Am 14.10 stehen wir früh auf. Bis wir merken, dass die Fenster aus blauem Glas sind, denken wir, draußen wäre graue Winterstimmung. Viele der Häuser hier haben gefärbte Scheiben. “Das würde mich wahnsinnig machen”, sagt Hansen als Kommentar dazu, und schiebt das Fenster auf. Tatsächlich ist draußen zum ersten mal seit langem blauer Himmel. “Endlich mal wieder ein sonniger Tag”, sage ich und freue mich auf die Aussicht den ganzen Tag in T-Shirt zu fahren. Als wir alles zusammengepackt haben, fahren wir um 9 Uhr morgens los und machen uns auf den Weg über die letzten Bergkämme, die uns noch von dem Flachland trennen, mit der Aussicht, es heute zu schaffen, denn es sind nur noch knapp 50 km bis zum letzten Pass. So dachte ich zumindest, denn mein Navigationsprogramm auf dem Handy lag wohl leider falsch. Am Vortag hatte es noch angegeben, es seien 50 km, und als ich die Strecke vom aktuellen Ort aus aktualisiere, gibt es 110 km aus. Weil bei uns ohnehin die Nerven blank liegen, entfacht sich ein heftiger Streit darüber. Wir brüllen uns an und schmeißen uns die übelsten Dinge an den Kopf, und letztendlich habe ich keinen Bock mehr mit Hansen zu fahren und lass ihn einfach alleine weiterfahren. Er verschwindet in den Serpentinen während ich am Straßenrand sitze und versuche mich abzuregen. Wie immer, sobald die Aufregung sich gelegt hat, fahre ich weiter und hole ihn einige Kilometer weiter oben in den Bergen ein, wo er auf mich gewartet hat. Natürlich würden wir nie die letzten Kilometer nach Shanghai alleine fahren, und der Streit tat auch mal wieder gut um etwas Dampf abzulassen. Immernoch missmutig und stumm fahren wir weiter. Wir haben kein Geld mehr, die Banken in diesem Teil von China akzeptieren unsere Karten nicht und so fahren wir mit nur dem dürftigen Frühstück und ein paar hartgekochten Eiern so weit, bis ich nichtmehr kann. Wir suchen alles zusammen was wir noch haben und essen ein zwar ziemlich ekliges, aber immerhin nahrhaftes Mahl, bestehend aus keimenden Knoblauchzehen, Tomatenmark, Dosenfleisch was riecht und schmeckt sie Katzenfutter, etwas Honig den wir mit Wasser vermischt trinken und etwas Olivenöl. Um das Fleisch zu schlucken halte ich mir die Nase zu, so ekelhaft schmeckt es, aber irgendwie müssen wir Kräfte sammeln um über die Pässe zu kommen. Gestärkt fahren wir über den Pass und weiter nach Taniacun, wo wir vergebens wieder bei allen Banken versuchen Geld abzuheben. Auch unsere Not-Dollar will uns keiner wechseln und so stehen wir ziemlich verzweifelt in einer recht großen Stadt und um uns herum bildet sich schon wieder eine Menschenmenge die unser Problem mitverfolgt hat. Einer tritt hervor, und sagt das in dem Moment einzige Wort, dass mich schier zur Weißglut bringt: “O. k.?” Ich explodiere innerlich, halte mich aber zurück und sage in einfachem Englisch und scharfem Ton: “Not o. k., we have problem, not o. k.”
