Raus aus dem Regenwald

Posted by on Oktober 10, 2012

Als ich am 9.10 aufwache habe ich einen gehörigen Muskelkater. Zerknittert schleppe ich mich unter die Dusche während Hansen noch schläft und genieße nocheinmal das heiße Wasser. Als ich wieder ins Zimmer komme, sitzt Hansen im Bett und schüttelt den Kopf: “Ich halte dieses Musik-Wirrwarr nicht aus”, sagt er verschlafen und deutet auf das Fenster, zu dem die Musik von dem schon früh morgens stattfindenden Straßenfest gemischt mit penetranten Bushupen und einer Chinesischen Tombola hineinschallt. Der Lärm ist wirklich unerträglich, um Punkt 8 Uhr, während ich geduscht habe, sind die komplett übersteuerten Lautsprecher der verschiedenen Strassenrestaurants, Klamottenläden und Kioske in einem gegenseitigen Wettstreit mit der unterschiedlichsten Musik angegangen, so dass man als Passant oder Hotelgast nur noch Lärm wahrnehmen kann.
“Was feiern die eigentlich schon wieder?”, frage ich Hansen grinsend, ” die haben doch gerade erst eine Woche Feiertage gehabt”. Schon am Montag hatten wir uns gewundert, dass fast alle männlichen Chinesen in ihren Garagen und den Restaurants saßen und den ganzen Tag von früh bis spät Karten spielten. Entweder es ist in diesem Teil des Landes so üblich, oder es ist eine bestimmte Woche im Jahr, in der jeder Mann den ganzen Tag zockt.

Als wir das Hotel verlassen ist die Strasse gefüllt mit Menschenmassen die alle ihre Hände Richtung Tombola recken, wo ein Moderator mit Mikrofon eine kleine Packung hochhält, die aussieht wie Tempotaschentücher, aber die Chinesen scheinen wild darauf. Wir bahnen unseren Weg im Rücken der Masse fast unbemerkt zur Hauptstraße und fahren dann los, hier tanzen Chinesinnen als Brasilianische Sambatanzerinnen verkleidet mit missmutigem Gesicht vor einem China Unicom Laden, dort singen Kinder ein Volkslied, die Strassen sind weit entfernt von dem Alltag und Normalzustand den wir nach den Feiertagen erwartet hatten. Wieder ist es schwer ein Restaurant zu finden, in dem gearbeitet wird und so fahren wir knapp 10 km bevor wir endlich ein paar gedämpfte Knochen mit Grieß garniert und eine Nudelsuppe zwischen die Zähne bekommen. Anschließend schlagen wir uns wieder mit China Mobile herum, die ohne Grund Hansens Vertrag umgeschrieben haben, so dass ihn jedes Kilobyte nun endlos viel Geld kostet. Das Ergebnis ist, dass Hansen eine neue SimKarte braucht. “Neue Nummer, neues Glück”, sagt Hansen mit ironischem Unterton als wir den Laden verlassen und wirft seine alte demonstrativ in den Mülleimer davor.

Wir fahren weiter Richtung Wanzhou, die Stadt, deren weiter im Tal liegende Gebäude durch die Flutung des Drei Schluchten Staudamms tief unter der Wasseroberfläche liegen. Weil auch die Zuflüsse aufgestaut sind, ist die von Google vorgeschlagene Route ebenfalls unterhalb der Wasseroberfläche und wir müssen an der Stelle an der die Strasse im Wasser verschwindet umkehren und einen Umweg von knapp 20 km auf uns nehmen.

“Da ist er!”, rufe ich Hansen über die Schulter zu, als wir durch die engen Gassen von Wanzhou hinabgefahren sind und an der neuen Uferstraße stehen, “der größte Fluss der Welt!”
Vor uns erstreckt sich entgegen meiner Erwartung ein Fluss der etwa so breit ist wie der Rhein in Köln, wenn ich es richtig schätze, aber an der Art der Brücken kann man erkennen, wo die Wassermassen ihren Weg finden. Sowohl die riesige Eisenbahnbrücke als auch die Autobahnbrücke überspannen die gesamte Distanz in einem riesigen, pfeilerlosen Bogen, von Steilufer zu Steilufer, vermutlich weil der aufgestaute Yangtze hier zu tief für eine vertikale Konstruktion wäre. Wir fahren eine Weile am Ufer entlang und kreuzen dann den Fluss in einer geschätzten Höhe von 60 m auf der Autobahnbrücke. Leider gibt es wegen der steilen Schluchten entlang des Yangtze keine Strasse, also verabschieden wir uns nach dem kurzen Vergnügen wieder von dem Spektakel und machen uns auf in die Berge, die letzten Gipfel die uns die direkte Sicht auf unser finales Ziel Shanghai versperren.

