Wüster Wüstenwind

Posted by on August 3, 2012

Auch wenn ich mich an die (un) hygienischen Umstände hier längst gewöhnt habe, diese eine Story muss ich loswerden, auch weil ich denke, dass sie für das was ich in China bisher erlebt habe ein zwar satirisches aber dennoch passendes Bild zeichnet: Am 31.7 gehen wir nach der Mittagspause noch gegenüber in den Blechladen um und Material für die Ofenversion 3.0 zu holen. Während Hansen verschiedene Formen untersuch warte ich vor der Tür. Nebenan steht ein Koch, und schaut neugierig zu mir rüber. Ich grüße ihn, er nickt und kommt auf mich zu — mit dem Finger bis zum Anschlag in der Nase. Die riesige Portion Eiweiß-Schleim-Gemisch die er dabei erbohrt baumelt seinem Blick entgangen noch an seinem Zeigefinger, als er ausprobiert wie meine Hupe funktioniert. Danach ist sein Finger sauber. Ich gebe zu dieser Fall ist sicher dumm gelaufen, aber man sieht hier einfach ständig wie sich der Metzger in der Nase bohrt bevor er das Fleisch zerhackt, wie sich die Männer am Sack und am Arsch kratzen und einem danach die Hand zum Gruss anbieten. Alles vollkommen ohne böse Absicht, aber ich kann mir nicht helfen, es ist neben überwiegend positiven ein prägendes negatives Bild.

Wie immer kämpfen wir gegen den Wind. Ich fahre beinahe wie in Trance.
“Weißt Du was,” fragt Hansen und reißt mich aus meinem geistigen Tümpel, “ich habe das Gefühl, das Fahrrad ist eine verlängertes Gliedmaß von mir geworden. Mit dem Rad über die Strasse zu fahren ist fast wie sie mit den Händen zu berühren, die Steine über die man fährt spüre ich nicht in den Händen, sondern in meinem Rad, weißt du was ich meine?”
“Wieviele Finger siehst Du”, frage ich in gespielt besorgtem Ton und zeige einen, muss aber nach Rückkehr in meinen Tümpel plötzlich feststellen dass er Recht hat, mir geht es genauso. Man verschmilzt mit dem Rad und es ist als hätte man seine Sensorik über die Räder verlängert.

Nach 100 km geben wir den Kampf gegen den gnadenlos bis zum Abend wütenden Sturm auf. Wir lassen uns direkt neben der Strasse in einem ausgetrockneten Sumpf nieder. Der Boden ist oberflächlich steinhart aber unter der Kruste befindet sich weicher Staub. Mühevoll ebnen wir unseren Zeltplatz so ein, dass die unebene Kruste uns nicht die Rippen verbiegt.

Am 1.8 stehen wir so früh auf, dass wir wieder vor Sonnenaufgang auf der Strasse sind um dem Wind, der sich über Tag immer verstärkt zu entwischen. Wir fahren bis um 11 Uhr fast 100 km bis Qiemo, wo wir uns eindecken mit Früchten, Trockenobst, Compressed Army Cookies und Dosenfleisch, denn auf der kommenden Strecke von knapp 300 km ist nur ein Dorf verzeichnet welches voraussichtlich keine Einkaufsmöglichkeit bietet, also nur Wasser.

Es hat wieder 47 grad im Schatten und mir läuft der Schweiß runter. Ich hocke auf einer öffentlichen Toilette und muss an meinen Lateinlehrer denken, der uns in der Schule erzählt hat, dass man im alten Rom kollektiv gekackt hat, also in einem großen Raum ohne Trennwände auf einer gemeinsamen Bank in der Reihe. “Niemals, lieber mach ich mir in die Hose”, habe ich mir damals gedacht, und jetzt sitze ich in einer ähnlichen Konstellation in Qiemo. Die Plumpsklos sind im Kreis angeordnet, so dass man sich gegenseitig ins Gesicht schauen kann beim Kacken, ganz nach dem “Round Table”-Prinzip. Manche telefonieren, andere pressen, aber die meisten beobachten neugierig den Fremden: Und ich schwitze einfach nur und versuche die soziale Zusammenkunft auf das wesentliche zu reduzieren. Unter mir in der Rinne schwimmt die Kacke meines Nebenmannes vorbei, der sich mit einem lauten, erleichterten Seufzer erhebt. Er geht zum Waschbecken um sich mit den ungewaschenen Fingern durch die Haare zu fahren und diese im Spiegel zu kontrollieren, das Waschbecken selber bleibt unbenutzt. Ich fliehe aus uns Kack-Kollektiv und wir machen uns auf den Weg. Die Fahrt aus der Stadt ist die Hölle, ich habe mich selten so schwach gefühlt. Zwar haben wir größtenteils Rückenwind, aber dadurch steht die Luft um uns herum und lässt die literweise Schweiß auf meiner Haut wirkungslos. Mit letzter Kraft schleppen wir uns zu dem Fluss, der mehr einer Schlammlawine gleicht und schlagen unser Zelt auf. Die Brücke die wie dazu überqueren ist vom Fluss teilweise weggespült, und Bauarbeiter haben aus Erde eine Art Rampe gebaut um die Lücke zu überbrücken. Hinter der Brücke verschwindet die Strasse in Sanddünen. “Das sieht mal aus wie richtige Wüste” sagt Hansen.
“Ja”, gebe ich zurück und schiele auf unsere Wasserreserven. “Lass uns das Wasser vom Fluss zum Kochen nehmen, wenn wir es eine zeitlang stehen lassen setzt sich der Schlamm”

Bevor wir essen bauen wir aus einer Teekanne die 3. Version unseres Ofens. Er funktioniert perfekt, nur leider ist das Aluminium nicht fest genug und schmilzt nach dem Kochen am Schornstein aus. Nach einem sehr wichtigen und fundamentalen aber wirklich ergiebigen Streitgespräch (es war tatsächlich ohne an-brüllen) gehen wir schweigend schlafen.

