Wir sind raus. Raus aus den Bergen, raus aus der Wüste, raus aus der Steppe. Wir fahren zurück in die Zivilisation. Irgendwie hat es den Anschein, dass wir doch im Kreis fahren. Obwohl wir fast 12.000 km von unserem Start entfernt sind, wird es hier im Osten langsam wieder westlicher. Wahrscheinlich bei weitem nicht so sehr, wie es sich anfühlt, aber die so geliebte Einsamkeit abseits der Zivilisation, die endlose Weite der Berge, der Wüste, alles das hat sich schlagartig verabschiedet. China östlich von Chengdu ist ein einziges riesiges Dorf. Es gibt keine Wilde Natur mehr, sondern ein Reisfeld neben dem anderen, und die einzigen trockenen Stellen sind mit Häusern gepflastert. Zwei Tage hintereinander mussten wir in einem Hotel absteigen, die hier zwar spottbillig (50ct bis 5€) sind, aber ich vermisse das Zelten. Es ist anstrengend nach einem langen Radtag den Hotelbesitzern mühselig zu erklären, dass man ein Zimmer für zwei Personen braucht, zu fragen was es kostet, und immer wieder zu verdeutlichen, dass man weder Chinesisch lesen, noch schreiben kann. Unsere mit wenigen Worten erzählte Kurzversion unserer Tour muss unglaublich langweilig und genervt klingen, dabei ist es das Erlebnis meines Lebens. So entspannt war es sich abends ins Zelt zu legen und Ruhe zu haben, aber hier ist jede freie Stelle bepflanzt, ein Abhang oder mit Urwald überwuchert: Unmöglich ein Zelt aufzuschlagen.
Mir war nicht bewusst, dass wir nach Chengdu den härtesten Schnitt in unserer Tour vor uns haben, dass das Outdoorleben vorbei ist, und wir gezwungen werden schon vor Ankunft in Shanghai in die Zivilisation zurückzukehren. Es lohnt sich nicht mehr zu kochen, ein Essen kostet 50 ct, dafür kann ich nichtmal einkaufen!
Entsprechend der frühzeitigen Rückkehr ist die Laune. Wir sind gereitzt, alles nervt. Die Strassen sind schlecht weil man mit dem Auto die Autobahn nutzt die wir nicht nutzen dürfen und die alten Strassen zerfallen. Außerdem ist die so gefahrene Strecke ganze 300 km weiter, was auf die übrige Distanz verteilt nicht viel ist, aber trotzdem nervt. Wir sind relativ gesehen so kurz vor dem Ziel, ich kann Shanghai in jeder großen Stadt förmlich riechen, aber es scheint als wollen die Kilometer nicht vorbeigehen. Ich kenne diesen Effekt von anderen Touren, die letzten Kilometer sind die längsten, aber dass es diesmal so früh anfängt macht es schwer, richtig schwer durchzuhalten. Alle Highlights sind vorüber, das letzte ist nur aus definiertem Selbstzweck eines: Das Ziel.
Wir stehen jeden Tag früh auf um so schnell wie möglich so viel wie möglich Kilometer zu schaffen. Die Landschaft hier wäre schön, wenn es nicht so vermüllt wäre. Sanfte Hügel mit Bambuswäldern überwuchert, die Strasse schlängelt sich vorbei an Strohhütten, in den Reisfeldern grasen riesige Wasserbüffel und ab und an taucht man in undurchdringlichen Dschungel ein, in dem auch bei dem hier seltenen Sonnenschein das Wasser von dem Bäumen trieft.
Vielleicht hört sich das alles schlimmer an als es ist, vielleicht ist es auch schlimmer als es sich anhört. Irgendwie bin ich trotzdem entspannt, wenn ich mir vor Augen führe, dass ich bald am Ziel sein werde. Vielleicht wird es weiter östlich ja nochmal etwas “wilder”, oder wir entdecken neue Vorzüge die uns bei der Stange halten. So wird es sein.
