“Gib’s mir, Berg”, ruft Hansen über seine Schulter zu mir. Es regnet in strömen, und wir sind auf der ersten richtigen Passstrasse.
“Uns kriegst du nicht klein” antworte ich, aber das Lachen spare ich mir, ich brauche die Kraft. Es ist kalt, nur 10 Grad, trotzdem schwitzen wir unter den Regenjacken. Es ist das ewige Regenproblem auf dem Rad: Entweder man hat eine atmungsaktive Jacke die aber auch den Regen durchlässt, oder man wird vom Schweiss unter der Jacke klatsch nass.
Wir sind erst spät losgekommen, heute am 28., und jetzt schleppen wir uns langsam aber motiviert die ca. 40 km Serpentinen mit fast durchgehend 8% Steigung hoch. Ich weiß jetzt warum unser Hauptsponsor sich “Serpentine Velosport” nennt. Sowohl das Hoch- als auch das Runterfahren macht einfach am Radeln den meisten Spass!
In nur 4 Stunden fahren wir insgesamt 1500 Höhenmeter. Die letzten Kilometer Pfeifen wir auf dem letzten Loch. Die dünnere Luft in 3300 m Höhe ist nicht zu unterschätzen. Als wir auf dem Pass ankommen hat es gerade noch 5 Grad in der Sonne und ein eisiger Wind macht uns unsere Wohl verdiente Pause madig. Als wir gerade die Abfahrt antreten wollen kommt ein alter Kirgise auf uns zu und will uns in seine Jurte zum übernachten einladen. “Perfekt” denken wir und träumen von Tee, Essen und warmen Kissen und Pelzen wie eben eine traditionellen Jurte ausgestattet ist. So kalt der Pass war um so kälter war die Abfahrt. Auf der Schattenseite des Berges hatte es um die Null Grad und das endlose Rollen ohne Bewegung ließ uns schier einfrieren. Als unser Gastgeber Shaidilda an einer Kreuzung nach fast 15 km anhält Falle ich fast vom Rad als ich versuche meine Beine abzustellen. Mein Griff um die Bremse ist so hart versteift dass ich die Hand beinahe losreißen muss. Leider stellen wir fest, dass Shaidildas Jurte ca 20 km in die falsche Richtung liegt und alles bergab, also wie die 20 km am nächsten Tag wieder aufsteigen müssten. Wir verabschieden und also um in der Eiseskälte eine Zeltplatz zu suchen. Kaum haben wir das Zelt aufgebaut kommt Shaidilda mit seinem Sohn nochmal vorbeigefahren. Er zeigt uns ein Gruppen-Foto von 1988 auf dem ein Deutscher Namens Oliver Neye zu sehen ist. Es sei ein alter Freund von ihm, der damals über die Berge von Deutschland hierher gewandert sei. Er bat uns die Adresse in Berlin zu besuchen und zu sehen ob er dort noch wohne. Zufälligerweise liegt die Adresse keine 200 m von meiner Wohnung. Wir versprachen ihm seinen Freund zu besuchen und verabschiedeten uns mit einer herzlichen Umarmung. “Sches Lieva” rief er noch von seinem Auto zu uns rüber, was so viel bedeutet wie “viel Glück”
Jetzt sitze ich Hansen auf einer Wiese am Bergbach und wir werden gleich zu unserem nächsten 3100 m Pass aufbrechen, unsere Knochen sind noch müde, aber wir müssen heute noch nach Toktogul um unsere Reserven aufzufrischen. Ab Toktogul werden wir auf das frische Gebirgswasser verzichten müssen, weil wir im Paralleltal der weltweit meist-verseuchten Stadt Mailu Suu fahren. Die Stadt wurde von den Russen genutzt um zu Zeiten des Kalten Krieges über 450 Millionen Tonnen Uranschlamm einfach in der Erde zu verbuddeln. Die Halden lecken und verbreiten radioaktives Wasser in den umliegenden Tälern, bei Erdrutschen wurden teilweise ganze Lager freigesetzt. Eine Durchreise soll auf unserer Route ungefährlich sein, trinken sollte man das Wasser in der Umgebung allerdings nicht!
Also dann, aufgeht’s.
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