Blogpost

Posted by on Juli 31, 2012

Dieser Post heißt Blogpost, weil er ebenso lustlos geschrieben ist wie sein Titel ;o)

“Oh mann, da haben wir und aber was vorgenommen”, sagt Hansen mit leicht zweifelndem Unterton, als er die lange, kurvenlose Strasse entlang blickt. Vor uns liegt die Taklemakan Wüste. Gestern sind wir aus Yecheng rausgefahren, und ab heute werden wir außer gelegentlichen Oasen die nächsten 1000 km Sand und Geröll als Untergrund zum Schlafen haben. Es ist der 25.7. Wir sind früh aufgestanden aber haben den Morgen wieder mit Basteln verbracht und stehen erst jetzt, um 12 Uhr auf der Strasse.
Ich warte ungeduldig noch während Hansen die Musikauswahl für die nächsten Stunden trifft. “Können wir dann mal  los?” kann ich mich irgendwann nichtmehr zurückhalten. “Ja”, sagt Hansen abwesend und tippt weiter auf seinem iPhone. Ich fahre los und kurz dannach folgt Hansen mir, aus den Boxen an seinem Lenker schallt der Soundtrack des Films “Into the Wild” von Eddie Vedder. Stumm strampeln wir vor uns hin, als plötzlich jemand direkt neben mir “Chello” brüllt. Erschrocken schaue ich nach links und neben mir befindet sich ein anderer Radfahrer. Er stellt sich als Sergey aus Novosibirsk vor, sein Bruder Konstantin und ein Freund ziehen gerade nach. Wir fahren eine zeitlang mit den wirklich angenehmen Zeitgenossen, sie sind die ersten Radfahrer seit langem die wir treffen, die Ihre Tour ähnlich abenteuerlich durchziehen, ausschließlich zelten, und versuchen die entferntesten Regionen zu durchfahren. Nach einiger Zeit verabschieden sie sich, sie sind etwas unter Zeitdruck. Weil wir starken Gegenwind haben beschließen Hansen und ich Windschatten zu fahren, immer 20 km abwechselnd. Ich fahre dabei nicht mehr als 10 cm hinter Hansen, und nur eine Stunde später preschen wir an den Russen vorbei, die sich nebeneinander gegen den Wind kämpfen. Wir rufen ihnen zu, das wir in der nächsten Stadt auf sie warten, dort wollen wir zu Abend essen und Wasser auffüllen.
“Why were you so fast before the City” fragt uns Sergey ungläubig als sie eintreffen. Hansen erklärt ihnen unsere Windschatten Taktik und sie sind erstaunt über die Effizienz. Wir verabschieden uns, diesmal endgültig, denn wir wollen noch 30 km dranhängen während die drei Sibiren ihren Schlafplatz direkt hinter der Stadt aufschlagen wollen.

Als auch wir endlich unseren Schlafplatz haben sind wir erschöpft. 130 km gegen den Wind in einer brütenden Hitze. Wir schlagen unser Zelt auf, waschen uns mit etwas schlammigem Wasser aus dem Dorf und essen zu Abend. Gerade als wir schlafen wollen knallt es laut, und mal wieder werden wir Zeuge von etwas ziemlich einzigartigen: Die Hochspannungsleitung ca. 200 m weiter ist gerissen, und nach und nach zieht sich das Seil aus den Isolatoren und schleift mit einer Staubwolke über den Boden. Die Masten wackeln bedrohlich bleiben aber stehen. Aus sicherer Entfernung beobachten wir unser Betthupferl-Spektakel. “Never lean on anything in China” wiederholt Hansen die Worte von Rob, ein in Hanschou lebender Amerikaner den wir in Kashgar getroffen haben.

