Es ist der 2.6. Wir sind in der bislang trockensten Gegend unterwegs. Von einem Hochplateau sind wir mit einem atemberaubenden Blick in eine Ebene abgefahren mit Sichtweite bis schätzungsweise 80 km, vielleicht mehr. Wir sind etwa 200 km vor Aral, und schleppen uns langsam gegen den Wind in sengender Hitze durch dieses wirklich endlose Land. Mitten im nirgendwo plötzlich eine Bushaltetelle. Ein Mann steht am Strassenrand und winkt.
“Fototermin” murmelt Hansen. Aber irgendwas ist anders. Der junge Mann sieht nicht Kasachisch aus. Als er uns anspricht tut er das in gutem Englisch.
“Ich bin Axel” stellt er sich nur wenige Momente später vor “Mein Spitzname ist Axikistan”
Er kommt aus Köln, ist in China in der Nähe von Chengdu mit dem Rad losgefahren und hat sich mit einer wirklich beachtlich einfachen Ausrüstung bis hier durchgeschlagen: Eingangfahrrad, kein Zelt, Compressed Army Cookies. “Ahhh” stöhnt er: “Mein Kopp, ich hab mir wohl bei Murat und Achmed im LKW entweder ‘ne Gehirnerschütterung geholt, oder 3 Liter Wasser am Tag sind einfach zu wenig!”
Axel versucht mit seiner Tour der ganzen Kommerzkacke zu entfliehen, er ernährt sich von allem was er so im lokalen Umfeld ernten kann, unter anderem Schlangen, Insekten, Vögel, Erdmännchen und verschiedene Pflanzen.
“Apropos Vögel” sagt er, “Ich hab da noch drei kleine im Nest hier unterm Dach gefunden, da machen wir uns gleich ein kleines Süppchen”.
Etwas seltsam ist mir schon als er die kleinen Vögel aus dem Loch zieht und ihnen mit einer Kneifzange das Genick bricht. Aber im Grunde hat er Recht: Die kleinen Vögel zu essen ist weitaus natürlicher und weniger grausam als eine Portion Cicken Wings bei BurgerKing.
Eine Stunde später sind die jungen Schwalben gerupft, ausgenommen und gekocht. Sie schmecken wirklich super, aber viel dran ist leider nicht. Nichtmal einen ganzen Bissen bekommt jeder. Mein Fazit daraus ist: Vögel fangen und zubereiten ist einfach und schmeckt, aber sie müssen ein paar Nummern größer sein, dass es sich lohnt.
Axel zeigt uns wirklich viele hilfreiche Sachen wie das Kochen auf Pferdeäpfeln oder Kamelkacke, die es wirklich überall gibt und die sich innerhalb von Sekunden zu einer perfekten Glut bereiten lassen. Er zeigt uns verschiedene Fallen, was man Essen kann und worauf man achten muss. Nächstes Jahr will er den Jakobsweg fahren, dazu mitnehmen will er alle Freunde und wer immer noch so gerne Fahrrad fährt.
Am nächsten Morgen verabschieden wir uns wieder, er fährt weiter nach Deutschland, wir nach Shanghai. Wir tauschen noch ein paar Compressed Army Cookies gegen Kasachische Schokolade, und ziehen unsere Wege.
So gut es getan hatte mal wieder mit jemand anderem als Hansen auf Deutsch zu reden, so anstrengend war es auch. Axel bezeichnet sich immerhin selber als Plappermaul, somit war die Begegnung eine Art Schocktherapie für mich: Raus aus den wortkargen Abenden mit Hansen, hinein in die Dauerberieselung ;o)
Als wir mittags an einer kleinen Raststätte anhalten und 40 Liter Wasser tanken um die 190 km Durststrecke bis Aral zu schaffen bekommen wir von dem lokalen Metzger mit blutiger Pranke und dem Kopf eines Hammels in der anderen Hand einen frischgefangenen Fisch überreicht.
Ein Glück, denn außer Brot, Honig und Wasser konnten wir weiter nichts einkaufen. Um den Fisch nicht schlechtwerden zu lassen Grillen wir ihn uns kurzer Hand am Straßenrand auf einem Feuer aus getrockneter Kamelkacke. Hansen baut außerdem erfolgreich aus zwei Dosen und einem ehemaligen Luftfilter einen kleinen Miniofen zum Kaffeekochen: Powered by Camelshit! Echt geniales Ding!
Abends versuchen wir erfolglos ein paar Enten zu jagen, und lassen uns an ihrer Oase inmitten von ausgetrockneter Steppe nieder. Als uns mitten in der Nacht ein enormes Gewitter überrascht müssen wir aus unserem Zelt in einen daneben liegende kleine Kuhle fliehen und sitzen da sicherlich eine halbe Stunde im strömenden Regen während um uns herum in unmittelbarer Nähe die größten Blitze niedergehen die ich je gesehen hatte. Unsere Stahlrahmen sind hier in der Gegend die höchste leitende Konstruktion und mitten im Gewitter wollten wir nicht neben unseren Rädern liegen.
Am nächsten morgen waschen wir uns noch im Tümpel und kommen gegen 11:30 erst los. Entgegen unserer Erwartung gibt es auch an dem Strassenrestaurants der Route nach Aral nur dürftig Essen, die Strasse ist so wenig befahren, dass es sich wohl nicht lohnt mehr zu kochen. Weil auch unsere Essensreserven zu neige gegangen sind, sitzen wir jetzt vor einem Haufen rauchender Kamelkacke und haben uns ein Süppchen aus frischem Knoblauch und Brühwürfeln gemacht. Ein wenig Weißbrot und Compressed Army Cookie gabs dazu. Aus einiger Entfernung hört man noch “Nugget” piepen, ein noch flugunfähiger Jungvogel den wir von der Strasse gerettet haben. Das undankbare Vieh ist einfach aus dem extra für ihn gebauten Nest das wir für ihn an dem voll gefederten frontalen Stativ gebaut hatten abgehauen. Aber wenn er das so will: Bitteschön, die nächste Schlange wird sich freuen.
Fisch Grillen auf Kamelkacke: Danke Axel für den Tip!

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