Der Höhepunkt

Posted by on August 25, 2012

“Da vorne ist die Abfahrt”, brüllt Hansen gegen den Wind zu mir rüber. Wir haben die schützende Eisenbahnbrücke verlassen als die Sonne wieder rauskam und nun fahren wir auf den so viel versprechenden Abzweig zu, der uns als Ersatz für das ausgefallene Tibet dienen soll. Der Eingang zur Staubstrasse wird durch einen riesigen steinernen Torbogen markiert, welcher verlassen und von der Witterung zerfressen etwas deplatziert wirkt. Der Blick durch den Bogen hindurch zeigt die endlose, grasbedeckte Hochebene, gesäumt von 6000 m hohen, schneebedeckten Bergketten. Der Wind schleift den Schnee auf den Gipfeln zu riesigen Wechten und bläst ihn in langen Fahnen über die Hochebene. “Das ist das Tor zu unserem Tibet”, sage ich zu Hansen, ohne zu ahnen, wie sehr unsere Träume hier tatsächlich erfüllt werden.

Wir fahren ein paar Kilometer auf der verlassenen Strasse, Rückenwind und die Sonne treiben uns langsam die leicht steigende Ebene hinauf, immer wieder ist die Strasse von kleinen Bächen überspult. Heute wollen wir nochmal langsam machen, also suchen wir uns einen Schlafplatz an einem kleinen Bach der weitläufig die Ebene durchschlängelt.
“Wir sind da”, sagt Hansen und schaut über die Ebene, “wir haben das erreicht, wovon wir seit Anfang der Tour träumen, endlose Weite, Berge, Einsamkeit. Schau sich mal um mann! Wir sind hier mit dem Rad hergefahren!”

Den ganzen Abend verfallen wir immer wieder in Staunen über die unwirkliche Schönheit dieses Ortes. Wir können unsere Blicke nicht lösen und als wir schlafen gehen haben wir das sichere Gefühl auf der Tour alles richtig gemacht zu haben. Dieser Ort ist mehr als Entschädigung für verpasste Provinzen, es ist der einzig richtige Weg gewesen.

