Kashgar

Posted by on Juli 17, 2012

Es ist der 12.7.”Wir sind wieder so righting fit” ruft Hansen über seine Schulter zu mir, als wir mit gut 35 km/h an einer Gruppe Mopeds vorbeifahren. Und ja, zum ersten mal seit langem fahren wir im Windschatten ca. 40 km am Stück, kein Rückenwind! Es macht Spaß mal wieder so richtig Sport zu machen im Vergleich zu den vorsichtigen Versuchen der letzten Tage sich nicht erneut zu überanstrengen. Wir fahren vorbei an Dörfern die komplett aus Lehm und Stroh gebaut sind, schlängeln uns entlang der Strasse neben dem Flussbett vorbei an in die Felswand geschlagenen Ziegenställen bis wir letztendlich auf du Autobahn nach Kashgar kommen. “Jetzt sind es noch ungefähr 15 km” ruf ich Hansen zu, “hinter dem Hügel da vorne kann man sicher schon die Stadt sehen.” Und tatsächlich, vor uns erstreckt sich der Meilenstein der wir so lange angestrebt haben, die deklarierte Hälfte unserer Tour, die Entscheidungsstation für den weitere Routenverlauf, die erste riesige Stadt seit langem! Nach einigen Stunden finden wir endlich eine Unterkunft, das sogenannte Pamir Youth Hostel, wo angeblich alle Radfahrer absteigen. Ein bisschen erhoffen wir uns von dem
Hostel Kontakte die uns mit unsrer Routenplanung helfen können, und tatsächlich haben wir Glück. Der Hostelbesitzer ist ein Outdoor Fanatiker, der sich mit sämtlichen Sperrgebieten auskennt. Leider hat er nur schlechte Nachrichten für uns. Alle von uns geplanten Routen beinhalten Abschnitte, die durch das chinesische Militär abgeriegelt werden. Nach stundenlangem Plänen und abwägen von Risiken und Alternativen sind wir komplett demotiviert. Alle schönen Routen beinhalten Sperrebiete, die einzigst mögliche von West nach Ost ist ein Umweg von 1000 km und eine extrem langweilige Strecke. Niedergeschlagen machen wir uns auf den Weg zum Nightmarket, um uns unseren Frust wegzufressen. Ein wahres Paradies erwartet uns, von Fisch zu Hähnchen über Lamm bis Kalb und Nudeln, alles in exotischer Weise zubereitet. Die Stände haben bis um 3:00 geöffnet, und je später die Stunde, desto mehr ähnelt der Markt einem riesigen Schlachtfeld mit Knochen, Schädeln und Essensresten in riesigen Haufen auf dem Boden. Die Stände sind jeder für sich mit spärlich im Rhythmus der Generatoren glimmenden Glühbirnen erhellt, die an Seilen, Schnüren und Schirmen befestigt sind. Jeden Tag erneut wird der Nightmarket aufgebaut und jedesmal wächst er anders. Zum essen setzt man sich auf die Bierbänke direkt vor den Koch, der aus riesigen dampfenden Töpfen Lammköpfe, Zungen, Fischfilets, Hackfleischröllchen oder Maultaschen zaubert und mit lautem Preisgeschrei versucht seine 5 Sitzplatze zu füllen. Gierig schieben sich die Chinesen und Uguren mit den Stäbchen die Inhalte ihrer Schalen in den offenen Mund. Es wird geschmatzt, gerülpst, gefurzt, man fühlt sich wohl! Die Hygienischen Umstände lassen einen Europäer zurückschrecken. Mit der bloßen Hand werden die Nudeln aus dem Topf auf den kalt ausgespülten Teller des Vorgängers gelegt. Die gleiche Hand bohrt in der Nase, greift nach dem Geld, wischt sich den Schweiß aus und das Fett ins Gesicht, und klatscht dem Kumpel freundschaftlich in die Pranke. Trotzdem, und ich kann es mir nicht erklären, ist der Markt unglaublich Appetitlich! Hansen und ich beschließen uns hineinzustürzen und lassen uns von Stand zu Stand treiben, probieren hier und dort mal bis wir voll sind, sogar einen Lammkopf inklusive Gehirn und Zunge essen wir. Geschlaucht gehen wir schlafen.

Am 13.7 schlafen wir bis um 11:00 nach Peking Zeit. Zwar gilt in Ganz China offiziell die Peking Zeit, aber gelebt wird hier nach der lokal sinnvolleren Kirgisischen Zeitzone. Wir stehen auf und treffen und mit Armantur Asambai, ein herzlicher Grundschul-Lehrer den wir gestern auf dem Markt getroffen haben und der und anbietet uns die Stadt zu zeigen und bei unsern Beschaffungen zu helfen.
“Please Excuse, I forget” sagt er immer wieder wenn er mit seinem Englisch nicht weiterkommt. “I study 5 Languages, but no English for 12 Years, I am Sorry, I forget”
Sein Englisch ist ausreichend für das nötigste, aber nach einem langen Tag und viel gelaufe und halb verstandenen Sätzen bin ich völlig fertig. So lieb und nett Armantur uns die Stadt gezeigt hat, und das Essen erklärt hat, und sich alle Mühe gegeben hat bei unseren Besorgungen zu helfen, ich bin auf Zweisamkeit mit Hansen gepolt, wortkarge Tage und blindes Verstehen, Armantur war das Gegenteil und deswegen sehr anstrengend! Aber er hat uns einen Schnellkurs für die Ugurische und Chinesische Kultur und Sprache gegeben, was uns viele Fettnäpfchen und Missverständnisse erspart hat, die Anstrengung war also jeden Minute Gold wert. Als wir uns verabschieden tauschen wir noch Email-Adressen und Telefonnummern aus, und hoffen auf ein baldiges Wiedersehen.