Etwas verdutzt über meine ernste Antwort, fragt er in gebrochenem Englisch, ob er helfen könne, und sofort tut mir meine Ungehaltenheit leid. Ich erkläre ihm so gut es geht unser Problem. Um Geld zu wechseln, müssen wir nach Enshi oder Badong fahren, erklärt er uns, das sei nicht weit. Leider scheint er nicht zu verstehen, dass 80 km mit dem Rad über heftige Berge durchaus weit ist, vorallem wenn man nichts zu essen hat. Ich frage ihn ob nicht er uns einfach etwas Dollar gegen Yuan wechseln kann und schlage ihm einen guten Kurs vor. Aber er winkt lachend ab: Soetwas mache ich nicht, gibt er uns zu verstehen, als ob ich etwas Unanständiges von ihm verlangen würde. Ich erkläre ihm nochmal unsere Situation, denn er scheint noch immer nicht zu verstehen, dass wir weder ein Hotel noch essen bezahlen können. Und plötzlich, wird alles ganz einfach. “How much do you need?” fragt er, und ich zeige ihm einen 20 Dollar Schein. “Ohhh”, lacht er, und sagt wir sollen kurz hier warten, er wäre gleich zurück. Keine 2 Minuten später komm er wieder und gibt uns 100 Yuan. Als ich ihm die 20 Dollar dafür geben will, lehnt er das ab und meint, das wäre unfair, der Kurs sei zu schlecht, er will unser Geld nicht. Ich bin platt, und das ist noch nicht alles. Kaum hat er uns das Geld gegeben, geht in dem Menge etwas herum und nach kurzer Zeit steckt uns jemand anders einen Haufen gesammeltes Geld zu. Ich traue meinen Augen nicht, es sind nochmal fast 50 Yuan und hier und da tröpfelt noch ein Schein nach. “Das ist Crowdfunding mal anders”, sagt Hansen ebenso baff. Unsere ganzer Auftritt hat für viel Aufsehen gesorgt und so kommen immer mehr Leute und schauen, bis schließlich ein weiterer hervortritt zu uns auf die “Bühne” und erst mir und dann Hansen jeweils einen 100 Yuan Schein zusteckt, und nach einem kurzen “Fotoshooting” mit uns wieder in der Menge verschwindet. “Sowas hab ich noch nicht erlebt”, sage ich komplett erstaunt über die Dynamik und die Großzügigkeit. Unser Problem hat sich gelöst, ganz anders als ich jemals zu träumen gewagt hätte. “Wir haben fast 350 Yuan, damit kommen wir locker bis nach Yichang”, sagt Hansen nachdem er das Geld gezählt hat. Wir verabschieden uns und suchen uns ein günstiges Hotel. Die Situation hat mir mal wieder gezeigt, wie falsch ich die Menschen hier oft einschätze. Die am Anfang so nervende und gaffende Menge war keinesfalls teilnahmslos, sondern auf diese Art unglaublich hilfsbereit. Irgendwie habe ich ein schlechtes Gewissen, und mal wieder das Gefühl, völlig zu Unrecht misstrauisch zu sein. Zwar wurden wir in einigen Fällen schon mit fiesen Tricks abgezogen, aber was wir hier gerade erlebt haben war mehr Widergutmachung als uns jemals zugestanden hätte. Ich beschließe den Rest der Reise die paar schwarzen Schaafe zu ignorieren und den Chinesen eher wieder mit blindem Vertrauen als Misstrauen zu begegnen.
Am 15.10 stehen wir wieder früh auf und als wir gerade losfahren wollen geht ein Wolkenbruch los, der nicht enden will. Also fahren wir im Regen los und sind nur wenige Kilometer weiter komplett durchnässt. Wir suchen uns ein kleines Strassenrestaurant um uns zu trocknen und essen Chao Mien. Heute wollen wir es über den letzten Pass schaffen, und motiviert von der Aussicht es bald hinter uns zu haben fahren wir trotz Regen weiter.
Der Pass ist endlos, und mit Abstand der steilste den wir seit Ewigkeiten haben. In dem engen Tal windet er sich, teilweise in Spiralen-Serpentinen so steil hoch, dass ich das Gefühl habe Treppen zu laufen. Wir hören die ganze Strecke das Album The Wall von Pink Floyd wieder und wieder über unsere USB-Boxen und übersetzen und versuchen den Text zu interpretieren. Die Landschaft um uns herum ist nun nichtmehr herbstlich, sondern winterlich. Die Bäume haben keine Blätter mehr, und die Kälte und er Nebel machen die Szene entsprechend trist.
