Dass ich nun doch wieder schreibe bevor wir am Ziel sind hat leider nichts mit ungebremstem Schreibdrang zu tun, sondern mit einer nicht enden wollenden Reihe von Komplikationen, die mir ungewollt Zeit einräumt die ich nicht sinnvoller nutzen kann. Es ist Zeit, die ich in Shanghai nicht haben werde und so versuche ich nun wenigstens das Schreiben meines Blogposts in Shanghai im Voraus auf ein Minimum zu reduzieren.
Es scheint beinahe so, als wolle uns irgendetwas davon abhalten in Shanghai einzulaufen, und dieses etwas schreckt vor nichts zurück. Und so sieht es momentan so aus, als ob wir erst am 28. endlich an unserem Ziel sein können, 3 Tage später als geplant. Aber es würde mich nicht wundern wenn noch etwas dazwischen kommt. Unser eigentlich wohl verdienter Kurz-Urlaub in Shanghai wird in den letzten Tagen radikal Tag für Tag verlegt auf irgendwelche unattraktiven kleinen Vororte in denen wir ständig aus den unterschiedlichsten Gründen festhängen. Wenn es so weitergeht sehe ich uns am Abend vor unserem Abflug in Shanghai ankommen bzw. am Flughafen Shanghai. Wenn ich es nicht selber erleben müsste würde ich sagen, einen besseren Spannungsbogen kann man kaum erdenken, dem Scheitern so kurz vor dem Ziel so nahe zu sein, aber leider hat unsere Situation nichts mit Story-Telling zu tun und ich würde ein langweiliges, unspektakuläres Ende bevorzugen. Aber jetzt erzähle ich mal alles der Reihe nach:
Am 19.10 gehen wir nach unserem frühen Start in einem kleinen Restaurant etwas essen. Es gibt eine Art Algen-Fischsuppe zum Frühstück, und auch wenn ich Fisch mag, kann ich mir besseres am Morgen vorstellen als das. Mit etwas Überwindung würgen wir sie runter, ganz nach dem Motto: “Wird schon gesund sein”. Als wir uns gerade auf den Sattel schwingen wollen, kommt ein alter Mann auf einem Rennrad auf uns zu und klingelt aufdringlich. Er bremst uns aus und begutachtet wie schon Tausende seiner Landesgenossen unsere Räder. Als er fertig ist mit seiner Inspektion, kommt er zu dem verblüffenden Ergebnis, mein Rad wäre in etwa gleichviel wert wie das seine, und wir sollen doch tauschen. Ziemlich empört über den dreisten Versuch tue ich zunächst so, als ob ich einverstanden wäre, hauptsächlich um zu sehen was als nächstes passiert. An seiner Überraschung kann man sehen, dass er selber das Angebot für absolut ungleich gehalten hatte, was mich irgendwie ziemlich nervt. “Für wie blöd hält der mich eigentlich”, sage ich zu Hansen und gebe dem Mann gleichzeitig zu verstehen, dass ich es mir gerade anders überlegt habe, ich wolle doch nicht tauschen, und fahre los. Hansen folgt mir, ebenfalls ungläubig über das freche Angebot.
So motiviert und voller Elan wie wir am Morgen aufgebrochen waren, so deprimiert und enttäuscht sitzen wir nur 50 km weiter am Straßenrand. Nach unseren Tretlagern haben nun auch die Pedallager ihren Geist aufgegeben, und während meine noch drohend vor sich hin quietschen und knacken, ist Hansens Pedale so blockiert, dass sie sich vom Pedalarm abgeschraubt hat. Mit roher Gewalt schaffen wir es die blockierenden Kugeln im Lager zu lösen und können auf diese Weise ohne Kugellager weiterfahren, aber Es wird nicht lange dauern bis sie den Geist ganz aufgeben und wir trampen müssen. Wir fluchen über unsere Sparsamkeit bei der Auswahl der Kugellager und beschliessen erneut auf der nächsten Tour nur die besten Lager zu verwenden und der Empfehlung unseres Radsponsors ToutTerrain nachzukommen!
