Es ist der 17.7. Wir fahren ca 60 km hinter Kashgar seit Ewigkeiten auf einer Maut-Autobahn die links und rechts mit Stacheldraht gesäumt ist. “Dieser scheiss Draht kotzt mich an, das ist nach der chinesischen Mauer wirklich das überflüssigste was die Chinesen je gebaut haben”, grummelt Hansen vor sich hin. Und mir geht es ähnlich. Wir fahren vorbei an den schönsten Lagerplätzen, Canyons und Dünen, Seen und Wiesen aber kommen von der verdammten Strasse nicht runter. Die Strasse ist radikal durch Dörfer durchgebaut, halbe Häuser reihen sich hinter dem Zaun noch auf, sogar ein Grabhügel ist einfach durchgraben worden, so dass man die Grab-Höhlen aus Stein wie im Querschnitt betrachten kann, ein gruseliger Anblick. Langsam verwandelt sich die Umgebung von der grünen Oase nach Kashgar zu einer der größten Sandwüsten der Welt: Der Taklemakan-Wüste, und wir haben keine Gelegenheit zu den Dörfern abzufahren und Wasser zu holen, die Strasse ist vollkommen isoliert.
Nach fast 80 Kilometern entdecken wir eine Stelle an der der Zaun durch einen Wassergaben unterspült ist. Wir schlüpfen mit den Rädern darunter hindurch und lassen uns zum Abend in einem kleine Wäldchen, wahrscheinlich dem letzten Schatten vor der Wüste nieder. Zum Abendessen kocht Hansen Spaghetti mit Tomatensauce, klassisch aber gut!
Der 18.7 fängt an wie er aufhört. Ich nenne ihn den Plattentag, Kalauer-Hansen spricht von einem Plattenvertrag ;o) Insgesamt haben wir drei Platten. Der erste als wir losfahren wollen. Glücklicherweise sind die Räder so konstruiert, dass es keine 20 Minuten dauert bis das Rad geflickt und man wieder unterwegs ist. Wir schlüpfen also wieder unter dem Zaun hindurch und gehen zurück in das längste Gefängnis der Welt, wir haben keine andere Wahl. Im nächsten Dorf haben die Einwohner kurzerhand ein Loch in den Zaun geschnitten um die Strasse benutzen zu können. Weil wir immernoch dringend Wasser brauchen schlupfe ich hindurch und frage im Dorf nach. Bedauernd werde ich von nur Luft saugender Wasserpumpe zu Wasserpumpe geführt: “Heute gibt es kein Wasser” gibt mit der alte Mann zu verstehen. “komm zu meinem Haus, da hab ich noch welches”. So folge ich ihm wiederum gefolgt von einer Schar Kinder in seinen Hof, wo er eine Eimer mit Wasser stehen hat. Vorsichtig füllt er den Eimer Becher für Becher in den Kanister um. Das Wasser ist trüb, aber Dreck reinigt den Magen und gegen die fiesen Bakterien haben wir fiese Chlortabletten dabei.
Ich bedanke mich herzlich und schlüpfe zurück in unseren Knast aus Asphalt und Stacheldraht. Hinter dem Dorf geht sie los, die Wüste. Und wie bestellt zeigt sie sich uns direkt von ihrer sandigsten Seite, für die sie berühmt ist: ein Sandsturm holt uns ein und schiebt uns mit 40 km/h vor sich her. Die Sicht ist so schlecht, dass ich Hansen, der nur 10 m vor mir fährt immer wieder aus den Augen verliere. Wie Schleier zieht der Sand über die Strasse. Es ist absolute Stille, weil wir in Windgeschwindigkeit fahren und der Sand wie Schnee alle Geräusche schluckt. Eine wirklich gespenstige Atmosphäre. Die Sonne kann man nur als helleren Punkt durch die Sandwolken erahnen, die Autos fahren in Schrittgeschwindigkeit und mit Warnblinkanlage und Fernlicht. Ein paar hartgesottene Uguren fahren ohne Helm und Brille gegen den Wind auf ihrem Moped. Übrigens sind hier fast ausschließlich Elektroroller unterwegs, in ganz Kashgar haben wir statt lautem Knattern nur leises, und sehr leicht zu uberhörendes surren der Roller gehört.
