Als wir am 22. Mittags endlich losfahren ist es schon 13:00 Uhr. Und wir kommen keine 2 km weit bevor Hansen anhält: “Der AW Auslöser ist gerissen”, mault er und holt die frontal montierte Kamera ein, “ich muss sie kurz reparieren”. Entnervt über die weitere Verzögerung und mit dem Bewusstsein, dass wir heute noch einen Pass mit 1.600 m Steigung vor uns haben packen wir das Werkzeug aus und reparieren den Auslöser. Auf einmal kracht es, und schon zum 3. mal an diesem Tag werden wir Zeuge eines glücklicher Weise wiederum untragischen Unfalls. Ein Mönch kommt mit seinem Moped ins Schleudern und rappelt in den Graben. Er springt ab bevor das Motorrad sich im Graben überschlägt und kommt mit ein paar Kratzern davon.
“Wir müssen heute vorsichtig fahren”, sagt Hansen erstaunt über die Unfallrate, “irgendwas liegt in der Luft, so viele Unfälle an einem Tag, ich glaube nicht an irgendwas überirdisches, aber das hat was zu bedeuten!” Kaum hat er das ausgesprochen, brechen die über die Bergflanke von hinten herangezogenen Wolken über uns herein. “Schnell, lass uns versuchen darunter hinweg zu fahren”, rufe ich und zeige auf den Fetzen blauen Himmel der Trockenheit verspricht. Während Hansen schon losfährt packe ich meine Taschen noch wasserdicht ein. Als auch ich endlich loskomme sind die Strassen schon nass und Hansen ein paar Kurven weiter. Ich hetze hinter ihm her, und dann sehe ich ihn auf der Strasse stehen, ca. 300 m vor mir und gestikulieren und Pfeifen wie ein Verrückter. Ich verstehe seine Gesten nicht, und fahre etwas schneller, weil ich vermute er braucht etwas das ich habe. Als ich näher komme wird deutlich was er will: “Langsam, fahr langsam”, schreit er und winkt mit beiden Armen wie ein Lotse, “es ist schweineglatt, G L A T T!” Ich teste vorsichtig meine Hinterradbremse und habe sie kaum angetippt als auch schon mein Fahrrad bei knapp 30 km/h ausbricht. Sofort lasse ich die Bremse los, und das Rad zieht sich wieder in Spur. Zwar verhindere ich so einen Sturz, aber kann so an dem ziemlich steilen Hang nicht bremsen. Ein Schockmomemt: “Scheisse”, geht es mit durch den Kopf. Dann mach ich das einzige, was wohl möglich war. Ich ziehe den linken Fuß aus dem Pedalkörbchen, lasse ihn über die eisglatte Fahrbahn rutschen und bremse erneut. Sofort bricht das Rad wieder aus, aber mit dem Fuß stütze ich es aufrecht. Ich drehe mich langsam immer weiter bis ich nach einer fast 180 Grad Drehung zum stehen komme und beinahe ausrutsche als ich absteige. “Mir ging’s genauso”, sagt Hansen erleichtert der meine Aktion verfolgt hatte, “nur habe ich mit der Vorderradbremse gebremst, oh Mann war das knapp, beinahe hat es mich hingelegt, keine Ahnung wie ich das gefangen habe.”
“Es liegt was in der Luft”, wiederhole ich Hansens Worte etwas ironisch, “auf der Strasse wäre naheliegender gewesen, jetzt ist klar warum es hier den ganzen Morgen gekracht hat, die Strasse ist wie Eis”
“Schlimmer als Eis”, meint Hansen noch immer fassungslos, “Eis kann man erwarten wenn es kalt ist, das hier habe ich so noch nie erlebt!”
Auch mir war das komplett neu. Die aus Beton gegossene Strasse war zwar mit gekerbten Rillen versehen, aber trotzdem so rutschig, dass man kaum darauf stehen konnte. Die so herbeigesehnte lange Abfahrt wird so zu Qual und wir Rollen im Schritttempo und mit einem Fuß auf der Strasse die 20 km bis ins Tal, wo die Strasse endlich trocken wird. Immer wieder sehen wir frische Unfallspuren wie aufgewühlte Erde, zerbeulte Leitplanken und Glas und Plastik auf der Strasse.
