Das Dach der Welt

Posted by on August 24, 2012

Hansen rüttelt an meinem Schlafsack. Durch meine Oropax höre ich den Wecker dumpf klingeln und Hansen der sagt:
“Du bist dran mit aufstehen”. Ich hatte gerade noch so tief geschlafen, aber wir wollen heute hoch hinaus und Hansen scheint schon länger wach zu sein. Träge richte ich mich auf und pule mir die Oropax aus den Ohren. Es ist eiskalt. “Komm schon Paul, sei kein ‘Weak Egg’, raus mit dir und rein in die Klamotten”. Er hat recht. Im Zelt anziehen ist umständlich und dauert zehnmal so lange. Also lege ich meine Isomatte vor das Zelt, werfe meine Sachen darauf und quäle mich in Unterhose in den eisigen Wind. Die Sonne scheint, aber ihre Strahlen haben nicht genug Kraft um mich zu wärmen.

“Scheisse, wir haben Gegenwind”, stellt Hansen fest der nun auch frierend in Unterhose vor dem Zelt steht.
“Hatten wir gestern morgen auch”, erwidere ich, “aber der dreht im Laufe des Tages, war bisher zumindest immer so.”
Wir frühstücken und lassen uns Zeit mit dem Zusammenpacken. Obwohl wir das nun schon mehr als 130 mal gemacht haben, versuche ich noch immer einen effizienteren Weg zu finden: Zuerst die Regenüberzüge verstauen und dann den Schlafsack einpacken, dann nimmt man die nicht zweimal in die Hand. Erst die Heringe raus und dann die Zeltstangen rausziehen oder umgekehrt? Als erstes sollte man die Räder aufschließen und auseinanderstellen, dann kommt man einfacher an die Gepäcktaschen. 130 mal gemacht, und doch noch keine Routine. Das Zusammenpacken ist einfach jeden Tag eine unangenehme Hürde, und ich werde niemals aufhören zu versuchen sie zu optimieren, solange bis es mir Spass macht oder sie hinfällig wird.

Als wir fertig sind mit allem ist es schon fast Mittag. Neugierig kommen 3 Chinesen auf uns zu. Sie sprechen fließend Englisch und kommen zufällig aus Hangzhou und Shanghai, also zwei Städten die wir voraussichtlich besuchen werden. Wir plaudern eine zeitlang mit dem wirklich netten Trio, die mit dem Auto auf dem Weg nach Lhasa sind, und machen uns dann endlich auf den Weg.

Heute tragen wir unsere langen Stulpen an den Beinen. Die Sonne hier oben hat eine wirklich enorme Kraft und verbrennt alles was nicht mit Sunblocker oder Stoff bedeckt ist in kürzester Zeit. Um die Hände haben wir uns Stofffetzen gewickelt und das Gesicht ist geschützt mit einer Schiebermütze unterm Helm und in einem Kopftuch eingewickelt. Die Luft hier oben ist schon sehr dünn, und das Tuch vor dem Gesicht macht das Atmen nicht angenehmer, aber wir wollen keinen weiteren Sonnenbrand riskieren. So vermummt fahren wir schnaufend die langsam aber stetig steigende Strasse entlang. Immer wieder fährt der Tibet Zug an uns vorbei. Wir winken und bekommen ein Hupen als Antwort zurück.

So schleppen wir uns an den kargen, Spitzen Bergen vorbei. Wir sind fast auf 4000 m Höhe. Der tiefblaue Himmel gibt über den Gipfeln die unser Tal säumen fast den Eindruck man würde direkt ins Weltall schauen, keine Wolken, einfach nur “Nichts” kommt hinter den schroffen Felsen.

Als wir 4.100 m erreicht haben, trauen wir unseren Augen nicht: Vor uns türmt sich eine riesige Düne auf. “Ich dachte wir hatten die Wüste hinter uns”, sagt Hansen in gespielt verzweifeltem Ton und das Bild ist wirklich bizarr. Wir haben die 30 m hohe Wanderdüne quasi in flagranti dabei ertappt wie sie eine Telefonleitung verschlingt, der Mast noch halb zu sehen verschwindet das Kabel in der Dünung. Wir beschließen sie mit unserem Zelt zum anhalten zu zwingen und platzieren unser Nachtlager direkt zu ihren Füßen.

