gärten, runter ins Tal eines breiten Flusses, der an den wagemutig gebauten Strassen nagt und somit eine Vielzahl an Arbeitern damit beschäftigt die von ihm mühelos abgetragene Erde nachzuschütten. Eine echte Sisyphusarbeit, aber an billigen und willigen Arbeitskräften mangelt es hier nicht. In der Tat wird hier in China ohne Scham und offensichtlich wie nur möglich eine ABM-Arbeitspolitik betrieben. Man sieht Arbeiter wie sie von Hand die Kanten der Strassenschulter einer 3000 km langen Strasse zentimetergenau begradigen, eine aus meiner Sicht prädestinierte Maschinenarbeit. Oder Straßenarbeiter die pingelig pyramidenförmige Sandhaufen Meter für Meter am Strassenrand von Hand aufhäufen, die zu nichts anderem dienen, als für eventuell entstehende Schlaglöcher Füllmaterial zu bieten. Oder Straßenfeger, die eine Landstraße fegen, die so lang ist, dass sogar Momos Freund Beppo heulend zusammenbrechen würde! Effizienz ist hier unerwünscht, man muss die Leute aktiv halten, bevor sie anfangen nachzudenken.

Wir schlagen unser Lager in sicheren Abstand zur Bauarbeiter-Fluss-Front auf, leider so dicht an einer Felswand, dass wir aus Sorge vor Steinschlag unsere Fahrräder zwischen uns und die Geröllhalde stellen müssen um zumindest tödliche Felsen abzuhalten. Hansen kocht für mich während ich mich gemütlich im Schlafsack zusammenrolle und von allen möglichen Leckereien Träume die ich mir in Berlin gönnen werde: Es gibt Reis mit Katzenfutter, Knoblauch und Paprika.

Am nächsten Morgen stehen wir spät auf und versuchen die wesentlichen Fragen zu klären die eine Verlängerung unserer Reise mit sich bringt. Ein neugieriger Tibetaner hält an und begutachtet unsere Recherchearbeiten über unsere Schulter. Wir versuchen mit ihm zu reden, aber er scheint zufrieden damit neben uns zu sitzen und uns zuzuschauen. Jedesmal wenn ein Auto vorbeifährt winkt er diesem und fordert es ebenfalls zum Anhalten auf, ganz so als wolle er sagen: “Komm mal rüber und lerne meine neuen Freunde kennen.” So stehen zeitweise 5 Autos auf der Strasse und ein Vielfaches an Schaulustigen um uns herum. Ich werde mich an dieses Verhalten nicht gewöhnen können, und so bin ich auch diesmal bei allzu distanzlosen Schulterblicken mit unangenehmen Nackenatem demonstrativ aufgestanden und habe mich ein paar Meter weiter hingesetzt. Am Ende des Tages können wir mittelmäßigen Erfolg verzeichnen. Die Umbuchung des Fluges kostet uns zwar das ein oder andere Stückchen Schokolade, ist aber langfristig finanzierbar und alles andere fügt sich scheinbar wie von alleine unseren Plänen. Unsere Erleichterung und die Anspannung die von uns fällt ist unbeschreiblich. Die Wochenlange und bevorstehende Hetzerei verwandelt sich in einen zwar immernoch straffen, aber nach bekannten Leistungen ohne Probleme umsetzbaren Plan der nun wahrscheinlich letzten 60 statt nur 30 Tage. So fahren wir an dem Tag nur noch wenige Kilometer weiter, treffen unterwegs noch einen Jak-Hirten, der uns stolz seine wirklich mörderische “David-gegen-Goliath”-Steinschleuder präsentiert und lassen uns an einer kleinen Flusskonfluenz nieder. Auch wenn wir nur noch wenige Tage Zeit haben um nach Yushu zu kommen, um unser Visum zu verlängern, haben wir doch Aussicht auf sehr viel entspanntere Zeiten.

Am 2.9 schlafen wir aus und fahren dann an dem zugeflossenen Fluss entlang bis nach Zhidoi. Je weiter wir nach Yushu, also Richtung Erdbeben-Zentrum kommen, desto desaströser wird die Verwüstung. Auch in Zhidoi stehen nur noch wenige Häuser, und viele der Kinder und Jugendlichen haben grosse Narben an Händen und im Gesicht. Ein riesiger Schutthaufen ist im Zentrum des Dorfes aufgeschüttet und mit unzählbar vielen Gebetstafeln und Flaggen geschmückt. Am Ortseingang stehen noch die blauen Notunterkünfte der Hilfsorganisationen, die vor dem hier sehr harten Winter die zerstörten Häuser ersetzt haben.
Irgendwie kommt man sich hier als Fahrradtourist etwas deplatziert vor, auch wenn einem eigentlich nur strahlende Gesichter begegnen.
“ich will nicht wissen, was uns in Yushu erwartet”, sagt Hansen als er seinen Blick über die Trümmerhaufen und Baustellen schweifen lässt. “Hoffentlich können wir unser Visum da überhaupt verlängern, ich könnte mir gut vorstellen, dass die da ganz andere Sorgen haben!”
Daran hatten wir schon öfters gedacht, aber die Polizei in Golmud hatte uns ja versichert, dass es dort möglich sei.

So fahren wir nach einem kurzen Aufenthalt weiter und lassen wieder eine Schaar kreischender und freudig winkender Kinder hinter uns. Langsam zieht sich die Strasse durch das sanft steigende Tal auf unseren nächsten 4.000er Pass zu. Wir fahren nebeneinander, weil kaum Verkehr ist und wir so besser reden und träumen können. Die Landschaft ist mittlerweile so gewohnt, aber wenn ich zurück sein werde in Berlin, werde ich sie vermissen, die mal sanft, mal schroff geformten Berge, die so unvorstellbar hoch um einen herum in unbewohnbaren Höhen so wilde und unberührte Natur bergen wie ich sie nie zuvor irgendwo erlebt habe. Überall fließen kleine Bäche und bahnen sich den Weg durch den moosigen Boden. An den Abbruchkanten sitzen kleine Murmeltiere in der Sonne und genießen die Rückendeckung. Hansen scheint meine Gedanken zu teilen: “Das ist das Himalaya”, sagt er,”das ist mein neues Lieblingsgebirge, ich werd’s vermissen in Berlin.”

