Es gibt zu jeder Geschichte zwei Ansichten. Und es gibt Ausnahmen für jede Regel. Diese Geschichte ist unabhängig von der Perspektive, sie ist eindimensional und durchsichtig, und sie wird als ein der einprägsamsten in meine langfristigste Erinnerung über die Tour eingehen, und mir somit leider eine unvergessliche Lehre sein. Der Glaube an Gerechtigkeit und Ehrlichkeit in meiner naiven aber aufrichtigen Vorstellung von Fairness wurde ersetzt, durch die unverwechselbare und schmerzhafte Bekanntschaft mit Ausländerfeindlichkeit und die daraus resultierende Benachteiligung. Ich stehe zu meinen Fehlern, ich bin immer für Dinge grade gestanden, die ich ausgefressen habe, und bin dadurch meist auf Verständnis, oder mindestens menschliche Behandlung gestoßen. Etwas wie letzte Nacht, kann nur in einem Land passieren, dass Menschenrechte mit Füssen tritt und wo ein gutes Herz nur so viel Wert ist wie es bei der öffentlichen Schlachtung auf die Waage bringt. Ich hasse China für das, was es mir angetan hat, für das in Frage stellen eines romantischen Ideals, für den Beweis von etwas, das ich hätte wissen müssen, mit dessen Auswirkungen ich nur noch nie konfrontiert war, und ich deshalb tief in mir drin noch auf meine Fehleinschätzung gehofft hatte. Leider lag ich nicht falsch. Dieses Land hat mich dazu gebracht meine Ehrlichkeit zu bereuen, und in Zukunft vor die bislang unnötige Wahl zwischen Aufrichtigkeit und eigennütziger Flucht auf Kosten anderer gestellt zu sein. Aus Angst, vor weiteren Konsequenzen durch die Veröffentlichung der Tatsachen der vergangenen Nacht, werde ich diesen Blogpost ergänzen wenn ich zurück in Deutschland bin. Die entsprechende Stelle ist ausgeklammert.
Chengdu war, abgesehen von der Visaverlängerung und der unangenehmen Begegnung mit der Polizei ziemlich ereignislos.
Nachdem wir am 26. spät abends bzw. am 27. früh morgens in das Hostel eingecheckt hatten, machen wir uns am nächsten morgen ohne Gnade früh zum Public Security Bureau auf. Wieder suchen wir ewig nach einem Internetcafe mit Drucker, wo wir unsere Kontoauszüge drucken können und welches wir ohne Chinesischen Pass nutzen dürfen. Als wir endlich vor der Visastelle stehen, in der ja nun wirklich hauptsächlich Ausländer einlaufen, werden wir, natürlich auf Chinesisch, von einem Zettel darauf hingewiesen, wo sich das neue Büro befinde. Nach einigen Telefonaten finden wir heraus, wie wir dort hinkommen und stehen schließlich um 12 im Büro, um wiederum versetzt zu werden: “Please come back at 13:00, ist Lunchbreak now” gibt uns die Dame am Empfang zu verstehen. Mal wieder läuft das verlängern alles andere als glatt. Natürlich ist es größtenteils unsere Schuld, aber das Procedere ist auch nicht gerade durchsichtig, und Informationen findet man vorab kaum. Man braucht einfach egal wie man es angeht mindestens einen ganzen Tag dafür, wenn man mit den Behörden vor Ort keine Erfahrungen hat.
Als wir eine Stunde später wieder am Empfang stehen, bekommen wir wie erwartet die Formulare in die Hand, und füllen diese aus. Wir erklären der Beamtin unser Problem mit den Feiertagen, und dass uns durch den nun 10 Tage früheren Verlängerungsantrag Zeit verloren geht, die wir bis zu unserem Rückflug brauchen. Zunächst scheint sie zu verstehen, und bittet uns einfach den gewünschten Ablauftag des Visums im Formular zu vermerken, als wir aber mit den ausgefüllten Formularen vor ihr stehen, wird auf einmal alles sehr kompliziert. “We can only give you 30 days, if you want to stay til 5th November, you can appy not before the 8.th of Oktober”, erklärt sie uns.
“But our visa expires on the 5th, and we can not appy for extension with an expires visa, we were told!”, erkläre ich ihr.
