Es ist der 20.7. Nach unserer ausgedehnten Mittagspause beschließen wir uns direkt einen Schlafplatz zu suchen. Aber vor dem Dorf durch das wir noch durchwollten
entdecken wir plötzlich einen Checkpoint. Wie besprochen fahren wir selbstsicher darauf zu, grüßen freundlich mit “Ni Hau” und dürfen zu unserer Erleichterung einfach passieren. 2 km weiter finden wir einen gediegenen Platz an einem kleinen Bach. Das Wasser ist braun von Schlamm, aber wenn Mann es etwas stehen lässt setzt sich das Gröbste und man kann es trinken. “Etwas erdig, aber besser als das chlorzeugs aus dem Wasserhahn” sagt Hansen und schmatzt dabei übertrieben feinschmeckerisch. Wir gehen früh schlafen, denn morgen wollen wir die übrigen 80 km bis nach Kudi fahren, wo sich alles entscheiden wird.
Am 21.7 stehen wir früh auf, alles ist nass vom Tau, und wir scheitern zum ersten mal daran ein Feuer zu entfachen. “Heute gibts kein Kaffee” sage ich missmutig zu Hansen. Der Kaffee am morgen ist ein fester Bestandteil des täglichen Aufsteh-Rituals und meine Ankündigung verbreitet entsprechend schlechte Laune. Als ob das noch nicht genug sei, schreit Hansen plötzlich auf und bleibt gebückt stehen. “Scheisse, mein Rücken, ich hab mir den Rücken verrenkt” flucht er. Der Tag scheint gelaufen. Hansen schmeißt sich Schmerzmittel ein und legt sich wieder hin während ich das Zelt und die Schlafsäcke zum trocknen aufbaue. Nach 3 Stunden kann Hansen sich garnichtmehr bewegen. “Ich muss versuchen aufzustehen, das Liegen macht alles nur schlimmer”. Gebückt steht Hansen auf, und stützt sich auf seinen Lenker. ” Ahhh, so gehts besser” seufzt er erleichtert. Wir stellen fest, dass er genau die Haltung hat, die er beim radeln einnimmt. “setz dich doch mal auf den Sattel”, schlage ich vor, “vielleicht ist ja fahren eine gute Therapie”. Ich erinnere mich an meinen letzten Hexenschuss, wo mir der Artzt empfohlen hatte mich so viel es geht zu bewegen, das würde helfen: “Solange es nicht schmerzt ist jede Bewegung gut” hatte er damals gesagt. Als Hansen auf dem Sattel sitzt guckt er mich überrascht an. “Paul, das ist wirklich die angenehmste Haltung, lass uns losfahren.”
Gerade noch hatte ich mich darauf eingerichtet den ganzen Tag Krankenpfleger zu spielen, und nur wenige Minuten später sitzen wir auf dem Rad und fahren die Hänge des Himalaya hinauf. Immer wieder frage ich Hansen wie es ihm geht, aber solange er auf dem Rad sitzt ist er fast schmerzfrei. Nur in den Pausen, wenn er absteigen muss schleicht er in gebückter Haltung und stöhnend umher.
Langsam aber sicher nähern wir uns dem Pass, den wir in das Paralleltal überqueren müssen an dessen Ende Kudi liegt. Die Strasse nimmt immer alpinere Formen an, schlängelt sich in den abenteuerlichsten Serpentinen die unglaublichsten Steilhänge hoch. Immer wieder sind teile der Strasse abgerutscht und mit fast niedlichen Tibeb-Fähnchen “gesichert”. Auf Hangseite der Strasse zeugen riesige Felsbrocken und tiefe Krater von Steinschlägen. Am ganzen Hang sind Hupen zu hören: Jeder LKW kündigt sich vor einer unübersichtlichen Kurve damit an. Mehrfach sehe ich wie voll beladene Trucks nur Zentimeter vom Abgrund aneinander vorbeifahren. Es gibt hier keine Leitplanken, neben dem Asphalt oder Schotter geht es teilweise hunderte Meter senkrecht in die Tiefe. Je höher wir kommen, desto mehr Gipfel sehen wir um uns herum. Die Luft wird kälter, und hinter dem Pass türmen sich dunkle Wolken auf. Als wir oben angekommen sind, weiß ich, warum man dieses Gebirge das Dach der Welt nennt. Die Gipfel die man von unten für die höchsten gehalten hatte säumen von hier aus betrachtet noch höher liegende Ebenen, die wiederum am Fuß noch höherer Berge liegen. Vom Pass aus schauen wir in das Tal in dem sich hier und dort die Strasse in Serpentinen hinabschlängelt. Sie führt durch senkrechte Felswände in die sie hineingegraben wurde. Es ist für mich unerklärlich wie man diese Strasse bauen konnte. Wir beschließen auf dem Pass zu übernachten um uns für die noch höheren Pässe hinter Kudi zu akklimatisieren. Gerade als wir unser Zelt auf der alten Passstrasse aufschlagen wollen, fängt es an zu hageln und zu regnen. In wenigen Sekunden, noch bevor wir unsere Überzüge anbringen können sind unsere Gepäcktaschen durchnässt. Kurzerhand beschließen wir abzufahren um in dem wärmeren Tal einen trockenen Platz zu finden. Die Abfahrt zieht sich über 20 km und wie schon am Ötmök Pass in Kirgisistan frieren mit schier die Finger ab. Zwar haben wir Handschuhe gekauft aber die sind so tief im Gepäck vergraben dass sie rauszuholen bedeuten würde alle Klamotten der Witterung auszusetzen.