Je höher wir kommen um so ekelhafter wird unser Husten. Oben am Pass machen wir eine kurze Pause um zu verschnaufen. “Wenn ich durch die Nase atme wir es schlagartig besser”, sage ich zu Hansen, der neben mir keucht. “Vielleicht sind einfach nur die Bronchien unterkühlt?”

Wir machen uns an die steile Abfahrt. Das Höhenprofil von hier bis Yushu ist zum Vorwärtskommen denkbar ungünstig: lange, leicht steigende Anstiege und dann steil abfallende Abfahrten, so dass man die gewonnen Höhenmeter hauptsächlich durch Bremsen vergeuden muss und sich den Ganzen Tag gegen leichte Steigung abkämpft.
Als wir die kurze Abfahrt mit qualmenden bremsen hinter und haben öffnet sich vor und ein Tal durch das sich ein türkisblauer Fluss schlängelt, an dessen Ufer vereinzelt Jurten stehen. Im eiskalten Gebirgs-Fluss selber steht eine Jakherde und kühlt sich ab. Mit gediegenen Blicken und einer echten Tiefenentspannung blinzeln uns die riesigen, gutmütigen aber furchteinflössenden, zottigen Tiere an. Es sieht fast aus als sässen sie in einem Whirlpool und liessen sich von den eiskalten Strudeln ihre müden Glieder massieren.

Wir suchen uns das letzte sonnige Plätzchen im Tal und bauen unsere eigene kleine Jurte auf. “Wir müssen das Zelt in Windrichtung stellen”, sagt Hansen, “Über den Gipfeln da hinten Braut sich was zusammen.” Keine 10 Minuten später reißt der Wind an unserem Zelt und macht uns das Kochen schwer. Zusammengekauert essen wir im kleinen Vorzelt. Der eisige Wind hat das gesamte Zelt mit einer Eisschicht überzogen. Immer wieder splittert die Schicht im Wind und rutscht an der Zeltwand zu Boden, so dass sich kleine Schollen an der Unterkante bilden. Als die Zeltwand auch von innen anfängt zu frieren, kriechen wir in unsere Schlafsäcke und ziehen den Wärmemragen und die Konturkaputze so zu, dass nurnoch unsere Nasen herausschauen. “Gute Nacht Bro”, nuschele ich durch die dicke Decke zu Hansen. “Gute Nacht”, nuschelt er zurück.

Als wir am 3.9 aufstehen ist alles gefroren, aber die Sonne hat viel Kraft und wärmt uns schnell auf Betriebstemperatur. Wir beschließen endlich die letzten 165 Kilometer und 2 4.500 m hohen Pässe nach Yushu hinter uns zu bringen und die Nacht nach Yushu durchzufahren. Wir haben die Schnauze voll von Visastress und wollen endlich mit Sicherheit wissen, ob wir in Yushu unseren verlängerten Aufenthalt legal machen können. Beflügelt von dem Gedanken am nächsten Tag alles hinter uns zu haben fahren wir den ersten Pass rauf. Zum ersten mal begegnen wir dabei wirklich unangenehmen Hunden. Wie das Sprichwort richtig sagt, kommen die riesigen Tiere nicht bellend sondern mit gesenktem Kopf und knurrend auf und zugeschossen. Die Wut und Aggressivität in ihren Augen habe ich so noch nicht gesehen. Wir fahren schnell eine kleine Senkung hinab, aber sie biegen hinter uns auf unsere Spur und jagen hinter uns her. Einer verbeißt sich in Hansens Isomatte und reißt ein Stück davon heraus. Glücklicherweise kommt uns noch bevor wir die nächste Steigung erreichen ein LKW entgegen, und die bissigen Viecher verteilen sich neben der Strasse und bleiben kläffend zurück. Mein Herz rast: “Die wollten und wirklich angreifen”, sage ich fassungslos zu Hansen, “wem gehören die Drecksviecher denn, die kann man doch nicht einfach so rumrennen lassen.”
“Die kennen einfach keine Radfahrer”, sagt Hansen völlig außer Atem,” aber ist ja schonmal gut zu wissen, dass sie offensichtlich nicht wissen so sie reinbeißen müssen. Die Isomatte können sie von mir aus fressen und dran verrecken!”

Der erste Pass zieht sich weiter hin als wir dachten. Als wir oben ankommen sind wir fix und fertig, die schlechte Strasse und heftige Steigung auf den letzten Metern hat uns alle Reserven gekostet. Es ist schon 18:00 und wir beschließen eine ausgiebige Essenspause etwas weiter unten im Tal zu mahnen um neue Kräfte für die Nacht zu schöpfen. So fahren wir einige Kilometer die steilen Serpentinen ab, und suchen und ein windgeschütztes Plätzchen zum kochen. Als wir wieder aufbrechen dämmert es schon und wir machen uns bereit für die Nachtfahrt: Stirnlampen, Handschuhe, Jeans und dicke Socken. Als wir fertig sind ist es stockdunkel. Der Mond ist noch nicht aufgegangen und die spärlichen Lampen reichen gerade um mit 10 bis 15 km/h die steinige Strasse entlangzufahren. Um die Autos auf uns aufmerksam zu machen, lasse ich die frontal montierte Kamera aufblitzen wenn sie in Sichtweite sind. Der Effekt ist unglaublich. Die Autos bremsen auf Schrittgeschwindigkeit ab und fahren vorsichtig an uns vorbei.