Am 26.7 stehen wir sehr früh auf. Um 6:30, es ist noch dunkel, fahren wir los. Wieder kämpfen wir uns gegen den Wind, machen Mittagspause an einer kleine Tankstelle wo es nur Yes-Törtchen und ekelhafte Nusskekse gibt und schleppen uns gegen 15:30 und 150 km später in Hotan ein. Es gibt hier einiges zu erledigen, wir brauchen Sonnencreme, neues Guthaben für unser Handy, Brot, Wasser, und Material für den kleinen Camping-Ofen den wir uns bauen wollen. Bis auf letzteres bekommen wir alles, brauchen aber 3 Stunden bis wir wieder voll bepackt aus Hotan fahren. Wieder fahren wir im Akkord Windschatten und werden für gute 30 km von einer Horde Mopeds begleitet, die unsere Fahrt für ein sportliches Ereignis der Superlative halten. Ich komme mir vor wie bei der Tour de France, fehlt nur noch dass mir die Motorradfahrer Wasser reichen. Als wir bei 180 km angekommen sind, beschließen wir, die 200 voll zu machen und somit zum ersten mal die magische Grenze zu knacken. Mit letzter Kraft schleppen wir uns aus der Oase in die Wüste und feiern unseren Rekord mit einem kalten Eistee den wir einem Straßenverkäufer abkaufen und einer riesigen Portion Nudeln bevor wir komplett ausgepowered in die Schlafsäcke fallen.

Als wir am 27.7 aufwachen ist es schon 9, aber noch immer angenehm kühl. Der Himmel ist bedeckt, es tröpfelt sogar von Zeit zu Zeit, tolle Wüste ist das.

“Hansen, dein Fahrrad”, brülle ich als eine Böe wie aus dem Nichts Hansens Rad auf meins schleudert. Während dem Frühstück hatte sich ein Sandsturm angeschlichen, der uns mit einer seiner besten Böen begrüßte. Innerhalb von Sekunden ist alles staubig und die Sicht auf wenige Meter reduziert. Wir beschließen schnell zusammenzupacken, und den glücklicherweise von achtern kommenden Wind zu nutzen. Zum zweiten mal dürfen wir in der absoluten Stille in Windgeschwindigkeit in diese wirklich magische Atmosphäre eintauchen. Das fahren fällt leicht und so schaffen wir in einer Stunde fast 40 km.

“Oh nein, der Vollidiot, jetzt ist er in den Graben gefahren!” Rufe ich Hansen über die Schulter zu, der sich umdreht und es ebenfalls nicht fassen kann. Immer wieder kommen uns Motorradfahrer entgegen, die so dermaßen erstaunt sind darüber uns als Radfahrer in der Wüste zu sehen, dass sie ihren Blick nicht von uns lassen können und fast von der Strasse abkommen oder in den Gegenverkehr fahren. Ich frage mich manchmal wirklich in wir derartiges Verantworten können? Und nun ist es passiert, der Motorradfahrer hat so lange nach uns geschaut, bis er sich im Graben auf die Schnauze gelegt hat. Glücklicherweise ist er langsam gefahren wegen dem Sandsturm und als wir schon umkehren wollen ihm zu helfen hat er sein Motorrad aufgerichtet und er fährt weiter. Das gleiche in die andere Richtung passiert einem Autofahrer direkt vor uns nur zwei Stunden später, wieder geht alles gut. Nach einer 10 km langen Strecke gegen den Sturm kommen wir in Keriya an. Wir kaufen neues Brot und ein Stück gekochtes Hammelfleisch denn unsere Essensvorräte sind voll mit Sand und füllen Wasser auf. Hinter der kleinen Stadt nach 150 km suchen wir uns einen schattigen Platz unter Bäumen, der letzte bevor es wieder in die Wüste geht. Abgesehen von tausenden riesigen Zecken und Mücken ist es traumhaft schön hier. Wir bauen uns aus Dosen die erste Version unseres ausgeklügelten Camping-Ofens: Die Anfordeungen sind: Klein, effizient, universell befeuerbar, leicht. Und wir haben Erfolg. Kurz nach Sonnenuntergang brennt ein Ofen mit Schornstein vor uns und unser Wasser kocht schneller denn je zuvor, kein Gaskocher kann das toppen!