Wir schaffen es noch ganze 80 km weiter, allerdings ohne irgendwo Ersatz für unsere Pedalen zu finden, die wirklich erstaunlich synchron nach ziemlich genau 12.000km ihren Geist aufgeben. Weil auch das Wetter schlechter zu werden droht, suchen wir uns einen Schlafplatz unter einer Autobahnbrücke, den wir uns mehr oder weniger in direkter Nachbarschaft (ein Pfeiler weiter) mit einem Obdachlosen teilen. Der Mann tut mir unendlich leid wie er fern jeder Wahrnehmung sein Leben im Dreck fristet, aber er hat auch irgendwie etwas bedrohliches durch seine absolute Reaktionslosigkeit, Abschottung von der Außenwelt und Verlust der Realität. Er scheint uns garnicht zu bemerken, und bleibt in seinem aus Müll und Klamotten gebauten Nest und grummelt ab und an vor sich hin. Auch als wir ihm etwas zu Essen anbieten bleibt er apathisch, beinahe als ob er blind und taub wäre.
Wir bauen unser Zelt auf einem Strohlager auf, essen etwas Brot zu Abend und gehen dann schlafen.
Am 20.10 stehen wir noch im Dunkeln auf, und kommen tatsächlich um 7:00 los. Wir fahren durch endlose Alleen, vorbei an riesigen Baumwolle-Feldern die hier komplett von Hand geerntet werden. Arme Bauern laufen an der Strasse entlang und heben die kleinen Fetzen Baumwolle auf, die von den überladenen LKW rieseln. Es ist herbstliches Wetter aber die Luft ist diesig und hängt schwer über dem Land. Wir beide tragen unseren Mundschutz, weil Sport und Anstrengung in den letzten Tagen abends zu Lungenschmerzen geführt haben. Das Land ist in einem Dauer-Smok und je weiter wir nach Shanghai und die kleinen “Vorstädte” wie die Millionenstadt Wuhan kommen um so schlimmer wird es. Auch der Verkehr nimmt zu und wird wie uns schon angekündigt, katastrophal. Wuhan ist in China bekannt für die verrücktesten Fahrer, und so häufen sich die Unfälle je weiter wir in Richtung der Stadt Vordringen. Hier liegt ein umgekippter LKW, dort liegt du Polizeiauto im Graben. Hier ist nochmal extra Vorsicht angesagt.
Nach einigem Gesuche finden wir endlich eine Radladen der Pedale verkauft und passende für uns hat. Leider handelt es sich mehr um einen Laden der Räder verkauft als um einem der Ahnung davon hat. Nachdem unsere Tret-Innenlager den Geist aufgegeben hatten, haben sich nun zeitgleich beide Pedallager ihren großen Brüdern angeschlossen und sind in die ewigen Jagdgründe gequietscht. Um 7 sind wir heute losgefahren, um 12 hatten wir 100 km, um 13:00 waren wir in Wuhan, und jetzt sitzen wir seit Stunden hier, und alles läuft schief. Der denkbar einfache Wechsel eines Pedals ist schief gegangen und hat evtl. zur Folge, dass ich mein komplettes vordere Antriebssystem wechseln muss. Sie hatte geklemmt beim abdrehen und der Oberfummler des Radladens hatte versucht sie mit einem billigen Blechschraubenschlüssel mit so viel Gewalt abzuschrauben, dass sowohl das Profil der Schraube als auch der Schlüssel so ausgeschlagen und abgerundet sind, dass man sie selbst mit einem Schraubstock nichtmehr aufbekommt. Er hatte versucht die Pedale, während er sich darauf gestellt hatte um sie zu fixieren, abzudrehen, wodurch sich das Gewinde wegen der seitlichen Belastung unlösbar festgefressen hat.
Teils ist es unser Fehler, teils der des Radladens, der, so muss man es sagen, aus einem Haufen technischer Nullen besteht, die mit viel Kraft und wenig Köpfchen handeln. Meine linke Pedale ist jetzt auf dem Weg irgendwo durch Wuhan, wo sie in einer “Fabrik” weiter bearbeitet werden soll. Was dort gemacht wird weiß ich nicht, ich rechne mit dem schlimmsten. Erschwerend zu der technischen Linkshändigkeit des Radlandens kommt ihr Stolz das Problem selber zu lösen. Ab dem Moment ab dem wir ihnen die Pedale gaben, gab es keine Möglichkeit selbst die Kontrolle über weitere Maßnahmen zurück zu erlangen. Diese Art von Hilfsbereitschaft ist zum Kotzen, auch wenn es sicher nur lieb gemeint ist.
