Als wir am 11.10 aufstehen ist alles im Zimmer feucht. Meine Bettdecke, mein zum trocknen aufgehängter Schlafsack, meine Radlerhose, von den Scheiben tropft das Wasser. Aus irgendeinem Grund scheint das Zimmer Wasser anzuziehen, und so müssen wir, schlimmer wie nach einer durchregneten Nacht im Zelt aus dem Bett in klamme Klamotten, genau das was wir uns eigentlich mit dem Hotel ersparen wollten.
Als wir unsere Sachen runterbringen zudem Rädern rennt die Hotelbetreiberin in die Rezeption, auffällig schnell und hektisch kommt sie mit einem verdächtigen Grinsen wieder raus bevor wir sehen können was sie da gemacht hat. Ich vermute sie hatten die gestern noch veränderten Hotelpreise zuruckgeändert, weil sonst andere Kundschaft von dem Preis abgeschreckt werden, und als wir uns der Rezeption näherten musste sie für uns schnell wieder den höheren Preis anbringen. Erst jetzt viel mir auch auf, dass unlogischer Weise das Zimmer mit 3 Betten ganze 30 Yuan billiger war als unseres, mit 2 Betten. Eine deutliche Bestätigung für das Preisgetausche. Aber weder Hansen noch ich haben großes Interesse daran jemanden vorzuführen und so schmunzeln wir lieber über die armselige Abzocke statt uns zu beschweren.
Als wir gerade losfahren wollen stellen wir fest, dass Hansens Vorderrad platt ist. Seltsamer Weise ist der Schlauch von der Innenseite, also von der Felge aus beschädigt, obwohl das Felgenband und auch die Felge keine Unebenheiten oder gar spitze Stellen haben. Wir können also wieder die Ursache für das Loch nicht finden, beschließen es noch einmal zu flicken und beim nächsten Platten dann den Schlauch zu wechseln. Beim Wiedereinbau von Hansens Vorderrad stellen wir gravierende Spuren auf seiner Bremsscheibe fest, und als wir seine hintere und meine beiden kontrollieren, sind auch dort deutliche Einkerbungen zu sehen. “Verdammt, woher kommt das, das ist nicht normal”, sagt Hansen, “das sind sicher die beschissenen Bremsbacken die uns der Radladen in Berlin bestellt hat, die machen eh schon so komische Geräusche”
Wir schauen uns die Bremsbacken an und müssen feststellen, dass dieser Satz keine 8.000 km gehalten hat, wie die ersten die wir drauf hatten, sondern nur lächerliche 2000 und so weit abgefahren ist, dass Metall auf Metall schleift. Zwar hatten wir eine Menge Berge, aber so schnell dürfen sich die nicht abfahren. “Scheisse, wir haben ein echtes Problem”, sage ich genervt, “die Dinger konnte man noch nichtmal in Berlin ohne Vorbestellung kaufen, wo sollen wir die jetzt herbekommen?”
“Shimano ist doch glaube ich eine Chinesische Marke, oder?”, denkt Hansen laut nach, “vielleicht kann man die hier überall kaufen?”
Um überhaupt bremsen zu können, suchen wir den glücklicherweise aufbewahrten ersten Satz der Bremsbacken raus, und stellen fest, dass bei allen Sätzen die innere Bremsbacke weniger abgefahren ist. Mit ewigem Hin- und Her-Sortiere schaffen wir es auf alle Bremsen Backen zu montieren, die wenigstens noch einen halben Millimeter drauf haben, so dass wir es hoffentlich noch bis zur nächsten großen Stadt schaffen. “Ab jetzt einfach weniger bremsen”, sagt Hansen zwar im Spass, aber im Grunde hat er recht. Zwar werden wir sicherlich kein Risiko eingehen, aber unnötiges Bremsen sollte man vermeiden.
