Totaler Kollaps

Posted by on Juli 11, 2012

Es ist der 2. 7. Noch am morgen hatte ich mich um Hansen gekümmert, jetzt liege ich im Krankenhaus in Kasch Komur.
Kurz nach dem wir losgefahren waren habe ich Gliederschmerzen bekommen und mich schwach gefühlt, eine beschissene Situation, weil wir Wasser brauchten und in diesem schattenlosen Land der Mittagshitze entfliehen mussten. Also schleppe ich mich an der sich entlang dem Fluss windenden in den Steilhang gearbeiteten “Küstenstraße” immer wieder hoch und runter bis wir endlich ein Café erreichen, wo ich mich sofort hinlege.

“Und?” fragt Hansen. “39,5″ gebe ich zurück. Seit drei Stunden liegen wir nun schon im Café und als gegen 5 Uhr das Fieber trotz zweiter Paracetamol auf über 40 Grad steigt beschließt Hansen mir eine Fahrgelegenheit in nächstgelegene Krankenhaus zu organisieren. Die Familie die die Raststätte betreibt hatte längst mitbekommen was Sache ist, in meinem fiebrigen Halbschlaf habe ich nur mitbekommen wie mir ein alter Mann seine Finger in den Mund steckte, keine Ahnung was er damit bezwecken wollte. Aber auch seine Meinung war: “Krankenhaus”
Die ca 20 minütige Fahrt war schrecklich, ich lag hinten zusammengekauert auf der Rückbank eines Mercedes der über Schlaglöcher und die windende Küstenstraße entlang fetzte. Immer wieder musste ich kotzen, und Hansen fragte alle paar Minuten mit besorgter Stimme: “Alles ok Bro?”

Im Krankenhaus angekommen wurden mir von dem Artzt natürlich mal wieder die gleichen “Akuda”- Fragen gestellt, diesmal machte es aber Sinn, auch wenn ich dem Artzt ohne schlechtes Gewissen im Nachhinein unterstelle nicht viel ehrenwertere Absichten gehabt zu haben als Geld zu verdienen. Der Typ war echt ein Witz von einem Mediziner, das er mir Fiebersenkendes Mittel verabreicht hat, war wirklich das einzig wirkungsvolle das er getan hat, aber danke dafür!

Das Krankenhaus in dem ich nun eine Nacht verbringen sollte war angenehm kühl, und das wars dann auch schon. Um zum Klo zu gelangen musste man 300 m laufen, davon die letzten 2 durch Kacke und Pisse waten um sich dann auf ein überquellendes Plumpsklosett zu hocken, ohne Klopapier und jede Möglichkeit sich die Hände zu waschen. Mein Zimmer war bis unter die Decke voll mit potentiell Malaria infizierten Moskitos weil es für Fliegengase nicht reichte, die vollgekotzte, -geblutete und -gepisste Matratze lag auf einem bis zum Boden durchgebogenen Bettenrost, der gute 40 cm zu kurz war für mich. Bevor ich auf der Toilette war hatte ich ernsthaft überlegt mich einfach auf den Boden zu legen, der so aussah als ob er jeden Tag gewischt würde. Für die Spritzen haben sie frischverpackte Nadeln genutzt, allerdings den Tropf mit einem Stück wiederverwerteten Tesa das daran klebte auf der Einstichstelle fixiert, das fiel mit leider erst auf, als die Krankenschwester es vor den Augen des Artzes zurückklebte nachdem es auf meinem blutenden Tropfeinstich verwendet wurde.
Bitte nicht falsch verstehen, es ging mir so schlecht, dass ich froh war medizinische Betreuung zu haben, aber die beschriebenen Umstände waren so und sind nicht übertrieben!

Am nächsten morgen kam der Artzt nochmal herein und fragte ob es besser ginge. Zwar hatte ich noch leichtes Fieber und viel besser ging es nicht aber ich wollte raus aus der Virenhölle bevor ich mir noch was einfange.

