Chili zum Frühstück

Posted by on September 17, 2012

Es ist kalt. Schweinekalt. Der Schneeregen drückt die Decke des Zeltes ein, in dem Hansen und ich sitzen und frühstücken. Das Innenzelt haben wir direkt nachdem aufstehen abgebaut um es trocken zu halten und mehr Platz zu haben. Draussen bellen und winseln die wilden Hunde. Sie wollen ins Zelt. “Ich glaube für Fell gibt es nichts schlimmeres als Schneeregen”, sage ich bemitleidend zu Hansen. So sehr ich sie manchmal für ihr faules und bräsiges umherliegen beneide, so sehr tun sie mir nun leid. Aber man kann sie bis ins Zelt riechen und weder Hansen noch ich können den Gestank von nassen Hunden ertragen.

“Das Gas ist leer”, stellt Hansen fest als er versucht den Kocher anzuzünden. Weil es die ganze Nacht geregnet hat mussten wir statt unseren Ofen fur das morgendliche Highlight, den Kaffee, die Notkartusche nutzen, denn das Holz war nass. “Tolle Notkartusche”, maule ich. Das Wasser ist gerade warm genug für den Kaffe, aber wenn das Wetter so bleibt, dann gibt es heute Abend kein warmes Essen.

Die Berggipfel um uns herum sind grau meliert. Der Schneeregen hat die sanften Grashügel wie mit Puderzucker überstreut. Zäh Klammern sich die tief liegenden Wolken an die Leeseite der Berge und versperren der Sonne den Weg.
“Da oben müssen wir heute durch”, zeigt Hansen auf den knapp 4.500 m hohen Pass. In dem Tal das die Strasse führt hängt undurchsichtiger Nebel, wahrscheinlich schneit es dort. Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Was für ein ungemütlicher Tag.

Es ist schon wieder 5 Tage her, dass wir Blogpost geschrieben haben, und weil mir bei diesem Sauwetter die Finger abfrieren wenn ich tippe, werde ich lediglich die wichtigsten Ereignisse chronologisch auflisten.

11.9
Der Aufbruch aus Yushu war chaotisch. Wir haben den ganzen Tag gebraucht, um ein Päckchen zu verschicken. Die Post arbeitet hier langsam und gemütlich und vordrängeln ist hier so üblich, das man als ungeübter und die Sprache nicht beherrschender Europäer einfach überrannt wird. Es kostet viel Geduld, sicher hauptsächlich weil ich kein Chinesisch kann, aber auch weil man es hier häufig mit unmotivierten Arbeitnehmern zu tun hat, die am liebsten Kaugummikauend und mit Füssen auf dem Tisch den Tag verbringen wurden, und für die Kundshaft meistens eine unangenehme Überaschung ist.
Als ich nach Ewigkeiten endlich das Paket nach Chengdu aufgegeben hatte, kommt der Postfahrer rein: Ein 20 jähriger, der mich mit “Heil Hitler” begrüßt. Er hat eine extreme Alkoholfahne, und bei dem Gedanken, dass er dafür verantwortlich ist das Paket nach Chengdu zu bringen wird mir schlecht. Er hebt mein Paket, das noch auf dem Tresen liegt hoch, begutachtet es kennerisch, schüttelt es an seinem Ohr trotz dem deutlichen “Zerbrechlich-Symbol” und stopft es dann erkennend in seinen Sack. Von der Dame an dem Tresen bekommt er noch ein paar Scheine zugesteckt. “Egal”, denke ich, und laufe dem
Fahrer hinterher raus in den mittlerweile tobenden Sturm. Alle Taxis sind besetzt, also laufe ich so schnell es geht zurück zu Hansen,
der die ganze Zeit 4 Stunden im Regen gewartet hat. Als ich endlich von der Post zurück bin ist die Stimmung am Tiefpunkt. Wir wärmen uns in einem Restaurant auf und warten vergeblich auf besseres Wetter, nur um eine Stunde später um 18:00 im Regen aufzubrechen.

Als es dämmert finden wir außerhalb von Yushu einen Platz in einer kleinen Baumschule direkt an dem Abwasserfluss von Yushu, wo wir immernoch im Regen unser Zelt aufbauen und mit nur ein paar Keksen zum Abendessen schlafen gehen. Die letzten Tage waren so stressig, dass es trotz des schlechten Wetters irgendwie gut tut wieder im Zelt zu liegen und zu wissen: Man ist wieder unterwegs. Der lästige Abstecher nach Xining ist vorbei und die Tour kann weitergehen.