Wir fahren los und essen in einem kleinen Garagenrestaurant Dampfnudeln zu Frühstück. Dannach fahren wir den am Vortag angefangenen Pass zu Ende und haben oben, nachdem sich die Strasse schier endlos den Berg hinauf gezogen hatte, einen wirklich umwerfenden Blick über die uns bevorstehende Landschaft. Unzählbare kleine Hügel und Berge stechen wie Hüte zwischen den wie Höhenlinien aussehenden Reisfeldern hervor. Der Nebel vom Morgen hängt zwischen ihnen und bei den hinteren Hügeln kann man nur die runden aber steilen Gipfel sehen. Unsere Strasse verliert sich im Nebel im gute 500 m unter uns liegenden Tal. “So habe ich mir China vorgestellt”, sage ich zu Hansen der gerade dabei ist seine Jacke anzuziehen um sich für die lange, fast 10 km Abfahrt zu wappnen. Die Strasse ist zwar eigentlich trocken, aber auf der hinabführenden Straßenseite durch die Wasserkühlung der LKW-Bremsen nass. Die LKW haben seit Kirgisistan riesige Wassertanks unter ihre Ladeflächen gehängt, woraus sie bei langen Abfahrten durchgehend Wasser von außen auf ihre Räder Sprühen um die Bremsen damit zu kühlen. Anders sind die Berge in China mit fast ausschließlich überladenen LKW nicht zu bewältigen. Für uns bedeutet das auf fast allen Abfahrten nasse und somit rutschige Fahrbahn, vorallem in Gegenden wo es lange nicht richtig geregnet hat und das Wasser der LKW mit dem Staub auf der Strasse eine schleimige und rutschige Schicht bildet. Trotz der tollen Wasserkühlung liegt auch an diesem Pass bei unserer Abfahrt ein LKW in einer Serpentine umgekippt auf dem Boden. In der Abwasserrinne vor der Kurve sieht man noch, wie er wohl versucht hat durch Aufsitzenlassen der Achse indem er mit den Rädern der einen Seite in den Graben fährt zu Bremsen. Einerseits war der Rettungsversuch erfolgreich, denn er ist knapp einen halben Meter vor einem tödlichen Abgrund auf der Seite zum liegen gekommen, aber seine ganze Ladung Betonsäcke hat sich über die Böschung in die Tiefe verteilt. Der Fahrer scheint den Unfall unverletzt überlebt zu haben. “Wahrscheinlich ist er noch rechtzeitig abgesprungen”, spekuliert Hansen, “Anschnallen gilt hier ja immernoch als Herausforderung des Schicksals, und ohne Anschnalle würde der jetzt sicher nicht hier stehen und eine qualmen.”
Wir erreichen das Tal und stellen zu unserer Überraschung fest, dass unser GPS Programm wohl eine ungenaue Route berechnet hat, wodurch drei ganze Pässe komplett entfallen und wir eine weitere fast durchgehende Abfahrt von fast 20 km vor uns haben. Das GPS berechnet die Höhenmeter anhand von Punkten entlang der Route. Bei sehr steilen Bergen reicht aber eine Ungenauigkeit von 20 m, um ganze 200 m höher oder tiefer zu messen als die tatsächliche Route verläuft. Auch Brücken oder Tunnel werden anhand der Erdoberfläche berechnet und sind deshalb im Höhenprofil nicht zu erkennen. In diesem Fall waren die Fehlberechnungen zu unseren Gunsten und so fahren wir durch und machen Mittagspause in Lichuan. In einer hier sehr seltenen Bäckerei decken wir uns mit Keksen und einer Art Zopf ein und essen dann in einem Restaurant eine dermassen scharfe Suppe, dass mir nur wenige Stunden später der Unterleib von dem Chili schmerzt. “Ich werde mich wohl nie daran gewöhnen”, sage ich wehleidig zu Hansen.
“Wenn du das vor 6 Monaten gegessen hättest, wärst du jetzt im Krankenhaus” erwidert Hansen aufmunternd, “so scharf hast du sicher noch nie gegessen!”
Von dort aus geht es weiter, relativ flach durch ein langgezogenes Tal, wo wir endlich mal wieder einen schönen Schlafplatz finden. Die moosige Lichtung ist von der Strasse her nicht zu sehen, und wir haben freien Blick auf eine Felswand und den darüber liegenden Urwald, in dem wir uns zu unserem Bedauern wieder befinden. Das gesamte Tal wird von einem Fernseher beschallt, auf dem offensichtlich die 10.000 Version des Schnulzen-Schlagers “Time to say Good Bye” von Pavarotti donnert, den die Chinesen so sehr zu lieben scheinen. Schon in Kashgar haben wir das Lied rauf und runter in jedem Laden und auf der Strasse gehört. Man könnte fast meinen, es sei die Chinesiche Nationalhymne. Auch hier, mitten im Dschungel schallt es von der Felswand wieder, so dass die genaue Quelle nicht zu Orten ist, aber als um Punkt 20:00 Uhr das CCTV Jingle ertönt, wissen wir, dass die endlose 20-minuten-Version des Liedes, gesungen von einer piepsigen Frauenstimme, nicht etwa ein Live-Aufgritt, sondern Teil einer Fernsehsendung ist, wahrscheinlich das Grand Final einer der Soaps die Tag und Nacht im Fernsehen zu laufen scheinen.