Wie mir mittlerweile zu Ohren kam ist die Behandlung im Krankenhaus in Kirgisistan kostenlos, was erklären würde warum der Artzt bei der Bezahlung die Tür schloss und das Zeichen für Bakschisch machte. Er stellte sich zwischen uns und Tür und machte deutlich: “Ihr kommt hier nicht raus wenn ihr nicht blecht”. Zwar war der Betrag lächerlich klein für einen Krankenhausaufenthalt und ich habe ihn gerne bezahlt, aber der Eindruck entsteht, dass die Gesamte Behandlung nur für das Bakschisch und nicht zu meinem Wohle geschehen war, zumal der weitere Krankheitsverlauf die Wirkungslosigkeit des Aufenthaltes im Krankenhaus zeigte.

Nachdem wir wieder bei der sehr fürsorglichen Familie am Rastplatz angekommen waren wo wir bekocht und bewirtet wurden wie die eigenen Kinder habe ich abends wieder Fieber bekommen. Es war wieder fast so hoch, nur ließ es sich diesmal mit Paracetamol senken.

Am nächsten Tag, dem 4.7 ging es mir noch immer nicht viel besser, ebenso wie an dem Folgetag. Die Situation war entscheidend für unsere Tour, denn das bedeutete, dass wir es nur mit dem Rad nicht schaffen werden. Unser Visum für China wird bald ungültig und in meinem
Zustand können wir nicht fahren. Also haben wir uns am 5.7 dazu entschieden loszutrampen und und von der lieben Familie verabschiedet. Weil es hinter dem Tunnel ungünstig war da man schlecht zu sehen ist beschlossen wir den Berg hinunter zu rollen und am Fuß des Staudamms unser Glück zu versuchen. Kaum angekommen riefen mich 6 blutjunge Soldaten (18 höchstens) befehlen zu sich rüber. Ich folgte um zu sehen was sie wollten und war mal wieder schwer enttäuscht über die Blödheit die einem hier teilweise unterstellt wird. “Unser zweites Funkgerät ist hier runter gefallen” gaben sie mir zu verstehen und deuteten auf den Canyon. “Wir brauchen ein neues, kannst du uns Dein Handy geben oder Geld damit wir eins kaufen können?”
Ich konnte mich durch Blöd-Stellen aus der Situation retten. Was erwarten die sich? Das ich den Geldbeutel zücke und ihnen Scheine für ein neues Funkgerät gebe? Oder mein iPhone schenke? Mich machen solche blöden Lügen und dumpfe Forderungen innerlich aggressiv, wie kann man so blöd sein zu glauben ich würde darauf reinfallen?

Als der erste Truck gleich anhält und wir unsere Räder auf Tonnen von kleinen Eisteeflaschen legen dürfen geht die erste von 2 Horrorfahrten an diesem Tag los. Nicht der Fahrer mit seiner süßen kleinen Tochter, nicht die Strasse und nicht der Truck war das schreckliche, aber meine fiesen Blähungen als Nebenwirkung von den Medikamenten. Natürlich konnte ich meine chemischen Gase dem Fahrer nicht zumuten, so musste ich stundenlang alles zurückhalten mit dem Ergebnis tierische Schmerzen zu haben. Als wir endlich in Jalal Abad ankamen hatte ich das erlösendste Toilettenerlebnis seit ich mich erinnern kann! Vielleicht hat man es durch das ganze Restaurant gehört, vielleicht waren wir einfach nur zu touristisch, auf jeden fall wurden wir von der Bedienung so lange ignoriert, bis wir einfach gingen. Es war so offensichtlich, dass wir nicht willkommen waren.

Wir haben uns also auf unsere Drahtesel geschwungen und sind etwas weiter die Strasse runter um einen besseren Platz zum Trampen zu suchen. Mein Fieber kündigte sich schon wieder mit Schüttelfrost und Gliederschmerzen an, also wollten wir schnell einen LKW finden der uns mitnimmt. Nach einiger Zeit hielten zwei Stück: “Leider können wir unsere Ladeflächen nicht aufmachen, sie sind versiegelt, aber das Rad passt sicher in unsere Fahrerkabine.”
“Niemals!” Schoß es mir in den Kopf, “das passt niemals da rein.”