Wie sich herausstellt ist die Abfahrt bei Regen eine ziemliche Schnapsidee gewesen. Die Felsbrocken auf der Strasse auf anderen Seite des Passes haben sich anscheinend bei Regen aus den Felswänden gelöst. Wie zur Bestätigung geht direkt vor uns tosend eine Schlammlawine über die Strasse, groß genug um uns beide in den Abgrund zu reißen. Gerade so komme ich davor zum stehen, die Scheibenbremsen sind bei Regen etwas reaktionsarm. Die zähe Masse aus Geröll und Schlamm fliesst langsam in den Abgrund ab. Als sie zu Stillstand kommt nutzen wir die Gelegenheit und schieben unsere Räder schnell darüber hinweg. Überall auf der ganzen Strasse liegen frisch heruntergefallene Steine, teilweise richtige Felsen und Steinlawinen die einen zu Umwegen Richtung Abhang zwingen. Manchmal riecht man noch den Aufprall der Felsen auf der Strasse. Der plötzliche Platzregen scheint bei dem Bau der Strasse kein berücksichtigtes Wetterphänomen gewesen zu sein. Wir sind froh als wir die Felswände hinter uns lassen und die Serpentinen uns über gemächlichere Hänge ins Tal bringen. Als wir unten ankommen blicken wir zurück und der eben noch sichtbare Pass ist in Wolken und Nebel verschwunden während hier unten im
Tal nur ein warmer Wind weht. Wir öffnen unsere durchnässten Jacken und lassen uns während wir langsam weiter fahren vom Fahrtwind trocken föhnen. Wir finden einen traumhaften Platz unten am Fluss: Eine flache, von Kühen gemähte Wiese gesäumt von einer Felswand und einer Höhle die uns bei Regen Schutz bieten kann. Wir waschen uns in dem kleinen Becken am Fuß der Felswand. Hansen kann noch immer nicht gerade stehen. “Aber es wird langsam besser” versichert er mir und erinnert mich an seinen Hexenschuss auf unserer Radtour nach Nord Norwegen, der am nächsten Tag fast weg war. “Lass uns schlafen gehen, morgen gehts bestimmt besser”.
Der 22.7 beginnt voller naiver Hoffnung und endet mit einem zerschlagenen Traum. Weil es Hansens Rücken nicht viel besser geht beginnen wir den Tag langsam und machen uns gegen 12 Uhr auf zum alles entscheidenden Checkpoint. 30 km und 500 Höhenmeter trennen uns noch von der Gewissheit für die wir einen Umweg von fast 350 km fahren. Wir sind nervös, die Stimmung ist angespannt. Konzentriert fahren wir stumm das Tal nach Kudi hoch. Die Landschaft ist karg, nur ein schlammiger Fluss fließt in dem Tal das von senkrechten Felswänden gesäumt ist. Auf halber Strecke treffen wir einen Wanderer, der uns fast unglaubliche Nachrichten bringt. “You just passed Kudi Checkpoint right there”, sagt er und deutet auf die Militärkaserne die wir eben durchfahren sind. Er ist sich sicher, aber wir wissen aus vielen verschiedenen Quellen, dass Kudi noch 20 km weiter liegt. “Trotzdem, falls er recht hat sollten wir uns nicht als Europäer zu erkennen geben, vielleicht ist der Checkpoint verlegt worden und wir hatten tatsächlich Glück?” meint Hansen und zieht sein Halstuch bis über die Nase. Ich tue das gleiche, und voller Hoffnung und Anspannung fahren wir weiter.
