Als wir am 6.10 das kleine Maultaschen-Restaurant kurzum hinter Nanchong verlassen regnet es wieder, bzw. der kurze Regenstop ist vorbei. Wir sind hier in einem Teil von China zu einer Jahreszeit die zum Radfahren wirklich nicht gerade angenehm ist. Es erinnert mich an unsere letzte Tour zu den Lofoten im Norden Norwegens, auf der wir uns mit dem Schwedischen Wetter im Spätsommer komplett verkalkuliert hatten. Blauäugig waren wir in Sommerkleidung von Berlin aus losgefahren. Im Norden Schwedens mussten wir uns dann auf Basis eines kaum vorhandenen Budgets aus Fleecedecken die wir in einem Baumarkt kauften je zwei extra Schlafsäcke nähen um nachts bei den winterlichen -5 Grad nicht zu erfrieren. Tagsüber waren wir über 3000 km, fast einen ganzen Monat mit Gegenwind und Pisswetter gesegnet. Damals haben wir durchgehalten, sind jeden Tag nass und friedend losgefahren, trotz Regen und Eiseskälte in Badehose und T-Shirt um die warmen Sachen für Abends trocken zu halten. Auch hier werde ich wegen dem Sauwetter nicht aufgeben! Nach fast einer Woche Dauerregen haben wir unseren Regenrhytmus gefunden. Morgens fährt man in Regenhose und -jacke los, sobald man warm ist legt man die stickigen Regensachen ab um nicht vom sich darunter ansammelnden Schweiß nass zu werden und fährt in Badehose und T-Shirt, wo alle schon in Winterkleidung unterwegs sind. Zwar wird man dann nass, aber solange man in Bewegung ist bleibt man warm. Sobald man Pause macht, wirft man sich alles warme über und wenn man weiterfährt geht die Prozedur von vorne los.
Durch den dauernden Regen ist das Land den ganzen Tag in Nebelschwaden gehüllt, die sich zäh an den steilen Berghängen hochziehen. Oft kann man noch die Gipfel und Kämme über den Schleiern sehen, ein wirklich urtypisches Chinesisches Bild, wie ich es mit mystischen alten Chinesischen Gemälden oder Wandteppichen in Verbindung bringen würde. Wenn man selber einen dieser Berge erklimmt, wie auch wir an diesem Tag, dann taucht man in einen triefenden Dschungel ein, dichtester Nebel lässt die Sicht in den nassen Serpentinen oft auf unter 50 m sinken. Die Farne und lianen- und moosbehangenen Bäume und Felsvorsprünge triefen von der andauernden Feuchtigkeit. Je höher man kommt, desto heller wird es, manchmal reißt der Nebel auf und man kann einen Blick auf den gegenüberliegenden Berghang erhaschen. Die Stille im Nebel wird immer wieder zerrissen von den ohrenbetäubenden, unglaublich schrillen Hupen der Linienbusse, die in den Serpentinen mehr auf Gehöhr als auf Sicht fahren. Meine kleine am Lenker montierte Hupe klingt dagegen kläglich und wird wahrscheinlich nur wenige Meter weiter vom dichten Nebel und dem Urwald verschluckt. Trotzdem Hupe ich fleißig vor jeder Kurve um herannahende LKW und Busse auf uns aufmerksam zu machen, denn hier rechnet keiner mit Radfahrern. Über meinen am Helm montierten Rückspiegel überprüfe ich dann ob sie ein Ausweichmanöver fahren oder direkt auf mich zu kommen. Schon öfter habe ich mich fluchend mit dem Rad an die Leitplanke gepresst, bereit darüber in die Büsche zu springen um den so cool und dicht vorbeifahrenden Bussen und LKW zu entkommen. Es ist nicht böse gemeint von ihnen, sondern einfach nur fehlende Erfahrung und ein anderes Verständnis von Sicherheit, und so schauen sie mich fassungslos an wenn ich sie anbrülle und beschimpfe nachdem mal wieder nur Zentimeter gefehlt haben, ganz so nach dem Motto: “Was meckert der denn so, hat doch gepasst”. Die Leitplanken sind alle paar Kilometer durchbrochen, und an manchen Stellen kann man tief unten im Dschungel die zerschellten Autos sehen. Ich bleibe lieber hier oben!
