Es ist schon wieder lange her, das ich meinen Senf auf deinen Bildschirm geschmiert habe. Irgendwie hab ich das Gefühl mich dafür rechtfertigen zu müssen, aber ich lasse das mal lieber. Nur so viel: Es fällt mit immer schwerer mein Telefon zu nehmen und mich stundenlang hinzusetzen und aufzuschreiben was ich eh schon erlebt habe. Wenn ich mich jetzt umschaue, frage ich mich ob ich nicht etwas gestört bin hier im Himalaya am Strand eines türkisblauen Stausees in der Sonne zu sitzen, umgeben von riesigen Bergen, und auf mein Display zu starren statt auf den Berg gegenüber, dessen Gipfel wolkenverhangen in eisiger Höhe gegen den Sturm kämpft der an meiner Jacke reißt. Wie ein Wecker der mich im Halbschlaf aus den Gedanken reist und gleichzeitig die perfekte auditorische Ergänzung für die Szene ertönt in der Ferne und dann immer näher kommend das Signal des Tibet-Zuges, der gerade aus 5000 Metern kommt. Das rattern der Räder und das Hallen des Tones verebbt im Tal. Irgendwie erinnert mich das Geräusch unausweichlich an meine Kindheit, an das Baden im Öhninger Freibad im Bodensee und der auf der gegenüberliegenden Seeseite hupend vorbeifahrenden Schweizer Regionalbahn. Hansen stimmt das ebenso passende Lied, das fast schon der Soundtrack unserer Tour ist an und wir singen grinsend zwei Zeilen davon bevor unsere Blicke wieder in unseren Telefonen versinken:
“The spinning top made a sound
like a train across the valley,
fading, oh so quiet but constant til it passed,
over the ridge
into the distances
written on your ticket to remind you where to stop,
and when to get off.”
Aber ich sitze trotzdem hier und tippe, vielleicht braucht jeder Mensch etwas, wozu er sich täglich zwingt, um glücklich zu sein. Ich habe zwar jetzt gerade keinen Spass daran, aber freue mich schon auf das Gefühl wenn alles fertig hochgeladen ist. Wenn man wie ich ansonsten gerade keine bedrohlich nahenden Pflichten hat, ist vielleicht das regelmäßige schreiben eine Art Selbstdisziplinierung um nicht völlig aus dem Ruder zu laufen.
Wir haben endlich die Wüste hinter uns gelassen. Nichts auf der gesamten Tour hat so dermaßen an meinen Nerven gezehrt wie die trockene abwechslungslose Einöde. Als wir gestern aus Golmud Richtung Berge aufgebrochen sind hat Hansen eine kleine Einmann-Demo zur Abschaffung der Wüste gemacht. Trotz all den Strapazen, muss ich aber sagen, hat mich die Wüste schwer beeindruckt, sie ist nur einfach nicht der richtige Ort zum Radfahren, erst recht nicht wenn man sie von West nach Ost durchquert und somit permanent Gegenwind hat. Aber jetzt mal der Reihenfolge nach:
Als wir am 14.8 Richtung Golmud, dem gesetzten Ende unserer vorletzten Etappe gefahren sind, hatten wir, wie Hansen bereits in seinem Post erwähnt hat, zwei Russen auf der Strasse in der Wüste getroffen, die sich mit dem Rad auf den Weg in die Berge machen wollten. Sie waren ausgerüstet für 30 Tage ohne Einkaufen, die Räder entsprechend bepackt. Als wir dann am 15.8 nach einem knapp 140 km Sprint mit Rückenwind kurz vor Golmud waren ereigneten sich ein paar seltsame, vielleicht aber auch ganz normale Dinge. Zuerst hupte uns ein entgegenkommender Pickup an, um mit quietschenden Reifen zu wenden und dann telefonierend neben uns herzufahren, ohne jegliche Grüsse zu erwidern und mit einem Blick der hätte töten können. Als er nach 2 km tatenlos abdrehte, dauerte es keine 2 Minuten bis ein SUV vor uns hielt, drei Männer ausstiegen und uns zum anhalten zwangen. Freundlich stellten sich die drei als Polizisten vor. Sie fragten uns über die Russen aus, welche nach ihren Angaben am Morgen einen Notruf abgesetzt hatten. Die Polizei suchte sie um ihnen zu helfen. Wir halfen ihnen so gut es ging mit Karte und Angaben über den Ort an dem wir die Russen getroffen hatten und wo sie hinfahren wollten. Zwar fanden wir es etwas seltsam, dass die beiden wohl per Telefon bei der Polizei unter 110 um Hilfe gebeten hatten, aus einer Gegend wo Hansen und ich seit Tagen kein Empfang hatten, und dann offensichtlich vergaßen ihren Standort anzugeben, aber selbst wenn die Polizei sie aus anderen Gründen gesucht hätte, die Idee das sie evtl. wirklich verunglückt waren hat jede Art der Zusammenarbeit gerechtfertigt. Als die Strassen-Befragung beendet war, wollte ich noch schnell die Gelegenheit nutzen mich wegen einer Visaverlängerung in Golmud zu erkundigen. Wie der Zufall es wollte, antwortete der Polizist: “Yes, you can do that, actully, I am the one issuing visa extensions and Tibet Permits, it’s my job. Come to my office tomorrow morning, il’l try to help you”.
