Ab nach China

Posted by on Juli 12, 2012

Es ist der 11.7. Ich bin in China, in einem kleinen Restaurant, der Fernseher läuft und zeigt ein Chinesisches Theaterstück, soweit ich sehen kann eine Komödie. Der LKW Fahrer der uns ab der Grenze als Chauffeur zugeteilt wurde sitzt mir gegenüber. Er ist dafür verantwortlich, dass wir in Ulugqat unsere Ausweise vorzeigen und einen Stempel holen und entsprechend verwahrt er unsere Pässe, wir sind an ihn gebunden! Die Chinesische Grenze ist vor 2 Wochen 140 km ins Inland verlegt worden weshalb man nun mit dem Rad die 140 km Niemandsland nichtmehr fahren darf. Nachdem wir von den Zöllnern komplett auseinandergenommen wurden (am schwersten zu erklären waren die 100 leeren Speicherchips die uns Johannes gebracht hatte!) haben sie uns zwangsverfrachtet! Asi, der Fahrer senkt seinen Kopf tief über den Teller, genüsslich schlürft er die frischen Nudeln und das Gemüse. Die Geräuschkulisse im Restaurant gleicht einem Schweinestall: Schlürfen, Schmatzen, Rülpsen. Normalerweise bin ich ein Schell-Esser, aber Asi’s Tempo kann ich nicht mithalten. Als er fertig ist grinst er zufrieden und wischt sich mit einem Taschenruch die Nudeln aus dem Gesicht. Wir haben es eilig, denn wegen der geänderten Grenzsituation müssen wir unseren Einreisestempel in Ulugqat holen, und das noch heute, denn morgen ist unser Visum abgelaufen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Grenzbehörden 2 Stunden vorweg, nach Peking-Zeit arbeiten, wir haben also nur noch 2 Stunden Zeit!

Gestern waren wir vom Pass auf 3800 m losgefahren und hatten uns 7 km vor der Grenze in einem kleinen Fluss-Tal niedergelassen. Dort habe ich mich in einer Ausmist-Aktion schweren Herzens von meiner kleinen Tomate namens “Tomaso” getrennt, da er nicht mit nach China darf. Wir sind um 4 aufgestanden um rechtzeitig an der Grenze zu sein, aber mit dem 6-stündigen Weitertransport haben wir nicht gerechnet. Asi weiß Bescheid, und das macht mir Angst. Er rast mit seinem Truck über die alte Bergstraße, mehrfach legt er Vollbremsungen hin, überholt in Kurven und fährt fast Blind im eigenen Staub auf 4 m breiten Strassen wo es links und rechts 30 m in den Abgrund geht. Es ist faszinierend und furchteinflößend zugleich wie er seinen LKW manövriert. Ich muss mich mit beiden Händen festhalten und trotzdem werde ich immer wieder bis zur Decke hochgeschleudert. Anschnallen ist verboten, der Aberglaube untersagt es! Hansen liegt hinter mit auf dem Klapp-Bett und lacht immer wieder fast hysterisch. “Wie kann das Ding sowas aushalten?” jubelt der Technik-Freak in ihm, fast schon wie auf einer Achterbahnfahrt. Er ist überzeugt, dass die lose auf der Ladefläche verstauten Fahrräder den Transport unbeschadet überstehen werden, ich bin skeptisch. Unser ein und alles wird bei den Schlaglöchern und Bodenschwellen meterhoch in die Luft geschleudert und kracht ungefedert auf das blanke Blech zurück. Ich kann es nicht sehen, aber hören, ein wirklich schreckliches Geräusch.

Nach knapp 5 Stunden Fahrt sind wir endlich an der Grenze. Die Räder sind gebeutelt, aber haben die Fahrt ohne größere Schäden überstanden. Die Grenz-Prozedur scheint wirklich noch neu zu sein, denn hier weiß keiner so recht wie es geht. Als sich herausstellt, dass der Beamte dem wir die Ausweise gegeben haben und vor dem wir warten garkeinen Visacheck macht sondern Solitär spielt wird es “grenzwertig”. Wir schaffen es ihm zu verdeutlichen, dass wir heute noch einen Stempel brauchen, woraufhin er uns die Ausweise zurückgibt und uns an seinen nebenan sitzenden Kollegen verweist. Kopfschüttelnd über die Uhrzeit und das Datum auf dem Visum stempelt dieser unsere Ausweise ab: Wir haben es geschafft. Eine halbe Stunde vor Grenzschluss und Ablauf unseres Visums sind wir offiziell nach China eingereist, unsere letzte Grenze auf der gesamten Tour, aber noch die Hälfte der Zeit und Strecke vor uns.

Kaum aus dem Gebäude raus, sehen wir noch am Horizont eine rote Wolke wirbeln, und keine 2 Minuten später finden wir uns in unserem ersten kleinen Sandsturm, der gnädigereweise in unsere Richtung zieht. Sandkauend aber beflügelt von dem warmen Sandstrahler im Rücken fahren wir in die Stadt um die üblichen Dinge zu erledigen: Geld wechseln, Handykarte kaufen, essen kaufen. Langsam aber sicher dämmert es mir: ich bin in China, und ich verstehe nichts! In den GUS Staaten konnten wir uns mit unseren Russischkenntnissen über Wasser halten, hier sind sie wertlos. Ich fühle mich hilflos. Ich stehe vor Gebäuden die eine Bank sein könnten, kann aber nur chinesische Zeichen sehen. Ich bekomme fast schon etwas Angst. Jede Grenze hatte bisher Umstellung verlangt, aber diese stellt die grösste Herausforderung dar. Eins Sprache und Schrift wie sie unterschiedlicher nicht sein könnte. Ironischer Weise sind die Schilder auf Chinesisch und Arabisch geschrieben, was beides für mich nicht mehr bedeutet als schöne Muster. Glücklicherweise erbarmt sich ein junger Mann uns die Bank zu zeigen. “Willkommen in HighTech Land” denke ich als der Bankomat mich per Lautsprecher in fließendem Englisch begrüßt und durch den gesamten Prozess führt, der modernste Bankomat den ich je gesehen habe gleich in dem ersten kleinen Provinzdorf in China.

Wir erledigen alles und fahren weiter bis zu einem kleinen Canyon an dem wir unser Zelt aufbauen. Weil es schon spät ist, gehen wir nach einem kleinen Abendessen (Brot und Bier) schlafen. Jetzt, am 12.7, sitze ich unter einer Brücke, es regnet und der ausgetrocknete Fluss an dem wir uns niedergelassen hatten füllt sich langsam mit Wasser. Gleich fahren wir weiter nach Kashgar, wo wir unsere weiteren Routenverlauf planen werden. Wir hoffen dort ein paar Radfahrer aus der anderen Richtung zu treffen, die uns evtl. Tips geben können. Ich freue mich auf das neue und letzte Land auf unserer Tour, weiß aber, dass es mit Abstand das zweifelhafteste ist. Man wird hier als Reisender ständiger Kontrolle unterzogen, alle Fotos und Chips werden bei der Ausreise auf verbotene Inhalte kontrolliert, das
Land ist voll von “autonomen” Gebieten und Unterdrückung, was ich zu sehen bekomme ist wahrscheinlich das “Salonfähige” China, nicht aber das was man mir durch geographische Zensur vorenthalten will.

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