Der Sandsturm trägt uns so weit, das wir die Abfahrt nach Yarkant verpassen. Zur Krönung bekommt Hansen den zweiten Platten an diesem Tag. In sengender Mittagshitze ohne Schatten flicken wir auf dem heissen Asphalt sein Rad. Auch wenn wir zu weit Gefahren sind, gegen den Wind zurück ist keine Option, also fahren wir weiter und müssen in einer waghalsigen Aktion die Mautstraße an einer Brücke verlassen, indem wir über das Brückengeländer klettern und den steilen Sockel der Brücke mit samt Rädern hinunterrutschen. Wir brauchen dafür insgesamt 40 Minuten, aber es ist unsere letzte Gelegenheit auf die alte Landstraße nach Kirgilik zu kommen und somit die Option nach Tibeb offen zu halten. Wie wir später herausfinden haben wir durch die Aktion zufällig einen Checkpoint umfahren, der zumindest vor ein paar Jahren noch Reisende auf ihre Erlaubnis für die Strecke über Hotan nach Chengdu geprüft hat. Dafür kommen wir aber an einen anderen Checkpoint, der uns glücklicher Weise komplett ignoriert.
Kurz vor Poskam werden wir von einem dreirädrigen TukTuk überholt der bis oben hin mit 20 Liter Wasserkanistern beladen ist. Wir schaffen es ihm für 5 Yen einen abzukaufen und können endlich unsere Wasservorräte mit klarem Wasser auffüllen. Kaum in Poskam angekommen hat Hansen dann seinen dritten Platten. “Es reicht” beschließen wir und nehmen das Rad genauer unter die Lupe. Und tatsächlich. Der Schlauch ist wie vorperforiert. Wahrscheinlich einfach uraltes Gummi. Wir hatten den Ersatz in Kashgar kaufen müssen, und nicht auf die Qualität geachtet. Um unsere Fahrräder hat sich mittlerweile wieder eine Gruppe von gut 40 Leuten versammelt die und bei jeder Bewegung zuschauen, nein, sie gaffen! Ich komme mir vor wie ein Zirkustier. Jede Bewegung wird genau verfolgt, teilweise kommen die Gaffer so dicht an uns heran, dass ich ihren Atem im
Nacken spüren kann. Es macht mich innerlich aggressiv, wie kann man so distanzlos sein. Keiner von ihnen hat meinen “Salom a laikum”-Gruss erwidert, alle stehen sie nur da und gaffen ohne die Miene zu verziehen, ausdruckslose Gesichter, als wollen sie sich nicht anmerken lassen, dass sie keine Ahnung von dem haben was sie da sehen. Und es bleibt nicht beim Gaffen, sobald der erste es gewagt hat, fangen sie alle an die Räder zu begrabschen. Dabei wird alles auf seine Stabilität getestet. Die empfindliche Solaranlage gedreht und gewunden, der Flicken auf meinem Sattel versucht abzuziehen, das frontale Aluminiumstativ seitlich verbogen, und sogar das im örtlichen Laden gekaufte Olivenöl wird aufgemacht und getestet. Bei allem Respekt für fremde Kulturen, und ich weiß dass sie eigentlich im recht sind so zu handeln, denn es scheint hier normal zu sein, Aber: ES KOTZT MiCH AN! Das sind meine Sachen und die brauche ich funktionierend! Und wenn man keine Ahnung hat was das ist, dann dreht und windet man doch nicht solange daran, bis es sich verbiegt? Kurz bevor mit der Kragen platzt ist Hansen mit dem neuen Schlauch zurück, den er in einem kleinen Fahrradladen kaufen konnte. Schnell bauen wir ihn ein und fahren weiter, nein, wir fliehen vor der Menschentraube, fast wie Sterbliche vor einem Haufen Zombies.
Nachdem wir von einem weiteren Checkpoint ignoriert wurden finden wir nach einem anstrengenden, ereignisreichen Tag und 150 km eine Schlafplatz an einem kleinen Bach, wo wir uns waschen und dann hundemüde in den Schlafsack fallen.