Am Anfang sind die Temperaturen noch auszuhalten, aber je weiter wir fahren, desto kälter wird es. Der sternklare Himmel lässt alle Wärme des Tages entweichen und schon bald haben wir Eis an unseren Gesichtstüchern hängen. Auch die Hunde lassen uns nicht in Ruhe. Überall leuchten ihre Augen am Straßenrand, manchmal verdrücken sie sich, manchmal kommen sie auf uns zugeschossen und verfolgen uns hartnäckig bellend. Entgegen meiner Vermutung sind auch die Jaks Nachtaktiv. Ihre gruseligen, riesigen und zottigen Konturen zeichnen sich immer wieder mit langen spitzen Hörnern und riesigen gelb leuchtenden Augen gegen den Nachthimmel ab. Ab und an versperren sie uns den weg und wir müssen die zwar gutmütigen aber doch etwas suspekten gestalten langsam passieren lassen. Je später die Stunde wird, desto neugieriger werden die Autos. Sie spornen uns an, schenken und Kaugummies und laden uns ein mit ihnen zu trinken. Aber wir sind zu sehr in den Kampf gegen die Kälte und die Steigung des nun kommenden letzten Passes vor Yushu vertieft als dass wir einen Sinn für Ablenkung hätten. So kämpfen wir uns durch die mittlerweile vom Mond erhellte Berglandschaft. Die Müdigkeit der vorangegangenen Tage und Pässe sitzt mir in den Knochen, aber die Aussicht auf klare Verhältnisse lässt mich weiterfahren. Die letzten Serpentinen zwingen mich in die Knie. Immer wieder halte ich an und trinke kleine Schlücke aus der mittlerweile auch gefrorenen Wasserflasche, versuche meine leidenden Bronchen und Hände zu wärmen. Auch Hansen geht es nicht anders. Die letzten Kurven werden wir von einer wilden Schaar Hunde verfolgt, bis endlich ein paar Serpentinen unter uns ein Licht angeht und die harmlosen aber lautstarken Kläffer zurückpfeift.

Endlich erreichen wir den Pass um halb zwei Uhr Nachts, und der Blick im Mondlicht ist mit Abstand das kitschigste was ich lange gesehen habe. Trotz meiner Eisklötze An Händen und Füssen bleibe ich oben stehen und genieße die Kälte vergessend den unglaublichen Anblick. Die Passtrasse windet sich in zahllosen Serpentinen unter uns neben einem silbern im Mondlicht schimmernden Fluss ins gute 1000 Höhenmeter abfallende Tal. Der Sternenhimmel erhebt sich über den durch den Mond scharf gezeichneten Konturen der Gipfel bis über die 40 km entfernt, im Tal liegende Stadt Yushu, deren Schein man in Form einer riesigen leuchtenden Sphäre am Horizont sieht. Wir sind beide sprachlos, müssen aber wegen der unter unsere Kleidung kriechenden Kälte schnell abfahren und eine Schlafplatz finden.

So schön die Sicht eben war, so gnadenlos und endlos windet sich die Strasse nun vor mir entlang an hunderte Meter abfallenden senkrechten Felswänden. Die Strasse ist an besonders kritischen Stellen mit Steinmauern abgegrenzte, die hier und dort von in die Tiefe gestürzten LKW durchbrochen sind. Meine Hände krallen sich mit aller Kraft an die kalten, eisernen Bremsen. Wenn ich sie kurz loslasse um sie zu entspannen sticht es in den Gelenken und das Fahrrad beschleunigt so stark, dass ich wenige Sekunden später wieder mit aller Kraft daran ziehe. Es ist kalt genug um sich Erfrierungen zu holen, aber hier oben ist es gute 10 Grad kälter als im anvisierten Tal, und so beißen wir die Zähne zusammen und Rollen wortlos, nur verfolgt vom klickern unserer Kette und immer wieder durchgeschüttelt von Schlaglöchern die endlose Passstrasse hinab. Als es endlich flacher wird beschließen wir vor einem kleinen Steinburch das Zelt aufzuschlagen. Meine Finger tauen langsam auf und ein stechender Schmerz breitet sich in den Händen aus. Es ist die Hölle die Heringe in den Steinigen Boden zu stecken, jede feinmotorische Bewegung ist kraftlos und dauert Ewigkeiten bis sie gelingt. Schnell werfen wir unsere Schlafsäcke ins Zelt und verkriechen uns darin. Als mich langsam eine wohlige Wärme überkommt schlafe ich zusammengekauert ein, nur meine Füße bleiben eiskalt bis in die Morgenstunden.

Am 4.9 fahren wir die letzten Kilometer hinab nach Yushu. Die Stadt ist in eine Staubwolke gehüllt und umgeben von endlosen Zeltlagern, die als Notunterkünfte nach dem Erdbeben errichtet wurden. Zig Meter hohe Schutthaufen Lagern vor der Stadt und werden von riesigen Mühlen zu Sand verarbeitet. Nebenan wird der gewonnenen Sand zu Backsteienen verarbeitet und in einer schier endlosen LKW Schlange ins Zentrum gefahren. Mit jedem Meter den wir weiter in die Stadt kommen wird das Ausmaß der Katastrophe vor zwei Jahren ersichtlicher. “Hier ist wirklich nichts stehengeblieben”, sage ich als wir langsam auf der Hauptstraße in die Stadt rollen. Es herrscht immernoch absolutes Chaos. Von den 10 auf Google Maps eingezeichneten Hotels steht keines mehr, und unsere Hoffnung auf Herberge und Visaverlängerung schwinden mehr und mehr. Als wir einen Polizisten nach einem Hotel fragen, kann uns dieser glücklicherweise weiterhelfen. Er eskortiert uns mit seinem Auto durch die Stadt die einer einzigen riesigen Baustelle gleicht, und zeigt uns das einzige Hotel der Stadt, das das Erdbeben überlebt hat. Wir checken ein uns stellen fest, dass es keinen Strom gibt. Auf Nachfrage an der Rezeption wird uns mitgeteilt, dass nur Abends für ein paar Stunden die Stromversorgung gewährleistet ist, und Tagsüber der gesamte Strom für die Bauarbeiten benötigt wird.

