Am 6.8 ist nichtmehr viel passiert. Ich bin nach meinem Nickerchen aufgewacht, wir haben die zweite Melone vom Doktor gegessen und Hansen ist nochmal zum Dorf zurück um “uns zwei Tapferen zwei Bier zu holen”. Wir beschließen mindestens den nächsten Tag in dem kleinen Oasen-Paradies zu verbringen: Mit einem Bier in der Hand und vollem Magen schaue ich verträumt umher. Unser Platz ist durch eine Düne aus perfekt gelbem Sand und einer Reihe Bäumen von der Strasse getrennt. Die Düne fällt in unsere Richtung sanft ab und mündet am Fluss in einem kleinen Sandstrand, der links und rechts ebenfalls von einer Reihe sporadisch angeordneten Bäumen gesäumt wird. Unter einem dieser riesigen, uralten Bäume sitzen wir gerade im Sand. Wenn ich über den Fluss blicke, sehe ich wie nach ein paar Büschen die Wüste mit riesigen Dünen anfängt, das Ende der Oase, jäh und gnadenlos. Kein Baum, kein Busch wagt es hinter dieser Linie zu wachsen, nur wir Menschen haben uns getraut eine Asphaltbahn hindurchzulegen, und glauben mal wieder, der Wüste dadurch überlegen zu sein. Aber stetig und ohne Gnade weht der Wüstenwind Sand mit unglaublicher Geduld über die Dünen und unaufhaltsam nähern sich riesige Wanderdünen der Strasse, an manchen Stellen ist der Seitenstreifen schon davon bedeckt. Es bleibt den Bauarbeitern nichts anderes übrig als die gesamte Düne abzutragen, alle Jahre wieder. Alle Technik vermag es nicht den Sand aufzuhalten. Sie versuchen es mit dem Stecken von Milliarden toten Grasbüscheln am Straßenrand, mit dem Bau von sanddichten Zäunen, mit dem Künstlichen Anlegen von Dünen aus Stein welche die Luftströmungen so abändern sollen, dass der Sand über die Strasse hinwegfliegt oder sich davor fängt. An manchen Stellen versucht man alles in Kombination, und doch siegt langfristig die Wüste. Straßen werden aufgegeben und doch die 200 km längere Route durch die Berge gebaut. Wie am Meer ist es faszinierend einer solch stetigen Naturgewalt gegenüber zu sitzen, getrennt durch einen Fluss, den die Wüste an dieser Stelle wohl nie überwinden konnte, welcher aber trotz seiner Größe nur wenige Kilometer weiter spurlos in der Wüste “verdurstet”.
Wir gehen früh schlafen und stellen keinen Wecker.
“Jetzt machen wir mal richtig Urlaub” sage ich zu Hansen.
“Wohl eher ‘ne Kur, und ich bin Ihr Pfleger, Herr Hoepner” murmelt er in gespielten Missmut durch sein aus Fleece und Regenjacke gebautes Kopfkissen. Ich grinse, und schlafe erschöpft und leicht angedudelt von dem selten genossenen Bier ein.
Als ich am 7.8 aufwache, ist es schon 11:00. Obwohl die Sonne scheint haben die Bäume so lange Schatten auf unser Zelt geworfen, dass man ohne Schweissausbrüche bis jetzt schlafen konnte. Ich tippe Hansen an, dessen Wachsein er durch das Hibbeln seines Fußes verrät. Ganz gemütlich stehen wir auf, trinken zur Krönung zwei Kaffee, und genießen den späten Start in den Tag. Als ich meine Wunden neu verbinden will muss ich feststellen, dass die Kompressen nicht gefettet waren, und mit der Wunde verklebt sind. Langsam weiche ich sie in Wasserstoffperoxyd ein und löse den Stoff langsam aus der schleimigen Kruste, danke Papa für den Tip! Wahrend der Prozedur werden wir wiedereinmal “gespotted” von zwei Gaffern, die sich ohne unseren Gruss zu erwidern direkt neben mich setzten und mir bei der gesamten Wundpflege zuschauen. Die Wunde am Knie sieht fies aus, trotzdem bleiben die Gaffer und unterhalten sich angeregt über mich. Ich komme mir wieder vor wie ein Affe im Zoo, der versucht mit seinen Beobachtern zu kommunizieren, welche aber sogar meine korrekte Begrüßung als sinnloses Affengeschwätz abtun, ganz nach dem Motto: “Hat der grad was gesagt? Nein Du Idiot, Affen sprechen nicht!”
