Ausschnitt aus dem Buch

Posted by on September 16, 2013

Wer es nicht abwarten kann: Heute schon mal anfangen, morgen dann im Buch weiterlesen:

Cover Zwei Nach Shanghai

Das Buch kann man hier schon bestellen

ALGABAS

Sasch / 19. Mai / Algabas, KASACHSTAN
Paul


Da liegen wir nun in einer kleinen Mulde, mitten in der Einöde von Kasachstan, mehr als 3000 Kilometer von zu Hause entfernt, und verstecken uns vor Sasch und seiner betrunkenen Bande, die uns eben auf der Landstraße angehalten und verprügelt haben.
Wir verstecken uns mit allem, was man so braucht, wenn man den tollen und vielleicht auch völlig verrückten Plan umsetzen will, mit dem Rad von Berlin nach Shanghai zu fahren: ein kleines Zelt, Schlafsäcke, Werkzeug und Messer, Kleidung, Kompass und Karte, eine kleine Solaranlage zur Stromversorgung, Kameras, mit denen wir die Fahrt aufzeichnen, und unsere Pässe – nicht

viel, aber jeder Fitzel davon ist umso wichtiger.
In unseren übergroßen, blau-weiß gestreiften langärmeligen Shirts sehen wir ein bisschen aus wie ausgebrochene Sträflinge. Die Longsleeves sind aus billigem Stoff, aber mehr hat unser knappes Budget nicht hergegeben. Wir haben sie in einem Supermarkt irgendwo am Straßenrand in Russland gekauft und vorn in die Ärmel Löcher für die Daumen reingeschnitten. So schützen sie uns einigermaßen vor der Sonne und blähen sich im Fahrtwind auf wie kleine Segel, was den Rücken angenehm kühlt. Irgendwann ist uns aufgefallen, dass viele Lkw-Fahrer genau die gleichen Shirts tragen. Wir gehören also inzwischen zum Team der Straße.
Es gab einige Momente während der letzten sechs Wochen, in denen ich mich zurück in mein Bett in der schönen, sonnigen Altbauwohnung in Berlin-Neukölln gewünscht habe, aber das waren nur kleine, sentimentale Schwächeanwandlungen. Jetzt, in diesem Augenblick, zweifle ich zum ersten Mal wirklich. Was für eine haarsträubend dumme Idee! Wie naiv von uns, zu glauben, die ganze Welt wäre zwei voll bepackten Radfahrern freundlich gesonnen.
Ich muss an das Foto von Michael Rockefeller denken, das ich vor drei Jahren im Metropolitan Museum in New York gesehen habe. Da sitzt ein blonder, blasser Jüngling mit Button-down-Hemd, Brille und Kamera zwischen ein paar wild aussehenden Ureinwohnern von Neuguinea. Er verschwand bald darauf und wurde nie wieder gesehen. Vielleicht von einem Krokodil gefressen, vielleicht von den Asmat selbst … Mir wird kotzübel. Klar, Kasachstan ist ein freundliches, einigermaßen zivilisiertes Land. Hier frisst man keine Radfahrer, aber es spricht eigentlich nichts dagegen, sie zumindest auszurauben und ordentlich zu verprügeln, um ihnen ihre romantisch-abendländische Abenteuerlust auszutreiben.
Hinter uns senkt sich langsam die Sonne, und die Straße in einiger Entfernung ist nur noch durch die Buschreihe und die Reflexionen der vereinzelt passierenden Autos zu erkennen. Als der selbst gebaute Ständer meines Fahrrads mit einem leisen Kratzen hinter uns im sandigen Boden versinkt, zucke ich zusammen. Mir schlägt das Herz bis zum Hals.
»Hansen«, zische ich meinem Zwillingsbruder zu, der neben mir kauert und seinen Kopf zwischen den verschränkten Armen versteckt.
Hansen murmelt irgendetwas.
»Hansen, was machen wir bloß?«
Wäre das Ganze ein Horrorfilm und ich ein Zuschauer im Kino, würde ich dem Darsteller zurufen wollen: »Lauf weg, renn! Du bist in Gefahr!« Aber ich bin nicht im Kino, sondern hocke stocksteif vor Angst irgendwo in einem fremden Land. Ich höre Hansen leise fluchen und vermute, dass er sich gerade ähnliche Gedanken macht. Die Mulde, in der wir liegen, ist das einzige Versteck weit und breit, also wohin sollten wir fliehen? In das weite Grasland der Steppe? Auf dem sandigen Boden können wir mit den Rädern nicht fahren, schon gar nicht mit dem vielen Gepäck. Wenn wir sie jetzt zurücklassen, um wegzulaufen, müssen wir aufgeben, denke ich, und als ob er meinen Gedanken gelesen hätte, sagt Hansen: »Paul, die finden uns hier nicht. Sie sind stärker, aber wir sind klüger. Und schneller. Wenn es hart auf hart kommt, rennen wir weg, lassen die ganze Ausrüstung zurück und scheißen drauf. Bevor die mich kriegen, laufe ich lieber zu Fuß nach Shanghai!«