“Das ist es”, sagt Hansen. Vor uns liegt Kudi, ein kleines Dorf in einer Schlucht, links ein reissender Gebirgsbach, rechts senkrechte Felswände. Der angeblich härteste Checkpoint in ganz Tibet liegt nicht ohne Grund hier, er ist unmöglich zu umschleichen. Zielsicher fahren wir in das Dorf hinein. Der erste Checkpoint ist wie im Internet beschrieben unbesetzt. Hinter der letzten Kurve im Dorf kommt der zweite. Wir haben alles am morgen schon einmal durchgespielt. Wir werden als erstes versuchen einfach zielstrebig durchzufahren, falls die Schranke offen ist. Aber sie ist geschlossen. Wir versuchen mit einem LKW hindurch zu witschen, aber ein mit Maschinengewehr bewaffneter Soldat versperrt unsren Weg. Auch der auf dem Wachturm positionierte Soldat gibt uns zu verstehen, wir sollen absteigen. Einer der Soldaten geleitet uns in die Station. Wie besprochen hole ich die Ausweise zusammen mit unserem gesamten Bargeld heraus, die Soldaten sollen sehen, dass wir zahlungsfähig sind. Als sie uns zu verstehen geben, dass unser Visum nicht für Tibeb gültig sei, und wir eine Alien Permit brauchen, stelle ich mich wie geplant blöd und frage was das denn koste. Der Soldat lacht und wedelt ablehnend mit den Händen. “Das kann man nicht kaufen, das bekommen nur Chinesen oder Touristen mit Chinesischem Guide” gestikuliert er. Natürlich wussten wir das, aber wir wollten nichts unversucht lassen um absolute Gewissheit zu haben, dass wir hier nicht durchkommen. Ich bin verzweifelt und den Tränen nahe. Hier sitze ich, 170 km abseits unserer Alternativroute im Himalaya und scheitere an den unnachgiebigen Grenzsoldaten. Während Hansen so tut als in er telefoniert aber in Wirklichkeit mit seiner Handykamera den Checkpoint ausspioniert sitze ich einfach nur da und versuche zu verinnerlichen, dass wir gescheitert sind. Ein letzter Funken Hoffnung kommt auf als wir erneut nach den Ausweisen gefragt werden, aber nur wenige Minuten später bekommen wir sie mit der Bitte zurück den Checkpoint jetzt zu verlassen. Resigniert, niedergeschlagen und deprimiert schieben wir die Räder zurück ins Dorf. Es bleibt nur noch die illegale Möglichkeit über einen angrenzenden Bergkamm hinter den Checkpoint zu gelangen. Dafür müssen wir im abgehenden Tal bis auf einen 4200 m hohen Pass schieben. Wir müssten mehrfach gehen und das Gepäck aufteilen, eine Aktion von mehreren Tagen, mit dem Ergebnis dass wir die nächsten zwei Monate unserer Tour immer versteckt und auf der Hut sein müssen, keine Einladung annehmen, und nur in kleinen Dörfern anhalten. Die ersten Tage bis hinter den Checkpoint bei Masar dürften wir nur nachts fahren, und unser Visum müssten wir als illegale Migranten in Tibeb, in Lhasa verlängern, ein fast unmögliches Vorhaben. Hinzu kommt die Ausreise aus Tibeb, die ohne Permit ebenso schwer sein dürfte. Dennoch beschließen wir uns den Weg über den Kamm anzusehen. Wir kaufen im Dorf noch das nötigste an Proviant und treffen zufällig einen Chinesischen Radfahrer, der uns eine “inoffizielle Adresse” in Yecheng gibt, wo wir evtl. ein Permit bekommen können.
Als wir in das abgehende Tal einbiegen müssen wir schon nach 3 km feststellen, dass unsere letzte Chance, der Weg über den Berg durch eine fast senkrechte, ca. 20 m hohe Felswand versperrt ist. Wir hatten sie auf den Karten übersehen, die Höhenlinien bestätigten aber bei genauem Hinsehen dass es unmöglich ist.