Wir beschließen endlich die Zeit zu nutzen und uns einen Stempel zu bauen, für das Stempelkissen, welches wir schon in Kashgar gekauft hatten. Dazu ritzen wir vorsichtig die Adresse unserer Website in ein Stück Lehm, brennen dieses auf dem Feuer und giessen letztendlich heißes Plastik darüber, welches sich nun in den Buchstaben verteilt und eine perfekte Stempelforn ergeben soll – so die Theorie. Die Praxis war erstaunlich erfolgreich für diesen dilettantischen Versuch, aber scheiterte daran, dass die Höhe / Tiefe der Buchstaben im Lehm zu unterschiedlich war und man nur Teile des Stempels erkennen konnte wenn man ihn verwendete. In einem zweiten, langweiligeren aber erfolgreicheren Versuch haben wir dann alle Buchstaben aus Gummi ausgeschnitten und in Spiegelschrift auf ein Stück Plastik geklebt. Das Ergebnis lässt sich sehen, Hansens ganzer Oberkörper ist nun mit unserem Logo “tätowiert”.
Zur Belohnung geht Hansen abends wieder eine Melone und zwei Bier holen, er verlässt das Camp lachend mit den Worten: “Das haben wir uns verdient, wir haben eine harten Tag hinter uns!”
“Jawoll”, rufe ich ihm hinterher, “die Jungs von der Stempelgiesserei haben Durst!”
Als Hansen zurück ist kochen wir und gehen wieder früh schlafen, wir wollen versuchen ob ich am nächste Tag mein Bein wieder weit genug anwinkeln kann um damit Rad zu fahren.
Leider kann ich es am 8.8 immernoch kaum bewegen. Der Verband auf der Wunde spannt zu sehr und ohne Verband zu fahren wäre zu riskant. Also verlängern wir unseren Aufenthalt im Kurort Washixiaxiang.
“Ach du scheisse”, ruft Hansen aus dem Vorzelt.
“Was denn”, ziehe ich ihm weiteres aus der Nase.
“Ein riesiger Skorpion, direkt hier, unter meinem Schuh”.
Er fängt ihn mit einem unserer Kanister und präsentiert ihn. Es ist tatsächlich ein ziemlich großes Fieh, ich schätze gute 5 Zentimeter. Wie sich zu unserem Schrecken nach den Recherchen herausstellt ist das Tierchen was sich in unserem Schlafzimmerteppich verkrochen hatte eines der tödlichsten seiner Gattung und sorgt jedes Jahr für zahlreiche Todesopfer. Wir beschließen ihn gute 300 m von unserem Zelt frei zu lassen.
Hansen experimentiert den Tag über erfolglos weiter in seiner Stempel-Versuchsreihe “welches Plastik kann man wie schmelzen und danach trocknen lassen ohne dass es brüchig wird” während ich versuche aus meinem Getränkehalter das Spezialwerkzeug zu feilen welches wir brauchen um das Rohloff-Ritzel zu wenden. Nach stundenlanger Feilerei setze ich den Hebel an und das scheiß Ding aus Aluminium wird an der Nut der zu öffnenden Schraube einfach “verschmiert”. Alle Arbeit umsonst, aber wir haben ja die Zeit. Also erstmal einen Kaffee machen zur “Belohnung” und dann weiter kurieren.