Wir verkriechen uns total geplättet in unser Hostel und planen weiter an der Route. Egal wo wir entlangwollen, immer wieder wird uns davon abgeraten: “Hier ist es langweilig, da steht die Polizei, hier ist eine Raketenstation, dieses Gebiet ist umstritten zwischen Indien und China, hier gab es letzte Woche Unruhen, dort dürfen nur Einheimische rein …” wir sind am verzweifeln. Haben wir etwa den besten Teil unserer Tour nach gut der Hälfte schon hinter uns? Soll es das gewissen sein? Der Höhepunkt einer Geschichte nach der Hälfte? Gäähn!
“Nein” sagt Händen plötzlich entschlossen. “Nein Paul, lass uns entgegen all diesen Empfehlungen einfach unserem Glück vertrauen und so naiv sein es trotzdem zu probieren. Alle hier erzählen ‘dass sie gehört haben dass…’ Aber ich habe nicht einen Radfahrer getroffen der mir gesagt hat: Ich war da, und man kommt nicht durch! Ich will es selber erleben, sonst werfe ich mir den Rest meines Lebens vor, dass es eventuell doch hätte klappen können, ich brauche die Gewissheit!”
Wir haben schon unser 3. Bier intus und ich bin von von Hansens Rede restlos begeistert!
“Jawoll, Du hast Recht, was ist denn los mit uns? Seit wann schrecken wir denn davor zurück dass jemand sagt: Das geht nicht. Wir fahren bis zum
ersten Checkpoint und werden dort mit 95% Wahrscheinlichkeit abgewiesen, aber für die 5% will ich’s versuchen! Ich bin nicht bis hier her gefahren um jetzt zu kuschen, Jeder wird sagen: Ich hab’s Euch doch gleich gesagt, Ihr kommt nicht durch. Aber sollen uns die Leute doch für doof halten und naiv und was weiß ich noch, ich will sagen können: Ich hab’s versucht!

Am nächsten Morgen, den 14.7 liege ich schon früh wach im Bett. An Hansens wackelndem Fuß merke ich, dass auch er schon wach ist.
“Und, was meinst du zu unserem gestrigen Beschluss im nüchternen Zustand?” frage ich ins Kopfkissen nuschelnd. Ich habe Angst vor einem Rückzug, ich selber bin mit nichtmehr so ganz sicher, ob unser Beschluss der richtige war.
“Ich steh dazu, keine Frage. Es ist Riskant, aber nicht gesundheitsgefährdend, und ich mache die Tour nicht um sie mit auf Vermutungen Anderer basierten Kompromissen zu beenden.”
Beflügelt von dem klaren Entschluss, einer lange vor uns hergeschobenen und endlich getroffenen Entscheidung verbringen wir die nächsten 2 Tage mit den Vorkehrungen für die Weiterfahrt. Wir schreiben 40 Postkarten je zwei mal (80) weil wir die Adresse in rot geschrieben hatten, müssen uns nach ewigem anstehen unfreundlich abweisen lassen weil die Zentrale Poststelle von Kashgar (angeblich) nur 10 Briefmarken auf Lager hat, wir sollen bitte morgen wieder kommen. Wir laufen über sämtliche Märkte, die Gießerei und Schmiede-Strasse wo es überall dampft und zischt, das Chinesische Viertel, wo man nur durch einen Metalldetektor eintreten darf (Man schützt sich vor Anschlägen?) und welches ironischer Weise nur einen Bruchteil der Chinesischen Stadt ausmacht, der Rest ist Ugurisch. Wir sehen wie die Polizei scheinbar ohne Grund einheimische schikaniert und sich darüber belustigt.
Es tut gut mal wieder ein paar Tage ohne Drahtesel unterwegs zu sein, aber am 16.7 reicht es dann endgültig. Am 17 stehen wir um 5 Uhr morgens nach Peking Zeit auf, also nach Lokaler Zeit um 3, um noch vor der Mittagshitze aus der Stadt und endlich wieder auf dem weg zu sein. Die Strasse zieht sich endlos als Autobahn über sanfte Hügel aus der Stadt, gesäumt von Stacheldraht links und rechts so dass es fast unmöglich ist eine schattige Stelle für die Frühstückspause zu finden. Als wir endlich eine kleine Einfahrt finden an der der Zaun umgestürzt ist, haben wir schon 50 km gefahren und können endlich unsere Frühstückspause einlegen. Kaum sitzen wir kommen zwei Hirten an und schlachten eine Wassermelone für uns, nur um sich ohne Worte davon zu machen und uns ihr Geschenk verspeisen zu lassen. Und so sitze ich hier mal wieder auf einem Baumstamm in einer schattigen Allee, ein ausgetrockneter Bewässerungskanal hinter mir und ein Kaffee in der Hand (Danke Hansen für die Überraschung).

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