Die Höhe macht uns erstaunlich wenig zu schaffen, bis auf leichte Kopfschmerzen und Kurzatmigkeit geht es uns prächtig. Wir haben uns lange auf die kommenden 5.000 m vorbereitet und es ist sicher auch von Vorteil dass wir fast in der gesamten Taklemakan Wüste über 2.000 und vor Golmud sogar auf knapp 3.000 waren. Unsere Körper haben sich so langsam an dünnere Luft und weniger Druck gewöhnen können. Trotzdem wollen wir heute nicht weiter, man soll es nicht übertreiben. Laut der Gesellschaft für Berg und Höhenmedizin leiden über 75% aller Bergsteiger bei einem schnellen Aufstieg über 3000 m an der Höhenkrankheit. Wir haben außerdem ein geographische Besonderheit bei unserer nun gewählten Route zu beachten. Sobald wir nämlich über den 5000 m Pass sind, werden wir uns fast durchgehend auf über 4.500 m befinden. Das bedeutet, dass die einzige Abstiegmöglichkeit bei akuter Höhenkrankheit über einen vorherigen Aufstieg über 5.000 m möglich wäre, was fatal sein kann. Wir müssen uns also sicher sein, dass wir auf 4.500 m symptomfrei sind, weil wir ansonsten in einer Hochtal-Falle sitzen.

Als ich am 22.8 aufwache hab ich trotz der Höhe gut geschlafen, und auch Hansen scheint von der Schlaflosigkeit verschont geblieben. Wir beschließen auf Grund unserer anscheinend guten Höhen-Kondition den Pass heute zu bezwingen und die übrigen 700 Höhenmeter bis auf 4.800 bis Nachmittags zu fahren um auf dem Pass ein paar Stunden Akklimatisierungspause zu machen und evtl. Symptome der Höhenkrankheit zu erkennen und entsprechend wieder abfahren zu können. Wir machen uns also mit unseren schwer bepackten Rädern auf den Weg. Die Tatsache, dass wir nach dem Pass für max. eine Woche in kein Dorf kommen werden hat dafür gesorgt, dass unsere Räder schon seit Golmud übermäßig schwer bepackt sind mit Grundversorgung die man hier nirgens kaufen kann. “Ausgerechnet den höchsten Pass fahren wir mit den dichtgepacktesten Rädern”, mault Hansen. Seit Golmud hat sich bei uns der Running Gag eingeschlichen, ständig zu versuchen noch irgendwo Gewicht unterzubringen, frei nach dem Motto: Man kann nie schwer genug beladen sein, erst recht wenn es bergauf geht. So zeigt Hansen auf einen dicken Felsbrocken am Wegrand und sagt: “Perfekt, der ist groß genug, lass uns den noch mitnehmen, man kann nie genug Gewicht haben,weißt du?”

Je höher wir kommen, desto langsamer und meditativer wird mein Rhytmus. Manchmal muss ich trotz bedachtem, langsamen Fahren anhalten um zu verschnaufen. Sogar kleine Bewegungen wie das Absteigen oder Trinken bringen einen außer Atem. Als ob die dünne Luft noch nicht genug wäre, fängt es ca. 300 Höhenmeter vor dem Pass an zu schneien. Schnell versuchen wir Unterschlupf unter der 30 m hohen Eisenbahnbrücke zu finden, aber das Schneegestöber und der Wind erreichen uns überall. Wir packen also alles wasserdicht ein und fahren weiter.

Ein Blick auf meinen Höhenmesser sagt mir, dass es nichtmehr weit sein kann. Die Schneewolken verdecken die Sicht auf die Gipfel und auch die Strasse verschwindet darin.
“Was haben wir immer für ein Pech mit Pässen”, maule ich Hansen an, “immer regnet es oder schneit wenn wir oben ankommen.” Als hätten meine Worte Wunder gewirkt reißt plötzlich die Wolkendecke auf und die Sonne kommt hindurch. Erst zögerlich aber dann immer mehr bis alle Wolken in windeseile hinter dem Bergkamm verschwunden sind. Aus der Ferne können wir jetzt den mit Gebetsflaggen behangnen Pass sehen. Es wirkt fast wie eine Müllhalde, so bunt und flatternd, aber als wir näher kommen erkennt man die Millionen von kleinen Fahnen die um einen Opferofen herum an Schnüren im Wind flattern. Obwohl der pass nur noch wenige hundert Meter entfernt ist, muss ich nochmal Pause machen. Mein Herz rast, und es dauert ein paar Minuten bevor ich mich wieder auf mein Rad schwinge und Hansen hinterherfahre, der den Pass schon erreicht hat. Wir fallen uns in die Arme. Der höchste Pass auf dem ich je war, 4.800m, höher als der höchste Berg der Alpen, und wir sind alles mit dem Rad hochgefahren. Wir schauen uns andächtig um: Vor uns liegt die Hochebene auf 4.500 m die wir überqueren werden um nach Yushu zu kommen.
“Das gibt’s ja nicht”, entdecke ich ungläubig und zeige auf den Opferofen. “Schau mal was die da alles reinschmeissen”. Es ist wirklich unglaublich. In dem Ofen stecken als Opfergaben Zigaretten, Schnapsflaschen, Obst, Gemüse, Spielfiguren, der Schädel eines Yaks, Kaugummis. Aber alles so aufgebahrt, dass es definitiv als Opfer gemeint ist, und nicht wie man vermuten könnte als Mülltonne. Rings um die Gebetsflaggen herum stehen Statuen die ebenfalls mit Flaggen geschmückt sind. Viele Chinesische Touristen kommen hier her und fotografieren fleißig. Leider ohne jede Art von Respekt vor den Denkmälern, denn jeder zweite geht nach dem Knipsen hinter die Statue und pisst oder scheißt dahinter. Der gesamte Pass riecht nach Plumpsklo, und so sehr die Touristen ihre schönen Fotos wollen, so sehr verachten sie den religiösen Platz mit beschissener Respektlosigkeit. Manche nehmen sich Gebetsflaggen mit hinter die Statue, wozu sie die brauchen überlasse ich deiner Fantasie.