Nach einigen Hin und Her und Gefrage bei ihrem Vorgesetzten, bietet sie uns an, dass man ausnahmsweise unser Visum auch nach Ablauf verlängern könne, dazu müssen wir aber bis zum 15. Oktober in Chengdu bleiben, weil wir die Verlängerung dann am 8. Oktober, also nach den Ferien beantragen würden und die Bearbeitungszeit 5 Werktage seien.
Bisher hatten wir versucht zu vermeiden zu erwähnen, dass wir mit dem Rad durch China reisen, weil das offiziell nicht möglich ist und wir bei der Beantragung unseres ersten Visas somit einen falschen Reiseplan angeben mussten. Jetzt bleibt uns nichts anderes mehr übrig, als sie darüber zu informieren und somit zu versuchen zu verdeutlichen, dass wir uns beinahe 20 Tage Verzögerung zeitlich nicht leisten können. Alles nutzt nichts, also Rufe ich William, einen sehr netten und hilfsbereiten Chinesen von der chinesischen Visaagentur “Chengdu Tour Center” an, und bitte ihn, zu versuchen der Frau unser Problem nochmals zu verdeutlichen. Und es wirkt. Er schafft es die Polizistin davon zu überzeugen, dass wir mit Vorlage eines Beweises unseres strikten Zeitplanes, eine beschleunigte Bearbeitung bekommen und unsere Visas zwei Tage später statt 15 Tage später abholen können. Leider fehlt uns aber der entsprechende Beweis. “I need the Document to reconsider the application beeing urgent.”, wiederholt die Frau immerwieder, so lange, bis Hansen es schafft ihr mit seinen Fragen dermaßen auf die Nerven zu gehen, dass sie ihn zu ihrer Vorgesetzten bringt, und auf einmal ist alles sehr einfach. Die Vorgesetzte hat endlich wirklich Entscheidungsmacht, und gibt uns ohne langes Getue ein 38 Tage Visum mit Eilbearbeitung. Wir sind baff! Warum nicht gleich so? Weshalb das ganze Wichtiggetue der Rezeptionistin? Noch nie habe ich erlebt, dass nerviges Gefrage und aufdringliches Blödstellen bei einer offiziellen Stelle fruchtet. Aber hier ticken die Uhren anders, und auch William bestätigt mir im Nachhinein, dass Aufdringlichkeit und beharren oft die einzige Weg zum Erfolg ist. Ein “Nein” ist nicht gleich endgültig. So laufen wir Nachdem wir fast 8 Stunden in der Visastelle verbracht hatten aus dem Gebäude und haben tatsächlich bekommen was wir wollten.
“Jetzt noch schnell das Paket abholen”, sage ich zu Hansen, ohne zu ahnen, dass das die nächste, schier endlose Aufgabe wird. Wir hatten uns in Yushu mit viel Aufwand ein Paket nach Chengdu schicken lassen, weil man es von Yushu aus nicht international verschicken konnte, weil die dazu benötigte internationale Verpackung nicht vorrätig war. Das Paket konnte laut Tracking nun leider nicht an das angegebene Hotel zugestellt werden, weil die Rezeption trotz mehrfachen Anrufens nicht Bescheid wusste. Also machen wir uns auf die Suche nach einer Postfiliale, und brauchen eine halbe Ewigkeit, bevor wir ein Taxi finden, dass weiß wo sich eine befindet und außerdem bereit ist uns zu transportieren, denn die Taxis hier haben kein großes Interesse daran Fahrgäste zu haben, so scheint es zumindest wenn sie oft leer an einem vorbeifahren. Als wir ca. 2 Stunden später in einer Postfiliale stehen, kommt gleich eine englisch sprechende Managerin auf mich zu und hilft mir sehr weiter. Sie findet heraus, dass entgegen meiner Vereinbarung mit der Post, das Paket nicht postlagernd geblieben ist, nachdem es nicht zugestellt werden konnte, sondern erneut zugestellt wurde, diesmal mit Erfolg. Die Jagd geht also weiter. Wir fahren mit einem Taxi zu der Adresse des Hotels die wir von der Poststelle bekommen haben. Leider gibt es in Chengdu mehrere Holiday In, deren Telefonnummern zur Krönung online vertauscht sind, so dass Holiday Inn West die Nummer von Holiday Inn Ost hat und umgekehrt. Als wir also nach fast einer Stunde Taxifahren im Hôtel ankommen, müssen wir feststellen, dass wir im falschen sind und zurückfahren durch die ganze Stadt, dorthin, wo wir vor einer Stunde noch waren. Als wird dort ankommen, und endlich Gewissheit haben dass das Paket dort ist, kommt die Müdigkeit der anstrengenden letzten Tage durch. Nach einem kurzen aber sehr schönen Treffen mit einem Freund und Mitarbeiter der uns begleitenden Filmproduktionsfirma gehen wir erschöpft schlafen.