In einer halben Stunde, so wurde mir gesagt, wäre der Typ mit meiner Pedale zurück. Zwei Stunden später noch immer keine Spur von ihm. Als ich erneut frage, wo er steckt: “a few minutes”
Endlich kommt er zurück, aber meine Pedale ist immernoch am Pedalarm fest und was ich sehe lässt mich beinahe explodieren. Zuerst wurde meine Pedale abgesägt, so dass es keine Möglichkeit mehr gibt damit im Notfall weiterzufahren, jetzt wurde von der Innenseite das Gewinde angebohrt, und neben dem Pedalgewinde ein großes Loch in meinen Pedalarm gebohrt. Ich habe das Gefühl, dass völlig planlos und ohne Rücksicht auf Verluste mit allen Mitteln versucht wird die Pedale zu entfernen, ohne dabei zu bedenken, dass ich den Pedalarm noch brauche. Als sie nun mit einer Feile von innen die aufgebohrte Pedalschraube herausfeilen wollen, wodurch sie mit Sicherheit das Gewinde komplett vermurksen würden, kann Hansen sich nichtmehr zurückhalten und macht, was er oder ich vor Stunden hätte machen sollen: Er entreißt den mittlerweile 6 gleichzeitig an der Pedale “bastelnden” Tüftlern die Pedale und nimmt die Sache selber in die Hand. Die Leute sind entsetzt über seine Art und was er vorhat. Imme wieder versuchen sie ihm die Pedale abzunehmen, aber er bleibt hart! Hansen sägt mit gekonnten Bewegungen in nur zwei Minuten ein neues Profil auf die Pedalschraube, und spannt sie dann in den Schraubstock. Eine kräftige Umdrehung, und die Pedale ist gelockert. Jetzt passiert was ich einfach nicht fassen kann: Jeder der 6 Bastler versucht Hansen die Pedale abzunehmen und die letzten, leichten Umdrehungen selber zu machen. “Finger weg” ruft Hansen und vertreibt die Fummler, “ich mach das!” und langsam dreht er die letzten Runden aus dem angebohrten und vermurksten Gewinde: “Wenn wir die jetzt schief abdrehen, kriegen wie die neue nie mehr dran!” sagt er aufgeregt und völlig entnervt.
Als die Pedale endlich ab ist, und Hansen das Gewinde begutachtet hat, versuchen wir die neue hineinzudrehen. Mit etwas widerstand geht es letztendlich relativ leicht, abgesehen von den erneuten Versuchen der “Helfer” uns die Arbeit abzunehmen. Aber sie haben keine Chance mehr, wir haben die Kontrolle wieder und geben sie nicht mehr ab!!
Um halb sechs, ganze 5 Stunden später sind wir fertig. Aus welchem Grund auch immer, ob als Entschuldigung oder einfach nur nette Geste, bringen uns die Ladenbesitzer eine Portion Nudeln, und wieder habe ich beinahe ein schlechtes Gewissen sie so weggeschoben zu haben. Eines muss man ihnen auf jeden Fall zu gute halten: Sie haben nicht aufgegeben und uns nicht hängen lassen, wo viele deutsche Radläden längst die Flinte ins Korn geschmissen hätten.
Wir fahren weiter durch Wuhan, und versuchen noch etwas von der verlorenen Zeit aufzuholen. Die Stadt ist das reintste Verkehrschaos. Ampeln sind ausschließlich als Dekoration und nicht als Verkehrssignale zu sehen, und so ist jede Kreuzung immer verstopft. Wir quetschen uns im mittlerweile Dunkeln an Autos und Bussen vorbei. Die Fahrt ist nicht körperlich, aber geistig dermaßen Anstrengend, dass wir nur wenige Kilometer außerhalb der Stadt in dem Giga-Bauprojekt “Phoenix City” auf einem kleinen Parkrasen unser Zelt aufstellen und für heute die Segel streichen. Als wir gerade unser Zelt aufbauen wollen, stellt Hansen fest, dass wir kein Wasser mehr haben. Völlig entnervt packen wir wieder zusammen, und machen uns in der Bau-Wüste auf die Suche nach Wasser. Wir finden einen am Straßenrand zusammengekauerten Mann, und fragen ihn nach Wasser. Mit verheulten Augen deutet er teilnahmslos auf die Baucontainer hinter ihm. Als ich hineingehe finde ich heraus warum der Mann wahrscheinlich Boden zerstört war. In den Baucontainern wird gezockt, und auf den Tischen liegt viel, sehr viel Geld. Ich vermute er hat einiges verloren. Etwas schüchtern frage ich die Zocker nach Wasser und werde Stumm und ohne eines Blickes gewürdigt zu werden an den Wasserhahn verwiesen.