Als wir oben ankommen sind haben wir ohne Pause einen fast 800 m hohen Pass gefahren. Der Dschungel wird hier von einem riesigen Tagebau “angefressen”. Der konstante Lärm von purzelnden Felsen, und einer riesigen Kiesmühle erfüllt den Urwald. Hin und wieder finden Sprengungen statt nach denen für einen Moment alles Leben im Urwald den Atem anhält, Stille, nur um sich danach lauthals über die Störung zu beschweren. Nachdem wir uns an einer Pausenstelle gedehnt haben, beschießen wir die Abfahrt auf den nächsten morgen zu verschieben, und uns unter dem riesigen Bambus-Pavillon niederzulassen. Zwar ist der Boden betoniert, aber eben und das Dach ist die perfekte Gelegenheit um die nassen Sachen etwas zu trocknen, so weit das bei fast 100% Luftfeuchtigkeit geht. Wir holen Wasser in einer kleinen Autowerkstatt nebenan, wo ein alter Vater mit seinem Sohn wohnt. Die beiden sind unglaublich lieb und sympathisch. Meine Befürchtung, tausende Fragen beantworten zu müssen bevor ich mit dem Wasser zurück zum Zelt kann werden komplett entschärft und obwohl der nur tröpfelnde Wasserhahn ewig braucht um die Flaschen zu füllen ist es richtig angenehm in der nach Öl und Stahl riechenden Werkstatt zu sitzen. Besonders angenehm fand ich, auch wenn es vielleicht seltsam klingt, dass die beiden ohne zu Zögern mein Dankeschön, ein Stück Schokolade angenommen haben. Meistens werden solche Gesten einfach abgelehnt, und man kann außer einem gesprochenen Dankeschön keine Revanche anbringen, aber die beiden haben sich darüber gefreut und das wiederum war wirklich angenehm für mich. Der sehr zurückhaltende Junge kam dann noch mit zum Zelt und hat uns beide mit seinem irgendwie cleveren Humor während er unsere Sachen begutachtete zum Lachen gebracht. Er hat, statt einfach nur stumm zuzuschauen, beim Zeltaufbau geholfen, und war so irgendwie richtig willkommen.
Als wir am 7.10. aufstehen habe ich trotz dem steinharten Betonboden sehr gut geschlafen, auch wenn ich hin und wieder von den vorbeidonnernden LKW wach geworden bin. Wir frühstücken knapp, die Laune ist träge und ohne viele Worte packen wir zusammen. Es regnet noch immer, und weil es außerdem richtig kalt ist fahren wir in unserer kompletten Wintermontur los. Der Junge aus der Werkstatt schenkt uns noch eine Tüte mit Süsskram und Handschuhe für die kalte Abfahrt. “Der hat richtig mitgedacht”, sage ich zu Hansen, als wir den Pass runterrauschen, “ich hätte mir die Hände abgefroren ohne die Handschuhe”. Und in der Tat glaube ich, war es genau das, was den Jungen und seinen Vater so angenehm gemacht hat, die so vorauseilende, mitdenkende Art, das Einfühlungsvermögen, die Sensibilität für die Bedürfnisse anderer.
Als wir im Tal bei Danzhu ankommen frühstücken wir, wie fast immer in den letzten Tagen eine Art Maultaschen die hier in großen runden Bambuskörben über einem Dampfkessel gegart werden. Dazu gibt es Reissuppe, kalt, ein typisches chinesisches Frühstück. Wie auch die vorherigen Tage fahren wir im Regen über den täglichen Pass. Bei der Anfahrt kommen wir in einer gespenstischen, verlassenen Industrieruine vorbei. Vermutlich eine alte Miene oder Tagebau, von dem nur noch die Betonskelette der Gebäude stehen. Der Dschungel hat sich die Anlage schon größtenteils zurückerobert, und so wachsen aus den dunklen Fensterlöchern in allen Stockwerken Bäume, Lianen und Farne. Auch die Strom und Telefonleitungen sind überwuchert und wirken wie riesige Spinnenfäden die den Komplex umhüllen. Zum Fusse des auf einer Klippe stehenden Gerippes ist ein türkisblauer See, an dessen Ufer eine kleine Fischerhütte und Bananenstauden stehen. Der Platz wirkt magisch und irgendwie fast gruselig. Obdachlose haben sich die Anlage zu Nutze gemacht und hier und da steigen feine Rauchfahnen aus ihren Baracken auf.