Wir erreichen den Fuß des Passes gegen 17:00 Uhr und beschließen trotz der widrigen Bedingungen von Gegenwind und Regen zu versuchen ihn noch am selben Tag zu bezwingen. Wir haben kaum die Hälfte als in der Dämmerung der Blick vom Tal auf den Pass von den tief hängenden Wolken für einen Moment frei wird. Mir rutscht das Herz und die Motivation in die Hose. “Scheisse”, sage ich laut und auch Hansen nickt nur und bestätigt: “Ja, Scheisse. Es ist zu spät um abzubrechen, aber bis wir oben sind ist es stockdunkel und eiskalt.”
“Ja, aber hier finden wir keinen Schlafplatz, alles ist steil und steinig, wir müssen da durch”, stelle ich fest und wünsche mir gleichzeitig dass es nicht so wäre.
Im fiesen Nieselregen und bei Eiseskälte schleichen wir Serpentine für Serpentine den Pass hoch. Hinzu kommt ein undurchsichtiger Nebel, der das Licht meiner Stirnlampe verschluckt bevor es auf den Asphalt treffen kann. Der Blick zu den oberen Serpentinen ist gespentisch. Wie suchende Lichtkegel bewegen sich die leuchtenden Sphären der Autos über die Serpentinen. Manchmal hat es den Anschein, als rollen die leuchtenden Blasen wie in einer Kugelbahn hinabrollende Kugeln hin und her ins Tal. Unsere Beleuchtung ist zu schwach, nur sporadisch halten wir an und leuchten den Autofahrern ins Gesicht um auf uns aufmerksam zu machen. Der Aufstieg ist endlos. Immer wieder denke ich daran, wie oft ich in solchen Situationen war, und wie sie alle irgendwann vorbei waren: Diese scheint aus ausnahmsweise wirklich endlos. Hinter jeder Serpentine ist noch eine versteckt, und die schon aus dem Tal kurz sichtbare Zielgerade lässt auf sich warten.
“Ist das der Pass?” frage ich Hansen ungläubig, nachdem wir fast 2 Stunden wir in Trance den Berg hochgefahren waren und deute auf ein Schild das über der Strasse hängt, dessen Umrisse man nur schwer im Nebel erkennen kann.
“Wenn ja, dann muss auf der anderen Seite auch eins sein, die stehen auf dem Pass immer paarweise”, schnauft Hansen.
“Ja, da ist es”, entdecke ich das zweite gegenüberliegende Schild. Und tatsächlich, wir sind auf dem Pass. Schnell ziehen wir uns warm an und fahren hinab ins dunkel. Jetzt kommt uns der Nebel zu gute, denn obwohl nur wenige Autos am Pass sind, bricht der Nebel das Licht und verteilt es wie leuchtende Luft überall, so dass man zumindest die Straßenmarkierung erkennen kann.
Plötzlich bekomme ich heftige Bauchkrämpfe. “Vermutlich einfach Überanstrengung”, antworte ich Hansen auf die Frage woher es kommen könnte. Eine halbe Ewigkeit sitze ich in dem kalten Wind am Straßenrand und krümme mich. Schließlich beschließen wir weiterzufahren, um schnell einen Schlafplatz zu finden. Wir ziehen uns zusätzlich zu den Handschuhen Socken über die Hände um die vor Kälte brennenden Fingerspitzen zu wärmen. Das letzte Stück fahren wir hinter jenem LKW her, dessen Abwärme von den Bremsen unsere Finger ein paar Grad wärmer werden lässt. Es kostet fast Überwindung den Schützenden Dunst zu verlassen als wir eine einigermaßen ebene Stelle am Straßenrand finden um unser Lager aufzuschlagen. So froh ich bin den vorletzten Pass auf unserer Tour gemeistert zu haben, so sicher weiß ich, dass ich das nie wieder machen werde! In der Nacht im Regen auf einen 4.300 m hohen Pass hoch, und vor allem wieder abzufahren war die Hölle!