Am 28. schlafen wir bis um 12. und verbringen den ganzen Tag im Hostel. Wir verschieben alle weiteren ToDos auf spätere Tage, spielen Billiard, und trinken ein paar Bier in der sehr gemütlichen Hostelbar. Weil heute der Anfang des 10 Tage öffentlichen Urlaubs ist, wird im Hostel ein Buffet aufgebaut und man feiert mit mir eher unangenehmen Animationsspielen in den Abend hinein. Als im Hostel die Party vorbei ist, beschließen die dort arbeitenden, noch weiterzuziehen, in den so genannten CC Club, ein glamouröser Club, mit einer beeindruckenden Lichtanlage: schlechter bis mittelmäßiger Musik und wegen der Bekanntschaft des Managers durch einen der Hostelmitarbeiter kostenlose Drinks den ganzen Abend, was für meinen Alkohol-entwöhnten Körper fatal war. Nach nur einer Stunde tanzen schlafe ich auf einer Couch ein und wache auf mit Hansen neben mir, als der Laden schließt. Wir schleppen uns in ein Taxi, und fahren ins Hostel. “Das einzig gute an dem Abend war, dass er uns nichts gekostet hat” murmelt Hansen als er noch immer ziemlich betrunken einschläft.
Der Kater am nächten Tag ist entsprechend verdient. Wir essen ein ordentliches English Breakfast mit Ei, Wurst, Bohnen und Speck, und während Hansen sich wieder hinlegt ziehe ich los und versuche ein paar Dinge einzukaufen. Ich tingele den ganzen Tag durch die Stadt, meist Gefahren von den wahrscheinlich illegalen Rollertaxis, die einen in James Bond artigen Manövern durch Fußgängerwege, über Hinterhöfe und enge Gassen 10 mal so schnell zum Ziel bringen wie mit einem regulären Taxi.
Als ich Abends zurück komme, gehen wir sofort wieder schlafen.
Am Sonntag, den 30. September schlafen wir wieder aus und den ganzen Tag laufen wir wieder durch die Stadt, kaufen in einem entfernt liegenden Outdoor Laden Gaskartuschen, treffen uns nochmal mit Johannes und enden Abends wieder in der Hostelbar, wo wir zwei Deutsche ebenfalls aus Berlin treffen und ein paar Bierchen mit ihnen trinken. Als die Bar schließt beschließen wir noch um die Häuser zu ziehen. Als wir in einen Laden gehen um noch etwas zu trinken zu kaufen stolpere ich über eine wirklich schlecht sichtbare Stufe und Falle in den Tresen. Ein kleines Regal fällt um und das darauf stehende Telefon und Faxgerät fällt auf den Boden. Nichts geht kaputt, keiner ist verletzt! [...]
[...] Am nächsten Tag, den 1. Oktober fahren wir einigermaßen früh los und dümpeln noch immer enttäuscht über unsere Erfahrungen durch die Stadt. Wir kaufen ein und schaffen es nur wenige Kilometer aus dem bewohnten Gebiet um Chengdu heraus und schlagen zum erstmal seit einer gefühlten Ewigkeit unser Zelt auf. Müde verkriechen wir uns, essen das erste Baguette seit Moskau, mit Butter und Käse, und schlafen ein. Ob es an der neuen Isomatte lag, an dem ungewohnten Abendessen, oder den Erlebnissen der letzten Tage, ich schlafe fast die ganze Nacht nicht und erst als um 5 der Wecker klingelt werde ich todmüde. Wir beschließen unseren für heute geplanten frühen Aufbruch zu verschieben, und schlafen weiter bis um 7, stehen auf, befreien das Zelt von den tausenden von Nacktschnecken und frühstücken unter einem Nussbaum mit Blick über das verregnete, mit Nebel gefüllte Tal. Es tut gut wieder raus zu sein aus der Stadt, wieder auf dem Rad zu sitzen und weiter nach Shanghai zu fahren. Chengdu war streckenweise schön, in erster Linie erfolgreich in Bezug auf das Visum und schockierenden Bezug auf die Wahrheit über die ansonsten stets so freundliche Chinesische Polizei.
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