“Schau dich mal um”, sagt Hansen etwas überrascht, “fällt dir was auf?”
“Die Sonne scheint”, antworte ich ebenso überrascht.
“Genau, und der Wald, Schau mal, Pinien, wir sind raus aus dem Regenwald, raus aus dem Regengebiet, hier ist alles viel trockener.”
Und so ist es, sogar die Reisfelder die noch immer in Terrassen angeordnet die Berghänge einnehmen sind meist ohne Wasser. “Wir haben es geschafft, wir haben die Regenzeit hinter uns!”, freue ich mich. Und das Klima ist wirklich schlagartig trockener und so viel angenehmer.

Motiviert und froh über den lang ersehnten Klimawechsel fahren wir einen knapp 350 m hohen und 15 km langen Pass in etwas mehr als einer Stunde hoch. Weil zusätzlich die Landschaft etwas dünner besiedelt wird, beschließen wir uns für den Abend und Morgen einzudecken und endlich mal wieder im freien, im Zelt zu schlafen. Tatsächlich finden wir in der Dämmerung einen Schlafplatz an einem Fluss, kochen Reis mit Eiern zu Abend, und gehen früh schlafen.

Mitten in der Nacht wache ich auf, Hansen ist schon wach und fragt mich: “Wie geht es dir?”
“Gut”, antworte ich schlaftrunken, “warum, was ist los?”
“Ich habe Darmkrämpfe und mir ist kotzübel”, sagt Hansen genervt, “wahrscheinlich Salmonellen von den Eiern, Scheisse!”
keine fünf Minuten später stürmt Hansen aus dem Zelt und übergibt sich. Die ganze Nacht entleert er sich und am nächsten Morgen liegt er blass im Zelt. “Haben wir noch Wasser”, fragt er zu mir heraus, denn ich bin schon aufgestanden und habe Frühstück gemacht.
“Kaum”, antworte ich als ich ihm die fast leere Flasche reiche, “und an dem Fluss ist leider alles abgestorben was näher als ein Meter am Wasser steht, also das würde ich nicht trinken.”

Wir beschließen, dass es wohl das beste sei, wenn wir uns ein paar Kilometer weiterschleppen und dann in ein Hotel gehen, wo Hansen sich auskurieren kann. Leider kommt ausgerechnet heute für Ewigkeiten keins, so dass wir uns fast den gesamten 1200 m hohen Pass in die Berge hoch quälen.
Auf dem Weg dorthin liegen überall überfahrene, riesige Gottesanbeterinnen auf der Strasse. Nach einiger Zeit fällt uns auf, dass daneben meist sehr lange, sich noch kringelnde schwarze Würmer liegen, pro Gottesanbeterin einer, und jeweils ca. 30 cm lang aber nur einen halben Millimeter bis Millimeter dick. “Das kann kein Zufall sein”, sagt Hansen und sucht im Internet nach der Kombination, und findet heraus, dass die Würmer Parasiten sind, die bis zum Tod des Wirtes im inneren der Insekten leben. Eine ekelhafte Vorstellung, aber irgendwie wird mir anhand der Sache auf einmal klarer denn je, wo wir hier sind, und ich bin erstaunt darüber, wie wir hier her gekommen sind. Solche Momente habe ich in letzter Zeit öfter, Momente in denen ich realisiere, dass nur weil ich mit dem Rad hierhergefahren bin, ich trotzdem nicht irgendwo in Europa, sondern weit weg von zu Hause bin, weiter als mir oft bewusst ist.