Wie wir vereinbart hatten machen wir uns als erstes auf die Suche nach einer Polizeistation um in Erfahrung zu bringen ob wir unser Visum hier verlängern können. Nach langem erfolglosen Gesuche finden wir endlich einen kompetenten Polizisten, der uns im Gegensatz zu seinen Kollegen sagen kann, wo sich sein Hauptrevier befindet. Er steckt uns in ein Taxi und wir fahren ca. 10 km in das außerhalb der Stadt verlagerte Buddhistische- und Verwaltungszentrum. Der Taxifahrer setzt uns ab und zeigt zielsicher auf eines von hunderten absolut gleichaussehenden Kontainerbüros. Noch bevor wir das Büro erreichen, kommt uns ein Polizist entgegen und fragt, wie er uns helfen könne. “We want to extend our Visa”, sagt Hansen, und der freundliche Polizist weist auf einen der Container und ruft etwas auf Chinesisch. “Scheint zu klappen”, sage ich fast überrascht zu Hansen. Aus dem Kontainer kommt eine adrett gekleidete Polizistin, und sagt das Wort, was wir in diesem Zusammenhang so sehr befürchtet haben: “Meo”, was so viel bedeutet wie nein. Sie sieht uns die Entsetzung an, und bittet uns in den Schatten ihres Containers. Auf gebrochenem Englisch erklärt sie uns, was so naheliegend scheint wenn man sich mal hier umschaut. Sie haben hier momentan nicht die Möglichkeit, sich um derart Angelegenheiten zu kümmern. Über die Aussage des Golmuder Polizisten, man koennen hier das Visum verlangern, ist sie nicht erstaunt. “They so not know, what happened here”, sagt sie kopfschüttelnd.

Resigniert gehen wir zurück zum Eingangstor des Verwaltungsgeländes, wo wir uns auf den Schock erstmal ein Eis im Kiosk kaufen. “Wir müssen noch heute nach Xining weiter, einen Bus können wir uns nicht leisten, also müssen wir trampen”, sagt Hansen entmutigt. “Jetzt ist es 15:00, um spätestens 18:00 sollten wir am Ortsausgang stehen und den Daumen raushalten”.
“Das sind knapp 1000 km nach Xining, wenn uns heute einer mitnimmt, sind wir frühestens morgen Mittag da, dann haben wir einen Tag zu wenig um unser Visum zu verlängern”, rechne ich zusammen. “Wir müssen hoffen, dass die Polizei in Xining unsere Situation versteht.”
“Was machen wir mit den Rädern, und dem ganzen Gepäck?”, fällt Hansen ein.
“wir fragen im Hotel, ob wir es dort lassen können bis wir wieder zurück sind”, schlage ich vor und spüre wie mir die Vanillesauce des unberührten Eises über die Hand läuft.

Was wir jetzt sehen passt zwar nicht in den Ablauf, aber muss einfach erwähnt werden. Ich hatte es zu gerne auf Video, aber ich hab in dem Moment einfach nicht glauben können was passiert: Ein Jeep mit 4 Polizisten fährt vor das Kiosk und ruft den Besitzer zu sich. Sie befehlen ihm irgendetwas auf Chinesisch, woraufhin der Besitzer in den Laden hetzt, und mit vier Eis zurückkommt. Es wird kein Geld bezahlt, aber die Polizei wirft die Verpackung des Eises auf den Boden vor den Laden, und der Fahrer zeigt darauf und befielt dem Ladenbesitzer offensichtlich das aufzuheben. Dieser lacht nur verlegen, als der Polizist aber seine Worte wiederholt, holt er den Besen und fegt den Müll zusammen. Die Polizei fährt lachend davon, und der arme Mann aus dem Laden fegt gedemütigt den Müll auf. Ich hatte schon von einem Dorm-Kollegen in Kashgar gehört, dass die chinesische Polizei die Einheimischen bei Gelegenheiten demütigt, aber es so direkt und vor meinen Augen präsentiert zu bekommen …
Ich schaue Hansen fassungslos an, und auch er hatte die Szene komplett mitverfolgt. “Was für Arschlöcher”, sagen wir beide zeitgleich. So nett die Polizei zu und bisher gewesen war, das war wirklich unter aller Sau (auch wenn ich natürlich weder den genauen Kontext noch eventuelle Vorgeschehnisse kenne)

Entsetzt über die Geschehnisse der letzten Minuten, beeilen wir uns in die Stadt zurück zum Hotel zu kommen um möglichst bald auf dem Weg nach Xining zu sein. Schnell Duschen wir uns, packen einen kleinen Rucksack mit dem nötigsten und wichtigsten und stehen tatsächlich um 18:00 Uhr an einer Tankstelle außerhalb von Yushu. Keine zwei Minuten später hält ein Tibetaner mit seinem Vater und nimmt uns 10 km mit. Motiviert über den schnellen Erfolg, beschließen wir LKW zu ignorieren und uns auf die schnelleren Autos zu konzentrieren. Als es dunkel wird, und wir noch immer nicht weiter gekommen sind, beziehen wir auch die LKW wieder mit ein und werden prompt von einem aufgegabelt, der am nächsten Tag um 12 in Xining sein will. Zu unserer Überraschung will der Fahrer keine 10 Minuten nach Abfahrt Geld von uns haben für die Fahrt. ganze 600 ¥ für beide, was nur knapp weniger ist, als der Nachtbus mit Schlafplatz kostet, der aber leider zu diesem Zeitpunkt schon abgefahren war. Wir handeln ihn auf 400 runter, und er und sein Kollege räumen uns in ihren Kojen etwas Platz zum schlafen ein. Die Fahrt verläuft angenehm, auch wenn der mit Glasscherben beladene LKW die Bergstraßen mit ziemlich abenteuerlichem Fahrstil angeht. Hansen und ich wechseln uns ab mit dem Schlafplatz, und so überstehen wir die holprige und Laute Nacht, denn die Strasse ist entgegen unserer Annahme nicht asphaltiert, sondern über lange Strecken eine einfache Schotterpiste, auf der der leicht beladenen LKW umherhüpft wie ein Flummi. In der Morgendämmerung sitze ich vorne und auf einer geraden, besonders einschläfernden 20 km Strecke liegen insgesamt 3 LKW verteilt auf dem Kopf am Fuß der Strassen-Böschung. “Sie sind eingeschlafen”, sagt der Fahrer zu mir und schaut mich müde an. Er schlägt sich immer wieder ins Gesicht und Nacken um wach zu bleiben. Er fahrt dermaßen schnell und ungebremst in die Haarnadelkurven der Serpentinen, verhält sich als wäre er der einzige auf der Strasse und hupt in einem Ton wie um allen zu sagen: Hier komme ich, ich bremse nicht. Als ob das nicht genug sei, telefoniert er, raucht und schält sich Erdnüsse während er mit quietschenden Reifen an abgrundtiefen Steilhängen vorbeifährt. Ich kann mich nicht mehr halten und gebe ihm deutlich zu verstehen, dass es mir zu schnell ist und er bitte langsamer fahren soll. Er lacht und schaut entspannt zu mir rüber während er um die nächste Kurve quietscht. “Mir ist noch nie was passiert”, gibt er mir zu verstehen und zuckt mit den Schultern als wäre das eine Garantie für eine sichere Zukunft. Als er meinen ernsten Blick sieht gibt er aber etwas nach und sieht nach der langen Nachtfahrt auch endlich ein, dass seine Schicht vorbei ist und sein Kollege mit fahren dran ist.