Wieder suchen wir uns ein kleines Rasenstück und essen zu Abend. Hansen fühlt sich etwas schlapp: “Hoffentlich werd ich jetzt nicht krank”, sagt er, “das würde mir das Ziel versalzten”
Am 22.10 brechen wir früh auf. Um die verlorene Zeit aufzuholen beschließen wir radikal auszumisten. Alles unnötige legen wir an den Straßenrand für andere zum Mitnehmen. Unter anderem unser Fernglas, die Kettenpeitsche, Ersatzteile, Klamotten, Gaskartuschen und vieles mehr.
Der Tag fängt gut an, nur Hansen hat ein leichtes Kratzen im Hals, was wir aber auf die schlechte Luft zurückführen.
Als wir mittags in Ezhou ankommen und über die gigantische Brücke über den Yangtze fahren um einem Gewitter zu entfliehen, hält Hansen auf einmal an, dreht um, und als er mich wieder einholt sagt er in beiläufigem Ton: “Ich hab eben ein iPhone gefunden”
“Waas?” frage ich ungläubig, und denke als erstes an den perfekten Ersatz für mein mittlerweile auseinanderfallendes Telefon, besinne mich dann aber und Sage zeitgleich mit Hansen: “Wir müssen versuchen den Besitzer zu finden”
Daran denkt man natürlich nicht sofort wenn man ein Telefon aufhebt, aber wenn man es nicht behalten will, hat man die Verantwortung dafür, dass es zum Besitzer zurückkommt. “Oh mann”, seufze ich als Hansen versucht die letzten Nummern anzurufen und jemanden zu finden der englisch spricht, “was haben wir uns da wieder aufgehalst.” Eine knappe Stunde vergeht bis wir endlich die Tochter der rechtmäßigen Besitzerin erwischen die fließend englisch spricht.
“I’ll be at the gas station in 7 minutes”, sagt sie zu Hansen. Etwas Verdutzt über die für Chinesen sehr untypische Zeitangabe warten wir an der Tankstelle und tatsächlich. Genau 7 Minuten später hält mit quietschenden Reifen eine Schwarze Limousine vor uns, alle Türen gehen auf und als letzte steigt die Tochter der Besitzerin aus. Die anderen drei stehen nur da und schauen, sie sehen aus wie Securities. Die Tochter nimmt das Telefon entgegen, fragt kurz ob wir hier studieren und steigt dann wieder ins Auto, gefolgt von ihren drei Bewachern. Das Auto fährt an, hält erneut, die getönte Scheibe senkt sich und zwei Wasserflaschen werden herausgereicht.
“Hää? Was war das denn”, sagt Hansen verdutzt über die seltsame Übergabe, “die dachten wohl wir wollen die erpressen oder so?”
“Ja, echt seltsam, die haben sich garnicht richtig dafür bedankt”
Wir fahren weiter, und Hansen geht es immer schlechter. Immer wieder machen wir Pausen. Nebenbei stellen wir das Straßenschild “Sebastian Bluhm Strasse” für einen Pling-Spender auf und benennen einen Baum für unsere Schwester. Weil Hansen sich zu schlapp fühlt gehen wir ziemlich frühzeitig in Qichun in ein Hotel. Das Personal stellt sich unglaublich doof, als wir versuchen ihnen zu erklären, dass unsere Fahrräder nicht auf der Strasse geparkt werden können. Als wir gerade beschließen wieder zu gehen, stimmen sie auf einmal doch unserm ersten Plan zu, sie einfach ins Zimmer zu stellen. Das Zimmer ist für den Preis wirklich Nobel, und so versuchen wir den hellen Teppich nicht mit unseren vor getrocknetem Schlamm strotzenden Rädern zu beflecken, aber es ist hoffnungslos. Schon nach kurzer Zeit sind überall Dreckflecken.