Am 28.7 wollen wir ruhig machen. Der Fluss der bald unseren Weg kreuzt scheint optimal zum Wäsche waschen, stellt sich aber im Nachhinein als eine Sandschleuder heraus, so dass all unsere Klamotten danach stauben und rieseln. Nach alt bewährter Methode bauen wir (Gruß an meinen Vater an dieser Stelle) eine Staudamm um die Wäsche einzuweichen, und sie anschließend mit den Füssen darauf einzustampfen um sie in steinzeitlicher Manier zu säubern. Es funktioniert, sogar die Jeans ist bis auf den schon erwähnten Staub und Sand nach der Prozedur sauber geworden. Als Wäscheleine dient uns die Leitplanke, was bei den einheimischen immer wieder Aufsehen erregt.
“Für heute ist genug getan” beschließen wir einheitlich nach nur 40 km lassen wir uns ein Stück weiter an dem Flussbett nieder. Unsere Bastelaktion geht weiter. Ofen 2.0 wird konzipiert und mit den großen Blechkanistern die wir heute am Strassenrand gefunden haben umgesetzt. Leider nur mittelmäßig erfolgreich, denn die erste Variante war deutlich platzsparender und effizienter. Zwar funktioniert der Ofen einiges besser als der ursprüngliche Kamelkacke-Kocher, aber wir beschließen die gestrige Modellversion 1.0 weiterzuentwickeln und die heutige Entwicklung nur vorübergehend als Notlösung zu benutzen. Während wir kochen qualmt es genüsslich aus dem ca 50 cm hohen Teleskop-Schornstein und die Flammen leuchten Durch die kleine Luke an der Schürklappe, es kommt Hütten-Feeling auf.

“Sag mal, ist der Fluss gestiegen?”, weckt Hansen mich sm 29.7 aufgeregt. Das Rauschen ist näher gekommen und deutlich lauter. Als wir das Zelt verlassen sehen wir, dass tatsächlich die Stelle an der wir zuerst Zelten wollten von einem kleinen Bach durchströmt wird. “In den Bergen muss es geregnet haben” stellt Hansen fest, ich nicke stumm. Nachdem sich der Nebel des vorgestrigen Sandsturmes über Nacht endlich gelüftet hat haben wir einen atemberaubenden Blick über das flache Tal, wie der Fluss gerahmt von grünen Büschen in den Sanddünen verschwindet.

Den ganzen Tag fahren wir durch karges, kasachstan-ähnliches Gebiet. Der Wind bläst wie immer mit ruhiger konstanter Kraft gegen die unsere und ich kann mir die ein oder andere Diskussion mit ihm nicht verkneifen: “Warum, womit haben wir das verdient, du Arschloch kannst doch mal auch von hinten blasen” frage ich ihn, worauf er meist mit einer starken Bö oder Windhose und Staub antwortet.

Wir kaufen in Niya ein und essen einen riesigen Schaschlik-Spieß, der in einem für unsere Bastelaktionen interessanten Ofen-Konzept gegart wird.

Auf dem Weg aus Niya sammeln wir wieder Dosen für die Version 3.0 unseres Ofens. Diesmal soll er perfekt werden, also kommen nur bestimmte Dosen in Frage: Stabile, unverbeulte Wände, Mindesthöhe 18 cm. Ca. 30 km hinter Niya, am Ende der Oase und Anfang der Dünen-Wüste sind wir und einig: Wir haben den schönsten Schlafplatz seit langem. Riesige Dünen, zu deren Füssen vereinzelt schattige Bäume stehen. Wir nehmen eine halbstündige Schiebeaktion durch Sand in Kauf und fangen wie besprochen mit der Planung der restlichen Route an. Ganz oben auf einer Düne (um Empfang zu haben) versuchen wir stundenlang herauszufinden, wo wir unser 60 Tage Visum verlängern können, ohne dabei große Umwege zu fahren: Erfolglos, die offizielle Seite der Polizei gibt spärliche Auskunft, wir beschließen also im nächsten Dorf die lokale Polizei zu befragen. Für einen neue Ofen reicht die Zeit vor Sonnenuntergang nun nichtmehr, also wird der alte befeuert und erweist sich als akzeptabler Kocher.