Der Tag hatte wie viele andere davor begonnen. Es war unser 43. Reisetag und wir brachen morgens auf, um unsere durchschnittlich etwa 120 Kilometer hinter uns zu bringen, Essen zu kaufen, einen Nachtplatz zu suchen, völlig erschöpft einzuschlafen und am nächsten Morgen wieder aufzubrechen. Und so weiter.
Wir hatten den ganzen Tag über starken Gegenwind und muss­ten gegen acht Uhr abends in ein kleines Dorf namens ­Algabas, etwa fünf Kilometer abseits unserer Route, fahren, um Wasser zu besorgen. Am Ortseingang wurden wir von einer Traube Kinder empfangen, die uns freudig bis zum örtlichen Lädchen begleitete.
Während Hansen einkaufte, wartete ich bei den Rädern. Die Kinder spielten neugierig aber vorsichtig an den Taschen, meinem Telefon und den Kameras herum. Ein paar durften auf meinen Schoß und ein Foto mit der frontal montierten Kamera von sich auf dem Rad machen. Als Hansen wenig später mit Wasser bepackt wieder auftauchte und wir uns auf den Weg machten, rannten die Kinder noch neben uns her, bis wir den Ortsausgang erreicht hatten.
Seitdem wir am 12. Mai über die Grenze nach Kasachstan gefahren waren, sind wir in dieses Land verliebt. »Kazachstan normal?«, fragt mich Hansen manchmal, wenn ich verträumt in die weite Landschaft schaue, und ich antworte jedes Mal mit »Da!«, was soviel heißt wie »Ja!«. Was genau »Kazachstan normal« heißt, wissen wir gar nicht, aber wahrscheinlich etwas wie: »Gefällt dir Kasachstan?« oder »Kasachstan gut?« Denn wir hören diese Frage, egal wo wir auftauchen, und bekommen immer feste Schulterklopfer und ein breites, zustimmendes Lachen geschenkt, wenn wir mit »Da!« antworten.
In Russland waren die Menschen uns gegenüber weitaus argwöhnischer, hier in Kasachstan werden wir ständig angehalten, weil man sich mit uns fotografieren lassen will. Als Belohnung bietet man uns Bananen, Zigaretten und sogar Geld an. In den Geschäften gibt man uns oft einen Discount oder ein kleines Geschenk mit auf den Weg – Mückenspray, Süßigkeiten oder Würste. »Kasachstan rocks«, sagt Hansen immer wieder mit aufgesetzt cooler Miene und streckt dabei eine Mano Cornuta zum Himmel. Genau, Kasachstan rocks – zumindest bis zu diesem Moment am Ortsausgang von Algabas.
Wir haben gerade erneut richtig Fahrt aufgenommen, da werden wir von einem silbernen Ford Galaxy überholt, abgedrängt und zum Anhalten gezwungen.
Zuerst denken wir, es wäre einer dieser »Fototermine«, wie Hansen und ich die manchmal geradezu aufdringlichen ­Bitten nach einem Bild mit uns nennen. Aber schnell stellt sich heraus, dass die Insassen alle sturzbesoffen sind. Sasch, wie sie den ­Allerbetrunkensten nennen, und die anderen zwei haben kein Interesse an Fotos. Der dicke Sasch baut sich vor uns auf: »Warum sprecht ihr kein Russisch?«, schreit er und kommt dabei mit seinem faulig stinkenden Mund immer näher an mein Gesicht. Aus seinem Mund schäumt es. Er streckt mir seine massige Brust in einem verdreckten, verschwitzten weißen T-Shirt entgegen und scharrt mehrfach auffordernd mit seinen ausgetretenen Flipflops im sandigen Straßenbelag. Weil wir kaum etwas von dem verstehen, was er sagt, wird er nur noch wütender.
Sein Handlanger ist ein schmächtiger Typ mit kurzen schwarzen Haaren und einem fleckig gewachsenen, dünnen Bärtchen. Den dritten können wir nur schemenhaft erkennen, er ist hinter den getönten Scheiben des Vans sitzen geblieben, wahrscheinlich um uns schnell folgen zu können, sollten wir doch versuchen abzuhauen.
