Tiefflieger

Posted by on August 6, 2012

Vorweg, um keine Sorgen zu bereiten, es geht mir gut, den Umständen entsprechend. So gut, dass wir die Tour fortsetzen können. Ich war wieder mal im Krankenhaus (is bald so ne Art Tradition bei mir), und alles ist professionell versorgt, siehe Bild:

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Es ist der 5.8. um 10:00 Uhr morgens, wir fahren bereits seit 2 Stunden und haben schon fast 70 km, alles in einem einzigen Sprint, ohne Pause, und wir haben noch die Energie für die nächsten 2 Akkorde Windschatten, also bis 90 km – das ist für uns rekordverdächtig. Hansen setzt gerade zum Überholen an, er ist dran mit vorne weg fahren. Um möglichst dicht folgen zu können beuge ich mich über den Lenker und hole bei knapp 40 km/h das vor dem Vorderrad hängende Stativ ein. Eine schlechte Idee! Nein, eine dumme Idee geboren aus dem Ehrgeiz schnell weiterzukommen. Ab diesem Moment geschieht alles in Zeitlupe, es sind aber nur Sekunden: Ich sehe wie sich das entfernte Ende des Stativs von der Feder löst an der es zur Dämpfung aufgehängt ist. Und nicht nur das, auch das extra für einen solchen Fall angebrachte Sicherungsseil löst sich aus für mich bis jetzt unerklärlichen Gründen, so dass das Stativ halb eingeholt vom Fahrtwind gerade noch aufrecht gehalten wird aber komplett ohne festen Rückhalt vor mir steht. “Scheisse” geht es mir durch den Kopf. Aber ich bin wie eingefroren, ich kenne die Situation schon von vor drei Monaten, wo mir das gleiche passiert ist, allerdings beim Anfahren. Damals hatten wir aus genau diesen Gründen das Sicherungsseil angebracht, das ich jetzt so dringend bräuchte. Denn diesmal bin ich knapp 40 km/h schnell, und ich weiß was mir blüht wenn das Stativ sich zum Rad runter neigt und sich vor dem Vorderrad im Boden verkeilt. Meine Starre ist überwunden, und ich versuche noch nachzugreifen und das Stativ zu erwischen, aber es ist zu spät, meine Finger greifen ins Leere. Für meine Wahrnehmung langsam senkt sich das Stativ und schlägt vor dem Rad auf dem Boden auf. Ein Schlag geht durch das gesamte Rad und reißt mir den Lenker aus der Hand. Ich weiß in diesem Moment schon, dass es mich jetzt richtig fies auf die Fresse legt. Gerade eben noch hatte ich auf den Belag geschaut und festgestellt, dass es dieser rauhe, mit großen scharfkantigen Kieselsteinen versiegelte Teer ist. Es gibt wirklich keinen schlimmeren Belag zum stürzen, denn die Oberfläche gleicht einem Reibeisen oder einem Käsehobel. Halb zber dem Lenker hängend sehe ich noch wie die im Stativ befestigte Kamera sich unter das Vorderrad geschoben hat und dieses blockiert. Jetzt geht alles schnell. Ich spüre den Aufprall auf dem Boden, es ist laut, das Fahrrad wirbelt vor mir über die Strasse, ich verliere die Orientierung.

“Paul, verdammt, Paul, oh nein, scheisse” ruft Hansen hinter mir, der Sturz ist vorbei. Ichdich liege auf der Seite auf dem Boden.
“Alles o.k.”, sage ich hellwach, um ihn zu beruhigen, aber das ist es nicht. Ich setze mich vorsichtig auf und spüre wie mein T-Shirt am Rücken und der Hüfte nass wird. Trotz des Sturzes bin ich voll da. Noch spüre ich keine Schmerzen aber ich weiß, wenn das Adrenalin nachlässt, dann wird sich das ändern. Schnell ziehe ich das T-Shirt aus um zu verhindern dass es auf der Wunde klebt wenn mein Gefühl zurückkommt. Hansen steht jetzt neben mir, er hat sein Fahrrad fallen lassen und ist zu mir zurück gerannt. Vorsichtig bewege ich meine Handgelenke, meine Beine, meinen Ellenbogen. Überall ist Blut, der Belag hat mir keine normalen Schürfwunden, sondern tiefe Schnitte zugefügt. Am rechten Handballen ist ein ca. 2qcm großes und 2 mm tiefes Stück Haut und darunter liegendes Gewebe herausgerissen, an meiner rechten Hüfte klafft ein tiefer, ca. 1 cm langer Schnitt. Mein Ellenbogen hat zwei Schnitte, in einem hängt noch ein großer Kiesel der sich unter die Haut geschoben hat, der andere zeigt einfach nur das drunterliegende weiße Fleisch was blutlos zum Vorschein kommt. Mein kompletter rechter Arm hat leichte Schürfwunden die sich zur Schulter hin in einer großen aber oberflächlichen Schürfwunde verstärken. Aber am schlimmsten hat es mein rechtes Knie erwischt. Direkt über der Patella und der darunter liegenden Sehne sind zwei Schürfwunden die aus mehreren wie mit einem Käsehobel geriebenen tiefen Furchen bestehen.
“Hast Du dir was gebrochen” , fragt Hansen aufgeregt und ängstlich vor der Antwort. Er weiß, wie oft ich mir schon Knochen gebrochen habe, und nach diesem Sturz ist seine Sorge nicht unberechtigt. “Ich glaube nicht”, antworte ich nachdem ich nochmal alle Gelenke überprüft habe. “Am Helm ist auch nichts zu sehen, mein Kopf scheint nichts abbekommen zu haben”.
Das Adrenalin lasst mach und langsam kommen die Schmerzen.
“Schnell”, rufe ich zu Hansen zu, “das Desinfektionsmittel und ein sauberes Tuch, bevor die Wunden anfangen richtig weh zu tun.” Ich will die restliche Taubheit nutzen um die Wunden gründlich zu reinigen, eine Entzündung wäre das Aus für die Tour!