Bis spät abends suchen wir wieder verzweifelt nach einem Schlafplatz. Wieder geben wir auf weil es einfach unmöglich ist einen geeigneten Platz zu finden und steigen in einem billigen Hotel in Renxianzhen ab, für umgerechnet 3 € pro Nacht. Der Portier und Nachtwächter verspricht uns auf unsere Räder aufzupassen, was er zwar schlafend, aber erfolgreich macht. Wir gehen in einem netten kleinen Garagenrestaurant noch etwas essen, und werden dort richtig familiär empfangen. Der Herr des Hauses gibt uns ein Bier aus und um uns herum spielen kleine Kinder die sich immer wieder anschleichen und von uns “entdeckt” werden wollen. Kreischend laufen sie dann davon, um das Spiel endlos zu wiederholen. Wir fühlen uns richtig wohl in dem kleinen Laden und bekommen zur Krönung das mit Abstand beste Essen seit ich in China bin. Leider ist das einzige was ich daran identifizieren kann die Nudeln und die Morcheln, aber es schmeckt fantastisch und mehr brauche ich nicht zu wissen ;o)
Als wir uns verabschieden reichen uns alle einmal die Hand, und wir zahlen für das gesamte 3 Gänge Essen lächerliche 50 Yuan.
Wir gehen zurück ins Hotel, Duschen uns und gehen schlafen, nachdem wir noch eine halbe Stunde lang riesige Mücken gejagt haben. Das Hotel ist zwar günstig, aber als wir und die Wände genauer ansehen, merken wir, dass alles vollgerotzt ist. Sowohl neben meinem als auch Hansens Bett ist die Wand mit Flecken übersäht, deren zwar getrocknete aber deutlich triefende Form einen tiefen Ekel hervorruft. “Was ist das für eine respektlose Art, das kann man doch nicht machen,” beschwert sich Hansen angeekelt. “Immerhin, das Bett ist sauber”, antworte ich und lege mich der Länge nach auf meins, und versuche dabei den Kontakt mit den Wänden zu vermeiden.
Am 8.10. stehen wir um 8:00 auf, frühstücken das Brot was wir im Zimmer haben und fahren gegen 10, wiederum im Regen los. In Fudecun versuchen wir verzweifelt mal wieder unser Guthaben aufzuladen, und eine riesige Schar von Menschen sammelt sich um uns, von denen jeder helfen will und seine Meinung dazu, was wir denn wollen abgibt. Ein riesiges Chaos! “Alle raus hier, ich mach das schon” hätte ich am liebsten geschrieen, aber das hätte nur noch mehr Aufregung und Hilfsangebote mit sich gebracht. Als wir es endlich geschafft haben, ist es 14 Uhr und wir beschliessen den heutigen Tag als eine “Niete” abzuschreiben. Gemütlich dümpeln wir nach Liongping und den darauffolgenden Pass von knapp 600 m hoch, Essen in Fuluzhen zu Abend und kaufen Brot in einer Bäckerei. Um Halb sechs beschießen wir einen Schlafplatz zu suchen, denn hier wird es bereits um 19 Uhr dunkel, aber wie auch die letzten Tage bleiben wir erfolglos. Erschöpft sprinten wir im Dunkeln den letzten, unerwarteten Berg hoch und checken in Mawsingcao in ein billiges Hotel ein. Und da liege ich wieder in einem Bett und sehne mich ins Zelt. Auch hier ist die Tapete neben dem Bett vollgerotzt, und auch wenn man sie bereits neu übertapeziert hat, kommen die dunklen Flecken noch durch. Immerhin eine warme Dusche konnte ich geniessen. Gute Nacht!
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