Am 24. schlafen wir bis 9, es ist eiskalt, die Höhe von 4.800 m hat uns wieder den Schlaf geraubt. Nach einem
deftigen Frühstück machen wir uns auf den Weg zu unserem wortwörtlichen Höhepunkt, dem Kunlun Glacier, der auf auf 5007 m liegt. Langsam schleppen wir uns die steinige Strasse entlang alle hundert Meter machen wir Pause um zu verschnaufen. Wir brauchen 2 Stunden bis wir am Ende der Strasse ankommen. Zum Gletscher muss man von hier aus nochmal 100 m aufsteigen. Nach einer kurzen Pause in der wir wiedereinmal von Chinesischen Touristen mit Gemüse und Brot überhäuft werden schieben wir unsere Räder langsam den unfahrbaren Weg hinauf. Wieder schneit es und ein eisiger Wind schnürt uns die ohnehin knappe Luft ab. Alle 30 m halten wir an. Ich habe mich noch nie in meinem Leben dermaßen durchgebissen. Nach jeder Etappe bin ich vollkommen außer Atem und brauche ein paar Minuten bevor ich die nächsten 30 m schieben kann. Der Gletscher scheint nicht näher zu kommen und die Strecke wird zur Kraft- und Geduldsprobe. Nach fast einer Stunde kommen wir völlig erschöpft an dem Aussichtspunkt auf 5100m an. Die Sicht von hier ist wirklich alles Wert gewesen. Die 40 m hohe Gletscherwanderung ragt über ein Flussbett und zahllose Hügel aus Endmoränen. Hier und da schießt das Wasser aus dem Gletscher wie durch undichte Planken eines Schiffes. Der Blick zurück eröffnet eine schier endlose Sicht über die Hochebene. Auf der anderen Seite des durch Bäche zerfurchten Gletschertals sieht man in der Ferne auf einem noch höher gelegenen Hügel eine Ansammlung Tibetanischer Gebetsflaggen im eisigen Wind wehen. Hansen und ich schauen uns an und haben offensichtlich den gleichen Gedanken: “lass und aus unserem Abstecher einen Umweg machen und nicht die gleiche Strasse zurück, sondern über den Hügel auf unsere Route abkürzen”, schlägt Hansen vor. Ich finde die Idee perfekt, zweifele aber, ob wir die Kondition dazu haben. “Das sind fast 5 km ohne Strasse, und selbst da zu wandern ohne Fahrräder wäre anstrengend. Außerdem sind das sicher nochmal 150 Höhenmeter, das wird echt knapp wenn wir vor Sonnenuntergang noch 500 m Absteigen wollen.”
Aber letztendlich überzeugt mich Hansen: ” Wenn wir es nicht hoch schaffen, fahren wir einfach durch das Flussbett des Gletschers zurück und Tal, dann sind wir wieder auf der gleichen Höhe wie heute Morgen.” Zögerlich stimme ich zu. Wir schieben unsere Räder vorsichtig hinab ins Gletschertal, und überqueren die zerfurchte Stein und Hügellandchaft. Der Gletscher sieht von hier unten bedrohlich aus, riesig ragen die blau-weiß leuchtenden Eiswände über uns. Wir halten einen Sicherheitsabstand, so dass brechendes Eis uns nicht erreichen kann, trotzdem fühle ich mich unwohl. So anstrengend die Durchquerung der Bäche ist, von denen uns einer beinahe mitsamt Fahrrad mitreißt, um so anstrengender ist der Aufstieg auf der anderen Seite des Gletschertals. Kein Pfad oder Weg führt hindurch. Alle 5 m machen wir Pause, ich bin der Verzweiflung nahe: “Das schaffen wir nicht”, Rufe ich Hansen völlig außer Atem zu, “das ist viel zu steil, bis es dunkel ist haben wir nur noch 3 Stunden”. Hansen beruhigt mich und rechnet mir seinen Zeitplan vor: “2 Stunden bis zu den Flaggen, und dann eine Stunde abfahren, das reicht!”
Immer wieder läuft einer von uns ohne Rad vor um einen möglichst flachen Aufstieg zu erkunden. Meine Lunge brennt von der Kälte und Anstrengung und natürlich fängt es wieder an zu schneien. Hinter jedem Hügel kommt ein neuer, die Schiebeintervalle werden immer kürzer, und als ich kurz davor bin aufzugeben, erreichen wir endlich die flache, oberhalb der Wand des Gletschertals liegende Hügellandschaft, auf deren höchstem Hügel unser gestecktes Ziel ist. Zwar haben wir die steile Böschung des Gletschertals geschafft, aber bis zum Gipfel sind es nochmal so viele Höhenmeter. Zwar geht es flach bergauf, aber der Boden ist durchweicht vom Schmelzwasser und die Räder sinken immer wieder bis fast zur Achse ein. Das Schieben ist anstrengend. Ich versuche statt der Schiebeintervalle von 5 m einen sehr langsamen Rhythmus zu finden, und so schaffen wir es letztendlich auf den Gipfel. Während ich beim Aufstieg konzentriert auf den Boden geschaut hatte und die Landschaft um mich herum kaum wahrgenommen habe, blicke ich nun um mich und traue meinen Augen nicht. Wie schon auf dem vorherigen Pass reißt die Wolkendecke auf und die Sonne kommt mit aller Kraft hindurch. Der eben noch verhangene Blick über das Tal und die Berge wird frei und mir bleibt vor Staunen die Luft weg. In meinem gesamten Leben habe ich keinen solchen Blick gehabt. Ich lasse mein Fahrrad fallen und drehe mich langsam im Kreis. Hinter mir erheben sich die 6.000 Meter hohen Berge, der Wind bläst den Schnee von den Gipfeln zu uns rüber, wodurch die gesamte Luft um uns herum in der Sonne glitzert und blitzt. Der Schneeschleier sinkt hinter uns in die Ebene ab, so dass man ihn von oben sieht, wie wenn man auf Nebel aus Glitter schauen würde. Die darunter liegende Landschaft wird dadurch unwirklich und magisch. Unter mir fliesst der Gletscher zwischen den Gipfeln in das Tal, wo ich vorhin noch stand. Man kann Hundert Kilometer weit schauen, und sieht, wie das Hochtal langsam Richtung Yushu abfällt. Ich habe das Gefühl die Erdkrümmung zu sehen, und über allem breitet sich der tiefblaue Himmel aus, der nun fast wolkenlos den Blick ins All freigibt. Der gesamte Boden ist mit in der Kälte zersplittertem Schiefer bedeckt und macht ein Geräusch wie Scherben wenn man darüber läuft. Eifrig flattern die Gebetsflaggen im eisigen Wind. Hansen hat auch sein Fahrrad fallen lassen und wir fallen uns in die Arme. Dieser Moment ist der Grund warum wir diese Tour machen. Wir sind in absoluten Glückstaumel, immer wieder entdecken wir den Blick aufs neue und schweigen oder jubeln fassungslos. Es ist der schönste Moment auf der gesamten Tour. Vor Freude steigen mit die Tränen in die Augen und ein Schauer nach dem anderen läuft mit über den Rücken. Die Kälte, der Wind, die Anstrengung, alles ist vergessen. Dieser Moment ist perfekt.