Am 30.7 stehen wir um 6 auf, fahren um 7 los und haben direkt nach 50 m den ersten Platten. Im Teamwork Flicken wir den Platten in einer Rekordzeit von nur 7:23 Minuten. Der Wind treibt sein uneinsichtiges Spiel und hängt an unseren Rädern wie ein kleines trotziges Kind das sich mit aller Kraft gegen das Vorwärtskommen stemmt. “Du kriegst uns nicht klein” sage ich immer wieder und trete noch fester wenn er seine starken Böen auspackt.
“Die geplanten 150 schaffen wir heute niemals” ruft Hansen mit verzweifeltem
Ton.
Zu allem Überfluss sind die Kilometerangaben auf unserer Karte für diesen Abschnitt falsch, und das erwartete Dorf zum Wasser auffüllen liegt ganze 30 km weiter als geplant. Fast ohne Wasser mit klebender Zunge schleppen wir uns wütend weiter. Auf der gesamten Tour war ich nicht einmal so nah an dem Gefühl eines verdurstenden in der Wüste. Es ist ein beklemmendes Gefühl, man will schnell weiter aber sich nicht überanstrengen, man träumt durchweg von kaltem klarem Wasser, Bier, Saft, nur um ständig wieder daran erinnert zu werden, dass es ungewiss ist, wann man sich damit befriedigen kann. Jede Kurve, jeder Busch in der Entfernung wird zu einem Haus, und dann endlich, wenn man sich an Enttäuschungen schon gewöhnt hat und es nichtmehr wagt Hoffnungen auszusprechen, dann endlich erscheint das echte Dorf. Wir fragen nach Wasser und ich werde in einen kleinen Hinterhof geführt. Alles ist aus Lehm gebaut, es gibt keine Fenster, die Flachdächer sind mit Stroh und Lehm gedeckt. Die Kinder spielen im Dreck und eine Unzahl von
Katzen wischt um die Füße, niesend, krächzend und fauchend gegeneinander vorgehend um das beste Stück vom Fremden zu ergattern. Als ich beginne das Wasser abzufüllen schreit die Frau auf, und hält mich auf. Ich hatte beim umfüllen etwas Wasser verschüttet, ein Fettnäpfchen. Natürlich ist Wasser hier Mangelware, und es ist eine Sünde auch nur Tropfen zu verschütten. Sie nimmt mir die Schöpfkelle aus der Hand und kümmert sich um den Rest. Behutsam und mit viel Geschick füllt sie verlustfrei die Kanister auf. So wichtig ihr das Wasser war, so gerne hat sie es und gegeben, wissend, dass diese Strecke ohne Auto nur mit Wasser zu schaffen ist. Ich bedanke mich mit schlechtem Chinesisch und wir fahren weiter um einen Kilometer weiter nach knapp 110 km unser Camp aufzuschlagen. Wieder reicht die Zeit nicht für eine Ofenkonstruktion und so beschließen wir die zum Bau benötigten Blechdosen noch einen weiteren Tag mit zu schleppen. Der Boden hier ist tückisch, er macht den Anschein von Sand, birgt aber hier und dort halb Meter Tiefe Löcher die nur durch eine feine Staubmasse gefüllt sind, so dass man fast widerstandslos darin einbricht.

Am 31. Vergessen wir unseren Wecker zu stellen um wachen auf als die Sonne die Temperaturen im Zelt unerträglich macht. Matschbirnig stehen wir auf, und frühstücken dürftig ohne Brot eine Dose Bohnen, Nudelreste und Kaffee, bereitet auf unserem mittlerweile eingerußten und immer besser funktionierenden Ofen. Wir verlassen den staubigen Platz der uns stark an eine Mülltonne erinnert in der man einen Staubsaugerbeutel entleert hat. Wie immer kämpfen wir uns gegen den Wind, mittlerweile Stumm und kommentarlos nehmen wir die Bremse hin und ergeben uns in der ein oder anderen Bö.

Zu Mittag landen wir in einem auf unserer Karte noch nicht eingezeichneten Dorf, wir vermuten es wurde wie viele Dörfer in China geplant und aus dem Boden gestampft innerhalb weniger Monate, nach Bau der neuen Strasse. Wir essen zu Mittag und füllen unsere fast 40 Liter Wasserreserven auf. Es hat wieder 46 Grad im Schatten und wir sind um den Gegenwind beinahe dankbar, der zwar anstrengend, aber in der Pause kühlend ist.

Das folgende Bild ist als kleiner Gruss an Kaptain Koni aus Berlin, dessen hübschen Vogel “MaiThai” mich als Talisman begleitet. Der Vogel bestand darauf seine Grüsse auf diese Art zu entrichten, ich als abergläubischer Mensch ergebe mich natürlich dieser Vorderung ;o)

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