Marathon

Posted by on September 28, 2012

Ich greife den Lenker mit der rechten Hand und Steige mit dem linken Bein über die Satteltaschen auf das Rad. Sobald ich darüber stehe und es zwischen meinen Beinen stütze, Klappe ich den Ständer ein und löse mit der linken Hand die Handbremse. “Haben wir alles?”, frage ich Hansen routinemäßig, rüttle fest an meinem Rad um zu sehen ob etwas abfällt und nicke dann selbstbestätigend. Ich ziehe das rechte Bein mit der Pedale an und setze mich auf den Sattel.
Mit dem linken Bein stoße ich das Rad an und drücke mit dem rechten auf die Pedale um es in Schwung zu bringen. Die starken Schwankungen bei langsamer Fahrt mit viel Gepäck gleiche ich mit dem Oberkörper und durch ruckartiges Lenken aus. Der Schwung muss reichen, um auch das Linke Bein auf die Pedale zu bekommen. Nach weiteren zwei kräftigen Pedalumdrehungen drehe ich die Linke Pedale hoch, tippe das Körbchen so an, dass es aufrecht steht und rutsche mit der Fußspitze hinein. Beide Füße sind jetzt fest mit den Pedalen verbunden, und abwechselnd ziehend und drückend kurbele ich die Pedale in einer gleichmäßigen Bewegung – kein Stampfen oder ruckartiges Treten, sondern eine regelmäßige Kraft. Am Anfang viel es mir schwer so zu treten, man beansprucht Muskeln, die man sonst nicht braucht, aber jetzt ist es die effizienteste Art, und verhindert abgesehen davon auf schlammigen, sandigen oder kiesigen Böden dass man durchdreht und die ganze Energie in Gleit- statt Haftreibung verloren geht. Meine rechte Hand greift in regelmäßigen Abständen zur Schaltung und bringt bei kurzen Kraftpausen auf den Pedalen das nicht belastbar zu schaltende Rohloffgetriebe in höhere Übersetzungen. Die Atemfrequenz erhöht sich und gleichen den kurzzeitigen Sauerstoffmangel in den Oberschenkel-Muskeln aus. Sobald der Kreislauf in Schwung ist nehme ich mehr Fahrt auf und so beginnt mein Radtag. Meist Meditativ, wie auch an diesem Tag, fahren wir ohne viele Worte den mal wieder schier endlosen Pass hoch. Ich bin begeistert von dem Höhentraining der letzten Monate, denn die fast 1000 Höhenmeter fahren wir durchgehend, ohne Pause in engen Serpentinen. Ich habe heftige Höhenangst und mir wird richtig schwindelig wenn wir über Brücken fahren, die den Blick ins mehrere Hundert Meter fast senkrecht unter uns liegende Tal freigeben. An der “Abbruchkante” des Himalaya, wie Hansen es nennt, kann man wirklich mit sehr steilen Bergen rechnen, die zwar nicht besonders hoch, aber dafür um so spektakulärer sind.

Wir halten nur einmal kurz an, um für einen unserer großzügigsten Spender und Freund einen Baum mit dem seit Berlin mitgetragenen Messingschild und eingraviertem Namen zu benennen und wollen gerade weiterfahren, als wir feststellen, dass China einen Tunnel gebaut hat und der letzte Gipfel nicht mehr befahrbar ist. Teils sind wir froh darüber, aber auch etwas enttäuscht, denn wir hatten uns vorgestellt die Tibetflaggen der Auktion an unserem letzten Pass aufzuhängen. Alle bestätigen uns jedoch, dass die Strasse seit Jahren nicht in Schuss gehalten und somit lebensgefährlich sei, und es bleibt uns nichts anderes übrig, als durch den knapp 5 km langen Tunnel abzukürzen, ein absoluter Horror! Kurz vor der bedrohlichen Röhre halten wir an, installieren Lichter und ziehen uns warm an, denn aus dem Loch pfeift uns ein eisiger Wind entgegen. Ohne zu wissen wie lang er genau ist, fahren wir schnell hinein, und geben alles, um möglichst ohne anderen Verkehr hindurchzufinden. Aber es ist hoffnungslos. Der Staub und der Wind bilden einen undurchsichtigen Nebel, so dass man kaum etwas sieht. Nur alle Zig Meter sind Lampen installiert, so dass das ständige hell-dunkel die Augen anstrengt. Ein gruseliges Dröhnen begleitet uns. Immer wieder schaue ich mich panisch um, um evtl. herannahende LKW zu sichten und auf die erhöhte Seite ausweichen zu können. Mir bleibt jedesmal schier das Herz stehen, wenn ein Truck mit schlechter Sicht von hinten auf uns zukommt. Man fühlt sich gefangen, in der Falle, die schmale Spur lässt kaum Platz zum Ausweichen. Mehrere Male “retten” wir uns in Ausweichbuchten, beinahe wie bei dem Spiel Brennball. Als ich endlich das Licht auf der anderen Seite erahne, hole ich nochmal alles raus, und erreiche keuchend den Ausgang.