Wir stehen da, die Räder zwischen die Beine geklemmt, und haben keinerlei Möglichkeit auszuweichen. Abspringen und wegrennen geht nicht. Klar wäre das vernünftiger, aber was passiert dann mit den Rädern? Wahrscheinlich würde der Typ in dem Van sofort aus Spaß drüberrollen. Und selbst wenn wir abhauen würden – wohin sollten wir? Verstecken kann man sich in dieser kargen Einöde nirgends. Sasch versucht, uns von den Rädern zu zerren, aber irgendwie schaffen wir es standzuhalten. Stück für Stück nimmt er unsere Ausrüstung auseinander, schaut mich mit gefletschten Stumpen und verbissenem Blick an, während er versucht, unsere bis drei Meter sturzfeste Outdoor-Kamera mit der bloßen Hand zu zerdrücken. Ein lächerlicher Versuch, und der Misserfolg macht ihn nur noch rasender. Er ist blind vor Wut, brüllt uns in einem fort an.
Zuerst schlägt Sasch Hansen in den Magen, sodass der sich vor Schmerzen über seinem Lenker krümmt, dann bin ich dran. Ich spanne meine Bauchmuskeln an und versuche, Abstand zu halten, aber Saschs feiger Handlanger steht hinter mir und hält mein Rad fest. Immer wieder ruft er mir hysterisch zu: »Fahr doch, na fahr doch, du Schwächling«, nur um uns, sobald wir einen Tritt getan haben, an den Gepäckträgern festzuhalten und gackernd aufzulachen. Sasch beginnt, wie ein Wilder die an unsere Räder montierten Kameras abzureißen und auf den Boden zu schmeißen. Danach zieht er mein iPhone aus der Halterung und steckt es sich feixend in die Hose, um mir gleich darauf erneut ordentlich eine zu klatschen.
Diesmal hat er mich nicht richtig hart getroffen, trotzdem beuge ich mich in simuliertem Schmerz hinunter und ziehe dem ekelhaften Ungeheuer mein Handy wieder aus der aufgesetzten Seitentasche seiner Cargohose. Er merkt es nicht. Mein ganzes Leben habe ich es geschafft, mich durch Beschwichtigungen aus Schlägereien herauszuhalten, und jetzt komme ich mir vor wie ein totaler Schwächling. Schwach in dem Sinne, dass ich komplett ratlos bin. Wie soll ich diesem wahnsinnigen Typen begegnen? Reden hilft nicht, sich dumm stellen auch nicht, den Kampf aufnehmen ist erstens nicht mein Stil und zweitens keine Option, denn wir sind den dreien körperlich eindeutig unterlegen. Sasch hat uns voll im Griff. Wenn er will, kann er schlicht ausholen, uns zwei dünnen Jungs ein paar Rippen brechen und das Abenteuer beenden. Jetzt greift er sich Hansen, schlägt ihm mit der flachen Hand gegen den Helm und reißt ihn dann vom Rad. Hansens linker Unterschenkel reißt dabei am Zahnkranz auf. Er liegt auf dem Boden und blutet, sein Gesicht schmerzverzerrt. Es macht mich rasend, wenn man meinem Bruder etwas antut. Und nichts ist schlimmer, als ihm nicht zu Hilfe eilen zu können.
Zum Glück verstehen sich Zwillinge auch ohne Worte. Als ich Hansen einen Blick zuwerfe, begreift er sofort. Ich simuliere einen Nervenzusammenbruch, rede wirres Zeug und zittere und heule wie ein Schlosshund. Hier kriegt ihr was ihr wollt, ihr Vollidioten – einen völlig verängstigten Wohlstandsbuben, den ihr in den Wahnsinn getrieben habt! Zuerst scheint der Plan nicht aufzugehen, denn Sasch packt mich im Nacken und verpasst mir noch einen heftigen Schlag ins Gesicht, um mich »zur Vernunft zu bringen«. Als mein irres Gerede trotzdem nicht aufhört, scheint Sasch dem Spiel zu glauben, denn immerhin hören die Hiebe auf, und die Arschlöcher biegen sich stattdessen vor Lachen. Die ganze Zeit über versuche ich, während ich weiter zittere und heule, mit vorbeifahrenden Autos Blickkontakt aufzunehmen, ohne dass Sasch davon etwas mitbekommt. Aussichtslos. Die Autos fahren schnell vorbei. Entweder traut sich keiner einzugreifen oder sie erkennen den Ernst der Lage nicht.