So schaffen wir es letztendlich mit mehreren kurzen Pausen zum Pass, wo mittlerweile derart heftiger Nebel ist, dass man kaum etwas sehen kann. Das macht die Abfahrt zur Hölle, denn bei der Sicht müssen wir sehr langsam fahren, was unseren Bremsen dann schließlich den Rest gibt. Kurz vor Wuchangping muss Hansen feststellen, dass sowohl seine Vorderrad- als auch Hinterradbremse Metall auf Metall bremst. Zuerst überlegen wir zu trampen oder die 20 km ins Tal zu schieben, aber nach einem kurzen Test fahren wir weiter und nehmen in Kauf, dass wir in Yichang neben Bremsbacken auch neue Bremsscheiben für Hansen kaufen müssen. Allerdings macht es unsere geplante Weiterfahrt nach Yichang bis in die Nacht unmöglich, weil Hansen mit der schlechten Bremsleistung im Dunkeln nicht fahren kann. Wir geben also den Plan auf und suchen im strömenden Regen nach einem Zeltplatz. Wir finden im Dunkeln ein augenscheinlich verlassenes Haus unter dessen Vordach wir uns kauern und das Zelt aufbauen. Als wir gerade den am Straßenrand geernteten Mais und Reis kochen, kommt der Besitzer des Hauses, schaut uns nur etwas verdutzt an, und geht dann nach unseren typischen Standard-Chinesisch-Phrasen wieder schlafen. Wir müssen ihn geweckt haben, als wir die Heringe in den Boden geklopft haben.
Erschöpft und enttäuscht über den beschissenen Tag und die Tatsache, dass wir noch immer in den Bergen sind, gehen wir schlafen.
Am 16.10 wache ich auf und alles im Zelt ist nass. Die ganze Nacht hat es in einem durchgehenden Wolkenbruch geregnet, und unser Zelt steht in einer riesigen Pfütze. Der Boden hat im Laufe unserer Tour winzige Löcher bekommen, so dass nun das Wasser im Zelt steht. “Heute müssen wir es schaffen”, sage ich als ich gerade meinen nassen Schlafsack in die Gepäcktaschen stopfe, “noch ne Nacht Schlaf ich nicht in dem Schlafsack.!”
Wir machen uns wieder im strömenden Regen auf den Weg, aber diesmal mit der Gewissheit, dass wir es sicher schaffen werden, denn es sind noch 70 km, davon 25 bergab.
Durch den Nebel kann man hier und da die Autobahn sehen, die durch die Berge geht. Ich bin immer wieder fasziniert über die wahnsinnigen Konstruktionen. Brücken Reihen sich an Tunnel, über riesige Täler, mehrere Hundert Meter hoch, so dass die Pfeiler im dichten Nebel fast vollends verschwinden. Daneben sind über das Flussbett abenteuerliche Hängebrücken gespannt, teilweise mit fehlenden Dielen, aber die Einheimischen fahren über die brüchigen Bretter sogar mit ihren Mopeds, ohne Angst davor in den reißenden Fluss 20 m unter ihnen zu stürzen.
Als wir endlich die Abfahrt geschafft haben, machen wir in einer LKW Kontrollstelle der Polizei Pause. Sofort kommt ein Polizist an und fragt neugierig über unsere Tour. Er kocht Tee für uns und will und ins trockene einladen. Ein wirklich lieber Kerl! Aber wie haben es eilig und wollen weiter, endlich in Yichang ankommen.
Ungünstiger Weise müssen wir über noch einen Pass, der weder auf unseren Karten, noch im GPS System zu erkennen war, und schleichen auf der Abfahrt stets begleitet von dem kratzenden Geräusch der Bremsen ins Tal. “Noch einen Pass kann ich so nicht fahren”, sagt Hansen als er seine Bremsscheibe begutachtet, “die sieht aus wie mit der Feile bearbeitet”
Nach halber Strecke essen wir ein paar Dumplings, und fahren dann den Rest in einem Rutsch durch. Schon bei der Fahrt in die Stadt scannen wie die Strassen nach Fahrradläden, aber egal wo wir fragen, wir bekommen keine Bremsbacken, sogar der angeblich beste Laden kann uns nicht helfen. Auf einmal ruft jemand über eine Kreuzung: “Hey, where are you guys from?”