Wir essen ein paar Kekse aus der Bäckerei zu Abend und gehen mal wieder in unserem Heim aus silikonbeschichtetem Ripstop-Textil schlafen.
Am 12.10 fängt es um 3 Uhr nachts heftig an zu regnen, und meine Hoffnung, wir hätten die Regengegend hinter uns gelassen sind dahin. Im Regen packe ich alles zusammen, während Hansen seinen Blogpost schreibt. Als es gegen 11 Uhr noch immer pladdert, beendet Hansen die Niedergeschlagenheit und Motivationslosigkeit mit seinem Leutnant-Spruch: “Mann sind wir verweichlicht, wir haben doch weitaus schlimmeres mitgemacht, das bisschen Regen hält uns doch nicht allen Ernstes davon ab weiterzufahren, oder?”
“Stimmt verdammt nochmal”, stimme ich zu, “Scheiß drauf, lass losfahren!”
Und so fahren wir im strömenden Regen los, in voller Regenmontur, die wir nach kurzer Zeit ablegen müssen, um nicht vom sich darunter sammelnden Schweiß klatsch nass zu werden. Selbst in den kurzen Regenpausen werden wir von den dicken, von dem Bäumen tropfenden Tropfen bombardiert, so dass wir nach kurzer Zeit komplett nasse Beine haben.
Die Landschaft durch die wir fahren muss der absolute Wahnsinn sein, durch den unglaublich dichten Nebel können wir zeitweise in den Bergen riesige Überhänge, zuckerhut-förmige Gipfel, und tiefe Schluchten erahnen. Leider bleibt es unmöglich einen Blick auf das gesamte Panorama zu erhaschen, weil der endlose Nebel uns durchweg die Sicht verweigert. Zwischen den triefenden Bäumen fliegen von Ast zu Ast eine Art Paradiesvogel, mit langen wehenden Federn am Schwanz. Sie scheinen auf Hansens elektrische Hupe zu reagieren und sammeln sich wenn er das zwitschernde Signal betätigt über uns in den Wipfeln, um dann wieder gespenstisch im Nebel zu verschwinden. Weil unsere Telefone im Regen nass geworden sind, müssen wir heute mit Karte navigieren. Leider gibt es darauf keine Höhenangaben, so dass wir die Pässe ohne Info über Höhe und Distanz fahren müssen. Es ist ein ewiges Abwechseln von Hoffnung und Enttäuschung, denn hinter jeder Kurve erwartet man den Gipfel, aber hinter jeder Kurve kommt die nächste. Als wir endlich tatsächlich oben ankommen sind wir nassgeschwitzt. Trotzdem müssen wir in die nasse Regenkleidung um uns bei der Abfahrt vor dem kalten Wind zu schützen. Es gibt nichts unangenehmeres als verschwitzt bei 200% Luftfeuchtigkeit in nasse Regenkleidung zu steigen.
Den Kragen meiner Jacke über das Kinn gespannt rollen wir die längste Abfahrt seit dem Himalaya hinunter. Ganze 22 km durch Platzregen, die Scheiben-Bremsen dampfen und zischen wenn das Wasser von der Strasse darauf läuft, mit zugekniffenen Augen fahre ich möglichst bewegungslos und hochkonzentriert die sanften Kurven hinunter. Das Wasser läuft mir über die Regenhose in die Schuhe und über das Helmband am Kinn entlang in den Kragen, wo es eiskalt am Hals entlang auf meine Brust läuft. Die nasse Jacke wird durch den Fahrtwind auf meine nasse Haut gedrückt und klebt ekelhaft an Armen, Hals und Brust. Ab und zu wechsele ich das angewinkelte Bei ab, um die eben noch so ausgelaugten Muskeln nicht zu versteifen. Die Abfahrt dauert ewig, und als wir endlich im Dorf im Tal ankommen suchen wir uns ein kleines Restaurant um uns aufzuwärmen, zu trocknen und etwas warmes zu essen. Die Betreiber sind ein junges Pärchen und unglaublich lieb und hilfsbereit. Wir essen bis wir nichtmehr können und bezahlen dafür gerade mal 20 Yuan.
“Mist, dein Vorderrad ist platt”, sage ich und könnte gleichzeitig kotzen. Der ganze Tag war schon anstrengend genug, warum muss dieser scheiss Reifen ständig Platt sein?? Sind wir zu doof zum Flicken?
