Paul allein in Kasachstan

Posted by on Juni 20, 2012

Es ist der 19.6. Um 14:00, Mittagshitze. Ich liege unter unserem Tarp am Straßenrand, immer wieder reißt der Wind den Schatten von mir, ich fluche. Vor 10 Minuten war alles noch super: Wir wurden kurz hinter Zhangaqorghan von einem kleinen Jungen zum Dorf Brunnen begleitet und anschließend von seiner Familie nach Hause zum essen eingeladen. Wie immer haben wir wenig geredet und das meiste über Zeichnungen und Gesten erklärt. Nach einer Dusche sind wir dann wieder aufgebrochen und ca. 10 km hinter dem Dorf höre ich Hansen auf einmal fluchen: “Scheisse, Scheisse nein!!”
“Was ist denn los?”
“Neiin, Scheisse, ich hab mein Tuch bei der Familie liegen lassen, Scheisse!”
Sofort ist klar, ohne das Tuch zu holen fahren wir nicht weiter, erstens ist es wichtig als Ausrüstungsgegenstand, in der prallen Sonne bekommt man sonst einen Sonnenstich, zweitens ist da natürlich der ideelle Wert des Tuches, es ist Hansens Abenteuertuch, das er von seiner Exfreundin hat.
Wir beschließen, dass es wohl das beste sei, wenn er zurück trampt, beide zu fahren wäre zu aufwendig, alleine fahren zu gefährlich. So beschließen wir zum ersten mal unsere LKW Connection auszunutzen und Hansen steht am Straßenrand und hält den Daumen raus. Und tatsächlich, der erste LKW nimmt ihn mit. Zum ersten Mal auf der Tour bin ich über größere Distanz von Hansen getrennt. War die Entscheidung richtig? Hätten wir nicht beide zurückfahren sollen? Ich mache mit Sorgen. Was mache ich wenn Hansen nicht bald zurückkommt? Ich bin hier mit dem ganzen Gepäck und den Rädern an den Ort gebunden. Ich werde unruhig und berechne mir ein Zeitlimit: “10 km im LKW, also 10 Minuten, dann ins Dorf laufen, nochmal 10 Minuten, bei der Familie alles erklären, Tuch holen und verabschieden, wieder 10 Minuten. Dann noch das Zurücklaufen und trampen, nochmal 30 Minuten. Also insgesamt 1 Stunde und 10 Minuten, also 15:10 sollte er wieder hier sein.
So warte ich hier, die Zeit vergeht und kein Hansen weit und breit. Wie in Trance schaue ich die Strasse runter. Alle 10 Minuten kommt mal ein Auto, immer ohne Hansen. Ich beschließe ihn anzurufen, nur um festzustellen, dass weder er noch ich Guthaben haben. “wie konnten wir so doof sein” denke ich. “Nimm das Handy mit” hatte ich noch gesagt, aber wozu, wenn man es nicht nutzen kann.

Nach langem warten sehe ich ca 3 km die Strasse runter jemanden aussteigen. 20 Minuten später kommt Hansen endlich komplett durchschwitzt aber glücklich wieder an. Er hat das Tuch wieder. Weil keiner der Familie zu Hause war, musste er ohne zu fragen in das Haus gehen um es vom Essenstisch zu holen. Wir packen den Tarp ein und fahren weiter, nur um ca. 20 Minuten später vor der Hitze zu kapitulieren. Wir lassen uns an einer alten Polizeistation, die Türme wie sie in Russland und Kasachstan überall am Rand stehen nieder und essen die geschmolzenen Schokoladenkekse die Hansen gekauft hatte. Ich hasse Schokolade wenn sie zart und cremig ist, am liebsten esse ich sie aus dem Kühlschrank. Heute ist das anders, wir stopfen die Kekse in uns hinein als in es kein Morgen gäbe, unser Gesicht und Hände sind schokoladenverschmiert als wir wieder aufbrechen, unsere Sucht befriedigt.