Als um 9:00 Uhr nach erst 600 von 860km absehbar wird, dass wir es niemals bis 12 schaffen, fragen wir ihn nach seiner geschätzten Ankunftszeit. Gelassen antwortet er, dass wir gegen 5 in Xining sein werden, ganze 5 Stunden später als vereinbart. Wir erklären ihm freundlich, dass das für uns zu spät ist, und wir ab hier versuchen werden mit einem schnelleren Auto mitzufahren. Weil wir nur einen Teil der Strecke mit ihm gefahren sind und seine Zeiteinschätzung ja ziemlich falsch war, fragen wir ihn immernoch freundlich, ob wir etwas Geld wiederhaben können, worauf er uns sagt, wir sollen uns verpissen. Wir versuchen noch ihm unsere Situation zu erklären, aber er verweigert jeden Kompromiss. Wir hatten unsere Handys in seinem Truck geladen, dafür sei das restliche Geld, erklärt er uns. Hansen platzt der Kragen: Er knallt die Tür zu und beschimpft den Fahrer mit der feinsten Auslese deutscher Schimpfwörter. Dieser, deutlich verdutzt, zieht Leine. “Hoffentlich platzen Dir alle Reifen”, ruft Hansen ihm noch hinterher.

So stehen wir wieder da und halten unerwartet früh den Daumen raus. Unser erster “Ride” ist gerade 18, sieht aus wie Michael Jackson und ist offensichtlich kurzsichtig, was ihn leider nicht davon abhält das Gaspedal immer wieder durchzudrücken nur um wenige Sekunden später wegen jeder leichten Verfärbung auf der Strasse voll in die Eisen zu steigen. Die schreckhafte Fahrweise ist zwar unangenehm, aber wir kommen auf die Art ziemliche schnell fast 140 km weiter.
“Jetzt brauchen wir eine Businessmann, der die Strecke kennt und und schnell nach Xining bringt, sonst hat sich der Stress mit dem LKW nicht gelohnt”, sagt Hansen als wir wieder an der Strasse stehen. Ich traue meinen Augen nicht, als ein Pickup mit quietschenden Reifen anhält. In dem Auto sitzen gleich zwei von den arttypischsten Businessmen die man sich vorstellen kann, absolut Filmreif: Mit schattiertem Verlauf getönte Sonnenbrillen, beide im Nadelstreifenanzug, einer mit Glatze, der andere mit Mittelscheitel. Auf dem Schoss hat der Beifahrer einen aufgeklappten Laptop, zwischen Schulter und Ohr geklemmt ein Telefon, in der anderen Hand ein zweites. Über die Brille hinweg schaut der Fahrer an dem konzentrierten Beifahrer vorbei und macht eine wortlose “Wohin”-Geste.
“Xining?”, fragt Hansen fast eingeschüchtert, der Fahrer winkt mit dem Kopf auf die Rückbank und los geht’s. Weil der Pickup unbeladen ist springt das Hinterteil des Autos bei jeder kleinen Schwelle so sehr, dass ich und Hansen mit dem Kopf an die Decke stoßen. Unbeeindruckt von den teilweise heftigen Bodenwellen rasen die beiden telefonierend und gestikulierend über die Landstraße. Als einem vor uns fahrenden LKW das Schutzblech abfällt, wittert der Fahrer ein Geschäft, steigt kurzerhand aus, packt das Ding auf die Ladefläche, steigt wieder ins Auto, dreht sich zu mir um und sagt: “Money, Money, 500 ¥” und deutet auf das Schutzblech. Ich kann mir ein Lachen kaum verkneifen, mein Kopf wird aber von dem bereits wieder beschleunigenden Auto in den Nacken geworfen, so dass es unbemerkt bleibt. Die ganze Zeit über tippt und telefoniert der Beifahrer ohne mit der Wimper zu zucken. Hansen und ich sind uns einig, jemand besseres hatte uns nicht über den Weg laufen können und mit dem schnellen aber gekonnten Fahrstil haben wir den LKW schon in kurzer Zeit wieder eingeholt und unsere Aktion hat sich somit gelohnt. An Bord hatte er, als wir ihn überholt haben schon die nächsten Tramper, gerne hätte ich sie vor dem Geldgeilen Arschloch gewarnt, aber dafür war keine Zeit, denn Zeit ist Geld, zumindest in den Augen unseres Chauffeurs. Aber für essen haben sie immer Zeit: Plötzlich hält der Fahrer an einer Fressmeile, und ich habe plötzlich das Gefühl die ganze Eile war nur um schnell hier her zu kommen. Sie springen aus dem Auto und setzen sich an den Tisch den sie beinahe gerammt hätten. Bevor wir ihnen klar machen können, dass wir es eilig haben und keine Zeit zum Essen haben sie schon bestellt und keine 20 Sekunden später steht das essen auf dem Tisch. Trotzdem müssen wir uns verabschieden und nach langem hin und her und letztendlich ein paar Kolpromiss-Häppchen stehen wir in einem Dorf kurz vor Xining und versuchen zu trampen. “Es ist hoffnungslos, hier fahren alle nur zum Einkaufen”, meckert Hansen als just in dem Moment ein BMW Jeep anhält und eine hübsche Chinesin aus dem Auto in gebrochenem Englisch fragt: “Wehre you go?”
“Xining”, sage ich in wahrscheinlich genau so gebrochenem Chinesisch. Sie winkt uns rein und wir sitzen somit keine fünf Minuten später in einer Luxuskarosse auf dem Weg nach Xining. Der Fahrer stellt sich als ihr Mann vor, beide sind um die 30, und mit Abstand das sympathischste und lustigste Pärchen dass ich seit meiner Ankunft in China gesehen habe. Die ganze Zeit witzeln sie rum, und obwohl ihre und unsere sprachlichen Grenzen nach wenigen Standardphrasen erreicht sind, verstehen wir uns prächtig. Als wir endlich in Xining ankommen ist es 15:30. Ich erleben den ersten City-Shock auf unserer Tour. Übermüdet, und vollkommen geplättet von den um mich herum ragenden Hochhäusern, dem Lärm, der Hitze, und den endlosen Massen an Menschen die alle geschäftig und zielstrebig umherlaufen stehe ich und Hansen am Straßenrand. Bevor ich mich richtig entsinne, werden wir von einem heranrasenden Bus von der Haltestelle gehupt, auf der wir stehen. Wir springen zur Seite und stehen in einer Traube wartender Menschen, die alle mindestens einen Kopf kleiner sind. Wir sorgen für Aufregen. Ich schaue an mir runter und sehe eine dreckige Jeans, kaputte Wanderschuhe, ausgetragenes Fleece mit kaputtem Reisverschluss, eine mit Tesa geflickte Cappy und dreckige Hände mit langen Fingernägeln. Auf dem Land fällt man hier so garnicht auf, aber hier um mich herum stehen nur chicke Leute. Wir beschließen, dass wir nicht zum Spass hier sind, sondern unsere Visas verlängern wollen, und Kleidung keine Rolle spielen sollte. Wir nehmen also ein Taxi zum Bureau of Public Security Xining und laufen zielstrebig in das schnieke Foyer. Sofort werden wir von einer uniformierten Polizistin an den Visa-Schalter gebeten. Ich entschuldige mich auf Chinesisch dafür, dass ich kein Chinesisch kann, und ernte meine ersten Pluspunkte bei der in verschiedenen Foren als ziemliche Zicke deklarierten Polizistin. Im gesamten Gespräch muss ich feststellen, dass die Anschuldigungen unfair sind und sie lediglich ihren Job macht, und den aus meiner Sicht sehr gut. Sie erklärt uns mit Geduld alles was wir brauchen und bittet uns am nächsten Tag wieder zu kommen. Unsere etwas brenzlige Situation versteht sie ohne Meckereien und versichert uns, wir haben am Freitag unser neues Visum, wenn wir alles so machen wie sie sagt. Erleichtert von den guten Nachrichten suchen wir uns das von ihr empfohlene Hostel und Mieten uns bis Freitag ein Zimmer. Kaum haben wir unser wirklich paradiesisches Doppelzimmer im 15 Stock mit Blick über die ganze Stadt für umgerechnet 12 € bezogen überkommt mich eine fast erdrückende Müdigkeit. Die letzten Tage waren anstrengend, die Nächte schlafarm, und die Unsicherheit hat an meinen Nerven gezehrt. Jetzt, zum ersten mal seit Tagen sehe ich wie sich das Wirrwarr aus Umständen lichtet und sich eins zum anderen fügt. Wir gönnen uns noch ein Bier und eine Pizza und gehen nach einem ziemlich chaotischen Pool-Spiel ins Bett.