Als Sasch meinen verzweifelten Blick in Richtung der Autos bemerkt, macht sein vom Alkohol zermartertes Gehirn einen fatalen Interpretationsfehler: Er glaubt, ich hätte aus Angst vor den vorbeifahrenden Autos in deren Richtung gestarrt, und drängt mich nun auf die Gegenfahrbahn, um mich weiter zu demütigen. Ich spiele mit und lasse mich abdrängen. Da kommt, noch ein Stück entfernt, ein Lkw hupend auf uns zugerast und macht zu meinem Schrecken keine Anstalten zu bremsen. War die Aktion ein Fehler? Ich versuche, an Sasch vorbeizukommen, aber er versperrt mir den Weg. Ich bleibe ruhig und mache mich innerlich bereit, mich vom Fahrrad in den Graben zu werfen. Ich bin hellwach, die große, lähmende Angst kommt erst später. Sasch hält mich fest, während sein Handlanger Hansen weiter mit Tritten malträtiert. Eine gefühlte Ewigkeit vergeht, bis ich das erlösende Geräusch der quietschenden Lkw-Bremsen höre. Der Anhänger des Lkw schlingert bedrohlich, und das massige Gefährt bleibt nur wenige Meter von mir entfernt stehen.
Einen Moment lang herrscht Stille, nichts passiert. Dann steigt der Fahrer aus dem Führerhaus, ein Tier von einem Kerl. Mit eisernem Blick und einer riesigen Brechstange in beiden Händen geht er langsam auf Sasch zu. Die drei Betrunkenen kuschen, springen in ihr Auto und fahren rückwärts weg.
Was weiter passiert, wissen wir nicht, denn Hansen und ich nutzen die Gelegenheit und rasen los. Ständig schauen wir, ob wir verfolgt werden, bevor wir hinter einer Kurve einen Abzweig nehmen. Wir sollten uns nicht zu früh in Sicherheit wähnen, diesen Typen ist alles zuzutrauen. »Helme runter!«, ruft Hansen mir zu und reißt sich den neongelb leuchtenden Helm vom Kopf. Geduckt schieben wir die Räder durch das hohe Gras, bis wir eine große Mulde in der weiten Steppe finden. Wir stellen sie ab und legen uns flach auf den Boden.
Tausend Gedanken gehen mir durch den Kopf: War es ein Fehler, die Straße zu verlassen? Hier sind wir ganz allein, wenn sie uns finden, sind wir ihnen hilflos ausgeliefert. Wer weiß, ob sie nicht doch noch hinter uns her sind. Hier kommt kein Trucker vorbei, um uns zu retten.
Nach kurzer Zeit lässt das Adrenalin nach, und alles tut weh. Mein Gesicht glüht und pocht, meine Magengrube schmerzt, und Hansen hat von seinem Zahnkranz einen klaffenden Schnitt an der Wade. Die erste kleine Inventur ergibt, dass die Typen nur ein paar Kamerastative, mein iPhone-Display und die Solaranlage leicht beschädigt haben. »Lässt sich alles reparieren«, fasst Hansen zusammen. Damit hat er recht. Schwerer wiederherstellen lässt sich unser positives Bild von Kasachstan und seinen Bewohnern und diese optimistische Arglosigkeit, mit der wir bisher gut gefahren sind.
Alles fällt so unendlich leicht, wenn man ein Rettungsnetz hat, das meine Mutter Urvertrauen nennen würde. Wenn man grundsätzlich immer vom Bestmöglichen ausgeht. Hansen ist da ein bisschen anders als ich.
Ich glaube, es gibt Menschen, die mich für vollkommen blauäugig halten und denken, ich sei einer von diesen Glückstölpeln, bei denen irgendwie immer alles gut geht. Als ich vor vier Jahren nach meinem Studium nach Berlin gezogen bin, haben mir alle gesagt: »Mach das erst, wenn du einen Job hast, wenn du einmal arbeitslos ankommst, dann bleibt das auch so.« Mich hat das zwar verunsichert, aber ich dachte: Bei mir nicht. Für mein Leben gelten diese Regeln nicht – und bin hingegangen und hab innerhalb von zwei Wochen einen Job gefunden. Einen Superjob sogar. Zwei Jahre später habe ich mir in den Kopf gesetzt, ein Masterstudium anzufangen – an der TU Berlin gab es einen neuen Studiengang, Human Factors, der die Mensch-Maschine-Interaktion untersucht, etwas, das mich total fasziniert. Man braucht dafür entweder ein abgeschlossenes Ingenieursstudium oder ein Psychologiestudium. Ich habe weder das eine noch das andere, nur ein Diplom in Mediendesign. Trotzdem habe ich mich beworben und bin natürlich abgelehnt worden. Daraufhin habe ich so lange angerufen, bis ich einen Termin mit dem Studiengangsleiter bekam – und muss derart enthusiastisch und auch einigermaßen fähig auf ihn gewirkt haben, dass er irgendwann meinte: »Okay, du hast mich überredet, überzeugt hast du mich noch nicht ganz. Aber du bist motiviert, also sollst du eine Chance haben.