Die Restaurantbesitzer lassen pfiffig sofort etwas Wasser in eine Wanne so dass Hansen sehen kann wo das Loch ist.
Wieder stellt sich heraus, dass das Loch auf der Innenseite ist, an einer Stelle, die von außen nicht beschädigt worden sein kann. Auch das Felgenband und die Felge sind nicht die Ursache. Ich erinnere mich daran, wie wir in der Wüste einmal einen Schlauch gekauft hatten, der wohl zu lange in der Sonne lag, und so spröde war, dass er dauernd Löcher bekam. Auch damals waren die Löcher auf der Innenseite, und so beschließen wir den Schlauch auszutauschen und hoffen, dass er diesmal mehr als knappe 50 km hält. Frustriert und immernoch nass beschließen wir für heute die Segel zu streichen und suchen das nächste Hotel. Und wir haben Glück, wir finden ein wirklich freundliches Hotel ein paar Meter weiter die Strasse hinab, die uns ihr bestes Zimmer für gerade mal 60 Yuan geben. Das Zimmer hat einen riesigen Balkon zur Strasse raus und sogar eine Westliche Toilette zum sitzen, was hier wirklich eine Seltenheit ist. Wir essen noch etwas Zopf aus der Bäckerei zu Abend, hängen das nasse Zelt und unsere Regensachen im Zimmer auf und gehen schlafen.
Am 13.10 stehen wir um 7 auf, frühstücken etwas Zopf und fahren dann endlich mal wieder ohne Regen los. Zwar hält sich der zähe Nebel weiterhin, aber es ist warm und trocken genug um entspannt im T-Shirt zu fahren. Wir fetzen durch die Berge, von denen wir nun endlich auch mal etwas zu sehen bekommen, und sprinten nach dem Frühstück ganze 50 km ohne Pause über fast 1200 Höhenmeter und 3 Pässe. Im Tal vor uns liegt mal wieder ein Stausee. Die alte Strasse führt noch hinab und verschwindet mitsamt Leitplanke und Straßenmarkierung im glasklaren Wasser in einer Serpentine. “Der ist noch nicht lange aufgestaut”, sage ich zu Hansen und deute auf die völlig intakte Strasse die im blauen Wasser verschwindet, beinahe so, als wäre die Überflutung nur temporär. Zwei riesige Brücken spannen sich über das Tal, eine ist im Dunst nur schemenhaft zu erkennen, die andere liegt direkt unter uns und überspannt den Abgrund in einem einzigen hohen Bogen. Aus dem dunklen Nadel-Wald steigt Nebel auf, und man kann irgendwie verstehen, wie die Einheimischen hier auf die Idee kommen, es würden Geister darin leben.
Wir essen in einem kleinen Hotel zu Mittag und hängen an unseren Vormittagssprint nochmal einen 34 km Nachmittagssprint über weitere Pässe bis zu 85 km hin. Wieder suchen wir vergebens einen Schlafplatz und enden wie die vorherigen Tage in einem spottbilligen Hotel, wo ich, wie immer wenn ich in letzter Zeit Blogpost schreibe, im gemütlichen Bett liege. Neben mir steht der Campingkocher und in dem draufstehenden Topf kochen 10 Eier seit einiger Zeit vor sich hin. Unser Abendessen, Reis mit Olivenöl, haben wir uns mit dem Wasserkocher der hier in jedem Hotel auf dem Zimmer steht zubereitet. Dazu haben wir im Topf einfach ständig das abgekühlte Wasser durch neues aus dem Kocher ersetzt, eine, so muss ich sagen, effektive Methode!
Ich habe mich langsam damit abgefunden, dass der Outdoor-Abenteuer-Teil unserer Tour vorbei ist, und sehe als neue und große Herausforderung momentan, unseres sehr nahen Ziels nicht zu sicher zu werden. Es scheint als wäre es ein Kinderspiel, den Rest zu schaffen, aber damit wächst die Sorge, doch wegen einer blöden Unvorsichtigkeit oder Übermut genau dieses scheinbar so einfache Finale zu vergeigen. Das ist die neue Spannung, die zugegebenermaßen sehr intensiv ist und der Zielgeraden die nötige Würze gibt. Außerdem ist es ohne Frage unfair, diesen Teil des Landes als langweilig zu bezeichnen, was ich in vorherigen Posts getan habe. Ich selber bin einfach gerade so fixiert auf das Ziel, dass ich die spannenden Facetten meiner Umgebung einfach nur eingeschränkt wahrnehme. Aber wem würde das nicht so gehen?
Gute Nacht!
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