Berge, Berge, Berge und Seen

Posted by on Juli 4, 2012

“Komm schon, der Pass ruft” sage ich zu Hansen der gerade noch seine Tageskilometer auf Null setzt. Ich schaue der Strasse entlang die sich 100 m weiter hinter einer Felswand in Serpentinen sporadisch zeigt. Uralte LKW quälen sich Ruß hustend im Schritttempo den Pass hoch.
“Lass uns fragen ob auf dem Pass noch ein Magazin kommt”, sagt Hansen, “wir brauchen dringend Brot!”

Langsam, wie unsere Freunde die LKW, fahren wir die ausgeschriebenen 12% Steigung hoch. Wenn man einen Rhythmus gefunden hat, kann man so ohne Probleme eine Stunde durchfahren. Dabei geht einem nichts durch den Kopf, alle Energie wird in den Muskeln gebraucht, nur ein-zwei Takte von einem Ohrwurm sind noch als ständiger Loop vorhanden um das Gehirn vor dem kompletten Abschalten zu bewahren. Die Einheimischen verstehen das nicht. Der Rhythmus ist wichtig um einen Pass zu schaffen, ansonsten verzweifelt man. Aber immer
wieder zwingen einen Kirgisen zum Anhalten, langsam wie wir fahren sind wir früh zu entdecken und somit ein leichtes Opfer für die bereits genannten belanglosen Akuda-Fragen, die man dann völlig außer Atem abstottern muss. Hier macht keiner Sport, keiner kann sich vorstellen freiwillig den Pass mit dem Rad hochzufahren, und keiner kann sich vorstellen wie anstrengend es ist ständig angehalten zu werden. Natürlich bleiben wir trotzdem immer freundlich.

“Kein Magazin bis Toktogul” gibt uns die verschleierte Frau aus der Jurte heraus zu verstehen. Das bedeutet, dass wir heute noch dort hin müssen. 80 km über einen 3100 m hohen Pass. Gestern haben wir sogar mehr geschafft, aber an zwei Tagen hintereinander? Wir schauen auf die Karte, und sehen, dass der Anstieg zwar steil ist, aber dafür nur 12 km lang. Die übrigen 68 km nach Toktogul geht alles bergab.

“Das schaffen wir!” sagt Hansen gerade in motivierten Ton als ein kleiner Fiat Panda anhält und 6 Muslime in voller Montur aussteigen um uns auszufragen. Geduldig beantworten wir alle Fragen und werden tatsächlich dafür belohnt: Sie schenken uns einen Laib Brot, als ob sie gewusst hätten, dass das alles ist was uns fehlt. Sie laden und sogar noch ein bei ihnen in Jalal Abad zu schlafen, wenn wir Unterkunft brauchen. Dankend verabschieden wir uns mit “in Shallah” und die 6 verschwinden auf magische Weise in dem winzigen Auto. Gut gelaunt geht es weiter auf den Pass hoch, die Temperatur ist schon wieder um die Null Grad und ab und zu liegt Schnee neben der Strasse, die Reste der Lawinen des Winters, vermuten wir. Als wir endlich den Pass erreichen fängt es an zu hageln und zu schneien. Wir beschliessen unsere Pause auf das wärmere Tal zu verlegen und packen uns mit allem ein was wir haben, leider keine Handschuhe. Endlos windet sich die Strasse den Berg hinunter und die permanent bremsenden Hände brennen vor Kälte. Immer wieder muss ich anhalten um sie warm zu reiben um das Gefühl und die Kraft nicht völlig zu verlieren. Die Bremsscheiben dampfen und zischen wenn Tropfen darauf fallen. Es ist als würde man Winter, Frühling und Herbst kurz hintereinander erleben. Oben noch Schnee und Eiseskälte, ein paar hundert Meter weiter blühen die Frühlingsblumen, und noch weiter unten herrscht sengende Hitze und Dürre.

Weil wir noch Brot bekommen haben, lassen wir uns an einem Schlafplatz direkt an einem riesigen Gebirgsfluss nieder, der tosend ins Tal strömt. Wir basteln an unseren Fahrrädern, die Handbremse wird optimiert und das frontale Stativ ausgebessert. Nach einem reichlichen Abendessen gehen wir schlafen. Am nächsten Tag, dem 30.6, verbasteln wir mal wieder den gesamten Vormittag, und bezahlen unser erstes Schmiergeld. Zwei Zivile Ekologica-Polizisten (ob sie das wirklich waren?) kommen an und belehren uns, dass es hier ein Naturschutzgebiet sei und wir hier so kein Feuer machen dürfen. Unser komplett abgeschirmte Kocher sei nicht “normal” und wir sollen lieber ein Steinbecken für das Feuer machen, das wäre “normal”. Zuerst sollen wir 1000 Som zahlen, nach einigem Gerede sind es dann nur noch 300 und als ich ihm dann 240 gebe ist er damit zufrieden. Sie schenken uns zum Abschied noch wilde Nektarinen, eine irgendwie falsche Art, erst zu kassieren und dann so freundlich zu sein.