Nach langem hin und her hat es dann doch gepasst. So fuhren wir weiter Richtung Osch, ich diesmal zwar ohne Blähungen aber dafür ohne Wasser. Mein Fieber war schon wieder auf 39 gestiegen und ich hätte einen See leersaufen können und der angebotene Tee von Luke dem LKW Fahrer war so stark, dass er meinen trockenen Mund pelzig machte. Also beschloss ich zu schlafen, die Füße aus dem Fenster und den Kopf auf den Gepäcktaschen.

Als ich aufwache sind wir mitten in Osch. “Verdammt”, denke ich, “Wir wollten doch außerhalb Zelten …” Hansen klopft schon von außen an die Tür: “Wir sind in Osch, komm, aussteigen und losfahren”. Ich bin noch etwas Banane im Kopf und packe langsam mein Rad zusammen. Mein Fieber ist wieder gesunken, aber ich fühl mich müde und kraftlos. Im Schritttempo schleppe ich mich hinter Hansen her, kein Zeltplatz weit und breit. Wir beschließen bei einem Bauernhof zu fragen ob wir auf seiner Wiese zelten dürfen und werden von Jul Dasch Bei in sein wirklich riesigen und wunderschön und gemütlich gebauten Hof eingeladen.

“Das Fieber steigt wieder”, sage ich zu Hansen der neben Jul Dasch Bei am Tisch sitzt. Ich liege daneben und versuche zu schlafen. Ab und an werde ich wach und höre unseren Gastgeber von seiner Zeit als Soldat in Berenburg erzählen, immer wieder wird mein Blick von dem riesigen in die Wand eingelassenen Bild von Mekka gefangen, ein beeindruckendes Bild, diese Menschenmassen!
Langsam schlummere ich in tiefen, erholsamen Schlaf. Das Fieber sinkt und ich habe heftige Schweissausbrüche so dass am nächsten morgen, dem 6.7, die komplette Unterlage klatsch nass ist. Ich fühle mich fit und ausgeschlafen, nur heftige Kopfschmerzen, die ich zu diesem Zeitpunkt auf den Wasserverlust zurückführe plagen mich den ganzen Tag. Wir gehen auf den Markt und kaufen Souvenirs und Geschenke für die Familie bei der wir wohnen und decken uns ein für unsere lang ersehnte und durch die Krankheit aufgeschobene Weiterfahrt aus eigener Kraft. Der Markt wurde uns ausdrücklich empfohlen und er ist in der Tat riesig und sehr vielseitig. Alles, Trockenobst, Nüsse, Süßigkeiten, Brote, Früchte und was einen sonst noch anlacht gibt es im Überfluss und die Stimmung ist fantastisch. Ich vermute, der Markt war wohl vor den Unruhen 2010 nochviel größer, bevor große Teile des über den Fluss gebauten Marktes Anschlägen zum Opfer gefallen sind. Ruinen und leere, ausgebrannte Stände zeugen noch von den Gräueltaten die hier stattgefunden haben. Ich kann auf einmal mit tiefem Mitgefühl verstehen, warum hier manche Ausländer hassen, auch wenn es ungerecht ist, was hier geschehen ist hat Trauer und Hass gesäht den man als Europäer einfach nicht kennt und der ein Ventil sucht.

Nach dem Markt versuchen wir noch vergeblich mit einem Taxifahrer die KA3 KOMMERZ zu finden um Geld abzuheben. Nach einer Stunde geben wir es auf. Diesmal machen wir uns die Tatsache nicht vorher nach dem Preis gefragt zu haben, diesen aber von Jul Dasch Bei zu kennen zum Handelsvorteil. Als der Taxifahrer das 50- fache verlangt winkt Hansen mit einem lachen ab und gibt ihm zu verstehen: Wir haben Freunde hier, wir kennen die Preise. So zahlen wir den regulären Preis von 300 com. Als wir dann noch über die Heimfahrt zu Jul Dasch Bei verhandeln gibt er erst nach, als wir schon auf ein anderes Taxi zusteuern um ein weiteres Angebot einzuholen.