Mit zusammengebissenen Zähnen drücke ich das im H2O2 getränkte Tuch auf die Schürfwunden und reibe mit viel Druck darüber um Steine und Dreck zu entfernen. Es sticht und brennt, aber noch sind die Wunden leicht betäubt. Hansen hilft mir beim Verbinden, meine ganze rechte Seite sieht aus wie ein Flickenteppich. Dann kommt der glücklicherweise nur leichte Schock. Ich fange an zu zittern und lege mich zur Seite. Hansen holt meien Schlafsack und versucht Autos anzuhalten, aber erfolglos. Das eine Auto das in einer halben Stunde vorbeikommt ignoriert die Situation und fährt vorbei. Erschöpft falle ich in einen leichten Schlaf.

Eine Stunde später geht es mir schon viel besser. Die Wunden brennen, aber ich habe keine Prellungen und es ist nichts verstaucht oder gebrochen. Der Schaden an meinem Fahrrad hält sich in Grenzen: Meine Gabel ist leicht nach hinten verbogen, beide hinteren Satteltaschen sind aus ihrer Halterung gebrochen, mein Lenker ist leicht verbogen und auf beiden Seiten einen halben Zentimeter tief angeschliffen, mein Sattel aufgerissen, das Stativ ist komplett verbogen, das Display der Kamera, welches zwischen Rad und Boden war ist abgehobelt und zeigt nurnoch schwarz, der rechte Lowrider ist aufgerissen, meine Bremse verbogen und die Solaranlage hat Kratzer die über die gesamte Länge gehen und ist aus der Halterung gerissen. “Aber alles Schäden, die man reparieren kann” meint Hansens Tüftlerherz nach der entmutigenden Aufzählung, “Nur de Gabel ist kritisch, wenn sie Risse hat, brauchen wir eine neue.”
Glücklicherweise ist auch die Gabel zwar leicht verformt aber noch benutzbar. Die Bilanz erweist sich als erstaunlich gut für einen derart heftigen Sturz. “Wie kann das sein”, frage ich Hansen, “wie kann es sein, dass ich mir nichts gebrochen habe und nur ein paar Schürfwunden habe nachdem bei 40 km/h mein Vorderrad blockiert hat?”

Wir versuchen es nachzuvollziehen, Hansen lauft die Sturzstelle ab und versucht die Schäden am Rad und an mir zu kombinieren. Nach kurzer Bedenkzeit folgt seine naheliegende Theorie: “Das Display der Kamera ist quasi abgehobelt. Sie muss beim Sturz vom Stativ zwischen Rad und Boden gedrückt worden sein. Das Vorderrad hat dann zwar blockiert, aber es ist auf der Kamera über den Boden gerutscht, au dem glatten Display. Ich hab Dich ja über meine Schulter noch stürzen sehen, und Du bist nicht über das Rad, sondern neben dem Rad vorbeigeflogen. Ich vermute das Vorderrad ist auf der
Kamera weggerutscht und du bist ‘relativ sanft’ auf den Boden ‘gegleitet’ statt über den Lenker im hohen Bogen. Deswegen hast Du nur auf einer Seite Schürfwunden, Dein Helm ist intakt und der Aufprall war nicht so heftig als dass Du Dir was gebrochen hättest. das Fahrrad hat sich nach Deinem ‘Absprung’ nochmal auf der Strasse verkeilt und dann überschlagen, daher die Schäden rund um.”

