Der Wind pfeift mir um die Ohren. Mein Kopftuch weht immer wieder vor den Mund und schiebt mir die Gurkenscheiben vom Brot. “Scheisse”, fluche ich als wiedermal mein Belag auf den steinigen Boden fällt. Hansen schielt auf die Gurken und ich weiß was er jetzt denkt: “Ist doch halb so schlimm, die Kiesel spuckste gleich wieder aus, und der andere Dreck bringt sich schon nicht um!” Er hat ja recht, aber da sind wir einfach etwas unterschiedlich.
Schweigend lege ich die Gurken zurück aufs Brot und halte sie mit meinen dreckigen Pfoten fest. Die Landschaft hier oben auf dem siebten Pass über 3.000 m ist absolut entschädigend für meine Gurkenprobleme. Der Pass ist nicht etwa ein Gipfel oder Sattel, sondern eine Hochebene, die sich endlos erstreckt, flankiert von braunen, vegetationslosen Felsbergen. Wir sitzen in einer Kurve auf der Strassenschulter. Die LKW die wir eben noch am Steilhang überholt haben fahren an uns vorbei und grüßen gedemütigt. Ab und zu gewinnt die Sonne den Kampf gegen den eisigen Wind auf meinem Rücken und wärmt mein schwarzes Fleece. Ein warmer Schauer geht über meinen Rücken. Es ist Hochsommer hier im Vorgebirge des Himalaya, aber das Thermometer zeigt knappe 12 Grad. Wir haben uns den ganzen Morgen lang über 40 km knapp 1300 Höhenmeter hochgekämpft. Jetzt machen wir unsere wohlverdiente Mittagspause.
Nach etwa einer Stunde treten wir die Abfahrt an. Entgegen unserer Vermutung führt uns die Strasse nicht ganz ins Tal, sondern auf eine Art höhergelegene Wüste bis auf 3.000 m, also nur 500 m unterhalb des Passes. Die Abfahrt ist 30 km lang und wir können mit knapp 40 km/h die gesamte Strecke rollen, die fast ausschließlich gerade aus geht. Das auf dem Pass angekündigte Dorf bleibt leider aus. Wiedermal, so vermuten wir, die Voreiligkeit der Chinesischen Straßenbauer, die alle Schilder in einem Zug aufstellen, auch wenn das Dorf oder die Tankstelle noch nichtmal aus der Planungsphase heraus ist. Uns bleibt nichts anderes übrig, als weiter zu fahren, weiter auf den nächsten Bergkamm zu, den wir vor dem nächsten Dorf überqueren müssen. Die Berge sind noch 60 km entfernt, aber man kann sie schon sehen. Die Strasse führt gerade aus darauf zu. Es ist eine wirklich zermürbende Fahrt, man hat das Gefühl nicht vom Fleck zu kommen, alles geht gerade aus und die Berge kommen nicht näher. Mich erinnert die Fahrt an ein altes Computer-Rennspiel, in dem man immer am Horizont die Berge als feste Grafik sehen konnte, sie aber nie erreicht hat. Glücklicherweise erreichen wir sie doch irgendwann und meine Gedanken kehren zur Realität zurück. Mit letzter Kraft schleppen wir uns den kleinen Pass hinauf. Oben erwartet uns eine ungewöhnliche aber wirklich einzigartige Aussicht. Als erstes sehen wir weiße Gipfel, aber auf einer Höhe auf der kein Schnee liegen kann. Aus den Tälern der Gipfel steigt langsam dicker Dunst auf der eine Staubwolke formt die wie einen Schleier bis zum zig Kilometer entfernten Horizont zieht. Die Landschaft unter dem Schleier ist weiss von den Ablagerungen. Wir schauen auf einen riesigen Tagebau. Überall stehen kleine Maschinen, die den Staub in die Luft pusten, sie sehen aus wie Alien-Eier in einem SciFi-Film. Nur schemenhaft kann man riesige Bagger, Gebäude und Halden erkennen. Ich kann meinen Blick nicht von dem Schauspiel lösen, teils weil es tatsächlich so unwirklich aussieht, teils weil ich nichts weniger in dieser Einöde erwartet hätte als ein riesiges industrielles Gelände.
“Was bauen die da bloß ab?”, fragt Hansen, der ebenso fasziniert neben mir steht und den Blick nicht lösen kann. Wie wir nur wenig später herausfinden stehen wir wahrscheinlich vor einer riesigen Asbest Miene. Schnell erledigen wir unseren Einkauf, der sich in dem fernfahrer-dominierten Mienen-Dorf Mangya auf die Nahrungsmittel beschränkt für die unsere befreundete LKW-Fraktion Bedarf angemeldet hat. Dosenfleisch, Dosenhaferschleim, Mam-Mam Nudeln, Chicken Jerkey (hölle scharf) und Kekse. Wir suchen uns einen Schlafplatz außerhalb des Asbest-Schleiers und essen kalt zu Abend was das Dorf zu bieten hatte. Es war ein harter Tag, 1.400 Höhenmeter und 110 km Distanz, eine wirklich nicht zu verachtende Leistung mit Rädern die gute 60 Kilo wiegen.