Als wir wieder bei Jul Dasch Bei zu Hause sind, wird bereits fleißig gekocht. Für heute ist ein Festessen vorgesehen, ein Usbekisches Traditionsessen aus Reis, Rindfleisch in Weinblättern und einer Reissuppe. Stolz wird uns der “Champion” präsentiert, der Hahn der hier in der Gegend jeden Kampf gewinnt. Extra für uns wird ein Hahn vom Nachbarhaus geholt und ein brutaler Kampf inszeniert! Erst als der Nachbarshahn einen fast tödlichen Biss abbekommt ist die Showeinlage beendet. Ich verabscheue solche Arten von Entertainment, aber das ist hier so normal, dass ich mich nicht getraut habe etwas dagegen zu sagen, ich vermute sie würden meine Einwände nicht verstehen.
Weiter geht es zum armen Esel “Ikshik”, der angebunden auf den Feldern hinter dem Haus sei Dasein fristet. Wir dürfen auf ihm reiten und ihn Mais füttern, aber als der junge Besitzer uns auffordert ihm in die Hoden zu schlagen, hat die Spielerei ein Ende. Das arme Vieh wird hier wie alle Tiere behandelt wie der letzte Dreck. Tiere sind hier reine Werkzeuge, die man quälen und misshandeln kann solange das ihre Leistung steigert oder zumindest nicht mindert. Das ist hier so normal, dass es pervers wirken würde etwas dagegen zu sagen. Manchmal habe ich echt das Gefühl in der Entwicklung dieser Länder fehlen ganze Jahrhunderte.

Große Freude brach aus als wir die neue Federung für das Defekte Fahrrad der Familie präsentierten die wir auf dem Markt gekauft und eingebaut hatten. Es war seit Monaten unbrauchbar und nun wurde im fliegenden Wechsel das “neue” Rad auf der Strasse getestet.

Als das Essen fertig war wurden wir zu Tisch gebeten und man erklärte uns die traditionelle Art den Reis mit den Händen zu essen, eine Art schlürfen aus der hohl gehaltenen Hand. Die Frauen mussten sich in ihr Esszimmer begeben, denn die Geschlechter essen hier getrennt.

Mitten während dem Essen kam auf einmal Sudanlei, der Sohn des Nachbarn hereingestürmt. Er schrie irgendetwas auf Kirisisch und rannte wieder raus auf die Strasse. Wir sollten im Haus bleiben gab man uns zu verstehen und so taten wir. Auf der Strasse hatte es eine Schlägerei gegeben, mehr wussten wir nicht. Aber der Abend war beendet, wir gingen zu Bett, nicht ohne uns ausführlich von allen zu verabschieden, inklusive der Hausherrin, der Babuschka die mit stolzen 94 Jahren die Frauenfraktion anführte.