Seine Erklärung macht Sinn. Was für ein Schwein ich gehabt habe wird mir immer wieder klar. Während Hansen 5 Stunden lang mein Rad repariert liege ich im Graben und erhole mich von dem Schreck. Immer wieder frage ich mich warum sich das Sicherungsseil gelöst hat. Wie konnte das passieren? Ich vermute, wir sind im Laufe der Zeit zu sicher und nachlässig geworden. Am Anfang noch haben wir jeden Tag unsere Taschen, Bremsen und das Stativ überprüft, aber mittlerweile fühlten wir so sicher, dass wir diese wichtige Routine weggelassen haben. Mein Unfall war der Preis dafür, eine nochmal glimpfliche aber deutliche Warnung, ein Sturz den ich mein Leben nicht vergessen werde.

Als Hansen mit allem fertig ist, geben wir auch seine Versuche zu trampen auf. Vorsichtig richte ich mich auf. Die Wunden schmerzen, aber meinen Knochen geht es gut. Wir beschließen zu versuchen bis zur nächsten Düne zu fahren und dort unser Lager aufzuschlagen. Weil die Schürfwunden an meinem rechten Knie spannen, kann ich nur mit dem linken Bein treten, was ein wirklich ulkiges Bild abgibt: Hansen kann sich ein Lachen nicht verkneifen, und auch ich kann mich der Komik der Situation noch entziehen. Mein rechtes Bein ist seitlich von mir gestreckt, und mein linkes Bein drückt und zieht abwechselnd an der Pedale, es ist wie Humpeln auf dem Fahrrad. So schaffen wir es bis zur Düne, wo ich nun sitze während Hansen für nicht kocht: “Springforelle mit Mandelkernsauce” hatte ich auf Hansens Frage, was ich essen wolle, gesagt – ganz im Ton des kleinen Tigers von Janosch. “Sag doch mal Spaghetti” hatte er fast ebenso Zitatgetreu geantwortet, denn was anderes haben wir eh nicht.

Wie gehen früh ins Bett. Weil ich nur auf dem Rücken liegen kann schlafe ich schlecht. Als um 4:30 der Wecker klingelt bin ich froh endlich einen Anlass zu haben meine Position von Liegen zu Stehen zu wechseln. Nach dem
Frühstück, was wiederum Hansen für mich bereitet, stellen wir uns auf die Strasse und versuchen zu Trampen. Wieder stehen wir Stunden da bis uns endlich um 9:00 Uhr ein LKW mitnimmt.
Wie steigen 80 km später in Washixiaxiang aus um neues Verbandszeug und Desinfektionsmittel zu kaufen. Zwar konnte mir der junge (ich schätze 18.) Apotheker nur mit zu kleinen Pflastern und in einer Schublade lagernden offenen Mullbinden weiterhelfen, war aber unglaublich nett und hilfsbereit als er sah, dass ich mehr als das brauche. Der nette Kerl brachte mich zum lokalen Krankenhaus, wo er dem Artzt alles erklärte, welcher daraufhin komplett ohne jegliche Bezahlung all meine Wunden mit Engelsgeduld professionell reinigte und verband. Er lachte freundlich, fast schüchtern als ich mich mit “sche sche ni” von ihm verabschiedete. Der Junge brachte mich zurück zu Hansen der erwartungsvoll aufsprang und fragte: “Und?”
“Die Wunden sehen alle gut aus, kein Dreck oder Infektion zu erkennen. Ich schätze wir können in 2 Tagen mal einen vorsichtigen Versuch starten weiter zu fahren, mit viel Glück gehts auch morgen schon, hängt davon ab ob meine Wunde am Knie trocknet oder weiter nässt.”

Erleichtert packen wir unsere Sachen und kaufen noch das nötigste ein. Der Artzt kommt uns noch hinterher, schenkt uns zwei Wassermelonen, und gibt uns zu verstehen, ich solle langsam
machen, die Wunden bräuchten ihre Zeit zum heilen, solange ich keine Schmerzen habe sei aber alles o.k.

Wir verabschieden uns und finden keine 2 km hinter dem Dorf einen kleinen schattigen Strand an einem Fluss. Hansen ist aus Solidarität (oder um sich lustig zu machen) die Strecke auch nur mit einen Bein gefahren. Am Strand verspeisen wir die Wassermelonen und beschließen hier zu bleiben, und uns auszuruhen. “Du musst jetzt wieder fit werden”, sagt Hansen. “Wir können froh sein, dass alles so gut gelaufen ist, lass uns jetzt nichts überstürzten.”
“Ja”, sage ich entspannt, lege mich in den Sand auf den Rücken und schließe die Augen. Ich höre das Wasser rauschen und schlafe ein.

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