Am 12.9 stehen wir um 9:00 auf und fahren den ganzen Tag entlang der neu entstehenden Strasse: Eine 800 km lange Baustelle über das Himalaya nach Xining. Der riesige Fluss der aus dem Paralleltal zu dem Abwasserfluss von Yushu hinzukommt ist über die gesamte Breite von über hundert Metern von Felswand zu Felswand mit Gebetsflaggen überspannt, an deren Enden wie Spinnennetze weitere Seile mit Flaggen in die Felswand gewebt sind. “Wie kommen die da hin”, fragt Hansen ungläubig, “so sportlich sehen die Mönche nicht aus als in die da hochklettern könnten.”
Es sieht wirklich unglaublich aus, wie die bunten, langen Flaggen In fast Zeitlupeartigen Wellen hoch oben im Wind treiben. “Eine wirklich schöne Art, sich die Zeit zu nehmen und die Landschaft so bunt zu schmücken”, denke ich vor mich hin.

Abends finden wir einen Platz an einem kleinen Bach, den wir zum erreichen des einzigen trockenen Wiesenstücks überqueren müssen. Unsere Räder sinken bis über die Lowrider in den Fluten ein, und es ist schwer sie im eiskalten Wasser und barfuß aufrecht zu halten. “Gott sei dank haben wir die Schlafsäcke in Plastiktüten eingepackt”, sagt Hansen als er gerade bis zu den Knien im Wasser steht und zu mir rüber schiebt.

Wir schlagen unser Zelt auf und gehen früh schlafen.

Am 13.9 stehen wir um 9:00 auf und basteln bis nachmittags an den 8 Strassen-Schildern für unsere Pling-Spender. Jeden einzelnen der Buchstaben schneiden wir sorgfältig aus einer Klebefolie, welche wir anschließend auf einen blauen Hintergrund kleben. “Die sehen aus wie richtige Strasenschilder”, meine ich zu Hansen als wir die ersten 3 fertig haben und die Schilder ausgebreitet vor uns liegen.

Als wir um 17:30 loskommen haben wir noch einen 4.700 m hohen Pass vor uns, den wir noch überqueren müssen bevor es um 8:00 dunkel wird. Wir fahren in einem Rutsch durch bis nach oben und schaffen es kurz vor der Dämmerung. Als wir abfahren versagt Hansens Vorderradbremse und wir müssen sie auswechseln, was uns die letzten Minuten Tageslicht kostet und wir müssen den Rest im Dunkeln abfahren. Wieder verraten sich die
wilden umherlaufenden Hunde und Yaks durch ihre leuchtenden Augen, ein immernoch gruseliger Anblick.

In einem kleinen Steinbruch am Strassenrand schlagen wir unser Zelt auf und gehen wieder ohne warmes Essen schlafen. Mitten in der Nacht wache ich auf und habe heftige Bauchschmerzen. Ausgerechnet vor der kältesten Nacht auf unserer Tour (-12 Grad) habe ich schlechte Kekse zu Abend gegessen und verbringe Ewigkeiten bei Eiseskälte damit mich ihrer zu entledigen. “Was für eine Horrornacht”, murmele ich zu Hansen als ich zitternd zurück ins Zelt krieche und mich mit samt Klamotten in den Schlafsack lege.

Am 14.9 fahren wir nach einem dürftigen Frühstück und völlig durchgefroren weiter ins Tal. Den ganzen Tag geht es vorbei an Klöstern, kleinen Dörfern und immer gegen den das Tal aufwärts blasenden Wind.
“Scheisse”, schreie ich laut, als mich ein Hund dermassen erschreckt, dass ich beinahe mit 40 Sachen in den Graben fahre. Ich habe eigentlich keine Angst vor Hunden, aber dieser war lautlos von der Seite auf mich zugesprintet und hatte mich mit einem Knurren und gefletschten Zähnen überrascht . Die Scheißviecher werden immer schlimmer, je weiter man Richtung Osten kommt.