Am nächsten Morgen, den 7.7 machen wir uns früh auf den Weg. Meine Kopfschmerzen sind noch schlimmer geworden aber wir müssen nach China, unser Visum läuft aus. So quälen wir uns die ersten 400 Höhenmeter Richtung Grenze als ich nach knapp 20 Kilometern eine Pause brauche. Mit Schrecken stelle ich fest, dass das Fieber wieder kommt. Ich friere bei 35 Grad im Schatten mit Schlafsack und Fleece und das Fieber steigt auf 39 Grad. Der wohl emotionalste und kritischste Moment auf unserer gesamten Tour ist erreicht. Die Fieberschübe passen immer mehr auf das im Internet angegebene Krankheitsmuster der Malaria Tertiana, auch wenn die Inkubationszeit nicht mit unserer Reiseverlauf übereinstimmt. Wir beschließen die Tour abzubrechen. Ich Weine bitter und Hansen flucht und regt sich auf über die letzten Tage und den Tourenverlauf wie er gerade stattfindet.
“Wir müssen jetzt zurück ins Krankenhaus, dein Fieber ist langsam echt gefährlich” sagt Hansen in gleichgültigem Ton.
“Dann schaffen wir es nicht nach China” sage ich aus meinem Schlafsack heraus und fange wieder an zu weinen. “Ich Messe ein letztes mal Fieber, wenn es weiter gestiegen ist, dann ist die Tour gelaufen, wenn es gesunken ist oder gleich bleibt dann senken wir es weiter mit Paracetamol und wir trampen nach China wenn es mir besser geht. Scheiß auf den Irkesh Tam Pass, Scheiß auf unseren Stolz, wir hätten viel früher eine ganze Woche auskurieren sollen!” Der Irkeshtam Tam Pass stellt auf unserer Tour eines der absoluten Highlights dar, ich würde sogar sagen er ist der Grund warum ich 3000 km Einöde in Kasachstan überstanden habe. Die Vorfreude war stets so groß, dass der ganze Weg bis hier hin fahren konnte.

Um so schwerer fällt mir nun die Entscheidung den Pass mit einem LKW zu fahren, alles worauf man hingearbeitet hat wegzuwerfen und der Gesundheit unterzuordnen. Aber es muss sein, bevor die Tour komplett gelaufen ist, müssen wir diesen Abstrich machen.

“Es ist gesunken” Rufe ich und halte das Thermometer in der Hand wie eine Trophäe. “Das Fieber ist ohne Hilfsmittel zurückgegangen”
Wir beschließen zu warten bis es mir besser geht und dann einen Lkw bis Sary Tash zu nehmen. Keine Stunde später sitzen wir wieder getrennt in zwei LKW, diesmal in zwei Kamaz, einer russischen Marke. Die Achsen sind so verbogen, dass auf geraden Strassen die ganze Kabine wackelt wie ein Presslufthammer. Die beiden fahren Holz aus Deutschland nach Afghanistan für die US-Army. Er zeigt mit stolz ein Dokument. Und tatsächlich, ein Schein vom deutschen Zollamt das die Ausfuhr bestätigt. Die Geschwindigkeit bewegt sich zwischen 5 – 50 km/h,
“Am sanftesten fährt er sich auf Buckelpisten” sagt der Fahrer und lacht. “Dann gleichen die Löcher die Achsschläge manchmal aus”.
Ich lächele müde zurück und schaue verträumt zum Fenster raus. Ich bin den Tränen nahe. Draußen erheben sich riesige Berge, die Strasse windet sich langsam den Pass hoch, es wird grüner und grüner, und die Sonne zeigt in fantastischen Schattenspielen mit Wolkenfetzen die schönsten Muster die flink und mühelos über Täler und schneebedeckte Gipfel huschen. Warum musste ich jetzt krank werden, womit habe ich das verdient? Ich finde keine Antwort und schlafe erschöpft ein.
Als ich aufwache ist es dunkel, mein Kopf schmerzt und mein Nacken ist steif. Hansen klopft an die Tür. “Du musst sie von außen aufmachen” gebe ich ihm zu verstehen, “Der Griff ist abgebrochen”