Wir spähen aus, wo die Straße verläuft der wir im Tal folgen wollen und fahren über die sanft geschwungenen aber steilen Hügel querfeldein hinab. Es ist wie in einem Traum, man braucht keine Strasse, weil das flache Gras und der darunter liegende Boden eine perfekte Oberfläche bilden. Sanft rollen wir von Hügel zu Hügel. Die Sonne steht nun so flach, dass wir unsere langen Schatten im Tal sehen können. Unter uns prescht eine Herde Yaks durch das Flussbett an dessen Ufer wir unser Lager aufschlagen wollen. Die riesigen Tiere sind fast furchteinflössend, wie sie unaufhaltsam gefolgt von einer riesigen Staubwolke über die Ebene brettern. Als hätte er meine Gedanken gelesen, sagt Hansen ehrfürchtig: “Ich würde vorschlagen, dass wir unser Zelt abseits des Yak-Highway aufschlagen.”

Als wir das Flussbett erreichen suchen wir uns eine etwas erhöhte Wiese die in einem kleinen Cliff in den Fluss abfällt. Zu unserem Erstaunen sind wir noch immer auf knapp 5.000 m, sind also weit weniger abgefahren als geplant. Weil die Sonne aber schon unter gegangen ist und wir den ganzen Tag keine Höhenkrankheitssymptome hatten, beschließen wir hier zu bleiben.
Der eisige Wind und -5 Grad treiben uns direkt ins Zelt, wo wir unser übriges Brot und Wurst zu Abend essen. Wieder
Werde ich die ganze Nacht von lästigen Atempausen gequält. Ständig wache ich auf und habe das Gefühl die Luft angehalten zu haben. Erst in den frühen Morgenstunden schlafe ich richtig ein.

Wir stehen um 9 auf und beschließen den gestrigen Tag gleich festzuhalten. Noch immer erinnere ich mich mit Gänsehaut an den Gipfel und schaue den Berg hinauf, wo die Flaggen noch immer eifrig im Wind wehen. Wir sitzen unten im Tal und die Sonne erwärmt die Ebene so dass eine flimmernde Schicht über das Gras zieht. Vereinzelt stehen die riesigen, langhaarigen Yaks in einem sicheren Abstand und grasen vor sich hin. Wir haben starken Rückenwind und werden und jetzt auf den Weg machen.

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