“Wir sind echt hart”, sagt Hansen zitternd als wir die Steine zusammensuchen um die Zeltecken zu befestigen, denn in den Boden gehen keine Heringe hinein, “wir fahren Nachts im Regen im Himalaya über 4.300 m hohe Pässe, nur um es hinter uns zu bringen.”
“Hart und doof”, ergänze ich, und mache deutlich dass ich eine Wiederholung gerne vermeiden würde.
Weil es mir noch nicht viel besser geht, esse ich nur wenig zu Abend und um 23:00 gehen wir schlafen, nachdem wir mit Erstaunen die aktuellen Gebote unserer Versteigerung von Tibetflaggen hochgeladen haben.
Ich schlafe tief und fest, und auch die gelegentlich vorbeidonnernden LKW können mich nicht wecken. Am 24.9 wache ich gerädert auf. Die Anstrengung der letzen Nacht steckt noch in den Knochen, aber angesichts der Tatsache, dass wir eine 80 km Abfahrt vor uns haben stehen wir um 8 auf und brechen ohne Frühstück auf und beschließen im nächsten Strassenrestaurant Nudeln zu essen. Es ist noch immer nebelig, und die Passstrasse dampft als wir langsam hinabrollen. Ich hatte sie mir ganz anders vorgestellt im Dunkeln, jetzt wo ich sie sehe, tun mit die Radfahrer leid die mit entgegen kommen. Endlose Serpentinen, noch viel mehr als auf der anderen Seite schlängeln sich vor uns ins Tal. Je weiter wir runter kommen, desto wärmer wird es und die Vegetation ändert sich von karg zu einem dichten Urwald, in dessen steilen Hängen die Wolken aufsteigen. Zum ersten mal seit Wochen höre ich Vogelgezwitscher, sehe Laubwälder und habe nach dem frühen Herbsteinbruch in den höheren Gefielden das Gefühl noch ein bisschen vom Sommer erhaschen zu können.
Wir essen Nudeln in Garze, kaufen ein und fahren dann weiter ins Tal, bis auf ungewohnte 1300 m runter, wo wir in das China kommen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Bambus wächst überall, in den felsigen aber urwaldbehangenen Steilhängen neben dem Fluss sind kleine Dörfer, Deren Dächer nach oben gebogene Ecken haben und an Giebel und Dachrinne mit geschnitzten Drachenfiguren und Löwen dekoriert sind. Vor den Häusern sitzen alte Männer mit langen, dünnen Bärten und traditionellen Hüten. Unter den Eukalyptusbäumen am Straßenrand sitzen Frauen und verkaufen die Früchte der im Urwald wachsenden Kakteen in aus Bambusstreifen geflechteten Rucksäcken. Der Wechsel zwischen Tibet und China ging schnell, nur einen Pass um genau zu sein. Hier sieht man keine Mönche mehr, keine Tibetaner, keine Kloster und Goldene Dächer. In Terassen werden die Hänge der Berge als Agrarfläche genutzt und, so nehme ich an, Reis darauf angebaut, nur in gelegentlich passierenden LKW sind noch Yaks zu sehen.
Wir fahren durch das Flusstal weiter über Klippen und durch endlose Tunnel. Ein wirklich gruseliges Gefühl in einer mehrere Kilometer langen Betonröhre mit dem Rad unterwegs zu sein. Die Geräusche der LKW und Autos mischen sich so dass ein ohrenbetäubender und universeller, quellenloser Lärm entsteht, der den gesamten Tunnel ausfüllt und es beinahe unmöglich macht die Fahrzeuge anhand ihres Schalls zu Orten. Auch weit entfernte LKW klingen als würden sie gleich über einen hinwegrollen. Luft darin ist nebelig, und das Licht am Ende der Röhre verschwindet nach nur wenigen Metern so dass nur die Karge Beleuchtung der flackernden Deckenlampen bleibt.
Kurz hinter Luding, am Fuß des letzten Passes, suchen wie uns einen Schlafplatz auf einer kleinen Terrasse der alten Bergstraße mit Blick über den Hunderte Meter unter uns tosenden Fluss und das enge, schluchtartige Tal. Hansen kocht für mich während ich Blogpost schreibe, eine neue Arbeitsteilung, mit der wir erreichen wollen regelmäßig jeden Tag einen Post zu veröffentlichen.
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