« Das klingt alles so nach Selfmademan, aber das meine ich gar nicht. Ich glaube einfach in jeder Situation ganz naiv an mein Glück und will Dinge selbst ausprobieren, bevor ich mir eine Meinung darüber bilde. Und deswegen hat mich dieser Vorfall heute umso mehr umgehauen. Ich bin erschüttert und verunsichert, und ich weiß nicht, ob diese Glücksschicht, die mich immer umgeben hat, nun für immer zerstört ist.
»Scheiße«, sagt Hansen immer wieder, »Scheiße«. Anfangs noch heftig und schimpfend, inzwischen resigniert und leise.
Ich weiß, dass er da liegt und dasselbe denkt wie ich: Sollen wir überhaupt weiterfahren, setzen wir nicht alles aufs Spiel, was wir haben? Ich glaube, Hansen weint leise vor Wut. Irgendwann setzt er sich auf und guckt mich an: »Wir müssen was tun, Paul. Hier rumzuliegen macht alles noch schlimmer, lass uns überlegen, wo wir schlafen können.«
Hansen und ich sind eineiige Zwillinge und selbst nach dreißig Jahren auf den ersten Blick kaum voneinander zu unterscheiden. Wir sind exakt gleich groß, haben dieselben Augen, Münder, Nasen, Hände und die gleiche Stimme. Mit niemandem verstehe ich mich so gut wie mit Hansen, mit niemandem streite ich mich heftiger. Und trotz unserer Ähnlichkeit und der gleichen DNA sind wir grundverschieden. Wir haben uns zum Beispiel nie in dieselbe Frau verliebt. Hansen hat sich immer für wilde Abenteuermädchen mit zotteligen Haaren interessiert und ich, wie Hansen sagen würde, für »blonde Spießerfrauen« – das stimmt natürlich nicht immer so, aber ein bisschen was ist dran. Mir sind materielle Dinge wichtiger als Hansen, ich bin unflexibler, vielleicht sogar unfreier. Hansen kann seine Gefühle zeigen, und ich verstecke sie lieber. Ein weiterer Unterschied ist, dass Hansen der Welt mit viel mehr Skepsis begegnet als ich. Vielleicht, weil er mehr Situationen erlebt hat wie diese, nach denen man nicht mehr einfach genauso weitermachen kann wie zuvor.
Der dumpfe Aufprall eines Steins nicht weit von mir, reißt mich aus meinen Gedanken. Ich zucke zusammen und drehe mich um. Weiter unten in der Mulde winkt Hansen zu mir hoch. Hier können wir unser Zelt aufbauen, gibt er mir mit ausladenden Armbewegungen zu verstehen.
Nach einem tourtypischen Abendessen aus Nudeln mit Olivenöl, Äpfeln und Karotten stecken wir vier Heringe in einem weitläufigen Quadrat um unser Zelt auf. Darum herum lassen wir eine Angelschnur laufen, an deren Ende ein Topf wackelig auf dem Fahrrad steht. Sollten sich Sasch und seine Kumpanen in unsere Nähe wagen, werden wir das immerhin mitbekommen. Außerdem haben wir Hansens Buschmesser, einen dicken Prügel und ein paar massive Steine im Vorzelt liegen.
»Sind wir ein bisschen paranoid?«, fragt Hansen mich, als wir nach getaner Arbeit ins Zelt kriechen.
»Kann sein«, antworte ich, »lass uns einfach hoffen, dass wir nichts davon benutzen müssen.«
Obwohl todmüde, liege ich noch eine Zeit lang wach. Hansen und ich haben beim Abendessen ausgiebig über den Vorfall gesprochen. Mit derartigen Risiken hatten wir nicht gerechnet, aber jetzt wissen wir, was das Auswärtige Amt meint, wenn es davon abrät, abends allein in dünn besiedelten Gebieten unterwegs zu sein. Man glaubt es so lange nicht, bis man es am eigenen Leib zu spüren bekommt. Ob wir weitermachen, wollen wir nicht direkt heute entscheiden, sondern erst in den nächsten Tagen, wenn wir etwas Abstand zu der Sache haben.

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