Wir laufen mit David aus San Francisco durch die Stadt und er zeigt uns einen Radladen der unsere Bremsen hat und arrangiert ein Treffen mit einem Professor für Chinesische und Englische Literatur der Three Gorges University in Yichang. Er selber arbeitet in einem Kindergarten als Englisch-Lehrer. Mit seiner Hilfe haben wir in Kürze alles erledigt und bekommen über seinen Freund, den Professor namens King sogar ein sehr günstiges Zimmer in dem besagt sehr noblen Universitätshotel. Zusammen mit King laufen wir den Campus entlang.
“You know, this University was built with the Dam about 12 years ago, with the purpose to train and teach the future Engineers for the dam.”
Erstaunt frage ich, wieviele Studenten es denn hier gibt.
“There are about 30000 Students and 3000 PHD,” antwortet er stolz, “and 3000 Professors, I am one of them”
Ich finde das unglaublich, wieviele Menschen der Damm beschäftigt, und vorallem, dass in der kurzen Zeit von 12 Jahren eine derart riesige Universität aus dem Boden gestampft wurde. Wir laufen auf der 4-spurigen Hauptstraße des Campus entlang und unterhalten uns über seinen Job, die Uni, mein Studium und chinesisches Essen: “There are two Kind of people in the World, vegetarians and Meateater”, stellt er seine Ansicht dar, “I am a Meateater, I dont eat vegetables!” Er lacht, meint es aber ernst. “First we go to Hotel, then I take you out to dinner with some English Majors, my students”, fährt er fort, “we have a table at a Korean Grill, my favourite, only Meat!”
Er zeigt uns das Hotel, und ich bin wirklich erstaunt. Über King bekommen wir es viel billiger und es ist mit Abstand das nobelste was ich seit langem hatte! Wir duschen uns schnell während er in der Lobby wartet, hängen unsere nassen Klamotten und das Zelt auf und gehen dann mit ihm und 4 seiner Studenten essen. David will später nach kommen, er hat noch eine Stunde Unterricht zu geben.
Das Korean BBQ ist wirklich der absolute Traum. Ein riesiges all you can eat Buffet mit den leckersten Fleischhäppchen, und entgegen der Ankündigung des Profs sogar etwas Gemüse. Wir essen 2 Stunden bis wir fast platzen, und lassen uns über die Chinesischen Sitten beim trinken und Essen belehren. Ich bin erstaunt, wie traditionell manche Regeln noch heute, im industrialisierten China sind. Wie man richtig anstößt, wer den Toast spricht, eine schier endloses Regelwerk, aber unglaublich interessant! King spricht einen Toast nach dem anderen, richtet sich am Tischende auf, und wiederholt seine Begeisterung für Deutschland: “I Love Germany, I Love German Poetry, I Love German Culture! I live you Guys!” Ein wirklich herzliches Willkommen in Yichang, mehr als wir uns jemals erwartet hatten.
Als wir alle seelig angedudelt von dem Schnaps und dem Bier sind, gehen wir und King bezahlt großzügig die Rechnung von sicher über Tausend Yuan. “Today, it is my treat!, sagt er mit einem zwinkern und schlägt vor noch in eine Bar zu gehen. Wir fahren mit dem Taxi in eine kleine Bar auf dem Campus. Die Studenten verabschieden sich, weil die Studentenwohnungen hier um 11 Uhr schließen,und so bleiben noch King, David und wir beiden. David erzählt über sein Leben in China, über Frauen, wie er hier her kam und vieles mehr, wir erzählen von unserem Leben auf dem Rad. Nach ein paar Drinks, die wiederum komplett von David bezahlt wurden, fahren wir zurück ins Hotel.