In Toktogul kaufen wir das nötige Essen und fahren weiter an den gleichnamigen See. Die Berge um den See gleichen riesigen abgerundeten Maulwurfshügeln, und die Strasse windet sich malerisch durch sie hindurch. Kirgisistan ist wirklich eines der schönsten Länder die ich bisher bereist habe. Am Straßenrand verkaufen Kinder Fische die beinahe ihre Größe haben, viel zu schwer für uns um sie mitzunehmen.

“Sollen wir jetzt einfach aufstehen?” frag ich Hansen. Es ist der 1.7. und aus unbekannten Gründen sind wir beide um 6:00 schon ausgeschlafen. Es kostet etwas Überzeugungskraft Hansen aus den Federn zu bewegen, aber letztendlich schaffen wir es seit langem mal wieder früh aufzustehen und in der kühlen Morgenluft loszufahren. Heute haben wir nur einen kleineren Pass vor uns, leider erreichen wir dessen Fuß jedoch erst zu Beginn der Mittagshitze und quälen und so 700 m mit Aussicht auf kühlere Bergluft den Pass hoch. Oben angekommen müssen wir den ersten Satz Bremsbacken wechseln. Die vergangenen Pässe haben meine vorderen Bremsen runtergehobelt. Die Abfahrt geht in einem anfangs sehr steilen, später gediegenen Tal an einem Fluss entlang bis unterhalb des großen “Toktogul Hydroelectric Plant” wo wir uns einen Schlafplatz auf einer kleinen Halbinsel suchen. “Das absolute Paradies” sagt Hansen immer wieder. Das Wasser ist türkisblau und eiskalt, die Insel liegt in einem Canyon und hat Kirsch- und Aprikosenbäume die reich an Früchten sind. Ein Angel- und Badeparadies.

“Schau mal Hansen, die Strömung des Flusses hat sich geändert” sag ich und zeige auf Äste und Blätter die gegen den Strom den Fluss hinaufziehen. Meine Vermutung bestätigt sich sofort darauf. Das Wasser ist gestiegen und hat das Treibgut vom Ufer aufgenommen. “Verdammt” sagt Hansen und holt die Karte raus, “wir sind schon am nächsten Stausee”. Und tatsächlich haben wir unser Zelt auf einer Halbinsel in einem Wasser-Reservoir aufgebaut dass anscheinend jeden Abend aufgestaut wird. Gleichzeitig folgt aber die Entwarnung. “Die Wasserhöchstkante kann man da sehen” sagt Hansen und zeigt auf die Felswand gegenüber. “Das Wasser musste aufhören zu steigen wenn es die Kante erreicht hat, ansonsten müssen wir hier weg.”

Wie wir vermutet hatten hörte das Wasser auf zu steigen als es die Marke erreicht hatte. Es hätte uns auch gewundert, wenn die so grün bewachsene Halbinsel täglich überflutet werden würde.

“Ich muss Kotzen” sagt Hansen und springt aus dem Zelt auf. Wir hatten uns gerade hingelegt, als Hansen über Magenschmerzen und Übelkeit klagte. Er schafft es gerade noch zur Wasserkante und ich höre sein Erbrochenes in den See plätschern. Eine ganze Stunde sitzt er da und kotzt sich aus. “Das waren die scheiß Früchte”, flucht er während ich ihm Wasser und Klopapier bringe. Dann kriecht er zerstört und schlapp ins Zelt zurück. Am nächsten Morgen, dem 2.7., geht es ihm nicht viel besser. Die Krankheit hat sich auf den Darm ausgebreitet und Essen und trinken fällt ihm schwer. “Nur gut, dass wir einen kühlen schattigen Platz haben” sage ich zu ihm, “Wir bleiben hier so lange bis es die besser geht!”

Jetzt sitze ich vor dem Zelt und Hansen liegt darin und schläft so gut es geht. Das Wasser ist wieder zurückgegangen.

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