Der Kontrast hatte krasser nicht sein können. Gerechnet hatte ich mit der gleichen Bergwelt wie auf der Westseite des Tunnels, aber weiter hatte meine Vorstellung von der Realität nicht entfernt sein können. Vor mir erstreckte sich ein tiefes Tal, mit dem urigsten Urwald den man sich vorstellen kann. Riesige, lianenbehangene Bäume, Farne, Bambus, Wasserfälle. Eine Geräuschkulisse wie im Zoo bei der Insekten und Vogelinventur. Wolken und Nebel hängt zäh in den überall nass und triefenden Bäumen. Ich bin baff, auch das Klima hat sich schlagartig geändert. Es ist warm, fast stickig und schwül. Die Strasse verschwindet in gewagten Kurven vor uns unter riesigen, moosigen Felsüberhängen. Nach einer kurzen Pause überkommt mich ein unbeschreibliches Glücksgefühl. “Wir haben das Himalaya hinter uns”, sage ich ausser mir zu Hansen, “wir haben eine der größten Herausforderungen unserer Tour geschafft, ab jetzt geht es fast 150 km bergab.” Ich lasse meinen Blick erneut über das im Nebel verschwindende Tal gleiten. Der Tunnel ist vergessen und ebenso alles was an Anstrengung Jenseits von ihm liegt. Vor mir liegt die längste Abfahrt unserer Tour, und der Tunnel war das Tor zur Zielgeraden.
“Heimspiel”, sagt Hansen träumerisch, “ab jetzt geht’s ganz entspannt weiter”

Wir essen Brot mit der noch immer reichlichen Yakbutter und
machen uns an die Abfahrt. Die schlecht betonierte Strasse steht schon nach den ersten beiden Kurven voll mit LKW. “Was isch denn da los”, fragt Hansen im gespielten Schwäbisch neugierig, “feieret die e Paaarty?”
Leider haben sich die LKW nicht zur Belustigung, sondern wegen einer Baustelle angestaut. Sowohl von oben als auch unten kommende Fahrzeuge haben sich um eine einspurige Stelle angestaut, und die fehlende Koordination hat für einen unlösbaren Stau gesorgt. Die Autos kommen schneller nach als die stehenden rückwärtsfahren können, und so beschließt die Allgemeinheit einfach auf alles zu Scheißen, und Picknick zu machen. Überall wird gegrillt, und bei den beiden in der Mitte zentral gegeneinander stehenden LKW, die nur wenige cm von einander entfernt sind haben geschäftstüchtige Dorfbewohner einem Mais-Grill eröffnet, den sie auf der Ladefläche eines TukTuk, direkt über dem Benzintank betreiben. Wir quetschen uns mit den Rädern hindurch, völlig fassungslos über die Gelassenheit der Leute in der aussichtslosen Situation.

Je weiter wir kommen, desto schlechter wird die Strasse, aber nicht, wegen Schlaglöchern, sondern einer für uns unverständlichen Strassenbaustrategie: Die gesamte Strasse von fast 100 km soll ausgebessert werden. Dazu haben Bauarbeiter mit einem riesigen Presslufthammer auf der ganzen Strecke den Beton aufgemeißelt, und fangen nun hier und dort an, die Splitter abzutragen und die Strasse neu zu machen. Ein Großteil der Strasse wird dadurch komplett unbefahrbar weil die riesigen, noch nicht weggeräumtem Splitter wie übereinandergeschobene Eisschollen die Strasse zur Buckelpiste machen.

Wir holpern bis in die Abenstunden immer weiter ins Tal, hängen an einer Hängebrücke und einem der beeindruckendsten Jungeltäler die Gebetsflaggen auf und bauen noch das nächste Schild für einen unserer Spender, den Zondag-Boulevard.

Im seit Mittag immer stärker gewordenen Regen bauen wir zwischen Bananenstauden und Lianen unser Zelt auf, geben ein überraschendes Telefoninterview mit FluxFM und gehen klamm im nassen Zelt schlafen, mit der Gewissheit am kommenden Tag 220 km fahren zu müssen um rechtzeitig in Chengdu anzukommen und unser Visum zu verlängern.

Am 26. stehen wir um 6 auf, stopfen rücksichtslos alles nass in die Taschen und fahren im noch immer nieselnden Dauerregen los. Der Anfang ist zäh, die schlechte Strasse, Regen und ein ständiges Auf uns Ab machen die ersten 80 km zur Qual. Als wir dann endlich in Yaan ankommen, ist klar, wir werden die Nacht durchfahren müssen um es zu schaffen. Immerhin scheint hier unten die Sonne und wir haben leichten Rückenwind. Mit einer Durchscnittsgeschwindigkeit von fast 30 km/h fetzten wir auf dem Seitenstreifen der Autobahn entlang, bis uns die Strassenwacht mit bösen Blicken auf eine Landstraße eskortiert. “Hier im Flachland lebt man wohl regelkonformer”, stellt Hansen fest. Über die Landstraße fahren wir bis um 1 Uhr Nachts in einem bisher undagewesenen Sprint ganze 235 km bis nach Chengdu. Der absolute Rekord, und ich muss sagen, vor 5 Monaten hatte ich das nicht geschafft. Ich war immer wieder erstaunt, wie ausdauernd meine Muskeln stundenlang das Rad mit fast 25 km/h antreiben und wie geduldig mein Geist die Kilometer gezählt und überwunden hat. So müde ich am Ende war, meine Kraft hätte wahrscheinlich für weitere Kilometer gereicht. Wir checken in das Hostel “Sims Cosy Garden” ein, welches mehr hält was es verspricht, und waschen noch in der gleichen Nacht unsere Klamotten, den gleich am nächsten Morgen müssen wir ins “Chengdu Entry Exit office for Public Security Bureau”, wie es hier genannt wird. Jetzt fallen mir gleich die Augen zu, das weiche Bett ruft, ich bin frisch geduscht und wer könnte dieser Versuchung wiederstehen: Wohlverdienter Schlaf nach einem harten Tag. Gute Nacht!

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