Blechschäden

Posted by on September 23, 2012

Als wir am 20.9 Abends im dunkeln sitzen und zu Abend essen, hält auf der Strasse unter uns plötzlich ein Auto, vier Türen gehen auf und zu und Taschenlampen suchen sich ihren Weg in unsere Richtung. Es ist stockdunkel, der Mond ist als Sichel zu schwach um durch die dicke Wolkenschicht Licht zu spenden, nur in dem nahenden Gewitter wird der Himmel und die nächtliche Tannenlandschaft stoßweise erhellt, gerade genug, um die Silhouetten der herankommenden Gestalten zu erkennen. “Schnell, mach die Stirnlampe aus”, zischt Hansen mir zu, und ich reiße sie vom Kopf und schalte sie unter meiner Jacke ab. Schnell stehe ich auf und gehe den Gestalten ein Stück entgegen, in meiner Jeans und der dunkelgrünen Jacke bin ich im Dunkeln quasi unsichtbar. Die vier tuscheln leise und laufen bedacht den kleinen Pfad zu unsrem Zeltplatteau hinauf, etwas zu zielstrebig für meinen Geschmack. Ich schleiche zurück zu Hansen: “Es sind vier Mönche”, flüstere ich, “keine Ahnung was die wollen!”
Wir beschließen offensiv zu sein, machen die Lichter an und rufen laut “Ni Hau” um die schleichenden Mönche auf uns aufmerksam zu machen. Das Geflüster stoppt, für einen Moment ist absolute Stille, dann richten sich ihre Taschenlampen auf uns. Geblendet von dem Licht sehe ich nichts mehr. Ich richte mich auf, noch immer keine Antwort. Dann, endlich, ein ebenso vorsichtiges und überraschtes “Hallo”, direkt gefolgt von einem “Sank You”, den einzigen Englischen Worten die sie wohl kennen. Die vier machen auf der Stelle kehrt und laufen zurück zum Auto. Was sie hier oben wollten werden wir nie erfahren, aber sie waren sehr geheimnistuerisch unterwegs.

Das herannahende Gewitter zieht direkt über uns und die ganze Nacht tobt ein Sturm. Hansen steht mitten in der Nacht auf und flickt eine im Sturm undicht gewordenen Naht unseres Zeltes mit dem Ersatz-Unterboden.

Am 21.9 morgens ist alles vorbei. Der Wald um uns herum ist deutlich mitgenommen, große Äste und Blätter liegen überall auf dem Boden, bei einigen der Tannen sind die Wipfel geknickt.
Wir kochen uns Reis zum Frühstück und fahren los: “Auf zu unserem 4. letzten Pass”, feuere ich Hansen an.
“Und nicht irgendeiner, das ist der letzte, mit einer Gesamtsteigung von über 1300 m”, sagt Hansen während er auf die Karte guckt!”

Mit Rückenwind und Sonnenschein machen wir uns auf den Weg. In Dawu essen wir zu Mittag und kämpfen uns mal wieder mit China Mobile ab. Diesmal allerdings mit einem anderen Problem: Wir haben wiedermal die Provinz gewechselt, und so müssen wir eine neue Sim-Karte kaufen: Zu unserem Glück, denn bei China Mobile in Quinghai haben wir ein dickes Minus aufgebaut, und die Unternehmen der verschiedenen Provinzen scheinen keinen Rechnungsausgleich vorzunehmen, wodurch wir zwar mit einer neuen Nummer, aber schuldenfrei sind.

Vollgefressen und mit neuer Nummer (139-9045-2162) machen wir uns auf den Weg. Ich bin wirklich überrascht wie fit wir sind. Nur mit einer kleinen Pause strampeln wir 1300 Höhenmeter mit teilweise über 10 % Steigung den Berg hoch, in nur 2,5 Stunden. Oben angekommen habe ich zum ersten mal ein seltsames Gefühl. “Weißt du was Hansen?”, frage ich noch immer nach Atem ringend, “Momente wie diesen, werden wir jetzt häufiger haben. Momente in denen wir feststellen, dass es das letzte mal auf dieser Tour ist, dass wir etwas erleben. Heute haben wir den letzten Anstieg über 1300 m gemeistert, ab jetzt werden die Steigungen kleiner.” Es ist befreiend, aber macht einem auch deutlich, dass das Ende naht. Shanghai wird immer wahrscheinlicher, unsere monatelange Vorbereitung immer lohnender. “Shanghai ist zum greifen nahe”, spreche ich meinen letzten Gedanken laut aus. “Wer hätte gedacht, dass wir es tatsächlich schaffen”
“Aber noch sind wir nicht da, Paul, lass uns mal lieber nichts vorwegnehmen, wer weiß wie das Flachland in China wird, und ob unsere 2. Visaverlängerung klappt”, rationalisiert Hansen meine Gedanken.

Wir packen uns warm ein, suchen nach Feuerholz und fahren dann ein paar Hundert Meter ab um einen Schlafplatz zu suchen. Mehr aus Faulheit als aus Holzmangel essen wir Brot mit der noch immer über 1 kg wiegenden Yak-Butter zu Abend. Wir aktualisieren den Auktionsstatus der Auktion die wirklich unglaubliche Gebote hat (Danke an Alle!!) und gehen zuversichtlich schlafen.

