Warum?

Posted by on Juni 20, 2012

“Nehmt doch die andere Route, am Altai Gebirge vorbei, da müsst Ihr nicht über die Berge” gibt uns der nette Kasache im Cafeci zu verstehen.
“Ahhh, spaciba” sage ich, als ob wir uns bisher noch garkeine Gedanken über unsere Route gemacht hätten. Manchmal bin ich es leid den Leuten zu erklären, dass ich freiwillig mit dem Rad fahre, und dass ich nach all dem Flachland der letzten 3000 km sehr gerne mal wieder in bergigeres Land komme. Oft ist es schlicht unmöglich den Leuten deutlich zu machen, dass wir unsere Route gut geplant haben und genau wissen wo wir langwollen. Es ist der 18.6 und gestern haben wir ca. 200 km vor Shimkent zum ersten mal seit Ewigkeiten Berge am Horizont entdeckt.
“Sind das Berge oder Wolken?” Hatte Hansen ungläubig gefragt. Auch wenn Kasachstan sehr trocken und Regen somit unwahrscheinlich ist hatte ich Wolken in diesem Flachland immer noch für wahrscheinlicher gehalten.

“Grüne Wiesen, Wasserfälle, Seen, Flüsse, Pässe mit weiter Sicht, Schatten unter Felsen” assoziiert Hansen sofort drauf los. Ich steige ein: “Wälder, kleine Bergdörfer, kurvige Strassen, endlose Aussichten auf riesige Berggipfel mit über 4.000 m Höhe, kühle Winde, kristallklares Wasser …”
“Hmmm …” macht Hansen und schaut verträumt zum Horizont.”Lass und da schnell hinfahren und das Flachland hinter uns bringen”

Es war mir erst vor wenigen Tagen bewusst geworden, dass Kasachstan mit seinem heißen Flachland eine der größten Härteproben auf unserer Tour darstellen könnte. Noch am Morgen hatte ich total resigniert im Sand gesessen und mich gefragt wozu ich mir das alles antue. Wozu schlafe ich 180 mal in einem winzigen Zelt bei sengender Hitze schlecht! Warum verzichte ich auf all den Komfort und Luxus den ich mir so oft herbeiwünsche? Eine Dusche, ein Tisch, ein Bett, ein Dach über dem Kopf? Supermärkte, Cafés, Bars und Restaurants? Faul im Leersaal der TU Berlin sitzen und sich berieseln lassen?

Ich hatte Kasachstan bisher mehr als ein Land gesehen, dass auf dem Weg nach China liegt, aber niemals auf eine Stufe mit der Taklamakanwüste oder dem Himalaya gestellt. Aber Einöde kann sehr an die Nerven gehen. Die letzten 2000 km hat sich nichts geändert, weder die Leute, noch das Land. “Täglich grüßt das Murmeltier” murmele ich wütend in mich hinein.
Als ob sie Salz in meine Wunde streuen wollten fragen die Kasachen immer wieder: Was macht ein junger Mann im besten Alter mit 30 Jahren mitten in Kasachstan ohne Frau und Kinder? “Warum bist du nicht zu Hause und genießt Dein Leben mit deinen Freunden und allem was Du hast? Warum verzichtest Du freiwillig auf so vieles?” ich habe keine Antwort parat, ich komme mir fast etwas dumm vor schon fast trotzig zu sagen: “warum nicht”
Was ist der wirkliche Grund? Gibt es einen? Ist es nur falscher Stolz? Oder ist es das Fehlen eines schlüssigen Gegenargumentes? Will ich mir einfach beweisen dass es machbar ist? Mache ich es aus freiem Willen oder werde ich schlussendlich ebenso von der Gesellschaft dazu gezwungen wie andere dazu zur Arbeit zu gehen? Bin ich überhaupt frei dabei? Oder ist das nur Einbildung?

“Odachi, Odachi” sagt Liur, der grinsende Kasache auf seinem Motorrad zur Verabschiedung.
Wir schleppen uns mit gerade mal 10 km/h gegen den Wind. So lieb Liur auch war, er hat von uns nur angestrengte und knappe Sätze bekommen. “Oh Mann, das tut mir irgendwie leid, der kann ja nichts dafür” sagt Hansen, und er hat recht. Liur wollte nur ein paar Fragen stellen, und uns gute Reise wünschen, und wir haben sicher gewirkt wie zwei arrogante Touris. Aber der Tag hat anstrengend begonnn und bleibt auch so, und man kann nicht immer gute Laune haben. Mit zwei Platten, an jedem Fahrrad einem ging es los, mit orkanartigem Gegenwind geht es weiter.