Auf einem 4.500 m hohen Pass stellen wir das erste Schild für Petter, einen unserer Spender und Freunde auf: Die sich ins Tal hinabwindende Strase heißt von nun an: “Petter wants you to feel better Road”
Wir kommen in einer weiteren zerstörten Stadt vorbei, in der fast ausschließlich Moenche leben, sogar die Kinder laufen im Mönchskostüm umher.
Abends werden wir von Komtjo Tzera eingeladen in seinem Zelt zu schlafen. Seine ganze Familie wird zusammengetrommelt, und so sitzen wir auf einemTeppich auf dem Boden in ihrem Zelt, welches sie nach dem
Erdbeben hier aufgestellt hatten bis sie ein neues Haus haben, wie werden mit dem schärfsten Essen was ich jemals gegessen habe gemästet, und sogar der Obermönch von Kloster kommt vorbei um uns Willkommen zu heißen ebenso wie die Nachbarn. Je später die Stunde, desto zutraulicher werden alle und die unglaublich süßen Kinder sitzen irgendwann auf unserem Schoss. Erschöpft von dem langen Tag und dem zwar schönen aber anstrengenden Abend gehen wir schlafen. Die ganze Nacht bellen Hunde und rauben mir den Schlaf. Am nächsten morgen gibt es das gleiche essen zum Frühstück. Chili ist besser als Kaffee, danach ist man wach!! Es ist 7 Uhr morgens und das Tal ist in einen leichten Nebel gehüllt. Überall steigt Rauch aus den Schornsteinen der Jurten und liegt in einem flachen Schleier über den Zelten.
Wir verabschieden uns in einem endlosen Nummern und Email ausgetausche von allen beteiligten, Hansen schenkt dem Herrn des Hauses noch einen Ring den er aus einer Speiche bastelt, und ich überlasse der Frau die ein heftiges Hüftleiden hat meinen Wanderstock, denn sie stützt sich die ganze Zeit auf ein kaputtes Bambusstück, was ständig umknickt. Die Freude ist groß, und ohne das Versprechen bald wieder zu kommen dürfen wir nicht gehen.

Wir fahren den ganzen Tag, vorbei an einem Stausee, bauen das zweite Schild für eine unserer Spenderinnen, die E29 auf, und überfahren einen weiteren Pass. So monoton es klingt, ist es auch. Der Tag ist bei weitem der trägste seit langem. Wir schleppen uns komplett demotiviert durch die Landschaft. Alles vor kurzem noch so fantastische und bestaunenswerte ist Alltag. Langweiliger Alltag. Die Menschen nerven, die Landschaft nervt, die Tiere nerven, Hansen nervt. Die Berge und Pässe hängen uns zum Hals raus und das Wetter schlägt wiedermal um zu eiskaltem Regen. Ich könnte kotzen, das einzige was mich weitertreibt, ist der Gedanke daran, endlich in Shanghai einzufahren, alles hinter mir zu haben.

Noch ein paar Fakten die ich nicht “einflechten” konnte:

-Wilde Hunde ergattern Hansens Isomatte, todesmutig holen wir sie uns zurück.
Wir fahren ab jetzt mit einem Stein bewaffnet durch Dörfer um die bissigen Viecher fernzuhalten, und haben festgestellt, dass das alleinige heben einer Hand, oder zusteuern auf die Viecher sie in Angst und Schrecken versetzt.
-Hier ist es Herbst, eiskalt und regnerisch, die vor wenigen Tagen noch freien Gipfel sind mit leichtem Schnee bedeckt
- unser Ruckfkug ist erst am 5. November, wir brauchen mehr Zeit
- Mönche sind bei weitem nicht so heilig wie man sie sich vorstellt, ich kann bis auf die Gewänder kaum einen Unterschied zu ihren “gewöhnlichen” Mitbürgern feststellen.
- Yaks sind riesige, aber liebe Tiere. Ich habe selten derart furchteinflössende Bullen gesehen, die aber bei meiner Fahrradhupe panisch davongaloppieren.
- es ist kalt
- Es ist schweinekalt
- Dreckswetter
- ich will in warme Flachland
- Ich habe aufgehört die Pässe über 4.500 m zu zählen.
- es gibt hier Staubstrassen, in denen man in einer 10 cm tiefen leichten Staubschicht fährt, beinahe wie Schaum oder Schnee. Wenn Autos vorbeifahren gleicht das dem atmen durch einen benutzten Staubsaugerbeutel.
- man sieht hier mehr Polizei als sonstige Autos, meist in langen Kolonnen.

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