Mitten in der Nacht weckt mich Hansen: “Wie geht’s Dir”, fragt er besorgt. “Gut”, sage ich überrascht über die nächtliche Nachfrage. “Mir ist kotzübel, und mein Darm rumort”, sagt Hansen genervt, “die Pizza war schlecht”. Keine fünf Minuten später ist er auf dem Klo. Die ganze Nacht versucht er die Pizza loszuwerden, und am nächsten morgen, dem 6.9 geht’s es ihm noch immer nicht viel besser. wir beschließen, dass es wohl das beste sei, wenn er liegen bleibt und ich die Unterlagen zum Visaoffice bringe. Um pünktlich um 9:00 aufzuschlagen, beeile ich mich um die Kontoauszüge und die Passfotos fertig zu kriegen. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt und ich habe das Pech im einzigen Fotodruckladen der Stadt zu landen, in dem genau bei meinen Drucken die Kartuschen leer gehen. Mit einer Seelenruhe und endlosen Konfigurationen und gelegentlichem Online-Chat zwischendrin wechselt die höchstens 12 jährige, Hubba Bubba kauende Verkäuferin die Kartuschen. Fast eine Stunde zu spät komme ich im Public Security Bureau an. Die Polizistin winkt mich zu ihr, und ich übergebe ihr die Unterlagen. “Where is your Brother?”, fragt sie. “He’s sick”, antworte ich bedauernd. Sie hat heute schlechte Laune, das merke ich als sie meine Passfotos beanstandet, und ich es wage ihr zu wiedererwachen. “Because I said so!”, fährt sie mich an, als ich ihr erkläre, dass ich das selbe Passfoto für den Initialen Visaantrag verwendet habe. “Your Brother must come here, his Foto not ok!”
Also klingele ich Hansen aus dem Bett, der endlich etwas Schlaf gefunden hatte, und sich nun hier her hetzen muss. Als wir endlich die Unterlagen abgegeben haben und alles zu Ihrer Zufriedenheit ist, nimmt Hansen sich ein Taxi ins Hostel und ich fange an in der Stadt umherzulaufen und ein paar Dinge zu erledigen. Auf meinen ursprünglichen, im gestrigen Schock gefassten Plan mir als erstes Schuhe und eine Hose zu kaufen verzichte ich. Nahrung und alles andere bekomme ich auch als “Penner”, solange ich bezahlen kann. Fast fange ich an, mein Understatement zu genießen und als ich in einen Sony Laden gehe um im Auftrag der uns begleitenden Filmproduktionsfirma einen Ersatz für die sündhaft teure Filmkamera zu kaufen, spiele ich die Situation voll aus. Großkotzig laufe ich rein, zeige auf die Kamera und kaufe sie ohne sie mir genauer anzuschauen. Ich blättere die eben abgehobenen 50 Hundert-Juan-Noten auf den Tisch, laufe aus dem Laden und lasse einen Haufen gaffender Verkaufer zurück, die am Anfang noch gezögert hatten mir das Ding aus dem Schank zu holen. Nach und nach nehme ich die Atmosphäre der Stadt in Kauf und so hat mich die erste große Stadt seit Moskau bald für sich gewonnen. Je mehr ich mich auf sie einlasse, desto mehr nehme ich sie wahr: Die erste richtig chinesische Großstadt auf dieser Tour. Überall laufen uniformierte Kinder herum, teils in Camouflage, teils in Schuluniform und immer im Gänsemarsch, manchmal Kilometer lange Reihen auf dem Weg zum Sportplatz, wo sie, von unserem Zimmer perfekt einsehbar den ganzen Tag von wiederum Uniformierten Soldaten gedrillt werden. In quadratischen und penibel angeordneten Regimenten werden die 10 jährigen Jungen und Mädchen mit scharfem Ton über den Platz kommandiert. Neben an spielen die etwas älteren Basketball und noch etwas weiter sammeln sich alle paar Stunden Hunderte von Menschen und tanzen eine Art Fitnesstanz. Die etwas klassischeren Chinesen suchen den Grünstreifen und praktizieren dort in weißen oder schwarzen Seidengewändern Tai Chi, Kegelpeitschen, Fächertanz, Balltanz, Schleierwurf und Meditation. Die ganze Stadt scheint mindestens einmal am Tag auf diesem Sportplatz und Park zu sein und sich körperlich zu ertüchtigen, und sei es nur für den morgendlichen 20-Runden-Spatziergang auf der den Platz umrundenden Aschebahn.