Auch wir machen ein par Fotos, und machen uns dann an die Arbeit: Wir haben drei unserer Crowdfunding-Sponsoren als Vergütung versprochen ihren Namen mit Steinen auf den höchsten Pass unserer Tour zu schreiben. Danke an dieser Stelle an Cordula, Cordula und Tracy! Mit weissen Kristallen die hier überall herumliegen schreiben wir metergroß die Namen an den Steilhang über dem Pass. Auch hier geht uns ständig die Luft aus, und wir brauchen fast 2 Stunden bis wir fertig sind.

Entgegen unserem ursprünglichen Plan zur Nacht wieder in die Hochebene abzufahren, beschließen wir, weil wir nach 3 Stunden auf dem Pass symptomfrei sind, unser Zelt hier oben aufzuschlagen, auch weil wir, für den Fall dass einer von uns an Höhenkrankheit leidet, nicht erst wieder über den Pass hochfahren wollen um weiter abzufahren. Als die Sonne nach dem Essen untergeht wird es schweinekalt. Innerhalb weniger Minuten sinkt das Thermometer auf unter Null Grad und ein eisiger Wind treibt uns ins Zelt. Wir wickeln uns in unseren dicken Schlafsäcken ein und versuchen zu schlafen. Aber schon nach einer Stunde schlummern wache ich auf und ringe nach Luft. Hansen hat mich beobachtet: “Paul, du hast ziemlich heftige Atempausen”, sagt er aufgeregt. Immer wieder ertappe ich mich selber im Halbschlaf dabei, wie ich aufhöre zu atmen. “Atempausen sind laut der Gesellschaft für Berg und Höhenmedizin doch nur ein Früh-Symptom der Höhenkrankheit, oder? Sie gelten glaube ich als unbedenklich wenn sie nach einem Tag wieder verschwinden. Deswegen müssen wir nicht absteigen!”, erinnere ich mich. Auch Hansen hat heftige Kopfschmerzen, also hole ich aus der Fahrradtasche zwei Ibuprofen 600 als Vorsorge welche laut dem deutschen Ärzteblatt nicht nur symptombekämpfend sondern gegen die Höhenkrankheit selber wirken sollen. Das Zelt ist von innen mit einer dicken Eisschicht bedeckt und als ich dagegenstoße bröckeln mir die Eisscherben in den Nacken. Zwar kann ich kaum schlafen, aber meine Atempausen verschwinden und Hansens Kopfschmerz ebenfalls. Gegen frühen morgen schlafe ich ein und wache erst um 9:00 wieder auf.
Ich fühle mich trotz der Strapazen der Nacht erholt und ausgeruht. Ich schaue ins Vorzelt und sehe wie das Eis schmilzt und die Tropfen am unteren Ende der Zeltwand in der Sonne glitzern, bevor sie zu Boden fallen. Draussen jagen sich Murmeltiere über den felsigen Boden. Die putzigen Tierchen haben die ganze Nacht um unser Zelt “getrampelt”.

Hansens Thermometer zeigt eine Minimaltemperatur von -10 Grad an: “Die kälteste Nacht auf der gesamten Tour”, sagt Hansen und hält mir das Thermometer vor die Nase. “Gut dass wir so viel Zeit in die Wahl der Schlafsäcke gesteckt haben”, gähne ich und wickle mich nochmal warm ein, bevor ich mich aufraffe und das warme Nest verlasse. Wir lassen uns Zeit denn wir sind durch unsere vorzeitige Passüberquerung einen Tag im Voraus. Gerade als wir frühstücken wollen zieht ein Unwetter auf und wir erreichen eine schützende Eisenbahnbrücke als es heftig anfängt zu schneien. Wir beschließen auf besseres Wetter zu warten und machen eine Verpflegungsinventur. Als danach das Wetter noch immer nicht besser ist, beschließe ich meinen Blogpost zu schreiben, und hier sitze ich nun, auf dem Dach der Welt, mit Blick auf den 6.300 m hohen Berg an dessen Fuß wir morgen Richtung Yushu fahren werden. Eventuell werden wir dazu noch über einen 5007 m hohen Pass müssen, aber das sind ja jetzt nur noch 200 Höhenmeter.

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