Mit ausreichend Abstand fahren wir zwischen den sich im Sonnenlicht auf der trockenen Strasse windenden Würmern hindurch, bis wir in dem scheinbar aus dem Boden gestampften Giga-Bauprojekt “Economic Leisure City” ein Hotel finden. Wir checken ein und stellen keine 5 Minuten später fest, dass weder Toilette noch Dusche funktionieren. Als auch der Hotelbesitzer aufgibt das Wasser zum laufen zu bringen, fragen wir nach einem Rabatt, da ja schliesslich das gesamte Bad unbenutzbar sei. Als er nichtmal 10 Yuan dafür von seinem Preis abweichen will machen wir, womit er anscheinend als letztes gerechnet hat, wir gehen einfach. Er versucht noch einzulenken, aber für uns ist das Hotel gestorben und wir fahren in der Dämmerung durch die Stadt Moudaozhen und starten einen zweiten Versuch in einem direkt um die Ecke gelegenen Hotel. Wir werden freundlich empfangen, und das Schild “Room-Rates” zeigt den durchaus akzeptablen Preis von 66 Yuan für ein Doppelzimmer. Weil das Hotel keine Registrierung von Ausländern durchführen kann, müssen wir noch in die lokale Polizeistation um dort unsere Ausweise vorzuzeigen. Ein Mitarbeiter erklärt sich freundlicher weise bereit dazu mich schnell dorthin zu fahren. Als ich neben ihn ins Auto steige deutet er auf ein parkendes Polizeiauto, und wartet. Erst bin ich unsicher was er mir damit sagen will, aber dann wird alles klar: Der Oberbulle im Dorf saß mit den anderen grölenden Chinesen im Restaurant des Hotels und war am trinken und zocken, wir wiederum mussten warten, bis er in sein Auto stieg und vor uns her zur Polizeiwache fährt um dort die Registrierung zu machen. Als wir auf dem Revier eintreffen, sind die dort anwesenden Polizisten wieder so freundlich wie ich sie fast aus ausnahmslos in China erlebt habe. Sie bieten mir einen Sitzplatz an, bringen mir Tee und kümmern sich um alles. Ich habe währenddessen die Gelegenheit die komplette Stadt über CCTV mit Nachtsichtkameras zu beobachten, denn ich sitze auf einer Couch deren gegenüberliegende Wand mit ca. 20 Fernsehern bedeckt ist auf die jeweils eine Kamera in der Stadt geschaltet ist: In schwarz-weiss sehe ich die typische Chinesische Tanzgruppe wie sie ihren abendlichen Fitnesstanz im Park machen, ein paar Jugendliche beim Basketball spielen, die leere Marktstrasse wo ein Mann fegt, die Bushaltestelle an der sich ein Pärchen umarmt und verabschiedet, und vieles mehr, und mir wird übel bei dem Gedanken, dass es hier keine Geheimnisse gibt, alles wird gesehen und aufgezeichnet. In der Mitte der Mattscheibenwand ist ein viermal so großer Flachbildschirm installiert, der wohl dazu dienen soll, die einzelnen kleineren Bilder der Kameras zur genaueren Betrachtung vergrößert darstellen zu können. Aber er wird vollkommen zweckentfremdet verwendet um eine Chinesische Soap zu schauen, die alle so sehr in den Bann zieht, dass keiner auf die übrigen 20 Fernseher achtet. Die Überwachung funktioniert wohl in der Theorie ganz gut, aber in der Praxis scheint die Reality Soap dem Reality CCTV den Rang abzulaufen.

Als nach ca. 20 Minuten alles geklärt ist fahren wir zurück zum Hotel, wo Hansen schon die Räder entpackt hat und darauf wartet dass wir etwas essen können. Wir suchen uns ein günstiges Restaurant und Hansen isst trockenen Reis und Kartoffeln und ich bekomme seine fettigen Fleischstückchen. Das Essen kochen wir am Tisch selber in einem auf einem kleinen Feuer stehenden Wok. Man bekommt lediglich die Zutaten und lässt dann alles darin kochen, ähnlich wie ein Fondue.

Als wir zurück ins Hotel kommen sage ich noch zu Hansen: “Ich gehe schnell bezahlen, dann haben wir das erledigt”.
Als ich der Rezeption stehe, traue ich meinen Augen nicht, und irgendwie muss ich schmunzeln über die trickreiche Findigkeit der Chinesen etwas mehr zu verdienen, auch wenn der Trick eigentlich eiskalter betrug ist: Die vorher noch als 66 Yuan ausgeschriebene Zimmerpreis auf der Room-Rates Tafel, sieht etwas seltsam aus, denn die erste 6 der 66 steht auf dem Kopf, so dass es auf einmal 96 Yuan kostet. Irgendjemand hat das kleine Holztäfelchen einfach auf den Kopf gedreht. Verräterisch hängt auf der Unterseite der “9″ noch der Staub, der bei allen anderen Zahlenelementen von oben daran klebt. Vor mir steht breit grinsend der Mitarbeiter der mich zur Polizei gefahren hat. Es ist deutlich dass er meine Überraschung erkennt und es ist ihm offensichtlich peinlich, was mir wiederum leid tut. Als ich mich gerade beschweren will, reiße ich mich zusammen und “bedanke” mich bei ihm für die “Taxifahrt” zur Polizei mit Diskretion und ein paar Yuan extra und behalte das Geheimnis für mich, auch wenn es mir sehr schwer fiel. Anstelle der 96 Yuan lege ich ihm 80 auf den Tisch und er nickt einwilligend.

Jetzt liege ich wieder in meinem Zimmer, an dessen Wand das angehängte Plakat hängt. Grundsätzlich sicher eine Super Sache, erst recht bei dem wirklich genialen Old-School-Design, ein original aus den 80ern?” Nichts desto trotz lässt das Plakat vorallem als einziges Bild im ganzen Zimmer irgendwie ein zweifelhaftes Hotelimage entstehen. Hoffentlich waren die 66 bzw. 96 Yuan nicht nur der Stundenpreis!
Gute Nacht!

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