Die beiden Fahrer wollen hier Pause machen über Nacht und am Morgen weiterfahren. Sie bieten uns an unser Zelt zwischen ihren LKW aufzubauen. Es hat 5 Grad und ich fröstele als ich endlich in den warmen Schlafsack rutsche. Sofort fängt er an zu wärmen. Mitten in der Nacht wache ich auf und bin wieder Klatsch nass und friere. Das Fieber ist weiter gesunken und ich habe den gesamten Schlafsack nass geschwitzt. Was soll ich tun? Wenn ich so liegen bleibe hol ich mir direkt die nächste Erkältung. Ich beschließe mich komplett anzuziehen und dann wieder in den Schlafsack zu legen. Kaum bin ich wieder eingeschlafen halten zwei LKW. Sie unterhalten sich mit unseren Fahrern welche daraufhin beschließen eine Kolonne zu bilden und um 4 Uhr morgens weiterzufahren. Also stehen wir am 8.7 um 4 auf und weiter geht die Fahrt. Das Fieber ist weg und ich fühle mich zwar schwach aber habe endlich das Gefühl die Krankheit überwunden zu haben. Beinahe fühle ich mich fit genug aufs Rad zu springen und selber weiter zu fahren, aber ich erinnere mich an gestern, als ich mich verflucht habe die Krankheit nicht richtig auskuriert zu haben.
Ich sehe die Sonne über den Bergen aufgehen und werde sentimental. Diese unglaubliche Schönheit, ich kann es nicht fassen. Der Moment ist perfekt. In warmen Decken im laut aber gemütlich vor sich hin schnurrenden Kamaz eingewickelt liege ich auf der Seite und Stütze den Kopf auf die Hand. Auch wenn ich hier gerne mit dem Rad hochgefahren wäre, die beste Alternative dazu ist ein alter, romantischer Kamaz!

Als wir über den Pass nach Sary Tash fahren erwartet mich der atemberaubendste Blick meines Lebens! Im flachen Tal vor uns liegt das kleine Dorf Sary Tash dahinter erstreckt sich eine Hochebene die abgeschlossen wird von 7.000 m hohen Bergen, alle schneebedeckt und die Gipfel zeichnen sich scharf gegen den noch dunkelblauen Himmel.

In Sary Tash laden wie die Räder ab und warten auf Johannes, ein Freund aus Berlin der uns mit Speicherchips für unser Filmprojekt versorgt. Den ganzen Tag verbringen wir dort, in der zugegebenermaßen sehr schlicht und von den Leuten her sehr anstrengenden Stadt (Dorf) Es gibt hier eine Menge Touristen, so treffen wir einen Schweizer, einen Franzosen, und zwei Radfahrer-Pärchen einmal aus Frankreich und einmal aus der französischen Schweiz. Abends sitzen wir mit Johannes, der sich frisch vom Büro erstmal akklimatisieren muss am Feuern und trinken ein Bier. Wir erzählen von unserer Reise und er von Berlin. Es tut so gut mit
Jemandem zu sprechen den man kennt, dass ich beinahe das Gefühl habe wir belabern den armen Johannes wie Gestrandete die zum ersten mal seit Jahren auf andere Menschen treffen.

Am nächsten Morgen, den 9.7 führen wir ein paar kleinere Reparaturen durch und machen uns gaaanz gemütlich auf den Weg. Ich will den ersten Radtag seit langem ruhig angehen und sowohl der Wind als auch die gemächliche Steigung zum Pass hoch spielen uns sehr gut mit. Den ganzen Tag fahren wir parallel zu dem beeindruckendsten Bergkamm den ich je gesehen habe, gespickt mit dem ein oder anderen 7.000er. So schaffen wir es tatsächlich noch am gleichen Tag auf den mir unbekannten, 3.800m hohen Pass der noch vor dem Irkeshtam Tam Pass liegt. Wir beschließen entgegen den Empfehlungen von Bergsteigern keine 100 m abzufahren sondern direkt auf dem höchsten Punkt zu Zelten, wir wollen uns das Spektakel hier oben nicht entgehen lassen. Ein eisiger Wind pfeift und das Thermometer zeigt Null Grad. Wir kochen Nudeln mit Rindfleisch aus der Dose auf unserem nun schon bald 2 Monate bewährten Kamelkacke Kocher. Bevor wir schlafen gehen stehen wir noch Arm in Arm eine Weile da und saugen das unbeschreibliche Panorama in uns auf, es ist mit Abstand der schönste Platz auf unserer gesamten Tour, wenn nicht sogar in meinem Leben.

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