Am 22.9 verfallen wir, entgegen dem Zeitdruck unter dem wir wegen unserer 2. Visaverlängerung stehen einer alten, früher oft mit unserem Vater gefrönten Leidenschaft, dem Staudamm-Bauen. Wir stauen den Bach an dem wir gezeltet haben so hoch auf, dass wir beinahe Opfer unserer eigenen Tat werden und das noch in der Sonne trocknende Zelt schon im Wasser steht als wir es abbauen. “Papa wäre stolz auf uns”, sag Hansen grinsend, und springt händeklopfend über eine neu entstandene Insel an das ebenso neu entstandene Ufer.

Wir fahren gegen 13:00 Uhr los und nehmen uns vor den heutigen Pass trotz der späten Stunde noch zu überfahren. Als wir zur Hälfte oben sind, beschließen wir die unter den Jacken angestaute Hitze zu nutzen um uns in dem eiskalten Gebirgsbach der neben uns das Tal hochzieht zu waschen. Mir frieren schier die Beine ab, und als ich den Kopf unter Wasser tauche bleibt mir die Luft weg. Aber wie immer lohnt sich das Bad allein für das erfrischte Gefühl danach.
Kaum sind wir fertig, zieht erneut ein Gewitter auf. Wir packen alles wasserdicht ein, und fahren im strömenden Regen und mit orkanartigen Böen als Gegenwind die letzten 200 m den Pass hoch. Ohne Pause fahren wir auf der anderen Seite ab und halten in einem kleinen Dorf das zu dem Tagong Temple gehört an um in einem Restaurant unsere Batterien zu Laden. Leider sind die Betreiber unangenehme, schmierige Abzocker, die uns für ein bisschen Reis, etwas Paprika und zwei winzige Happen Fleisch unverschämte Preise berechnen. Mal wieder bereuen wir, nicht vor dem Essen nach den Preisen gefragt zu haben, denn so können sie verlangen was sie wollen. Wir versuchen noch zu Handeln, aber bekommen nur ein dreckiges Grinsen mit dem Verweis, sie hätten unsere Akkus geladen, das müssten wir halt auch bezahlen. Wenn nicht im Hintergrund ein riesiger Flachbildschirm völlig unbeachtet gelaufen wäre, hatte man annehmen können, dass Strom hier teuer ist, aber die Festbeleuchtung und Stromverschwendung die man überall sehen konnte sprach dagegen.

Enttäuscht über die Tourifalle ziehen wir weiter und suchen und direkt an der Strasse einen Schlafplatz am Flussufer.

In der Nacht regnet es wieder so stark, dass ich von den laut auf das Zeltdach prasselnden Tropfen kaum schlafen kann. In den frühen Morgenstunden höre ich dann erst Reifen quietschen und dann ein sich überschlagendes Auto. Es ist wirklich nicht zu fassen wie schlecht hier die Baustellen gesichert sind, manchmal sind metertiefe Löcher in unübersichtlichen Kurven nur mit ein paar faustgroßen Steinen auf der Strasse markiert, ich selber habe mich schon ohne Vorwarnung plötzlich neben 30 Meter tiefen Abgründen gefunden, wenn die abhangseitige Spur der Strasse in den Bergen mal wieder neu gemacht werden muss.

Das Auto liegt dampfend auf der Seite im Graben. Glücklicherweise steigen alle unversehrt aus und auch Hilfe ist schon vor Ort. Den ganzen Morgen räumen die Leute die Strasse auf, und als das zerbeulte Auto letztendlich wieder steht, setzen sich die Insassen rein und fahren mit dem aus meiner Sicht echt unfahrbaren Auto weiter, und das nicht allzu langsam. Kaum sind sie weg, scheppertest das nächste Auto gegen die Felswand, nachdem es einen der als Absperrung dienenden Felsbrocken gerammt hat. “Schnell, den erste Hilfe Kasten”, ruft Hansen mir zu während er zum Auto rennt, dass nur 50 Meter entfernt qualmend in der Kurve steht. Aber bevor wir es erreichen klettern die Insassen zu den kaputten Frontscheibe heraus und begutachten den Schaden. “Nur ein Blechschaden”, rufe ich Hansen zu, der mit dem Verbandszeug in der Hand nachkommt. Ein LkW hält an und da somit für Hilfe gesorgt ist, brechen wir unsere “Rettungsaktion” ab und gehen zurück zum Zeltplatz, wo ich weiter an diesem Blogpost schreibe.

Übrigens sagt man hier in Tibet anstelle von “Hallo”, auf Wiedersehen, wenn man Fremde auf der Strasse sieht, was meiner Meinung nach auch mehr Sinn macht, denn meistens fahren wir ja vorbei. Die Leute rufen dazu etwas, das dem russischen “wie geht’s” (Kak Dilla) sehr ähnlich klingt, aber eben eine Verabschiedung ist: Sie singen winkend “Kak dillä”, bzw. weiter im Osten “Kashe Dillä”. Die kleinen Kinder kriegen sich manchmal garnichtmehr ein und rufen es so lange, bis man außer Sichtweite ist.

So, die Sonne scheint, die Strasse ruft, und vor allem der vorletzte Pass.

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