Jedesmal wenn wir gerade etwas Fahrt aufgenommen haben kommt eine Böe und bremst uns runter, als ob jemand sagen wollte: “Immer langsam Jungs, ihr entkommt mir nicht.”
Irgendwann weist man dem Wind Charaktermerkmale zu und unterstellt ihm insgeheim boshafte Absichten. Er im Gegenzug reißt an Hemd, Hose und Haaren und bremst einen runter, teilweise so stark, dass man einen Fuß absetzen muss. Dabei hat der Wind Temperaturen wie ein heißer Fön und trägt jeden Ansatz von kühlendem Schweiß direkt mit sich davon. Insgeheim rede ich mit dem Wind, am Anfang noch beschwichtigend und flehend, jetzt nur noch schimpfend und degradierend. Der Wind bleibt hart und unnachgiebig, aber meine Aggression setzt Kräfte frei und es geht schneller.

Wenn ich umgreife am Lenker habe ich das Gefühl Blasen zu bekommen, so heiß ist das schwarze Gummi. Meine Beine sind vom Gegenwind so geschwächt dass sie sich kraftlos wie Gummi anfühlen, wieder frage ich mich, warum ich das alles mache. Der Gedanke drängt sich häufiger auf in letzter Zeit. Dabei ist mir aufgefallen, dass das Fahrradfahren, sich durch die Einöde quälen an sich zum eigentlichen Normalzustand geworden ist und die Option aufzugeben und nach Hause zu fahren sich wie die abnormale Ausnahme anfühlt. Ich frage mich ob es nicht die weiseste Entscheidung meines Lebens wäre, umzudrehen und aufzugeben. Die Tour abzubrechen und nach Hause zu fahren, einen Lebenstraum als unerfüllbar abzustempeln um sich einem anderen zu widmen? Bin ich zu stur? Sich damit zufrieden zu geben nicht alles, aber einenTeil geschafft zu haben, statt sich den Rest der Strecke zu quälen nur um im Nachhinein sagen zu können wie toll es war, und seinen Willen durchgesetzt zu haben. Wenn ich sehe wie die Menschen in den Bussen ohne körperliche Anstrengung an uns vorbeifahren und lachen und winken, frage ich mich warum ich nicht da sitze oder einfach 6 Monate trampe statt alles aus eigener Kraft zu radeln. Ich hätte mehr Kontakt zur Bevölkerung und mehr Zeit mich auf sie einzulassen statt die meiste Zeit auf dem Rad und über sich selber grübelnd zu verbringen. Natürlich tut es gut mal die Zeit und den Luxus zu haben über sich selber nachzudenken, aber dass ich zu einem Schluss komme ist doch auch nur Illusion. Ich habe kein Problem, wie soll ich dann ein Fazit finden? Ich denke ich bin aus freien Stücken auf dieser Tour, aber letztendlich bin ich doch auch nur Opfer meiner Geschichte und Umwelt. Was ich für mich auf dieser Tour als Freiheit definiere basiert letztendlich nur auf der Abgrenzung zur gleichzeitig definierten “Nichtfreiheit” zu Hause.

Ja, ich habe eine Krise. Schon Tage dauert es an, ich hab die Schnauze voll von so vielem, aber es war zu erwarten. Ich bleibe so positiv es geht, aber manchmal muss man sich eben so richtig auskotzen: Ich hab einfach die Schnauze voll von fahren, schlafen essen, fahren. Die Schnauze voll von redundanten und belanglosen “Akuda”- und “Doroga normal”-Fragen, von vor dem Supermarkt sitzen und warten, von kleinen Kindern die einem Interesse vorgaukeln um am Ende nach Geld zu fragen, von ständiger Hitze und endlosen Strassen, von Kamelen und ihrem Gegröle, von besoffenen Autofahrern die einem für ein Foto den Weg abschneiden.

Aber ich werde weiterfahren! Kein Mensch kann eine solche Radtour ohne Krise überstehen, es ist meine erste, sie gehört dazu wie die Butter zum Brot auf die ich seit Monaten verzichte. Ich wollte nur mal klarstellen, dass hier nicht alles Friede Freude Eierkuchen ist, sondern ich euch zu Hause sehr oft um das beneide was ihr gerade macht. Ich will keinem was vormachen von wegen: “Ich bin ja so frei und alles ist so toll”. Und auch wenn wahrscheinlich die positiven Dinge in meiner Berichterstattung im Nachhinein oft überwiegen werden, ich halte hiermit fest, dass es mir auch mal scheisse ging und die Tour auch nicht nur ihre schlechten, sondern ihre beschissenen Seiten hat!!

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