Die Route steht

Posted by on Juli 25, 2012

Gestern, am 23.7 haben wir gegen Abend unseren Schutz vor dem Sandsturm verlassen. Während wir beide ca. 2 Stunden lang unsere Erlebnisse der vergangenen Tage aufgeschrieben hatten, haben wir komplett vergessen, dass wir in der Wüste sind und noch Wasser brauchen. Es waren noch 40 km bis nach Yecheng, und schon 20:00 Uhr. Wir wussten von dem Hinweg noch, dass auf halber Strecke ein kleines Dorf kommt. Also haben wir uns weiter gegen den Sturm geschleppt und bei einem kleinen Hof tatsächlich Wasser bekommen.

Heute morgen, am 24. haben wir uns zur Entwertung unseres letzten Hoffnungsschimmers aufgemacht. Leider stellte sich die angeblich inoffizielle Adresse für das Permit doch als eine offizielle Polizeistation heraus, so dass von vorn herein unsere Chancen gering waren. Zwar hantierte der Beamte Ewigkeiten mit unseren Ausweisen herum, und erweckte den Anschein, alles würde es einfach klappen, aber letztendlich gab er er sie unverrichteter Dinge zurück und wir hatten endlich eine klare Entscheidung. Keine Hoffnung mehr, keine Unsicherheiten die es abzuwägen gab, keine Alternativen mehr die in Frage kommen würden. So traurig ich war, so erleichternd war die Situation. Endlich Klarheit!
“Jetzt sind wir wieder auf dem Weg nach Shanghai” sagte Hansen und klopfte mir auf die Schulter.
“Ja, die Experimente sind vorbei, wir fahren nach Shanghai” antwortete ich und musste lachen über meinen unfreiwilligen aber irgendwie treffenden Reim. “Die Wüste ruft, lass uns noch schnell einkaufen und dann nichts wie raus aus dieser Stadt!”

Als wir auf dem Weg aus Kirgilik (Yecheng) sind fühle ich wie die Unsicherheit der letzten Tage an meinen Reserven gezehrt hat. Die Körperliche Anstrengung war die eine gut zu bewältigende Seite, die nervliche Anspannung war grenzwertig. Wir haben von vielen Seiten aufmunternde Nachrichten bekommen, und besonders eine Email meiner Schwester hat mir sehr geholfen mich mit der “Alternativroute” anzufreunden, und sie als “meinen Weg nach Shanghai” zu sehen, der glücklicher Weise nicht nur wie geplant verläuft, sondern auf diese Art unerwartete Erlebnisse mit sich bringt.
Ich habe plötzlich das Gefühl wieder zu wissen, warum ich eigentlich auf dem Rad sitze. “Von Berlin nach Shanghai mit dem Rad” murmele ich vor mich hin. “Was?” brüllt Hansen von hinten im Glauben ich hätte mit ihm gesprochen. “Von Berlin nach Shangai mit dem Rad”
wiederhole ich lauter, und Hansen nickt nur: Er weiß genau, an was ich gedacht habe.

Schlagartig endet die Oase um Yecheng und vor uns erstreckt sich so weit das Auge reicht ein karger Sandboden. Die Strasse verschwindet am Horizont in dem staubigen Dunst, der seit dem Sturm gestern die gesamte Gegend verhüllt. Wir haben alles was wir brauchen in den Taschen und sind mal wieder frei hinzugehen wo wir wollen, frei von Entscheidungsdrang.

Nur 5 Kilometer hinter der Stadt biegen wir einfach in die Wüste ab und fahren einige hundert Meter abseits der Strasse zu unserem anvisierten Schlafplatz, wo ich jetzt auf dem steinigen Boden sitze.

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