“Du siehst aus wie ein Baby das im Nichtschwimmerbecken plantscht” ruft Hansen zu mit rüber. Ich sitze im Fluss an einer flachen Stelle, um während meiner Waschaktion meine Wunden trocken zu halten. In dieser Position versuche ich mir nur mit der linken Hand so viele Gliedmaßen wie möglich zu waschen. Es ist ziemlich aussichtslos, aber die wichtigsten Teile werden auf diese Art mindestens mal durchgespült. So erfrischt wie man nach einer derartigen Befeuchtung sein kann fange ich an zu kochen und wir beschließen morgen früh aufzustehen um zu versuchen 200 km zu schaffen und somit zumindest einen Tag weniger Trampen zu müssen.
Als wir am 9.8 um 4:30 aufstehen ist es noch stockdunkel und ein starker Wind hat unser gesamtes Zelt und Schlafsäcke auch von innen verstaubt. Schnell frühstücken wir und machen uns mit einen wirklich traumhaften Rückenwind auf den Weg. Nach wenigen Kilometern haben die Wunden an meinem Knie sich an die Bewegung angepasst und die Schmerzen sind fast gänzlich weg. Zwar muss ich nach jeder auch nur kurzen Pause wieder durch die leicht schmerzende Adaptionsphase aber Dank des Windes kommen wir schnell voran. Schon um 11:00 sind wir in Ruoqiang und fast ohne Pause fahren wir 200km bis wir abends um 6 in der mittlerweile steinigen Wüste unser Zelt aufschlagen.
“Der Boden ist tückisch”, sage ich noch zu Hansen kurz bevor er im weichen Sand unter den Kieseln wegrutscht und sich sanft und lachend ablegt. Die Landschaft ist karg, aber irgendwie schön. Über die Jahre hat der Wind den leichten Sand weggeblasen und unendlich viele kleine Steinchen zurückgelassen, die nun die übriggebliebene, windresistente Oberfläche der sanft geschwungenen Hügelketten bilden. Es sieht aus wie fester Boden, aber wenn man sie berührt fallen sie fast wie von alleine unter den weichen Sand und lassen eine weiße statt der vorher grauen Fläche zurück. Auf diese Art sieht man alle Spuren wie mit Kontrastmittel hervorgehoben, jede Berührung mit der Oberfläche zeigt sich sofort in einer farbliche Änderung. Wir stellen unser Zelt auf dem traumhaft weichen Boden auf und gehen erschöpft von den 201,2 Kilometern schlafen.
Am 10.8 stehen wir um 5:00 auf und im Dunkeln packen wir alles zusammen. Es ist schon fast zu einer Gewohnheit geworden so früh aufzustehen. Man muss nur am Abend vorher alles perfekt vorbereiten, weil ansonsten in der Finsternis leicht Dinge verlegt werden können. So wird jeden Abend abgewaschen, das Wasser für den Kaffee in den Topf, das Pulver in die Tassen, das Holz in den Ofen und alles zum Essen ins Vorzelt gelegt, so dass es reicht ein Streichholz an den Ofen zu legen und 2 Minuten zu warten bis der Kaffee fertig ist. Auf diese weise brauchen wir zum aufstehen und zusammenpacken meist nur eine Stunde und können ganz entspannt frühstücken.
“Schau mal, Paul”, ruft Hansen zu mir rüber, “kannst Du das lesen?”
“Ja”, rufe ich zurück, “was für eine geniale Idee!”
Hansen hatte sich ein Brett genommen und an der zur Strasse gewandten Seite der Düne ein großes “B” gezeichnet indem er einfach das Brett leicht über die Kiesoberfläche gestricht hat. “das ist sicher 3 Meter groß”, sagt er und ich schnappe mir ein Stück Holz und helfe ihm. Ca. eine halbe Stunde später steht in einem etwa 70 m langen und 3 Meter hohen Schriftzug die Adresse unserer Website da (Foto siehe Hansens Post).
Der Tag beginnt zäh. Wir schleppen uns mit 20 km/h durch das Flachland und sind schon nach kurzer Zeit vollkommen ausgepowered. “Was ist denn los heute”, fragt Hansen missmutig, “ham wir gesoffen gestern oder was?”
“Keine Ahnung, wir haben sogar leichten Rückenwind”, sage ich ratlos.