Auf dem Weg zurück ins Hostel laufe ich durch die Essensmeile um Hansen noch etwas gekochten Reis zu besorgen und meinen eigenen Magen zu fuellen. Es fällt mir schwer mich zu entscheiden. Überall dampft und duftet es, das Angebot reicht von Fleisch aller Art in Form von Jakohren, Schweinenasen, Ziegenhoden, Innereien, zu Verschiedenen Nudelgereichten mit Gemüse, Insekten, und leckerem Gebäck. Anfangs fand ich die Küche und die Komplettverwertung der Tiere in China noch abstoßend, aber nach der ein oder anderen Schocktherapie musste ich feststellen, das abgesehen von der Konsistenz und Vorstellung fast alle Gerichte vorzüglich schmecken. Wenn man den Kopf etwas abschaltet und den Geschmack in den Vordergrund stellt, kann man fast alles genießen.
Ich entscheide mich für die Zunge eines Jaks serviert an Reis mit scharfer Sauce. Hansens Portion Reis bekomme ich geschenkt mit einer Geste die wohl etwas heißt wie “Gute Besserung”.

Weil ich voll beladen bin beschliesse ich ein Taxi zum Hostel zu nehmen. Ich steige ein spüre die Anstrengung des Tages in den Knochen. Langsam schlängelt sich das Taxi durch die überfüllten Straßen und ich schaue verträumt aus dem Fenster. Der Taxifahrer singt leise zum Radio und um uns herum fahren knatternd und hupend die Mopeds und TukTuks vorbei. Die Leuchtreklame erhellt die Dämmerung und überall blinkt und blitzt es. Mir fällt auf, dass ich nichts von dem verstehe, und ich deshalb die Leuchtstoffröhren, Bildschirme und Transparente nicht als Werbung, sondern vielmehr als blinkende Muster wahrnehme. Es ist mehr wie eine Lichtshow, wie ein Theaterstück und eine Art Hintergrundbeleuchtung mit unspezifischer Bedeutung.

Als ich im Hostel ankomme, geht es Hansen schon etwas besser. Ich gehe ziemlich direkt schlafen und Träume von dem Film “Enter the Void”, in dem ich schwerelos durch die Gassen der Stadt fliege, vorbei an allen Leuchtfeklamen, immer begleitet von einem hellen Lichtkegel der mich durch das endlose Labyrinth führt.

Am 7.9 schlafen wir aus. Es gibt einiges zu erledigen, aber am aufregendsten wird der Besuch im Visaoffice, wo wir hoffentlich mit zwei frischen Visas begrüßt werden. Wir verbringen einen gemütlichen Vormittag, und gehen am Nachmittag um 3 in das Office. Wie erwartet bekommen wir unsere Visas und verbringen den Rest des Tages mit Planung und kleineren Erledigungen. Um nicht direkt wieder Stress zu haben, beschließen wir einen Tag länger zu bleiben. Leider ergibt sich daraus ein größeres Problem. Das Hotel in Yushu, in dem wir unsere Fahrräder und Gepäck gebunkert haben ist nur bis Samstag Mittag bezahlt. Es ist außerdem unmöglich anzurufen, weil in Yushu nur Abends Strom ist und die Telefonleitungen noch nicht wieder stehen. Aus dem Schlamassel hilft uns die Besitzerin des Lete Youth Hostel, das ich an dieser Stelle wirklich lobend erwähnen muss (Nur Pizza sollte man sich sparen). Sie ruft einen Freund aus Yushu an, der wiederum einen Freund anruft, der persönlich im Hotel vorbeigeht und für uns bezahlt. Wir wiederum bezahlen ihr den Betrag. “I will give him back the Money when I see him next time”, sagt sie gelassen. Fast eine Stunde hatte sie rumtelefoniert und uns damit so sehr geholfen, ein bei weitem nicht selbstverständlicher Service!

Wir fahren noch am selben Tag zur Busstation und kaufen uns ein Ticket, denn auf der Rückfahrt nach Yushu wollen wir nicht schon wieder um unser Leben bangen müssen. Ich kaufe mir noch ein neues Display, Akku und Speaker-Modul für mein iPhone für umgerechnet 12 € um die langsam nervenden Schäden auszubessern die mein Telefon am Anfang der Tour erlitten hatte als ich es in der wasserdichten Jackentasche im Wasser eingeweicht hatte. Die Montage glückt erstaunlich gut, dank diversen Anleitungen im Netz.

