Einsamkeit

Posted by on September 1, 2012

Am 25.8 radeln wir beflügelt von den Erlebnissen der vorherigen Tage “leichtfüßig” in die Einsamkeit. Die Strasse ist verlassen, immer wieder löst sie sich komplett auf und verschwindet in Flüssen. Mehrfach preschen wir mit Anlauf durch flache Bäche, mal mehr mal weniger erfolgreich. Manchmal sind die Flussbetten so matschig, dass wir darin stecken bleiben und nur noch schieben hilft. Der Kamm mit den 6000ern begleitet uns bis wir über ein Flussbett in das Paralleltal abbiegen. Dort schlagen wir unser Lager oberhalb des Flusses auf einem Cliff auf. “Everything for the Picture” grinst Hansen mich an, und das ist es! Der Fluss ist in Tausende kleine Bäche verzweigt, die sich wie Adern unterhalb des Cliffs durch die Ebene schlängeln. Die Sonne scheint in einem flachen Winkel darauf, so dass alle kleinen Bäche glitzern und einen hellen Kontrast zu dem ansonsten schwarzen Sandboden geben. In der Ferne sind noch die riesigen Bergkämme zu sehen. Auf dem Cliff selber sind aus Schieferplatten Gebetshügel gebaut, jede der Platten hat ein Gebet graviert. Der Ort ist magisch, einsam, weit und wild.

Als ich am 26.8 aufstehe habe ich wieder schlecht geschlafen, die Höhe macht mir immernoch zu schaffen. Alle Bewegungen fallen schwer und man ist schnell außer Atem. Die Akklimatisierung geht deutlich langsamer als erhofft, und so packen wir schnaufend und immer wieder innehaltend unsere Sachen und fahren los, weiter in die Einsamkeit. “Ist dir eigentlich klar, dass wir hier komplett auf uns gestellt sind”, fragt Hansen mich als wir losfahren, “wenn hier irgendwas passiert, Schlangenbiss, Unfall, Krankheit oder so, hier kommt kein Schwein vorbei. Es sind fast 100 km in jede Richtung ohne Andere Menschen, und noch weiter bis zu medizinischer Versorgung.”
Ich nicke stumm. Er hat recht. Hier ist extra Vorsicht geboten! Wir befinden uns im Himalaya in absoluter Einsamkeit, Fehler können hier unverzeihlich sein!

Wir fahren eine Weile vor uns hin, beobachten das vielseitige Wildlife vom Adler, zum Aasgeier, über wilde Esel (wusste nicht dass es das gibt), Murmeltiere, Hasen, Yaks und was sonst noch so hier herumläuft.

Die Strasse wird immer schlechter, und als wir komplett aufgegeben haben vor Yushu einer Menschenseele zu begegnen, kommt ein Tibetanisches Pärchen auf ihrem bunt geschmückten Motorrad die Sandpiste entlanggefahren. Sie zeigen uns eine Quelle an der wir unsere Wasservorräte auffüllen können, wir teilen unsere Armycookies mit Ihnen und relativ Wortlos verabschieden wir uns. “Irgendwie eine nette Begegnung”, sage ich zu Hansen als die beiden knatternd davondüsen, “angenehm trotz Schweigen”.

Wir bezwingen an diesem Tag noch zwei Pässe, die uns mal wieder an unsere Grenzen bringen. Einer ist so steil, dass mein Vorderrad abhebt beim treten und ich beinahe umfalle. “Wie soll man das mit dem Motorrad oder Auto fahren”, mault Hansen, “welcher selbsternannte Strassenarchitekt macht Serpentinen auf der einen Seite, und eine senkrechte Straße auf der anderen Seite des Berges?”
Wir müssen absteigen und schieben, und schaffen letztendlich in 10 m Intervallen die Steigung zu bezwingen.
Oben angekommen verwandelt sich das Wetter zu Schneeregen und wir fahren mit einem eisigen Wind die mit ganzen Felsen belegte Strasse ins Tal. Die Landschaft gleicht der Typischen Vorstellung von Island: Regnerisch, Hügelig, moosig und grün. Wie durch ein Wunder finden wir auf halber Höhe eine verlassene Hütte, in der wir übernachten. Wir teilen uns den letzten dichten Raum mit einem verwöhnten Fuchs, der in einer der Ecken seinen Bau gegraben hat und ein paar Vögeln. Die Situation erinnert mich an das Kinderbuch “Es klopft bei Wanja in der Nacht”, in dem verschiedene Tiere die eigentlich Erzfeinde sind vor einem Schneesturm Schutz in einer Hütte suchen und vereinbaren sich nicht zu fressen.
Wir machen es uns in der fensterlosen Hütte mit unserem Ofen gemütlich und essen zu Abend während draußen ein Sturm tobt.