Am 17.10 wachen wir früh auf, und beschließen wegen dem traumhaften Wetter doch heute schon statt wie ursprünglich angedacht am nächsten Tag erst zu fahren. Wir packen leicht verkatert unsere Sachen, und machen uns an die eigentlich sehr einfache Montage der neuen Bremsbacken, die wir zusammen mit David gekauft hatten. Aber wie konnte es anders sein, es komm eine Menge an Komplikationen hinzu, unter anderem dass Hansens Bowdenzug unerwartet durchrutscht, so dass wir das komplette Lenkerband und die Bremse abmontieren müssen um das Problem zu beheben. Als wir endlich um ca. 15 Uhr loskommen müssen wir noch einkaufen, China Mobile aufladen, und sind so erst um ca. 5 richtig unterwegs. Weil es schon um 18:30 dunkel wird, beschließen wir in einem kleinen Stadtpark von Yichang am Yangtze zu schlafen. Der Ort ist ideal, flaches Gras, überschattet von Bäumen, Blick über den gigantischen Yangtze und eine ebenso gigantische Eisenbahnbrücke die sich darüber spannt. Unsere einzige Sorge, die Einheimischen könnte unser Zeltlager stören und sie würden die Polizei rufen, ist unberechtigt, im Gegenteil, sie sind begeistert und freuen sich über die ungewohnten Gäste.
Die Nacht ist angenehm warm und so sitzen wir ein paar Studen am Ufer, essen zu Abend, und schauen den Anglern zu, die geduldig und erfolglos ihre leuchtenden Köder ins Wasser hängen.
Bis auf ein paar Besoffene, die in der Nacht unser Lager inspizieren und dabei lauthals grölen bleiben wir ungestört.
Am morgen des 18.10. werden wir von Geschrei geweckt. Ich schaue aus dem Zelt und sehe einen Chinesen der einen Baum anbrüllt, in verschiedenen Tonlagen. Etwas weiter lässt sich einer rückwärts und oben ohne gegen einen Baumstamm fallen, eine Frau läuft klatschend im Kreis, ein Mann in weissem Jackett macht Liegestütze, eine Frau bückt sich nach vorne und scheint eine Ente zu imitieren, die normalste von allen macht Tai Chi und unten am Wasser bereitet sich eine Gruppe darauf vor über den Yangtze zu schwimmen, mit je einer riesigen Boye um von den riesigen Dampfern und Tankern gesehen zu werden. Die Szene ist skurril, aber irgendwie sympathisch. Keiner der Menschen hier ist verrückt, aber jeder macht einfach das was er für gut hält, und keiner lacht ihn dafür aus, nur ich, als verklemmter Europäer muss mit ein Lachen verkneifen.
Als ich ganz aus dem Zelt raus bin, kann ich über den ganzen Fluss schauen. Die riesige Eisenbahnbrücke liegt im morgendlichen Dunst über dem Yangtze. Auf dem Fluss geht es schon geschäftig her, kleine Fischerboote wuseln zwischen den riesigen und gemächlich den Fluss hochfahrenden Tankern und Lastkähnen hin und her. Die Sonne geht langsam über der Stadt auf und taucht das Panorama in ein rötliches Licht und die noch langen Schatten der Häuser lehnen sich weit auf den Yangtze hinaus. Man kann sehen, dass es wieder ein traumhafter Tag wird, keine Wolke weit und breit. Ich atme die noch kühle Luft ein und obwohl ich noch etwas fröstele setze ich mich im T-Shirt in die Sonnenstrahlen. Hansen kommt jetzt auch aus dem Zelt nachdem ich um klar gemacht habe, dass e hier draußen etwas verpasst.