Es hätte nicht besser laufen können. Wir beschlossen am nächsten Tag früh zur Polizeistation zu gehen und zu versuchen unser Visum zu verlängern und ein Permit für Tibet zu bekommen.
Also haben wir uns auf die Suche nach einem Hotel gemacht, dass uns eine temporäre Residence Registration ausstellen kann. Gerade als wir zum 3. mal verwiesen wurden, rief auf einmal jemand hinter uns: “Heey! I am reading your Blog!”
Überrascht drehten wir uns um und vor uns stand eine junge Frau die es offensichtlich nicht fassen konnte uns hier zu treffen. Sie erzählte dass sie und ihr Bruder seit einiger Zeit auf unserer Spur gereist waren und unter anderem nach uns versucht hatten in Kudi über den Checkpoint zu kommen. Leider waren sie auch an dem reißenden Fluss gescheitert: Sie wurden mit all ihrem Hab und Gut beim Versuch ihn zu durchqueren von der Strömung mitgerissen. “I thought I would die then”, erzählt uns Darina aus der Ukraine aufgeregt. All ihre Sachen, unter anderem die Gitarre und die teure Kamera ihres Bruders Roman seien dabei kaputt gegangen. Sie erzählt außerdem, dass sie ganz ohne Geld trampen und sie ein freundlicher Mann eingeladen hat und ihnen das Hotel bezahlt.
Auch ich kann es kaum fassen jemanden zufällig in China zu treffen der unseren Blog liest. Wir beschliessen im gleichen Hotel einzuchecken und verbringen den ganzen Abend damit uns mit ihr und ihrem Bruder auszutauschen und von unseren Reisen zu erzählen. Am nächsten Tag, dem 16.8 verabschieden wir uns von den beiden, erklären dem ziemlich inkompetenten Hotelpersonal das wir eine Registrierung von ihnen brauchen, und gehen zur Polizeistation. Tatsächlich sitzt dort der Polizist den wir am Vortag auf der Strasse getroffen hatten. Er begrüßt uns freundlich mit einem Handschlag und teilt uns dann bedauernd mit, dass sie die beiden Russen nicht gefunden haben. Sie haben die Gegend die ganze Nacht abgesucht, und dann wegen einem
Sturm die Suche abbrechen müssen. “let us hope they are fine”, sagt Hansen. Der Polizist nickt nachdenklich. “So how can I help you?” fragt er nach einer kurzen Pause. Wir schildern ihm unser Anliegen, fragen ihn sowohl nach dem
Tibet-Permit als auch nach einer Visaverlängerung und müssen leider gemeinsam mit ihm feststellen, dass ihm die Hände gebunden sind. Die Verlängerung ist entgegen der weit verbreiteten Information im Netz nicht als tatsächliche Verlängerung, sondern ein neues Visum zu verstehen, welches ab dem Tag der Beantragung 30 Tage gültig ist. Somit würden wir 25 Tage verschenken, gibt er uns zu verstehen. Aber eine gute Nachricht gibt es: Die südlich aus Golmud führende Strasse darf man tatsächlich bis zur tibetanischen Grenze fahren, so dass wir unsere ab hier geplante Route ohne illegales “Checkpoint-Hopping” durchführen können. Außerdem könne man, so der Polizist, das Visum auch in Garze verlängern, wodurch wir uns nicht in 20 Tagen bis nach Chengdu hetzen müssen.
“Bessere Voraussetzungen hätten wir nicht haben können für das Permit”, sagt Hansen mit einem Seufzer, “aber das zeigt einfach, dass es wirklich nicht möglich ist zur Zeit.”
Wir laufen schweigend zum Hotel zurück. Die nächsten Tage in Golmud sind wir ruhig angegangen und haben die Zeit genutzt um wichtige Grundversorgung einzukaufen, die Route zu planen und uns etwas zu entspannen. Die bevorstehende Bergstrecke führt uns über 5000 m hohe Berge und läuft fast durchgehend auf über 4.300 m. Wir werden alle Kraft brauchen um das durchzustehen. Wenn etwas das Potential hat unsere Kräfte an die Grenze zu führen, dann dieser Teil, die Vorletzte Etappe unserer Tour, die Strecke bis nach Chengdu. Wir haben diese Strecke als Entschädigung für unser ausgebliebenes Highlight, den Tibet Highway ausgesucht, und ich freue mich auf die Berge und das nicht autonome Tibet, welches wir durchfahren werden!