Vor uns liegt die längste Gerade seit wir auf der Tour sind mit ca. 40 km alles geradeaus. Natürlich haben wir Gegenwind, und die unbeschreibliche, nun auch schwüle Hitze von 42 Grad im Schatten macht uns zu schaffen. Das Wasser in unseren Flaschen ist so heiß, dass man sich beim Trinken beinahe verbrüht. Die Strasse nimmt kein Ende. Wie in einem Weltuntergangszenario ziehen riesige Windhosen über Dörfer und die Strasse und saugen dabei Staub und Plastikflaschen so hoch in die Luft, dass man sie nur noch als kleine Punkte erahnen kann. “Das sind keine Windhosen mehr, das sind Tornados” sagt Hansen. Magischer Weise sind uns die kleinen Wirbelstürme aus nächster Nähe bisher erspart geblieben, aber falls wir in eine hineingeraten würden, wäre zumindest um die leichten Dinge und mindestens um Tomaso, meine wackere Tomate zu fürchten.

Als wir endlich die 40 km geschafft haben landen wir in einem kleinen Paradies kurz vor Turkistan. Wir essen unglaublich günstig zwei Kurdak und Tee zu Abend um uns danach an das wirklich atemberaubend schöne Flussbett zu begeben und zu waschen, schwimmen, entspannen. Es ist wie eine Oase, von weitem nicht sichtbar, weil der Fluss in einem kleinen Canyon versenkt liegt und die grünen Wiesen und Bäume nur zu sehen sind wenn man direkt davor steht und darauf hinabschaut. Das fliessende, türkisfarbene kühle Wasser sammelt sich immer wieder in kleinen Becken in denen man schwimmen kann. Kaum haben wir unseren Schlafplatz ausgesucht werden wir von Ismail zu seinem Familienpicknick gerufen. So viel Gastfreundschaft und Urvertrauen habe ich noch nicht erlebt. Neben seinen Kindern und Frauen dürfen wir uns zu ihm auf seinen Teppich setzen und die üppige Mahlzeit aus Hünchen, Kurdak, Brot, Butter, Tee, und Wassermelone teilen. Obwohl wir gerade erst zu Abend gegessen hatten werden wir nahezu zum Essen gezwungen. Ismail duldet es mit seiner gespielten Ernsthaftigkeit nicht, dass etwas übrig bleibt. So sitzen wir mehrere Stunden mit ihm und seiner Familie da, nur kurz durch sein abendliches Gebet Richtung Mekka unterbrochen bis alles aufgegessen ist. Die Kinder haben es sich mittlerweile in unserem Zelt gemütlich gemacht und müssen zum Abschied mit ernsten Worten aus ihrem neuen zu Hause gerufen werden. Hansen bekommt noch eine Sonnenbrille von Ismail geschenkt, der so aufmerksam war, dass er gesehen hatte, dass Hansens in der Mitte zerbrochen war. Pappsatt schleppen wir uns ins Zelt und sind baff wie herzlich und reichlich wir eben hier empfangen wurden.

In der Nacht wache ich auf. Ich bin schweissgebaded, meine Isomatte trieft. Der am Abend noch kühle Wind hatte sich in der Nacht zu einem heißen Wüstenwind entwickelt. Hansen sitzt auch schon wach neben mir und wir beschließen schwimmen zu gehen um uns etwas abzukühlen. Trotzdem ist auch danach an schlafen nicht zu denken und so liegen wir bis ca. 4 Uhr morgens wach in unserem Zelt und schmoren in unserem eigenen Saft.

Jetzt sitze ich müde vor dem Bazar in Turkistan, es ist der 20.6 um ca. 12:00 Uhr und warte darauf Hansens Einkäufe in den Taschen zu verstauen. Wie immer werde ich von Kasachen gelöchert, jeder stellt die typischen drei Fragen: Akuda? Akudaje? Wo ist deine Frau?

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