Wir tingeln noch etwas durch die Stadt, vorbei an einer hier so beliebten Marketing-Tombula wo sich wieder Hunderte Chinesen für irgendein Produkt die Füße in den Bauch stehen, essen ein paar Spieße an einem Grill, der mich sehr an Kashgar erinnert, und gehen dann in ein kleines Restaurant essen. Neben uns sitzt ein Mann der die ganze Zeit den Rotz aus seiner Nase auf den Boden bläst und die am Finger zurückbleibenden Reste mit viel Schwung auf den selbigen schleudert. Es ist so unglaublich ekelhaft, ich halte die ganze Zeit meine Hand über mein Essen, um eventuelle Spritzer abzuhalten. Als er fertig ist mit essen bekommt er einen Niesanfall, und niest ungebremst in alle Richtungen. Demonstrativ drehe ich mich weg aber er niest weiter, steht auf und läuft niesend in die Küche um zu bezahlen.
Ich schaffe es nicht fertig zu essen, so angeekelt bin ich, und so gehen wir ins Hotel.
“Weißt du, dass unsere Reise in wenigen Tagen vorbei ist?”, frage ich Hansen der schon im Bett liegt. “Das ganze Abenteuer, die Wüste, die Berge, Kasachstan, alles was wir erlebt haben. Ich weiß noch wie wir zu Hause saßen und geplant haben, kannst du dich noch erinnern wie wir die Route auf der Karte abgefahren sind? Jetzt sind wir fast am Ziel, das kam mir immer so unerreichbar vor, und jetzt sind wir fast da”
“Ja, das ist alles so selbstverständlich geworden, das Leben auf dem Rad, das immer unterwegs sein, das zu zweit sein”, fügt Hansen hinzu, “das Ziel wird alles wieder ändern, die Reise ist dann vorbei, du gehst wieder zur Uni, ich gehe arbeiten. Und so vieles neues kommt auf uns zu …”
“Ja, ich freu mich drauf, langsam reicht es auch mit dem Herumtreiben! Ich will mal wieder irgendwo für länger sein als eine Nacht!” sage ich und bin mir für einen Moment garnicht so sicher ob ich das will, oder ob mir das sehr schnell zum Hals raushängt. “Ich werd’s auf jeden Fall vermissen, soviel ist klar, ich werde ja jetzt schon sentimental wenn ich mir Fotos von vor zwei Wochen anschaue, wie soll das erst werden wenn ich zu Hause bin?”
Wir hängen unsere Schlafsäcke und das Zelt zum Trocknen auf und gehen schlafen.
In der Nacht gibt es ein heftiges Gewitter, das ganze hotel bebt und ein Wolkenbruch flutet beinahe unser Zimmer durch die offenen Fenster.
Am nächsten Tag ist Hansen krank, aber scheint noch fit genug zu sein um loszufahren. Also packen wir noch alles zusammen und wollen gerade losfahren, als Hansen die Reißleine zieht: “Paul, es macht keinen Sinn”, sagt er niedergeschlagen, “wenn ich jetzt Rad fahre bin ich morgen richtig krank, lass uns lieber jetzt auskurieren und nicht den gleichen Fehler nochmal machen, den wir bei dir in Kirgisistan gemacht haben!”
Es kotzt mich an, aber er hat recht, und so legt er sich wieder hin während ich durch die Stadt tingele und alles nötige zu Kur einkaufe. Ich finde einen Supermarkt der alles hat und habe nach kurzer Zeit einen Haufen Frauen um mich versammelt die mir alle beim Einkauf helfen. Sie wissen, dass ich für meinen kranken Bruder einkaufe und so dauert es nicht lange bis ich alles und eigentlich viel zu viel habe. Der kichernde Schwarm hat mir wirklich alles untergejubelt was irgendwie gesund sein kann und dabei das ein oder andere was sich im Nachhinein als unbrauchbar entpuppte, wie zum Beispiel die Käse Creme aus der Tube mit Himbeergeschmack.
Schwer beladen laufe ich aus dem Supermarkt raus, und mache einen kurzen Stopp für eine Portion Nudeln am Busbahnhof. Irgendwie ist es seltsam so alleine hier zu sitzen. In den letzten 6 Monaten habe ich immer mit Hansen gegessen, und wir waren selten für längere Zeit getrennt. Nicht dass ich mich unwohl fühlen würde, im Gegenteil, es tut gut mal wieder als einzelne Person wahrgenommen zu werden.
