Die Zeltdecke über mir ist gelb, aus feiner Gase. Karl der Käfer krabbelt in mehrfacher Ausführung zur Giebelnaht und wird noch bevor er sein Ziel erreicht ungefragt rausgeschmissen.
Ca. 40 m weiter Rauschen die LKW vorbei, irgendjemand in weiter Ferne singt leise. Wahrscheinlich eine Frau die an der Strasse vom Einkaufen zu ihrem Hof zurückläuft. Seid wir losgefahren sind in Berlin haben wir fast ausschließlich in der Nähe der Strasse geschlafen. Irgendwann fällt es einem garnicht mehr auf, man filtert das Autogerausche einfach raus und hört nur Vögel, den Wind und die Grillen. Erst wenn man sich mal ein Video vor Augen führt bemerkt man die lautstarke Geräuschkulisse der Straße, die einen überall begleitet.
Hansen liegt neben mit im Zelt. Auch er schreibt seinen Blogpost und im Dunkeln wird sein Gesicht von dem iPhone erhellt. Konzentriert tippt er mit beiden Daumen, ich vermute er schreibt über den heftigen Streit den wir heute morgen hatten. Wir haben uns mal wieder über lächerliche Kleinigkeiten in die Haare gekriegt, mit dem Ergebnis dass Hansen danach mit ernster Miene, überlegt und mit scharfem Ton gesagt hat: “ich werde mir bis heute Abend überlegen ob ich diese Tour weiter fahren will, ich sehe keinen Grund dazu mich für die ganze Stresserei so zu quälen!”
Ich konnte ihn in jenem Moment sehr gut verstehen, mir ging es ähnlich. Der erste ernstzunehmende Zweifel an unserem Vorhaben, dabei sind wir gerade mal 2600 km weit gefahren. Klar, unser Zweifel war im Affekt und nicht von langer Dauer, aber es kamen schon Fragen auf die auf lange Sicht sicherlich Relevanz haben und in der konkreten Situation ganz anders zu bewerten waren als vor der Tour: Wollen wir wirklich so lange auf so vieles verzichten? Werden wir beide es schaffen unsere immer wieder an einander prallenden Dickköpfe mehr in die gleiche Richtung, auf unser gemeinsames Ziel als gegeneinander zu richten? Antworten haben wir keine, nur dass wir so leicht nicht aufgeben werden und versuchen werden der Ursache für unsere Streiterein auf den Grund zu gehen.
Gestern Abend waren wir zum ersten mal von “Nachbarn” mit beinahe physischer Gewalt zum Wodkatrinken eingeladen worden. Wir konnten es fast nicht ausschlagen, nur mit murren und den Worten:” Ich komm gleich wieder um euch rüber zu holen” hat mich die erklärte Mutter zweier Töchter, Maria, dann endlich losgelassen und mein Abendbrot, Nudeln mit Ketchup genießen lassen. Es war lieb gemeint, aber bei unserm derzeitigen Zeitdruck können wir uns einen Kater nicht leisten, wir fahren hart an der Grenze zum Visaüberzug Richtung Kasachstan, ein Tag Verzögerung kann sehr unangenehme, teure und zeitaufwändige Behördengänge und Verhöre nach sich ziehen.
Die beiden Wodka-Russen, beide LKW Fahrer, Maria und Aleksei hatten uns schon 3 mal auf ihrer Tour zwischen Moskau und Penza gesehen die sie fast täglich fahren. “Auf der M5, der Landstraße zwischen Moskau und Oral kennen euch schon alle LKW-Fahrer!” erklärte Aleksei. Das erklärt, warum fast jeder LKW uns anhupt: Das ist ihre Art zu grüssen. Dass einen so eine LKW Tröte fast vom Rad haut spielt dabei keine Rolle. Übrigens konnte weder Aleksei Englisch oder Deutsch noch ich Russisch, aber mit Stöcken und unserer Sandtafel auf dem Boden haben wir uns blendend verstanden. Am nächsten Morgen kam Aleksei noch ganz zerknittert zu uns einer um uns gute Reise zu wünschen und hat uns als Abschied seinen Kugelschreiber geschenkt. “Davai, Fortuna” hat er uns hinterhergerufen und ist mit seinem Weisswein-Tetrapack als Kater-Frühstück wieder in seinem LKW verschwunden.
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