Wir frühstücken gemütlich etwas Brot mit Peanut-Butter und Kaffee und fahren dann hoch motiviert und voller Energie los. Aber wir kommen nicht weit. Im Innenlager meines Tretlagers kann ich bei kräftigen Umdrehungen ein rapide stärker werdendes Knacken spüren, nach einem kurzen Test steht fest: Das Innenlager ist am Arsch, und uns bleibt nichts anderes übrig als ca. 20 km außerhalb von Yichang die Reissleine zu ziehen und für Ersatz zurück in die Stadt zu trampen. Die erste Hürde ist der Ausbau. Wie sich im Nachhinein herausstellt ist es denkbar einfach, aber man muss entgegen unserer Logik die Kugellager in Pedalrichtung aufdrehen. Mit der Achse und den ausgebauten Teilen in einer Plastiktüte stehe ich am Straßenrand und halte den Daumen raus, und es dauert keine 2 Minuten bis ein kleiner Bus anhält und mich für 20 Yuan die ganzen 22 km bis zum Radladen zurück fährt. Der erste von beiden kann mir leider nicht helfen, sie haben nur andere Systeme, und so laufe ich mit Stoßgebeten in den 2. Laden und zeige Vorsichtig die kaputten Teile. Ohne zu zögern läuft der Junge in seine Werkstatt und holt zielsicher aus einer Schublade exakt das Teil was wir brauchen. Es kostet gerade mal 100 Yuan, und so kaufe ich für Hansen auch direkt eins, falls auch sein Lager den Geist aufgibt. Ich will an dieser Stelle mal kurz erwähnen, dass unser Radsponsor, toutterrain für die Defekte keine Verantwortung hat! Wir haben die Räder damals mit der billigsten Kugellager-Ausstattung gekauft um Geld zu sparen und dafür bezahlen wir nun, knappe 1100 km vor dem Ziel. Die Räder von toutterrain sind zweifellos die beste Wahl gewesen, und ich würde sie sofort wieder kaufen, nur diesmal der Empfehlung von totterrain nachkommen und sie mit Cris-King Lagern ausstatten!
Erleichtert über die erfolgreiche Ersatzteilsuche mache ich mich auf den Rückweg, was, so kennt man es vom Trampen aus der Stadt raus viel länger dauert als hinein, den die meisten fahren nur wenige Meter in meine Richtung. Nach fast einer Stunde bin ich wieder bei Hansen und wir beginnen mit der Montage. Und, wie könnte es anders sein, wir müssen feststellen, dass das gekaufte System sich um wenige Millimeter von unserem unterscheidet, wodurch allerdings ein Spiel im Pedal entsteht, was auf kurze Sicht unser Lager erneut schrotten würde. Glücklicher Weise, handelt es sich bei dem unpassenden Lager um die Linke Seite, also jene, die gegenüber der Kette liegt und im Normalfall somit weniger beansprucht und somit zu Glück noch verwendbar ist. Wir basteln eine Weile rum und schaffen es mit einer Mischung aus alten und neuen Teilen unsere Tretlager einwandfrei zu montieren.
Als wir fertig sind ist es 15:00 Uhr und unser so engagiert gesetztes Tagesziel ist ferner denn je. Dennoch beschließen wir Gas zu geben und schaffen es trotz heftigen Gegenwind noch auf knapp 70 Kilometer, bis nach Zhijang. Dort checken wir wieder in ein billiges Hotel ein und gehen früh schlafen.
Am 19.10 stehen wir um 6 auf, frühstücken dürftig im Hotelzimmer und machen uns dann auf den Weg. “Noch sieben Tage bis nach Shanghai”, sagt Hansen als er sein Rad anstößt und ich folge ihm. “Wenn wir die 150 km am Tag schaffen, ansonsten wird’s ein Tag später”, sage ich und wünsche mir gleichzeitig dass es nicht so ist.
Blockpost Vorschau:
Weil wir so kurz vorm Ziel sind, und einfach wirklich weder die Nerven noch die Zeit haben lange Posts zu schreiben, werden wir bis Shanghai nur noch kurze Statusberichte abgeben, und dann in Shanghai, ein oder zwei Tage nach unserer Ankunft, noch einmal alles genau beschreiben!
See you in Shanghai
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