Als ich zurück ins Hotel komme schläft Hansen. Ich Breite den Einkauf auf der Komode aus und zähle ihm seine Möglichkeiten auf: “Ich habe Bananen, Apfel, Orangen, Zitronen, Ingwer, Knoblauch, Olivenöl. Außerdem Verschiedene Suppen, Eier, Brot, Erdnussbutter, Käse, Kekse, Schokolade, Kamillentee, Erkältungstee, Fenchelhonig, Birnenhonig und und und…”
Hansen fängt sofort an mit der Kur und wir gehen früh schlafen.
In der Nacht wacht Hansen auf und hat heftige Hustenkrämpfe. Es scheint als wurde die Erkältung schlimmer werden. Aber als wir am 23.10 morgens aufwachen, fühlt er sich wie neugeboren, der Husten ist weg und alle anderen Symptome bis auf eine leicht verstopfte Nase. Also beschließen wir langsam zu machen aber heute loszufahren. In einem sehr geduldigen Tempo fahren wir an diesem herrlichen Herbsttag durch die ländliche Gegend. Alles ist voll mit Laub und der Wind reißt den Bäumen die letzten Blätter ab. Die Sonne ist gerade warm genug um uns durch das Fleece hindurch zu warmen, aber nur so, dass man nicht anfängt zu schwitzen. Das langsame Tempo und das herrliche Wetter lassen uns die Landschaft und die Fahrt wie im Traum wahrnehmen, beinahe habe ich das Gefühl gleich aufzuwachen und noch immer im Hotel im Bett zu liegen. Am Straßenrand verkaufen Bauern Zuckerrohr als Snack und daneben stehen kleine Kinder und die Alten und kauen an den dicken Stangen herum. Als wir an einer Polizeiwache vorbeikommen hält uns einer der Polizisten ein Stück davon hin, beinahe wie beim Staffellauf. Leider nehme ich es zu spät war und so rausche ich an ihm vorbei.
Wie in Trance fahren wir gute 30 Kilometer, und als wir eine kleine Pause einlegen, müssen wir feststellen, dass Hansens Erkältung mit aller Wucht zurück kommt. Der Husten sitzt tiefer als je zuvor und hört sich richtig übel an. Wir fahren weiter bis zum nächsten Hotel was 30 km weiter liegt und checken nach nur 60 km dort ein. Der Tag hatte so gut angefangen, und jetzt sitzen wir wieder fest.
Das Hotel ist für seine Zimmer ziemlich teuer, aber es bleibt uns nicht anderes übrig. Wir essen noch ein paar von den Fertigsuppen und gehen dann früh schlafen. In der Nacht wird Hansens Husten immer heftiger, und am nächsten Tag geht es ihm richtig dreckig. Also beschließen wir zu blieben und diesmal komplett auszukurieren bevor wir uns wieder aufs Rad schwingen. Ich gehe wieder einkaufen und wir versuchen so viel wie möglich von den ToDos in Shanghai schon hier zu erledigen um wenigstens etwas Freizeit dort zu haben. So kaufe ich Plastikblech für die Schilder unserer Sponsoren, Postkarten für Freunde und Verwandte (leider ziemlich hässlich, aber was anderes gab’s nicht, sorry) und wir versuchen den Rück-Transport unserer Räder zu organisieren. Alles in allem bin ich den ganzen Tag beschäftigt und so können wir die Zeit in Shanghai hoffentlich dafür mehr geniessen. Während Hansen schon schläft sitze ich noch am Computer im Zimmer und versuche so viel wie möglich abzuarbeiten, lade unseren genauen Ankunftsort in Shanghai hoch, erledige “Papierkram” von zu Hause, und schreibe diesen Blogpost. Die letzten Tage habe ich mehr am Computer und in Hotelzimmern als auf dem Rad verbracht, wahrscheinlich eine ganz gute Vorschau auf das was mich zu Hause erwarten wird, so hat alles, auch Hansens Krankheit sicher irgendwie etwas gutes. Wie meine Mutter oder mein Vater sagen würde: “Wer weiß wozu das gut war!”
Irgendwann kommen wir an, und besser gesund und spät, als nie! Mal sehen was morgen bringt.
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