Es ist der 12.8. um 5 Uhr Morgens. Ich habe mich die ganze Nacht nur von einer Seite auf die andere gewälzt. Die Schürfwunden an meinem Knie haben mir keine bequeme Position erlaubt und die Höhenluft auf knapp 3.300 m hat ihren Rest dazu gegeben. Hansens Wecker klingelt und ich stehe freiwillig als erster auf. Es ist sternenklarer Himmel. Ich strecke mich und spüre den Muskelkater der vergangenen Tage. Vorsichtig wickle ich den Verband von meinem Knie ab. Die Pflaster die ich als Kompressenersatz verwendet habe scheinen der Wunde nicht gut getan zu haben. Die Kruste die vor zwei Tagen schon die gesamte Wunde bedeckt hatte hat sich restlos aufgelöst und statt dessen ist gelb-roter Schleim zu sehen. “Sieht aus als ob sie sich entzünden würde”, sagt Hansen der auch aufgestanden ist und jetzt hinter mir steht. Ich leuchte mit der Stirnlampe auf die Wunde. “Ja, gib mit mal das Desinfektionsmittel, ich mach die nochmal richtig sauber”. Mit zusammengebissenen Zähnen und einem in Wasserstoffperoxid getränkten Tuch wische ich kräftig über die Wunde und entferne den Schleim. Sie fängt leicht an zu bluten. Ich verbinde das Knie neu, diesmal mit einem Stück Verband als Kompresse, in der Hoffnung dass sie diesmal wieder trocknet und eine Kruste bildet.
Es hat 12 Grad als die Sonne aufgeht und langsam anfängt unsere kalten Glieder zu wärmen. Müde machen wir uns auf den Weg, immer entlang der Asbestfahne die das ganze Tal entlang zieht.
“Ist das die Raketenstation von der und der Hostelbesitzer in Kashgar erzählt hat?”, fragt Hansen und deutet auf ein sehr hohes und breites Gebäude am Horizont.
“Sieht so aus, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die eine Strasse direkt neben einer Startrampe für Raketen entlangführen. Aber irgendwie
würde ich es ihnen auch zutrauen”, erwidere ich. Hansen packt das Fernglas aus und späht in die Ferne. “Nein, sieht aus als ob die da nach was bohren würden”, sagt er als er das Fernglas absetzt. “Schau selber mal”, sagt Hansen und hält mir das Fernglas hin. Unsere Vermutungen werden nur wenige Kilometer weiter bestätigt, als wir uns mitten auf einem Ölfeld befinden. In alle Richtungen, sogar auf den das Tal flankierenden Bergen stehen Ölpumpen. Es wirkt wie riesige Zecken, die langsam und stetig die Erde aussaugen. Immer wieder neigen sie ihren “Kopf” um noch einen Schluck zu nehmen, und noch einen, und noch einen. An den Rändern des Feldes stehen Bohrer und suchen nach weiteren Feldern die man aussaugen kann. Es ist ein irgendwie ekliger Anblick, man sieht förmlich den Drang, die Sucht noch mehr Öl zu befördern. Aber so unangenehm der Anblick ist, muss ich mir gleichzeitig eingestehen, dass fast mein gesamtes Fahrrad ohne Erdöl nicht existieren würde. Sogar meine Kleidung, meine Schuhe, Regenjacke, Fleece, Helm, Sonnenbrille, einfach so ziemlich alles was ich auf dieser Tour bei mir habe ist daraus gewonnen. So unabhängig ich mich eben noch gefühlt habe, so direkt wurde mir eben vor Augen geführt dass ich es so nicht bin! Und wenn ich nicht im Jutesack und auf Bambusrad bis Shanghai radeln will, lässt sich da auch kaum ändern.
Der Tag ist anstrengend. Ständig wechselnder Wind, leichte Steigung und schlechte Strassen machen das Fahren zu Qual. Egal wie ich an meinen Lenker greife, ich finde keine bequeme Position. Ständig schlafen mit die kleinen Finger ein, und die Handgelenke schmerzen von den Schlaglöchern. In solchen Momenten helfen auch keine “warmen” Gedanken. Hansen schwärmt mir von den tollsten Dingen vor die er machen wird wenn er wieder zu Hause ist, aber es hilft nichts, ich hab keinen Bock mehr. Stumm schleppe ich mich hinter ihm her bis wir endlich auf einem kleinen Berg beschließen das Nachtlager aufzuschlagen. Wir hätten unseren Platz nicht besser wählen können, auf der gesamten Tour hatte ich keinen so unglaublichen Blick: Rings um uns herum konnte man fast hundert Kilometer weit schauen, sehen wie die Wüste in die schneebedeckten Berge übergeht, wie sich die Strasse in der Sonne glänzend durch sanft geschwungene Hügelketten schlängelt, wie karge und bizarre in parallelen Ketten angeordnete Felsformationen in der Abendsonne Schatten werfen wie auf einer Relief-Karte. All die Anstrengung ist vergessen. “Das sind die Momente, für die wir die Tour machen”, sagt Hansen andächtig und blickt in die Ferne, wo die Sonne über den Ölfeldern untergeht.