Was auf jeden fall intensiver wird, sind meine Träume, besonders ein Traum der immer wieder kehrt. Es ist ein irgendwie seltsamer Traum, in dem ich meine Ängste bezüglich der Tour zu verarbeiten versuche. Immer in diesem Traum bin ich zurück in Berlin, die Tour liegt hinter mir, aber ich bin unzufrieden. “Das soll’s gewesen sein?”, frage ich mich und ein sehr unbefriedigendes Gefühl macht sich breit. Ein Gefühl, nicht das beste daraus gemacht zu haben, etwas verpasst zu haben, das noch irgendwas fehlt. Je unerträglicher das Gefühl wird, desto mehr realisiere ich, dass ich nur für einen Abstecher in Berlin bin, und ja noch weiterfahren muss, noch garnicht in Shanghai war. “Ich muss jetzt zurück, nach Shanghai reinfahren”, habe ich schon öfter gesagt, als ob das Ziel an sich die Erfüllung aller Erwartungen von der Tour mit sich bringen würde. Es ist ein befriedigendes Gefühl im Traum zu wissen, dass es noch nicht vorbei ist. Aber je öfter ich Träume, desto verzwickter wird es. Manchmal Träume ich dass ich ja nur Träume, mich aber trotzdem in Berlin befinde. Je näher ich an Shanghai komme, bzw. je öfter ich den Traum habe, desto schwieriger wird es, im Traum die Kurve zu kriegen und zu erkennen, dass ich noch garnicht in Shanghai war, sondern noch viel Zeit habe.
Der Traum ist anstrengend, und ich weiß nicht genau, warum ich diese Sorge habe, wo doch die Tour bisher für mich ein riesiger Erfolg war, und sie selbst wenn sie jetzt beendet wäre, schon mehr als genug Erlebnisse mit sich gebracht hat.
Vielleicht ist es das schleichende Ende, dass wir hier erleben, statt dem naiver weise erwarteten bombastischen Finale in Shanghai, vielleicht einfach nur der Wunsch endlich da zu sein oder das Gegenteil, der Wunsch die Tour würde nie enden? Ich weiß es nicht, aber ich werde es herausfinden, und mein Gefühl sagt mir, wenn ich in Shanghai bin.
Zu den Fakten der letzten Tage. Es gibt wenig zu berichten. Jetzt gerade sitze ich in einem Resturant und habe gefrühstückt, hinter mir sitzen zwei Chinesen die wie alle hier laut schlürfend und schmatzend eine Suppe mit Stäbchen (!) essen, immer wieder räuspern sie sich, rotzen lauthals im Restaurant auf den Boden, rülpsen zufrieden und schreien sich an, denn China ist entgegen aller Erwartungen eine Schreikultur! Je lauter man redet, desto richtiger ist was man sagt. Es gibt kaum Gespräche, in denen nicht einer immer wieder so laut wird, dass man sein eigenes Wort kaum versteht. Aber sie streiten nicht, es ist eine normale Unterhaltung. “Wuo Bu Dong” sagt Hansen gerade ruhig und hilflos einem Chinesen, der ihn lauthals anspricht. Dieser schreit daraufhin irgendetwas mit unerträglicher, quäkender Stimme in Hansens Ohr als wäre die Akustik das Problem, und nicht das Verständnis.
Ich sitze mit Blick auf die Strasse in dem garagenartigen Restaurant. An meinem Fahrrad vorbei welches nun seit gut einer Stunde von neugierigen Leuten begutachtet wird welche wild über verschiedene Austrüstungsgegenstände spekulieren, sehe ich ein Metzger, der ein Schwein schlachtet. Auf seinem mit einem Sonnenschirm überspannten, hölzernen Schlachttisch hackt er mit gezielten Schlägen mit einem Beil die Gliedmaßen ab und verteilt Stücke an die Leute die darum herum stehen und warten. Über der Metzgerei hängt ein ausgebleichtes Plakat, auf dem Fische, Schweine, Kühe, Hühner und Enten zu sehen sind, alle schlecht freigestellt auf eine Wiese gesetzt. Die Stromleitungen darüber hängen tief durch und aus dem Kabel-Chaos geht eines runter zu der Säge, mit der der Metzger jetzt den Schädel zersägt.
Heute morgen sind wir aus dem ekeligsten Hotel “geflohen”.
Feuchte Matratzen, schimmelige Wände, eine 0,5 qmToilette deren Wände nicht nur mit Scheisse bespritzt sondern scheinbar damit verputzt war. Zwar war es spottbillig, aber trotzdem seinen Preis nicht wert.
Ich habe schlechte Laune, das hört man sicher raus, aber ich bleibe optimistisch. Bald haben wir es geschafft, auch wenn die letzte Etappe auf gewisse Art eine der härtesten sein wird. Keiner der 5000 m Pässe hat mir soviel Überwindung abverlangt wie die kommende Strecke. wer hätte das gedacht.
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