Am nächsten Tag schaffen wir es irgendwie trotz endlos viel Zeit am Vormittag auf den letzten Drücker, tatsächlich erst eine Minute vor Abfahrt des Busses an der Haltestelle zu sein. Nachdem wir Ewigkeiten kein Taxi bekommen hatten, und dann auf dem weg zur Busstation auch noch in den falschen Linienbus eingestiegen sind, der uns nichtmehr aussteigen lassen wollte, hatten wir einen Taxifahrer gefunden, der uns mit abenteuerlichen Manövern wie durch ein Wunder pünktlich zum Nachtbus gebracht hat.

Wir wussten nicht genau was uns erwartet, aber ich muss sagen, die Schlafbusse sind eine angenehme Alternative zum Trampen. Zwar wird spätestens nachdem die Eierverkäufer ihr Geschäft im Bus gemacht haben fleissig gefurzt und gefressen, aber die Nase adaptiert von allen Sinnesorganen relativ schnell und kompromisslos und so kann man die Nacht auf einer zwar zu kurzen aber ausreichenden Liege zumindest im Halbschlaf verbringen. Leider war auch der Busfahrer der Meinung, er wäre den physikalischen Kräften, denen alle anderen Verkehrsteilnehmer unterliegen überlegen, und fuhr als einziger im Nichtraucherbus mit Zigarette, Nüsse fressend und telefonierend die Serpentinen runter nach Yushu, so dass ich meine Füße und Hände in das Hartplastik der Pritschen pressen musste um nicht aus meiner Koje zu fallen, aber wir kamen pünktlich und unversehrt an. Trotzdem werde ich nie verstehen wie man einen Bus voll mit 60 Menschen derart riskant fahren kann.

Als wir endlich in Yushu in unser Hotelzimmer kommen ist alles an Ort und stelle und nichts fehlt. Ich kann noch immer nicht nachvollziehen, woher ich das ständige Misstrauen habe, wo wir doch auf der Tour fast ausschließlich positive Erfahrungen machen, und uns sogar so viel Vertrauen entgegengebracht wird. Es gab keinen Anlass zu Glauben, unsere Räder waren gestohlen oder unser Gepäck geraubt. Trotzdem habe ich mir immer wieder ausgemalt, was ich tun wurde wenn etwas fehlt. Vielleicht will ich einfach nicht als naiver Vollidiot dastehen, wenn wirklich mal etwas geklaut wird, ich weiß es nicht.

“Wie sind wieder da”, sagt Hansen erleichtert, und lässt den Rucksack in die Ecke des Zimmers sinken. “Morgen fahren er weiter, und dann steht uns nur ich die zweite Verlängerung im Weg”.
“Ja, wir müssen echt sparsam sein in nächster zeit”, seufze ich, “Die ganze Visaaktion war doch viel teurer als geplant.”
Wir gehen noch bei der Zeltbude vorbei, in der wir die vorherigen Tage leckere Dampfnudeln bekommen hatten. Die Frau erkennt uns wieder und stellt uns strahlend zwei Bambuskörbe mit je 8 darin im Wasserdampf gegarten Teigtaschen auf den Tisch.

Am nächsten Tag laufen wir den ganzen Tag durch das zerstörte Yushu. Es hat geregnet während wir weg waren, und die staubige Stadt hat sich in ein Schlammloch verwandelt. Wir suchen verzweifelt nach einer Poststation die internationale Pakete hat um unsere Bilder zu verschicken. Wir laufen durch die Slum-Artigen Vororte, wo Tausende von Menschen auf engstem Raum seit zwei Jahren in Zelten hausen. Wir fahren mit einem der WuLing Taxi Busse durch die Verwaltungszentralen, die Märkte und Baustellen, bis wir letztendlich aufgeben, gescheitert an der Tatsache, dass die ordentliche Verpackung, ein “internationaler Karton” der Chinesischen Post in Yushu nicht zu finden ist. weil es schon spät ist, beschließen wir noch eine Nacht zu bleiben. Wir suchen uns ein kleines Restaurant was aus einer Notunterkunft entstanden ist. In einer Glasvitrine sind all die toten Tiere und Teile ausgestellt, die man zerhackt und kalt mit Reis zu essen bekommt. Der kleine, aber sehr pflichtbewusste und irgendwie verantwortungsvoll wirkende Koch stellt uns ein Abendessen zusammen. Es gibt zerhackten Hahn, und Schweinebauchspeck mit scharfem Dipp und Chao Mien (Nudeln). Neugierig beobachten die Einheimischen unsere Essversuche und erklären und hin und wieder wie man z. B. die Zunge aus dem Kopf des Tieres löst um sie zu essen. Die Lampen Glühbirnen die an der Zeltdecke hängen flackern in Rhythmus des Generators und draußen werden die kargen Betonskelette der zukünftigen Häuser mit großen Scheinwerfern beleuchtet. Ein Arbeiter hängt in schwindelerregender Höhe und schweisst den Stahl der Träger zusammen. Das gleissend helle Licht blendet mich noch bis auf die andere Straßenseite und reflektiert in der nassen Strasse und den Baumaschinen. Trotzdem muss ich immer wieder hinschauen. Der durch das Gerippe rieselnde Funkenregen erhellt im Sturz die darunter liegenden Stockwerke und bleibt für Bruchteile von Sekunden wie Schnee auf den Querverstrebungen liegen. Hansen reißt mich aus den Gedanken: “Lass uns gehen, oder?”, fragt er. Wir bezahlen, verabschieden uns von den freudig lachenden Einheimischen und tingeln nach Hause. “Morgen sitzen wir wieder auf dem Bock”, sage ich zu Hansen. Er nickt und seufzt mit deutlicher Vorfreude: “Endlich, ich muss mal wieder ein paar Kilometer aus eigener Kraft reißen! Noch sind wir nicht in Shanghai!”

So, der längste Blogpost aller Zeiten ist geschafft, und ich kann nichtmehr. Nie wieder werde ich das Schreiben so lange vor mir herschieben.

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