Als wir am 18. abends fertig sind mit aller Vorbereitung, die Räder gepackt und vollgestopft im Hotelzimmer stehen, beschließen wir noch ein Bierchen trinken zu gehen. “Immerhin ist es Samstag Abend” grinst mich Hansen an. Und bei einem Bier bleibt es tatsächlich nicht. Nachdem wir alle Karaoke-Clubs enttäuscht verlassen haben (hier hocken alle nur rum und singen in ihren Kämmerchen) haben wir tatsächlich eine kleine Bar gefunden, in der wir seelig ein paar Wodka und Bier getrunken haben. Die hartnäckigen Gäste, zu denen wir auch gehörten, hatten sich nach und nach an unserem Tisch versammelt und so blieben unsere Gläser nicht leer. Als wir um ca. 5 Uhr morgens von den wirklich herzlichen Chinesen ins Hotel gebracht wurden hatte ich wirklich ordentlich einen sitzen. Sogar mein altbewährtes Salzwasser-Vitamintablette-Anti-Kater-Rezept schien am nächsten morgen wirkungslos gewesen zu sein. Mit
einem leeren und trotzdem schmerzenden Schädel und den heftigsten Katerschüben und Schweissausbrüchen haben wir unsere Sachen gepackt. Dann plötzlich, bringt Hansen die schrecklichste Meldung die man in einem solchen Zustand bekommen kann: “Der Geldbeutel ist weg!” Panisch und unkoordiniert durchsuchen wir alles. Zwanghaft aber erfolglos versuchen wir den Abend zu rekonstruieren. “Das Geld ist weniger das Problem, da waren zwar 100 Dollar drin, aber das können wir überstehen” , sagt Hansen und fasst sich mit beiden Händen vors Gesicht, “All unsere Geldkarten sind darin, wir haben keine Chance mehr irgendwie an Geld zu kommen.”
Egal wie wir uns anstrengen, wir finden keine Erklärung dafür, wie der Brustbeutel abhanden gekommen sein kann. Komplett verzweifelt fängt Hansen sinnlos an seine Lowrider zu durchsuchen, ich will ihn schon anfahren, dass das doch nichts bringe, als er plötzlich sagt: “Hier isser!”. Ungläubig schaue ich ihn an. Hansen kniet vor mir auf dem Boden, in der linken Hand den Geldbeutel, in der rechten seine Stirn. Das Adrenalin lässt nach, und ich bin so erleichtert, dass der Kater mit voller Wucht zurückkehrt, als wolle er sagen: “Na dann ist ja alles gut, dann mach ich mal weiter hier”
“Ich muss den Geldbeutel gestern Abend nach der Bar hier versteckt haben, ich habe immer geniale Ideen wenn ich besoffen bin, manchmal so genial, dass ich sie selber nichtmehr raffe” grinst er mich an.
Wir checken aus, und müssen uns leider mit dem Personal anlegen, welches lächerliche Abzocke betreiben will. Ich erinnere mich an ein paar Zeilen aus dem China-Knigge, in denen beschrieben war, dass Chinesen kein größeres Unbehagen empfinden können, als wenn sie in einen öffentlichen, lauten Streit geraten. Hansen nutzt diese Schwachstelle und macht ein Fass auf. Die kleine Hotelmanagerin tut mit fast leid als er ihr auf Deutsch vor allen Gästen erklärt, wie unter aller Sau das Zimmer war. Und es wirkt. Wir bekommen unsere Kaution zurück und man glaubt uns dass wir alles im Voraus bezahlt haben.
Siegreich ziehen wir Leine und schleppen uns 30 km zum Fuße des Himalaya. In meinem Zustand komme ich mir fast lächerlich vor die vor mir liegenden Berge herausfordern zu wollen. Erschöpft essen wir die Reste aus dem Restaurant die wir uns haben einpacken lassen und Hansen kotzt sie eine Stunde später wieder aus. Wahrscheinlich war sein Magen noch etwas gereizt.
Am 20.8 schlafen wir aus. Noch immer sitzt mir die vorgestrige Nacht in den Knochen. Wir schleppen uns in die Berge und streichen nach 40 km die Segel. “Es hat keinen Wert, lass uns morgen früh raus und die 40 km nachholen”, sagt Hansen und steuert auf einen kleinen Strand an einem Stausee zu.
So, ich sitze noch immer hier und starre auf mein Telefon. Die Sonne verschwindet gleich hinter den Bergen, der Wind hat sich gelegt und die Wellen plätschern leise auf den Felsen. Ich bin fertig mit tippen und es fühlt sich gut an! Mit ein bisschen Strandgut werden wir jetzt ein Feuer machen und Reis mit Tomatensauce und Karotten kochen. Morgen gehts dann in bisher unerreichte Höhen, noch fast 2.000 m weiter bis auf 5009 Meter.
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