“Jap”, seufze ich und nehme innerlich die Flüche zurück die ich vor einer Stunde noch über dieses Land gesprochen hatte.
In einem eisigen Wind duschen wir uns mit einem halben Kanister Wasser noch bevor wir ein Feuer machen, Essen und dann schlafen gehen. Es ist noch früh, also beschließen wir um 5 Uhr aufzustehen um den Sonnenaufgang von hier aus nicht zu verpassen.
Und es lohnt sich. Als wir am 14. in unserer Mulde auf dem Gipfel sitzen, mit einem heißen Kaffee in der einen und einem Compressed Army Cookie in der anderen Hand und die Sonne über den schroffen Felsen aufgeht weiss ich genau, warum ich 13.000 km durch die Welt strample: Solche Momente kann man nicht ersetzen, und der Sonnenaufgang wäre nur halb so schön gewesen wenn ich mich nicht am Tag vorher noch mit grossen Zweifeln abgekämpft hätte. Motiviert fahren wir von dem Gipfel ab und nehmen eine kleine Cross-Abkürzung zur unter uns laufenden Strasse, es ist fast wie Tiefschneefahren, denn der steile Hang ist mit feinem Sand bedeckt wodurch man eher seitwärts hinunterrutscht als gerade zu fahren.
Wir fahren den ganzen Vormittag über zwei kleinere Pässe und landen zu unserer bitteren Enttäuschung wieder in der Wüste, nur diesmal auf 3.000 m Höhe. Weil mittags die Sonne so gnadenlos brennt, bauen wir am Straßenrand unser Tarp zwischen den Rädern auf und machen eine ausgedehnte Mittagspause.
“Lass und hier Zelten”, ruft Hansen zurück zu mir und zeigt wahllos rechts von sich in die sandige Wüste. Ich muss lachen über seine bewusste Wahllosigkeit. Gerade eben noch hatten wir uns darüber unterhalten, wie gleich hier alles aussieht, und wie angenehm es ist, das man nicht nach einem Zeltplatz suchen muss, weil man sich einfach überall hinknallen kann, es macht keinen Unterschied.
“Da finde ich besser”, antworte ich in gespielten Ernst und deute in die andere Richtung, “da ist mehr Sand”.
Wir entscheiden uns für einen Kompromiss 100 m weiter.
Am 14. stehen wir um 4:30 auf und bekommen den fantastischsten Sternenhimmel zu sehen den ich jemals gesehen habe. “Das haben wir der Höhe und der trockenen Luft zu verdanken”, sagt Hansen während er staunend in den Himmel schaut. Man sieht wirklich unglaublich viele Sterne. “Jetzt weis ich warum China als Flagge den Sichel-Mond und einen Stern darin hat”, sage ich zu Hansen und deute auf den Mond in dessen Halbkreis tatsächlich ein leuchtend heller Stern steht. “Ich will ja nichts sagen, aber das ist die Türkei, nicht China!”, lacht Hansen und klopft mir besserwisserisch auf die Schulter.
“Meinte ich doch”, murmele ich mit einem Räusperer, und nehme eine. Schluck Kaffee.
Wir schaffen es noch vor Sonnenaufgang loszufahren. Die Landschaft verwandelt sich langsam wieder in eine jener Schilf- und Matsch-Landschaften die ich so sehr zu hassen gelernt habe: Nicht extrem genug um Wüste zu sein, aber all ihre Nachteile in Kombination mit Mücken und Bremsen!
Nach knapp 80 Kilometern machen wir Pause unter einer Brücke. Ein breiter, aufgefächerter Schlammfluss bedroht die Strasse und so haben Bauarbeiter die Wassermassen umgeleitet und schütten nun riesige Erdhaufen auf um die Brücke vor dem Wasser zu schützen. Etwas ironisch, finde ich. Wozu hat man denn dann die Brücke gebaut? Haben sie bei der Konstruktion nicht damit gerechnet, dass Wasser darunter hindurch fließen könnte?
“Ich bin fertig”, sagt Hansen, “und du?”
“Auch, tippe noch den letzten Satz”, antworte ich auf mein iPhone starrend. Wir haben die Pause genutzt um Blogpost zu schreiben, und jetzt bin ich fertig.
Kommentare:
Powered by Facebook Comments











