“Hmm, etwas nussig, vielleicht wie eine Garnele?” schmatzt Hansen. “Knusprig, und innen saftig! Die Beine sind ziemlich hart, musst’e gut kauen, sind sonst wie Gräten” fährt er fort. Er hat sich erbarmt unser selbst gefangenes Abendessen zuerst zu probieren. Den ganzen Tag hatten wir versucht Fische zu fangen mit Heuschrecken, ohne Erfolg. Als wir schließlich aufgaben, aber unser Jagdbedürfnis nicht befriedigt war, haben wir beschlossen, dass der Köder dem Angler auch schmecken könnte. Also haben wir ca. 120 Heuschrecken gefangen, zuerst in kochendem Wasser getötet und dann frittiert in Olivenöl, Knoblauch und Salz. Das Ergebnis war überraschend gut. Nachdem die ersten noch viel Überwindung gekostet haben, wanderten die Heuschrecken irgendwann in handvollen Portionen in unseren Mund. Nach ca. 60 Heuschrecken pro Person waren wir beide papp satt. Es war ein echt tolles Gefühl sich überwunden zu haben, und wirklich erstaunlich wie lecker und bekömmlich die Viecher waren. Wir haben beschlossen die Mahlzeit bei Gelegenheit zu wiederholen, ich kann es nur jedem empfehlen!
Am nächsten Morgen haben wir unsere kleine Oase verlassen. An der schattigen Stelle am Fluss hatte man ganz vergessen, dass man umgeben von fast wüstenähnlicher, trockener Steppe war. Umso überraschender war es als wir uns dann aus der Senke strampelten und uns im endlosen Land von trockenen Wiesen und sanft geschwungenen Hügeln wiederfanden. “On the Road again” singt Hansen und erinnert mich damit zum x-ten mal an einen seiner Lieblingsfilme: Easy Rider.
Die Fahrt fällt leicht, wir sind gut erholt und motiviert. Ohne dass wir es merken brauen sich um uns herum Gleich 3 Gewitter zusammen, die wie in einem schlechten Film natürlich alle drei auf uns zu ziehen. Der Wind kommt aus allem Richtungen, die nächste Stadt ist viel zu weit und außerdem versperrt uns die frontale Gewitterwalze den Weg. Der Anblick ist ebenso unbeschreiblich schön wie furchterregend. Als das letzte Stückchen Himmel über uns den dunkelschwarzen Walzen weicht und die Blitze ringsum niedergehen ziehen wir uns in alter Manier in ein 80cm hohes Abwasserrohr unter der Strasse zurück. Kaum haben wir uns verkrochen, geht der Platzregen und Hagel mit tischtennisballgrossen Körnern los. Wieder hocken wir wie Gollum in der Röhre, nur wird diesmal unsere Befürchtung war: Das Abwasserrohr füllt sich natürlich mit Abwasser von der Strasse, aber besser nasse Füße als Beulen und vom Blitz gegrillt.
“Überleg mal, Paul. Irgendwann werden wir auf diese Tour zurückblicken und uns erinnern. Dann ist das alles hier vorbei.” Ich nicke stumm. “Vielleicht sind wir dann schon auf der nächsten, oder haben Kinder und Familie, umsegeln die Welt oder sind zwei alte Männer die auf ihr Leben zurückblicken.”
“… und nichts bereuen”, füge ich hinzu und stochere mit meinem Schürstock im Feuer. Die Glut wärmt mein Gesicht. Ich stelle mir vor wie ich mit Hansen Im Schaukelstuhl auf einer Veranda sitze, immernoch der gleiche Humor, aber 50 Jahre älter. Dann überkommt mich ein Gedanke den ich schon so oft hatte: “Einer von uns beiden wird zuerst sterben” sage ich.
“Ja, einer von uns wird den anderen sterben sehen!”
Stille. Wie immer versuche ich der emotionalen und ernsten Stimmung mit Humor auszuweichen: “Es sei denn wir machen ausnahmsweise mal das, was man von Zwillingen erwartet, und sterben wenn wir alt sind einfach gleichzeitig”
Mein Witz kommt nicht an: “Ja”, sagt Hansen abwesend ohne zu verstehen, wir schweigen wieder ins Feuer. Sein Kopf liegt auf meinem Knie, so sitzen wir eine Zeit bevor wir wortlos alles einpacken um schlafen zu gehen.
Jetzt liege ich im Zelt, ca. 20 km hinter Kromatau. Ich habe mit Hansen über vieles geredet in den letzten Tagen, über unsere Streits, unser Vertrauen, unser Selbstverständnis unsere Freundschaft. Es gibt viel zum Nachdenken, und wir haben die Zeit dazu. Wir sind auf dem besten Weg, dem Weg nach Shanghai!
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