Am 27.8 wache ich wieder unausgeschlafen auf. Wie auch die vorherigen Nächte habe ich bis in die Morgenstunden wachgelegen und bin entsprechend müde und schlapp. Der Sturm ist vorbei und wir setzen uns in die Sonne vor der Hütte und frühstücken. Auf der Strasse unter uns fährt ein Tibetaner auf seinem Moped vorbei und hört lauthals orientalische Musik. Er winkt kurz und knattert weiter den Pass hoch.

Wir fahren den Pass weiter hinab, über eine moosige Hochebene bis zu dem Ende unserer Strasse. “Hier kreuzen wir den Fluss an dem wir bis zu dem Dorf Guyatoisanxung fahren wollen” sage ich zu Hansen und deute auf die freistehende Brücke, deren Auffahrt und Abfahrt vom Fluss weggespült ist.
Ab hier wollen wir entlang dem Fluss ohne Strasse 20 km abkürzen bzw. eeiterfahren, denn die Strasse auf der wir bis hier gefahren sind endet hier. Wir schlagen uns über das sandige Ufer einige Kilometer den Fluss entlang bevor wir vor einer Art Canyon stehen, der eine Weiterfahrt am Fluss unmöglich macht. Ein Versuch den Fluss zu überqueren scheitert: “Viel zu reissend”, stellt Hansen fest als er durchnässt von dem Versuch zurück kehrt. Also steigen wir mit den Rädern über die angrenzenden Hügel, und schlagen komplett erschöpft nach nur 3 km “Flussfahrt” unser Lager über dem Fluss auf. Wieder ist der Blick von hier oben atemberaubend. Der Quellfluss des Yangtzekiang windet sich unter uns durch das breite Tal und verschwindet hinter der Biegung bei der wie das Dorf vermuten. Wir kochen unser Abendessen auf Eselkacke und gehen früh schlafen.

Am 28.8 wache ich zum ersten mal seit Ewigkeiten einigermaßen ausgeschlafen auf. Wir frühstücken von den Resten unserer Vorräte und machen und auf den Weg. Nach wenigen Metern stellen wir fest, dass wir so schiebend durch den Sand mehrere Tage für die Strecke brauchen werden. Wir versuchen also unsere Räder zu einem Wagen zusammenzubinden und uns als Gespann davor zu spannen. Leider müssen wir den Versuch abbrechen, weil die Räder dadurch an schiefen Hängen zu sehr seitlich belastet werden. Unsere Alternatividee ist dafür um so besser. Wir Schrauben die Pedale ab, und binden unsere Hüfte mit dem Gürtel an der Sattelstange fest. So können wir über dem Fahrrad stehend und ohne mit den Pedalen ins Gehege zu kommen das Rad relativ einfach über den Sand ziehen. Es sieht zum Totlachen aus, ist aber bei weitem die effektivste Methode. “Jetzt machen wir
wirklich eine Radwanderung”, lacht Hansen. So wandern wir an dem Tag knappe 20 km am Fluss entlang. Als wir endlich auf die Strasse stoßen ist es schon 7 Uhr abends. Schnell fahren wir noch ein paar Kilometer um dem seitlich heranziehenden Unwetter zu entkommen, aber kaum haben wir unser Zelt aufgeschlagen geht das Gewitter los und wir verkriechen uns in unser Vorzelt wo wir auf engstem Raum Kochen und zu Abend Essen.

Es regnet die ganze Nacht, und unser bisher so gut gedientes Zelt zeigt erste Schwächen, als die Nähte undicht werden und der Regen hineinläuft. Wir rücken dichter zusammen um den Pfützen zu entgehen und schlafen so relativ gut bis zum nächsten Morgen.

“Es hat aufgehört”, sagt Hansen schlaftrunken und zeigt nach draußen auf den Himmel. Und tatsächlich, der Regen ist weitergezogen und die Wolkendecke lockert sich. Wir kriechen aus unserm Unterschlupf und frühstücken. Immer wieder fahren bunt geschmückte Motorräder mit schallender Musik an und vorbei, zuletzt lief ironischer Weise “Vamos als Playa”. “Vamos Himalaya “, singt Hansen mir anschließend grinsend zu. “Playa wäre mir lieber”, antworte ich und wir machen uns auf den Weg.

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