Am 2.8 stehen wir wieder früh auf. Um 8 Uhr sitzen wir auf den Rädern und fahren Richtung Dünen. Wie wir feststellen müssen, verschwindet die Strasse wortwörtlich Streckenweise darin. Kleinere und größere Sandhaufen zwingen uns immer wieder zum Schieben. Die Strasse ist verlassen, schon seit Stunden haben wir nichts mehr gesehen, kein Auto, keine Menschenseele. Wir sammeln wieder Material für die finale und beste Ofenversion. 4.0. Ständig hält einer von uns an und hebt eine Blechdose, etwas Draht usw. auf. Wie beim Staffellauf überholen wir einander und fahren immer tiefer in die Einöde. Es ist neblig und schwül heute, die Sicht auf hundert Meter reduziert. Beide verschätzen wir uns ständig mit der Größe von Dingen, eine Ravioli Dose halte ich für einen Blecheimer, eine Mütze für ein Sitzkissen. Wir vermuten es ist die fehlende Relation. Man sieht den ganzen Tag nur Sand, selten Gegenstände, und der Blick verlernt das einschätzen der Größe von Dingen.

Unter der Brücke von einem ausgetrockneten Flussbett lassen wir uns Nachmittags nieder und bauen unseren finalen Ofen und nähen die neue Fliegengaze in das Zelt ein. Den ganzen Nachmittag verbringen wir damit, und beschließen abends auf einer kleinen “Insel” neben dem Fluss zu zelten. Dei Einweihung unseres bisher besten Ofens ist feierlich und erfolgreich. Innerhalb kürzester Zeit kocht das Wasser und das mit denkbar schlechten Vorraussetzungen wie nassen Holz und starkem Wind. Das gesamte Ding ist so klein zerlegbar, dass es mühelos mitsamt Teleskopschornstein in den Topf passt und gerade mal ca 300 Gramm wiegt.

In der Nacht zum 3.8 schlafe ich schlecht. Immer wieder wache ich auf, weil starker Wind am Zelt reißt und rüttelt. Als wir um 6 Uhr aufstehen ist unser Zelt und die Räder mit einer dicken Staubschicht bedeckt und meine Augen brennen. Wieder hat uns ein Sandsturm erwischt. Wir stehen auf und alles staubt, der Schlafsack, die Taschen, einfach alles. Angeekelt huste ich gelben Schleim aus und versuche meine verstopfte Nase mit
physikalischer Gewalt vom Staub zu befreien.

Als wir über die Brücke weiterfahren stellen wir fest, dass die ansonsten so gut ausgebaute g319 in einer Sandpiste Endet. “Das kann nur ein schlechter Witz sein” sagt Hansen aufgeregt. Aber ein 4Wheel Drive bestätigt unsere Vermutung. Die Strasse nach Ruoqiang wäre schon in Qiemo, also vor 80 km abgegangen, diese Strasse ist die alte Seidenstraße und wird nichtmehr verwendet, sie ist selbst mit Jeep streckenweise nicht befahrbar, weil sie durch weichen Sand geht. Auf unserer Karte und sogar auf Google Maps ist die Strasse jedoch noch als asphaltierte Hauptverkehrsstrasse eingezeichnet. Wir sind verzweifelt, aber egal wen wir fragen, alle sagen uns wir müssen 80 km zurück und dann die neue Strasse nehmen. “Das bedeutet, wir sind die letzten 2 Tage falsch gefahren?” frage ich ohne eine Antwort zu erwarten. “Wir müssen 80 km gegen den Wind zurück? Wer hat eigentlich diese beschissene Karte gemacht? Erst stimmen die Kilometerangaben um mehr als 15 % nicht, dann zeichnen die Idioten eine Sandpiste als die einzige Hauptverkehrsstrasse ein die durch die Wüste führt. Welcher scheiß Azubi hatte denn die Ehre diesen Teil der Karte zu verbocken?” fluche ich, ich könnte heulen.
“Dein Azubi hat die Strasse einfach gegoogelt” sagt Hansen mit Blick auf sein iPhone, “Google hat den gleichen Fehler drin, hier geht die 319 auch genau hier lang” sagt er und deutet auf den Sand unter sich in dem sein Vorderrad gute 20 cm eingesunken ist.

Mir wird so einiges klar. Die Brücken waren alle nur für maximal 10 Tonnen, stundenlang keine Autos und erst recht keine LKW, die Strasse ist eine Sackgasse für alles außer All Wheel Drive.

Wir beschließen uns auf den Rückweg zu machen, ab jetzt wieder 80 km gegen den geliebten Wind, alles zurück um heute Abend dort zu sein, wo wir vorgestern um 11 Uhr schon waren.

“Ich schreibe den Kartenmenschen einen Brief, die sollen mir 10.000 € Schmerzensgeld zahlen” sagt Hansen leise und steigt auf sein Rad. Ich folge ihm, immernoch fassungslos über den geographischen Supergau des Verlages.

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