“Wir müssen es akzeptieren, Hansen. Lass uns zurück nach Yecheng (Kirgilik) fahren und dort den letzten Versuch starten ein Permit zu bekommen.”
Hansen nickt stumm und schaut auf die schneebedeckten Berge. Er schluckt. Auch ich starre regungslos das Tal hinauf. Minuten vergehen, keiner sagt etwas. “Wenn mich diese Tour eins gelehrt hat, dann dass man nicht einfach reisen kann” sagt Hansen nach einiger Zeit. “Die Welt ist voll von Grenzen die einem verbieten diese Welt ganz zu bereisen. Keiner kann einfach eine Weltreise machen. Die romantische Idee davon einfach hingegen zu können wo man will ist naiv und absolut unmöglich. Dabei ist es doch ein und derselbe Planet, verdammt!”
Wieder Stille. Wir beschließen abzufahren, zurück zu dem Schlafplatz an dem wir heute morgen aufgebrochen sind. Es ist fast unerträglich. Immer wieder verschwimmt mir die Sicht vor Traurigkeit. Je weiter wir abfahren, desto definitiver ist die Entscheidung: Wir werden nicht unseren Traum verwirklichen und durch Tibet, vorbei am k2 und Mount Everest, nach Lhasa fahren, sondern statt dessen durch die Taklemakan Wüste, über Sichuan nach Chengdu. Es ist die zweite derbe Enttäuschung auf unserer Tour nach dem wir schon wegen Krankheit nicht den gesamten Irkeshtam Pass fahren konnten. Das Himalaya und Tibeb waren ein, wenn nicht der wortwörtliche Höhepunkt unserer Tour, und wir müssen uns davon verabschieden.
Müde und enttäuscht gehen wir abends wieder am gleichen Platz schlafen. Wir beschließen früh aufzustehen um es am nächsten Tag bis nach Yecheng (Kirgilik) zu schaffen, wozu wir über den abenteuerlichen Pass zurück müssen und 150 km abfahren, zurück in die Wüste, wo wir vor zwei Tagen voller Hoffnung auf die G219 abgebogen waren.
Am 23.7 stehen wir um 6 auf, das ist nach lokaler Zeit 4 Uhr Morgens. Man kann noch den Sternenhimmel sehen, als ich mit Stirnlampe aus dem Zelt krieche um Kaffee zu kochen. Pünktlich mit der Dämmerung brechen wir auf und fahren den endlos langen Pass hoch. Bagger sind immernoch damit beschäftigt die Erdrutsche und Steinschläge vom Regen vor drei Tagen zu entfernen. Kudi entfernt sich immer weiter, die Entscheidung manifestiert sich. Die Abfahrt auf die wir uns gefreut haben wird uns von Regen und so starken Gegenwind vermiest, dass wir auch an steilen Hängen bergab strampeln müssen um vorwärts zu kommen. Hinter unserem Schlafplatz vom 20/21.7 mischt sich zu dem Gegenwind der zweite Sandsturm der aus der Taklemakan Wüste der Staub und Sand in die Berge bläst. Es knirscht in meinem Mund wenn ich schlucke und die Zähne aufeinander beiße. Die Sicht ist miserabel, beinahe fahren wir in eine Herde Yaks die von ihrem Hirten auf der Strasse entlanggeführt wird. Ein schrecklicher Unfall, Frontalaufprall zweier LKW macht die Abfahrt endgültig zur beschissensten Abfahrt der gesamten Tour. Nur wenige Meter weiter zerreißt die Kardanwelle eines LKW und schleudert schwere Metallteile durch die Gegend. Die letzten Tage waren der nervenaufreibendste Abschnitt der gesamten Tour.
Trotz frühem Aufstehen haben wir es nicht nach Kirgilik (Yecheng) geschafft. Wir sitzen, gelehnt im Windschatten des Fußes eines riesigen Verkehrsschildes und schauen das Tal hoch aus dem wir kommen. Der Sand verschleiert die Sicht, wir werden uns hier in der Nähe einen Schlafplatz suchen und morgen unser letztes Fitzelchen Hoffnung in Yecheng lassen, wenn man uns wahrscheinlich sagen wird was wir schon wissen: Dass wir kein Permit bekommen können, und Tibeb für uns unerreichbar bleibt.
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