Die ganze Gegend ist wieder in dem hier ständig vorhandenen zähen Staub-Nebel versunken, man sieht nur wenige hundert Meter weit. Zufällig schaue ich bei einer Pause auf den Höhenmesser und was ich sehe erklärt alles. “Oh mann, Hansen! Wir sind seit heute Morgen schon fast 400 Meter gestiegen, das is kein Flachland mehr hier, das geht alles bergauf!”
Wir sind fassungslos über die Sinnestäuschung, aber als wir uns beide mit den Schultern parallel zur Strasse stellen sehen wir es. Wegen dem Nebel und der relationslosen Landschaft hatten wir den schleichenden Übergang von Flachland zum konstant ansteigenden Vorgebirge nicht bemerkt. Ohne zu wissen dass wir ständig bergauf fahren, hatten wir natürlich das Gefühl nicht vorwärts zu kommen.
“Und Herr Hoepner, wie finden Sie die Landschaft”, frage ich scherzhaft über die Schulter. Statt Hansen antwortet die fiktive Figur namens Mister Schmidt, die uns seit einigen Monaten begleitet. Mister Schmidt ist nicht begeistert. Er verachtet Landschaften, die vorgeben Flachland zu sein, aber in Wirklichkeit bergauf gehen. Das sei nichts halbes und nichts ganzes!
Mister Schmidt spricht in grammatikalisch perfekten Englisch, aber mit dem derbsten deutschen Akzent. Seine Lieblingswörter sind jene, die sowohl im deutschen als auch im englischen ähnlich geschrieben werden. Diese spricht er dann statt auf Englisch auf Deutsch aus. Das Lieblingswort seiner Lieblingsworte ist “korrekt”, welches er so oft es geht in fast arrogant klingenden Tonfall mit dem Satz: “Sät is korrekt” von sich gibt. Ebenso wie sein Lieblingswort, ist sein Charakter.
Mr. Schmidt redet also eine zeitlang in förmlichen Ton über die Unmöglichkeit einer Steigung im als Flachland erscheinenden Vorgebirge, bis ihm an der Steigung die Luft ausgeht.
Endlich, nach harten 40 km, kommt ein Einstieg in die Berge wie ich ihn nie zuvor gesehen habe. Statt am Fuße eines Berges anzukommen und sich hochzuarbeiten, stehen wir plötzlich bei knapp 2000 Metern ü. NN. an einer Kante, von der aus man in die Berge hinunter fährt. Das Flachland hat uns langsam so hoch gebracht, dass das Vorgebirge des Himalayas unter uns losgeht. Erst im Nachhinein sehen wir, dass wir durch den Nebel verborgen schon längst von Bergen flankiert waren. Wie immer bewirken die Berge bei uns Wunder. Die Laune steigt, und wir haben plötzlich endlos Energie und strampeln nach einer kurzen Abfahrt weitere 15 km den noch Berg rauf. Idyllisch schlängelt sich die Strasse an dem ausgetrockneten Flussbett entlang, Schwer beladene LKW kommen uns hupend mit stinkenden Bremsen entgegen, und eine chinesische Familie beschenkt und reich mit Weintrauben, Pfirsichen, Gurken, Wasser, Äpfeln und Dosen-Eintopf. Ich liebe die Berge!
Nachdem wir unser Pensum erfüllt haben kreuzen wir das Flussbett zur anderen Seite um unser Lager aufzuschlagen. Wir beobachten aus der Ferne, wie die LKW sich das Tal hochkämpfen, überladen ohne Ende. Wie zum Showdown eines kitschigen Filmes hebt sich der uns seit Wochen begleitende zähe Nebel und die Sonne lässt sich noch einmal kurz blicken bevor sie hinter den trockenen Bergen verschwindet. Gute Nacht China, wir haben es endlich durch die Wüste geschafft, endlich, endlich: Goodbye Wüste, Flachland, Sandstürme, Nebel, Hitze. Wir sind aus dem ugurischen Teil
raus, und werden ab morgen endlich im klassischen China sein!

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