Am 19.7 wachen wir auf und es pladdert auf unser Zelt. Die ganze Nacht hat es geregnet und wir beschießen den kühlen Tag zu nutzen um richtig auszuschlafen. Gegen 10 werden wir von einem Hirten geweckt, der versucht seine Kühe und Schafe von unserem Zelt fernzuhalten. Immer wieder stolpern die plumpen Viecher über die leuchtend roten Schnüre bis unser Zelt soweit abgebaut ist, dass wir aufstehen müssen. Wir frühstücken und werden dabei von dem Hirten beobachtet. Wir Laden ihn auf einen Tee ein, aber unser Dosenbecher gefällt ihm nicht und er schleicht sich davon als wir gerade kurz mit Packen beschäftigt sind ;o) Ein seltsamer Geselle, beschließen wir, und machen uns auf den Weg. Kaum zurück auf der Strasse, werden wir von einem kleinen Mann auf einem Motorrad aufgefordert ihm Geld zu geben. “Ich glaube der versucht und zu überfallen” sagt Hansen etwas grinsend, denn der Pimpf wirkt wirklich etwas überheblich mit seinen “Gib mir Geld Gesten”. Wir stellen uns blöd, und der junge haut ab ohne weitere Schritte einzuleiten.
20 km später erreichen wir Kirgilik, noch immer regnet es in Strömen. Hier wollen wir uns mit allem eindecken was wir brauchen für unseren Exkurs zu dem 5.200 m hohen Pass bei Mazha, den wir nun erklimmen wollen. Hier geht die Strasse ab, die wir eigentlich nicht fahren dürfend, denn sie führt nach Tibeb!
Leider machen wir wieder schlechte Erfahrungen bei unserem Einkauf. Für eine Packung Nudeln und Tomatensauce wollen die Ladenbesitzer umgerechnet 6 €. Sauer über die dreiste Abzocke verlassen wir den Laden ohne Nudeln und beschließen unser Glück woanders zu versuchen. Etwas weiter werden wir fündig, für umgerechnet 50 Cent. Auch in Kargilik werden wir ständig von einer Traube von Menschen begleitet. Aber langsam gewöhnt man sich daran, ich kann der Szene sogar etwas lustiges abgewinnen, auch wenn sich am Verhalten der Menschen nichts geändert hat, sie starren und testen alles auf Stabilität.
“Das hier ist es, hier müssen wir ab” sage ich zu Hansen. Ein mulmiges Gefühl, gepaart mit Adrenalin und Freude. In diesem Moment fahren wir auf die Strasse nach Tibeb, die Strasse, von der wir mit 99% Wahrscheinlichkeit abgewiesen werden, die wir aber dennoch 250 km bis zum ersten Checkpoint in Kudi fahren wollen und unser Glück auf die Probe stellen. “Wahrscheinlich sind wir in 3 Tagen wieder hier” sagt Hansen mit einem Grinsen, “aber dann haben wir es versucht, und das will ich sicher wissen!”
Kaum 3 Kilometer aus Kirgilik raus verstecken wir unseren Schlafplatz in einem brach liegenden Reisfeld. Als die Sonne weg ist zieht ein Nebel auf der jede Sicht versperrt. Perfekt für unser Versteck. Wir kriechen in unsere vom Regen klammen Schlafsäcke und schlafen erschöpft ein.
Am 20. Machen wir uns nach wiedermal einer langen morgendlichen Bastelaktion auf den Weg. Wir fahren das traumhaft schöne Tal Richtung Pass hinauf, motiviert und ausgeruht. Immer wieder schlägt uns das Herz bis zum Hals wenn uns die Polizei entgegen kommt. Nach 600 Höhenmetern und 60 km machen wir eine Mittagspause. Ständig begegnen uns chinesische Radfahrer, die wahrscheinlich ohne Probleme an ein Tibeb-Visum kommen. Morgen Abend werden wir unsererseits an den angeblich härtesten Checkpoint in ganz Tibeb kommen, und wenn kein Wunder Geschieht, werden wir abgewiesen und müssen alles zurück. Drückt uns die Daumen!
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